Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Ljutow zeigte dem Lahmen die Faust und flüsterte:
»Schweig!«
Der Lahme sah erst ihn, dann Klim fragend an und fuhr fort:
»Vielleicht hat der Schmied sich einen Scherz erlaubt und ihm das Seil mit Absicht um den Hals geworfen. Oder er hat sich versehen. Alles ist möglich ...«
Ljutow, der ihn am Rockärmel festhielt, verlangsamte seinen Schritt, aber auch die Mädchen gingen, als sie ans Flußufer hinaustraten, langsamer. Da begann Ljutow, den Lahmen von neuem über seinen Glauben auszuforschen.
Die unsichtbaren Grillen zirpten so geräuschvoll, daß es schien, als knisterte der von der Sonne ausgedörrte Himmel. Klim Samgin fühlte sich wie aus einem schweren Traum erwacht, müde und teilnahmlos für alles. Vor ihm wankte der Lahme, der in lehrhaftem Ton zu Ljutow sagte:
»Zum Beispieclass="underline" unser Glaube erkennt der Hände Werk nicht an. Christusbilder, die nicht von Menschenhand geschaffen sind, erkennen wir an, alles übrige müssen wir zurückweisen. Woraus ist ein Christusbild? Es ist aus Schweiß, aus Christi Blut. Als Jesus Christus auf dem Berge Golgatha das Kreuz trug, da hat ihm der ungläubige Apostel Thomas mit einem Schweißtuch das Antlitz abgetrocknet, um sich zu überzeugen, ob es auch Christus sei. So ist das Antlitz denn im Schweißtuch zurückgeblieben. Alle anderen Heiligenbilder aber sind Blendwerk so wie Ihre Photographie.«
Ljutow quiekte verhalten.
»Warte, weshalb ist meine Photographie Blendwerk?«
»Ja, das ist doch klar! Wessen sonst, wenn nicht Ihre? Der Bauer – was macht er? Becher, Löffel, Schlitten und derlei Gegenstände. Sie dagegen Photographien, Nähmaschinen ...«
»Aha, so meinst du das?«
In Ljutows Lachen hörte Klim das wollüstige Winseln, das ein verzogenes Hündchen ausstößt, wenn man es hinter den Ohren krault.
»Das Brot, sagen wir mal, ist auch nicht menschlicher Hände Werk. Gott, die Erde bringt es hervor.«
»Und womit knetet man den Teig?«
»Das ist Weibersache. Das Weib ist weit von Gott, sie ist für ihn ›zweite Sorte‹. Nicht sie hat Gott zuerst geschaffen.«
Lida blickte über ihre Schultern weg auf den Lahmen und schritt rascher aus, während Klim über Ljutow das Urteil fällte:
»Er muß sich sehr langweilen, wenn er Gefallen an solchen Dummheiten findet.«
»Woher hast du das? Woher? Du hast es dir doch nicht selbst ausgedacht? Nicht wahr?« forschte Ljutow angeregt, hartnäckig und mit rätselhafter Freude, und wieder sprach gemessen und ehrbar der Lahme:
»Nicht selbst – das ist richtig. Vernunft lernen wir alle einer vom andern. Im letzten Jahr lebte hier ein erklärender Herr ...«
Klim dachte:
»Erklärender Herr? Recht gut!«
»Der pflegte also des Abends, an Feiertagen, mit den Leuten aus der Umgegend zu plaudern. Ein Mensch von starkem Verstand! Er fragte gerade heraus: ›wo ist die Wurzel und der Ursprung? Das ist‹, sagte er, ›das Volk, und für es‹, sagte er, ›sind alle Mittel bestimmt‹ ...«
»Du solltest ihn in deinem Gedächtnis aufbewahren. Hast du das?«
»Sie scherzen. Wir behalten nicht einmal unsere eigenen Verstorbenen im Gedächtnis.«
»Ist er denn gestorben?«
»Das weiß ich nicht.«
Zu Hause legte Klim sich schlafen. Sein Kopf schmerzte, keinerlei Gedanken kamen ihm, und er hatte keine Wünsche, außer dem einen: daß dieser schwüle, dumme Tag rasch erlöschen möchte, daß die absurden Eindrücke, mit denen er ihn beschenkt hatte, sich verwischten. Eine schwere Schläfrigkeit bemächtigte sich seiner, doch fand er keinen Schlaf. In den Schläfen hämmerte es, in den Ritzen des Gehörs verdichteten sich qualvoll alle Stimmen des Tages: das Seufzen und Flüstern der Weiber, die befehlenden Rufe, das furchtsame Geheul, die Sterbegebete. Das bucklige Mädel fragte entrüstet:
»Was soll der Unfug?«
Es dunkelte schon, als Turobojew und Ljutow ankamen, sich auf der Veranda niederließen und ihr offenbar vor längerer Zeit begonnenes Gespräch fortsetzten.
Samgin lag und hörte den Wechselschlag der beiden Stimmen. Es war seltsam anzuhören, daß Ljutow ohne das für ihn eigentümliche Winseln und Kreischen, und Turobojew ohne Ironie sprach. Die Teelöffel klingelten gegen die Gläser, das Wasser zischte heiß aus dem Hahn des Samowars, und dies rief Klim seine Kindheit zurück: die Winterabende, wenn er zuweilen vor dem Tee einschlief und ihn eben dieses Klingeln des Metalls gegen das Glas weckte.
Auf der Veranda sprach man von den Panslawisten und von Danilewski, von Herzen und Lawrow.Danilewski – panslawistischer Schriftsteller. Alexander Herzen, der große russische Publizist, einer der Begründer der Volkstümlerbewegung. Peter Lawrzow machte Rußland mit dem wissenschaftlichen Sozialismus bekannt. D. Ü. Klim Samgin kannte diese Schriftsteller, ihre Ideen waren ihm gleichermaßen fremd. Er fand, daß sie alle im Grunde die menschliche Persönlichkeit nur als Material der Geschichte betrachteten. Für alle war der Mensch ein Isaak, der zur Opferung verurteilt ist.
»Man muß schon ganz besondere Köpfe und Herzen haben, um zuzugeben, daß die Opferung des Menschen dem unbekannten Gott der Zukunft eine Notwendigkeit sei«, dachte er, mit wachsamem Ohr die ruhige Stimme, die gelassenen Worte Turobojews aufnehmend.
»Unter den herrschenden Ideen ist nicht eine einzige, die ich akzeptiere.«
Eilig murmelte Ljutow. Zuerst war es unmöglich, zu verstehen, was er sagte, dann jedoch unterschied er deutlich die Worte:
»Die Volkstümler haben einen starken Vorzug: das Dorf ist gesünder und praktischer als die Stadt. Es kann widerstandsfähigere Menschen hervorbringen ... Habe ich recht?«
»Möglich«, sagte Turobojew.
Klim sah ihn, während er antwortete, die linke Schulter heben, wie das seine Gewohnheit war, wenn er einer offenen Antwort auf eine Frage auswich.
»Und dennoch diese Halbheit!« schrie Ljutow. »Dennoch die Nachkommen jener Tölpel, die den Nomaden den gesegneten Süden überließen und in die Sümpfe und Wälder des Nordens flüchteten.«
»Es scheint, Sie widersprechen sich ...«
»O nein, erlauben Sie! Was sind denn Sie? Es sind ja Ihre Ahnen ...«
Schwer stampfte der Schritt des Dienstmädchens. Das Teeservice klirrte. Klim stand auf, öffnete geräuschlos das Fenster auf die Veranda und vernahm die trägen, frostigen Worte:
»Ich bin natürlich nicht der Meinung, daß meine Ahnen in der Geschichte soviel Unheil angerichtet haben und so plumpe Verbrecher gewesen sind wie gewisse Fabrikanten der Wahrheit unter den radikalen Publizisten glauben machen wollen. Ich halte meine Ahnen nicht für Engel, bin auch nicht geneigt, Helden in ihnen zu sehen Sie waren einfach mehr oder weniger gehorsame Werkzeuge des Willens der Geschichte, die, wie Sie selbst zu Anfang unseres Gespräches gesagt haben, krumme Wege gegangen ist. Nach meiner Auffassung hat sie bereits einen Punkt erreicht, der mich berechtigt, auf eine Fortführung der Linie meiner Vorfahren zu verzichten, die vom Menschen einige Eigenschaft verlangt, die ich nicht besitze.«
»Was soll das heißen?« winselte Ljutow. »Ist das Resignation? Tolstoiismus?«
»Ich erinnere mich, Ihnen schon gesagt zu haben, daß ich mich als einen psychisch deklassierten Menschen betrachte.«
Schlürfende Schritte wurden vernehmbar.
»Nun, ist er gestorben?« fragte Turobojew. Ihm erwiderte die Stimme Makarows:
»Selbstverständlich. Gieß mir Tee ein, Wladimir. Sie müssen noch mit dem Gendarmen reden, Turobojew. Er beschuldigt jetzt den Schmied bereits nicht mehr des überlegten Mordes, sondern der Fahrlässigkeit.«
Samgin trat vom Fenster weg, kämmte sich und ging auf die Veranda, da er annahm, daß die Mädchen jeden Augenblick erscheinen würden.
Der Schein der Lampe, gleichsam verschluckt vom Kupfer des Samowars, beleuchtete kärglich drei von heißem Dunkel eingehüllte Gestalten. Ljutow schaukelte auf dem Stuhl, mahlte mit den Kiefern, schmatzte und blickte zu Turobojew hinüber, der, über den Tisch gebeugt, etwas auf ein zerknülltes Kuvert schrieb.