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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Hat er sie doch hochgestemmt, der Berserker!« sagte neiderfüllt der Lahme und kratzte sich seufzend am Kinn. »Und dieses Glöckchen wiegt, mußt du wissen, seine siebenzehn Pud und will die Treppe hinaufgetragen sein. Hier im ganzen Kreis kommt diesem Schmied keiner gleich. Er besiegt alle. Man hat versucht, ihn zu verprügeln, um einen solchen Kerl zu zwingen, braucht es natürlich eine Masse Volk, und dennoch ist es nicht geglückt.«

Auf dem Platz trat immer tiefere Stille, immer höhere Spannung ein. Alle Köpfe sahen nach oben. Die Augen blickten erwartungsvoll in den halbkreisförmigen Henkel des Glockenturmes, aus dem drei dicke Balken mit Flaschenzügen schräg hervortraten. An den Flaschenzügen liefen die um die Glockenhenkel gewundenen Seile zum Erdboden hinab.

Der Landgendarm trat an die große Glocke heran, gab ihr mit der flachen Hand einen Klaps, wie man einem Pferd einen Klaps gibt, nahm die Mütze ab, bedeckte mit der anderen Hand die Augen und richtete ebenfalls seine Blicke nach oben.

Immer stiller, immer gespannter wurde es ringsum, selbst die Kinder hörten auf, umher zu rennen und reckten gebannt die Köpfe empor.

Jetzt bewegte sich im Henkel des Glockenturms etwas Formloses, eine Mütze flatterte hinunter, eine zweite folgte. Hierauf flog die zu einem Klumpen zusammengerollte Schürze hinab. Die Menschen unten rafften sich krampfhaft zusammen, heulten auf und begannen zu schreien, Wie Bälle hüpften die Jungen, während das kahlköpfige Bäuerlein mit dem grauen Schnurrbart allen Lärm mit seinem hohen Winseln durchschnitt:

»Nikolai Pawlitsch, Gevatter! Imperator ...«, kreischte er.

Der Gendarm setzte die Mütze auf, rückte die Medaillen auf seiner Brust zurecht und versetzte dem Bauern einen Hieb über den kahlen Nacken. Der Bauer sprang zurück und ergriff die Flucht. Von Zeit zu Zeit hielt er an, strich sich über den Kopf und sagte mit einem Blick nach dem Söller der Schule kummervolclass="underline"

»Nicht einmal zu scherzen wird einem erlaubt ...«

Der Schmied stieg den Glockenturm hinab und bekreuzigte sich mit langer Hand gegen die Kirche, Panow bog seinen Rumpf im rechten Winkel ein, umarmte den Schmied und küßte ihn:

»Recke!«

Und schrie:

»Rechtgläubige! Packt mit vereinten Kräften an! Mit Gott!«

Die drei auf die Seile aufgereihten Menschenhaufen gerieten in Bewegung, schwankten, stemmten sich mit den Füßen gegen den Boden und legten sich nach hinten über, wie Fischer, die ein Netz ziehen. Drei graue Saiten spannten sich in der Luft. Auch die Glocke rührte sich, schaukelte unschlüssig und hob sich widerwillig von der Erde.

»Gleichmäßiger, gleichmäßiger, Kinder Gottes!« schrie mit seiner Bruststimme der Verfertiger von Bierflaschen begeistert und bang.

Stumpf gegen die Sonne blinkend, schwebte die schwere kupferne Kappe in weitem Bogen hinauf, und die Zuschauer reckten sich, während sie ihr mit den Blicken folgten, als wollten auch sie sich vom Erdboden lösen. Lida bemerkte es.

»Seht, wie alle emporstreben, als ob sie wüchsen«, sagte sie leise. Makarow bekräftigte:

»Ja, auch mich zieht es empor ...«

»Das lügst du«, dachte Klim Samgin.

Auf dem Platz war es nicht sehr laut, nur die Kinder tauschten Rufe, und Säuglinge weinten.

»Gleichmäßiger, Rechtgläubige«, trompetete Panow. Der Landgendarm wiederholte nicht ganz so ohrenbetäubend, doch sehr strenge:

»Gleichmäßiger, he! Gerechte!«

Die drei Menschengruppen, die die Glocke emporwanden, stöhnten, ächzten und brüllten. Der Flaschenzug winselte. Etwas im Glockenturm knarrte, doch es schien, als erlöschen alle Laute und als würde gleich eine feierliche Stille eintreten. Klim wünschte es aus irgendeinem Grunde nicht, er fand, hierher gehörte ein heidnisches Jauchzen, wilde Schreie und geradezu etwas Lächerliches.

Er sah, daß Lida nicht auf die Glocke, sondern auf den Platz, auf die Leute schaute. Sie biß sich die Lippe und runzelte finster ihr Gesicht. Alinas Augen drückten kindliche Neugier aus. Turobojew langweilte sich. Er hielt den Kopf gesenkt und blies ganz leise Zigarettenasche vom Ärmel. Makarows Gesicht war dumm, wie es immer zu sein pflegte, wenn Makarow grübelte. Ljutow zerrte seinen Hals seitwärts, er war lang, sehnig, die Haut rauh wie Chagrinleder. Er hatte den Kopf auf die Schulter geneigt, um die widerspenstigen Augen auf einen Punkt zu richten.

Plötzlich, in der Höhe des letzten Drittels des Glockenturms, durchlief ein Beben die Glocke, pfeifend wand sich das gerissene Seil durch die Luft. Die linke Menschengruppe geriet ins Wanken, die hinteren fielen haufenweise um, ein einziges hysterisches Geheul ertönte:

»Hilf Hi–i–mmel!«

Die Glocke schaukelte und stieß träge mit dem Rand gegen die Ziegelwand des Glockenturms. Es regnete Späne und Kalkstaub. Samgin zwinkerte heftig, er glaubte von diesem Staub blind zu werden. Alina stampfte mit den Füßen und winselte verzweifelt.

»Ach ihr Teufel!« murmelte Ljutow und spie aus.

»Haltet fest, Rechtgläubige!« brüllte Panow und fuchtelte, zurückspringend, mit den Armen.

Der krummbeinige Schmied lief jener Gruppe in den Rücken, die gerade gegenüber dem Glockenturm am Seil zog, und begann das Seilende um die Wurzel eines dicken Weidenstammes zu schlingen. Ihm half der Bursche im rosa Hemd. Das Seil, das sich immer straffer spannte, schwang wie eine Saite, die Leute sprangen zurück, der Schmied brüllte:

»Haltet fest! Ich schlag euch tot!«

Klim bedeckte die Augen, er erwartete jeden Augenblick, die Glocke auf die Erde schmettern zu hören, und lauschte, wie die Leute heulten und wimmerten, der Schmied brüllte und Panow trompetete.

»Knotet zusammen!«

»Fürchtet euch nicht, Rechtgläubige! Ruhig! Einmütig! Lo–os!«

Die Glocke schwebte von neuem, fast unmerklich, in die Höhe, aus dem Fenster des Glockenturms steckten Bauern ihre Köpfe.

»Nach Hause!« sagte Lida scharf. Ihr Gesicht war grau, in den Augen Entsetzen und Abscheu. Irgendwo im Korridor der Schule schluchzte laut Alina und murmelte Ljutow. Die heulenden Litaneien zweier Bauernweiber drangen vom Platz her. Klim Samgin erriet, daß eine dunkle Minute seines Lebens verstrichen war, ohne sein Bewußtsein zu beschweren.

Der Lahme kam den Söller herab, hielt die Schulter eines verängstigten Halbwüchsigen umfaßt und forschte:

»Nun, lebt er?«

»Ich weiß nicht. Laß mich los, Onkel Michailo ...«

»Idiot! Du siehst, aber begreifst nicht ...«

Unter der Weide redete Turobojew auf den Gendarmen ein, wobei er ihm seinen weißen Finger unter die Nase hielt. Über den Platz, zur Weide, kam eilig der Priester geschritten. Er trug ein Kreuz in der Hand. Das Kreuz schien im Sonnenglanz zu schmelzen und beleuchtete ein dunkles, nüchternes Gesicht. Weiber umdrängten in dichtem Kreis die Weide. Der Gendarm war im Begriff, sie auseinanderzustoßen, als der Pope herantrat. Samgin erblickte unter der Weide den Burschen mit dem rosa Hemd und auf den Knien vor ihm Makarow.

»Wie ist das geschehen?« fragte Klim leise, während er sich umschaute. Lida war nicht mehr auf dem Söller.

Sie verließ, Alina an ihrem Arm, die Schule. Hinter ihnen der grimassenschneidende Ljutow. Alina schluchzte:

»Ich wollte so ungern hierher, aber ihr ...«

Die Dorfstraße passierte man in raschem Schritt, ohne zurückzublicken. Hinter dem Gemeindeanger holte man den Lahmen ein, der sogleich mit der Sicherheit eines Augenzeugen zu erzählen begann:

»Er ist mit dem Hals ins Seil geraten, da ist ihm eben die Wirbelsäule zerschmettert worden.«

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