Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Alina trat zum Spiegel und seufzte:
»Oh, was für eine Vogelscheuche!«
Turobojew zog an seiner Zigarette und sah Klim fragend an. Klim sagte sich, daß er so bedächtig und sorgfältig rauche, weil er nicht sprechen wolle.
»Hör mal, Klim«, sagte Alina. »Du könntest dich heute deiner Weisheit enthalten. Der Tag ist auch ohne dich verdorben.«
Sie sprach das in einem so naiv flehenden Ton, daß Turobojew leise lachte. Aber dies verletzte sie. Sie wandte sich rasch zu Turobojew herum und sagte finster:
»Weshalb lachen Sie? Klim hat doch die Wahrheit gesagt, ich möchte sie nur nicht hören.«
Mit dem Finger drohend, fuhr sie fort:
»Sie lieben das doch gewiß auch – Kriegsbemalung, Federn?«
»Ich bekenne mich dessen schuldig«, sagte Turobojew mit gesenktem Kopf. »Sehen Sie, Samgin, es ist bei weitem nicht immer bequem und beinahe stets zwecklos, die Menschen in ehrlicher Münze zu bezahlen. Und ist die Münze der Wahrheit denn wirklich ehrlich? Es gibt einen altertümlichen Brauch: bevor die Glocke, die uns ins Gotteshaus ruft, gegossen wird, verbreitet man irgendeine Lüge. Davon soll der Klang des Metalls voller werden.«
»Sie verteidigen also die Lüge?« fragte Klim streng.
Turobojew zuckte die Achseln.
»Das trifft nicht ganz zu, aber ...«
»Alina, geh, zieh dich um«, rief Lida, die in der Tür erschienen war. Sie trug ein buntgesprenkeltes Kleid, hatte sich ein Handtuch wie einen Turban um den Kopf gewunden und sah aus wie eine tscherkessische Odaliske auf einem Bild.
Trällernd ging Alina hinaus. Klim stand auf und öffnete die Verandatür. Eine Welle von Frische und Sonnenlicht schlug ins Zimmer. Der sanfte, aber ironische Ton Turobojews weckte in ihm das einst empfundene Gefühl scharfer Ablehnung gegen diesen Menschen mit dem spanischen Spitzbart, den niemand mehr trug. Samgin begriff, daß er nicht stark genug war, um einen Streit mit ihm zu bestehen, wollte sich jedoch das letzte Wort sichern. Aus dem Fenster schauend, sagte er:
»Swift, Voltaire und alle die anderen fürchteten nicht die Wahrheit.«
»Ein moderner deutscher Sozialist, ein Bebel zum Beispiel, ist noch kühner. Mir scheint, Sie kennen sich schlecht aus in der Offenherzigkeit. Es gibt die Offenherzigkeit eines Franz von Assisi, eines Bauernweibes und eines Negers aus Zentralafrika. Und es gibt die Offenherzigkeit des Anarchisten Netschajew, die wiederum für einen Bebel unannehmbar ist.«
Klim trat auf die Veranda hinaus. Ausgedörrt von der heißen Sonne rauchten die Dielenbretter unter seinen Füßen. Er fühlte, daß auch die Wut in seinem Kopf rauchte.
»Sie selbst sprachen von den Pfauenfedern der Vernunft, wissen Sie noch?« fragte er, mit dem Rücken zu Turobojew gekehrt, und hörte die leise Antwort:
»Das war etwas anderes.«
Turobojew hob die Arme, schlang sie um den Nacken und preßte krachend die Finger zusammen. Dann streckte er die Beine von sich und glitt gleichsam kraftlos vom Stuhl. Klim wandte sich ab. Doch als er eine Minute später wieder ins Zimmer schaute, sah er, daß Turobojews bleiches Gesicht sich unnatürlich verändert hatte. Es war breit geworden, er mußte wohl mit aller Gewalt die Kiefern aufeinanderstoßen. Seine Lippen krümmten sich schmerzhaft. Mit hoch hinaufgezogenen Brauen blickte er zur Decke, und Klim sah in seinen schönen, kalten Augen zum ersten Male einen so finster ergebenen Ausdruck. Als beuge sich über ihn ein Feind, mit dem zu kämpfen er keine Kräfte fand, und der zum vernichtenden Schlag ausholte. Auf die Veranda trat Makarow und sagte wütend:
»Wolodjka hat die ganze Nacht mit dem Lahmen getrunken und schläft jetzt wie ein Toter.«
Klim zeigte mit den Augen auf Turobojew, doch der erhob sich und ging hinaus, krumm wie ein Greis.
»Er ist krank«, sagte Klim leise und ganz ohne Schadenfreude, aber Makarow bat, ohne von Turobojew Notiz zu nehmen: »Sag Alina nichts davon.«
Samgin war froh über die Gelegenheit, seine Wut an jemand auszulassen.
»Du mußt es ihr sagen. Verzeih, aber deine Rolle in diesem Roman scheint mir eigentümlich.«
Er wandte Makarow beim Sprechen den Rücken zu, das war angenehmer.
»Ich begreife nicht, was dich mit diesem Säufer verbindet. Es ist ein leerer Mensch, in dem fremde, widerspruchsvolle Worte und Gedanken spuken. Er ist ein ebensolcher Kretin wie Turobojew.«
Er redete lange, und es gefiel ihm, daß seine Worte ruhig und fest klangen. Als er einen Blick über die Schulter hinweg zu seinem Kameraden tat, sah er, daß Makarow die Beine übereinandergeschlagen hatte und zwischen seinen Zähnen die übliche Zigarette qualmte. Er zerbrach die Streichholzschachtel, legte die Splitter in den Aschenbecher, zündete sie an und beobachtete, die Streichhölzer zu einem kleinen Scheiterhaufen aufschichtend, aufmerksam, wie sie Feuer fingen.
Als Klim schwieg, sagte er, ohne die Augen vom Feuer loszureißen:
»Moralisieren kann jeder.«
Der Scheiterhaufen erlosch, die halbverkohlten Zündhölzer rauchten. Es war nichts mehr da, um sie in Brand zu stecken. Makarow schöpfte mit dem Teelöffel Kaffee aus seinem Glas und übergoß damit, mit sichtlichem Bedauern, die Reste des Feuers.
»Die Sache ist die, Klim. Alina ist nicht dümmer als ich. Ich spiele keinerlei Rolle in ihrem Roman. Ljutow hebe ich. Turobojew gefällt mir. Und endlich wünsche ich nicht, daß mein Betragen gegen die Menschen Gegenstand deiner oder anderer Leute Ermahnungen sei.«
Makarow sprach nicht verletzend, in einem sehr überzeugenden Ton. Klim sah ihn mit Verwunderung an: sein Kamerad erschien ihm auf einmal als ein ganz anderer Mensch, den er bis zu diesem Augenblick nicht gekannt hatte. Was bedeutete das? Makarow war für ihn ein Mensch gewesen, den ein mißglückter Selbstmordversuch verwirrt hatte, ein bescheidener Student, der eifrig lernte, und ein lächerlicher Jüngling, der noch immer die Frauen fürchtete.
»Zürne nicht«, sagte Makarow, als er wegging, und stolperte über ein Stuhlbein. Klim blickte auf den Fluß und suchte zu erraten, was diese immer häufiger beobachteten Wandlungen der Menschen bedeuteten. Er fand bald genug eine einfache und klare Antwort: die Menschen probieren verschiedene Masken aus, um die bequemste und vorteilhafteste zu finden. Auf der Suche nach dieser Maske taumeln sie, rennen wie besessen umher und streiten miteinander, alles in dem Bestreben, ihre Blaßheit und Leere zu verdecken.
Als die Mädchen auf die Veranda hinaustraten, begrüßte Klim sie mit einem gönnerhaften Lächeln.
»Siehst du, Lida«, sagte Alina und stieß die Freundin an. »Er ist heil. Und du hast mir Hartherzigkeit vorgeworfen. Nein, das Joch ist nicht ihm, sondern mir bestimmt; er wird mich in das Joch seiner Weisheit spannen. Makarow, gehen wir! Es ist Zeit, zu arbeiten ...«
»Wie sorglos sie ist«, sagte Lida leise und ließ über die Freundin und Makarow einen sinnenden Blick gleiten. »Und doch hat sie ein schweres Leben.«
Lida saß in dem offenen Fenster, mit dem Rücken zum Zimmer, das Gesicht zur Terrasse gewandt. Sie war von den Pfosten des Fensters wie von einem Rahmen umgeben. Ihr Zigeunerhaar fiel aufgelöst über ihre Wangen und Schultern und über die auf der Brust gefalteten Hände. Unter dem leuchtend bunten Rock sah man ihre nackten, sehr braunen Beine. Sie biß sich die Lippen und sagte:
»Ljutow ist sehr schwierig, eis ist, als befände er sich auf der Flucht vor etwas und lebe immer im Laufen. Er läuft auch um Alina herum.«
»Er hat die ganze Nacht in der Mühle gezecht und schläft jetzt dort«, sagte Klim, jedes Wort hämmernd, streng.
Lida sah ihn aufmerksam an und fragte:
»Weshalb ärgerst du dich? Er trinkt, aber darin besteht doch sein Unglück. Weißt du, mir scheint, wir alle sind unglücklich, hoffnungslos unglücklich. Ich fühle es besonders heftig, wenn viele Menschen um mich sind.«