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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Es bedrückt mich sehr, Wera Petrowna, Ihnen bei unserer ersten Begegnung eine traurige Mitteilung machen zu müssen: Dmitri Iwanowitsch ist verhaftet.«

»O mein Gott!« rief die Samgin aus. Sie fiel auf die Lehne des Sessels zurück, ihre Wimpern zuckten, und die Spitze ihrer Nase rötete sich.

»Ja!« sagte die Spiwak laut. »Nachts kamen sie und holten ihn ab.«

»Und – Kutusow?« fragte Klim wütend.

Die Spiwak antwortete, Kutusow sei drei Wochen vor Dmitris Verhaftung zur Beerdigung seines Vaters in die Heimat gefahren.

Die Mutter legte vorsichtig, um den Puder nicht von den Wangen zu wischen, ihr Miniaturtüchlein an die Augen, aber Klim sah, daß für das Tüchlein keine Verwendung war. Ihre Augen waren ganz trocken.

»Mein Gott! Wofür nur!« fragte sie theatralisch.

»Ich glaube, es ist nichts Ernstes«, sagte in sehr sanftem, tröstendem Ton die Spiwak. »Man hat einen Bekannten Dmitri Iwanowitschs, den Lehrer einer Fabrikschule, und dessen Bruder, den Studenten Popow, festgenommen, – ich glaube, Sie kennen ihn?« wandte sie sich an Klim.

Samgin sagte trocken:

»Nein.«

Nachdem die Mutter diesem Ereignis eine Viertelstunde gewidmet hatte, fand sie, daß sie ihrer Betrübnis überzeugend Ausdruck verliehen habe, und bat ihre Gäste zum Tee in den Garten.

Lustig tummelten sich die Vögel, verschwenderisch blühten die Blumen. Der sammetfarbige Himmel erfüllte den Garten mit einem tiefen Leuchten, und im Glanz dieser Frühlingsfreude wäre es unschicklich gewesen, von traurigen Dingen zu reden. Wera Petrowna begann, Spiwak über Musik auszufragen. Er wurde augenblicklich lebhaft und berichtete, während er blaue Fäden aus seiner Krawatte zog und kleine Kommata in die Luft setzte, daß es im Westen keine Musik gebe.

»Dort gibt es nur Maschinen. Dort ist man vom Menuett und von der Gavotte zu folgendem herabgesunken.« Und er spielte mit Fingern und Lippen ein plattes Motiv.

»Rupf nicht die Krawatte«, bat ihn seine Frau.

Er legte gehorsam die Hände auf den Tisch wie auf eine Klaviatur. Den Zipfel seiner Krawatte tauchte er in den Tee. Verlegen wischte er sie mit dem Tuch ab und sagte:

»In Norwegen Grieg. Sehr interessant. Man sagt, er sei ein zerstreuter Mensch.«

Und verstummte. Die Frauen lächelten, in immer angeregterem Geplauder, einander zu. Doch Klim fühlte, daß sie sich gegenseitig mißfielen. Spiwak fragte ihn verspätet:

»Wie ist Ihre Gesundheit?«

Und als Klim ihm Erdbeeren anbot, lehnte er heiter ab:

»Ich bekomme davon Nesselfieber.«

Die Mutter bat Klim:

»Zeige Jelisaweta Lwowna den Flügel.«

»Eine merkwürdige Stadt«, sagte die Spiwak, die Klims Arm genommen hatte und irgendwie besonders behutsam über den Gartenweg schritt. »So gutherzig brummig. Dieses Gebrumme war das erste, was mir auffiel, sobald ich den Bahnhof verlassen hatte. Es muß hier wohl langweilig sein wie im Fegefeuer. Gibt es hier häufig Feuer? Ich fürchte mich vor Feuer.«

Die Papierschnitzel in den Zimmern des Flügels erinnerten Klim an den Schriftsteller Katin. Die Spiwak musterte sie flüchtig und sagte dann:

»Man wird sich behaglich einrichten können. Und das Fenster geht auf den Garten. Wahrscheinlich werden so kleine behaarte Käfer von den Apfelbäumen ins Zimmer krabbeln? Die Vögelchen werden früh am Morgen zwitschern? Sehr früh!«

Sie seufzte.

»Es gefällt Ihnen nicht?« fragte Klim mit Bedauern. Sie trat in den Garten hinaus und mit schöner Biegung des Halses lächelte sie ihm über die Schulter an.

»Nein, weshalb denn? Aber es wäre besonders gut für zwei unverheiratete alte Schwestern geeignet. Oder für – Jungvermählte. Setzen wir uns«, lud sie an der Bank unter einem Kirschbaum ein und schnitt eine reizende kleine Grimasse. »Mögen sie dort ... handelseinig werden.«

Sie schaute sich um und fuhr nachdenklich fort:

»Ein wundervoller Garten. Auch der Flügel ist schön. Ja, für Jungvermählte! In dieser Stille lieben, soviel einem gegeben ist und dann ... Übrigens, Sie sind ein Jüngling, Sie werden mich nicht verstehen«, schloß sie plötzlich mit einem Lächeln, das Klim durch seine Zweideutigkeit ein wenig verwirrte. Barg sich Spott darin oder Herausforderung?

Nach einem Blick in den Himmel, fragte die Spiwak, während sie Blätter von einem Kirschzweig abzupfte:

»Wie lebt man eigentlich hier im Winter? Theater, Karten, kleine Romane aus Langerweile, Klatsch – wie? Ich würde es vorziehen, in Moskau zu leben, man würde sich nicht sobald an die Stadt gewöhnen. Haben Sie sich noch keine Gewohnheiten zugelegt?«

Klim staunte. Er hatte nicht geahnt, daß diese Frau so einfach scherzen konnte. Gerade Einfachheit war das letzte, was er bei ihr erwartete. In Petersburg erschien die Spiwak verschlossen, gefesselt durch schwere Gedanken, Es war wohltuend, daß sie mit ihm wie mit einem alten und lieben Bekannten sprach. Unter anderem fragte sie, ob der Flügel mit oder ohne Brennholz vermietet würde und richtete dann noch ein paar sehr praktische Fragen an ihn – dies alles leichthin, nebenher.

»Das Porträt über dem Flügel – ist das Ihr Stiefvater? Er hat den Bart eines sehr reichen Mannes.«

Klim sah ihr forschend ins Gesicht und sagte, Turobojew würde bald herkommen.

»So?«

»Er verkauft sein Land.«

»Aha.«

Klim fühlte, daß ihr gelassener Ton ihn freute. Froh machte ihn auch, daß sie, als sie ihn mit ihrem Ellenbogen anstieß, sich nicht entschuldigte.

Zu ihnen kam die Mutter, an ihrer Seite Spiwak. Er schwang die Flügel seines Mäntelchens, als versuche er sich über den Erdboden zu erheben, und sagte:

»Das wird in Nonen geschrieben sein, ganz tief: tumtumm ...«

Seine Frau machte der Musik rücksichtslos ein Ende, indem sie mit Wera Petrowna über den Flügel sprach. Sie entfernten sich, während Spiwak sich zu Klim setzte und mit ihm in ein Gespräch eintrat, das er mit Redewendungen aus der Grammatik unterhielt:

»Ihre Mutter ist ein angenehmer Mensch. Sie versteht etwas von Musik. Ist der Friedhof weit von hier? Ich liebe alles Elegische. Bei uns sind die Friedhöfe das Schönste. Alles, was mit dem Tod zusammenhängt, ist bei uns vortrefflich.«

In die Pausen zwischen seinen Phrasen mischten sich die Stimmen der Frauen.

»Habe ich nicht recht?« fragte herrisch die Spiwak.

»Ich werde es Ihnen machen lassen.«

»Sind wir fertig?«

»Ja.«

Einige Minuten später – er hatte inzwischen die Spiwaks hinausbegleitet und kehrte nun in den Garten zurück – fand er seine Mutter immer noch unter dem Kirschbaum. Sie saß mit auf die Brust geneigtem Kopf da und hielt die Arme hinter sich auf die Lehne der Bank gestützt.

»Mein Gott, das scheint keine sehr angenehme Dame zu sein!« sagte sie mit müder Stimme. »Ist sie Jüdin? Nein? Merkwürdig, sie ist so praktisch. Feilscht wie auf dem Markt. Übrigens sieht sie auch nicht wie eine Jüdin aus. Hattest du nicht auch den Eindruck, daß sie die Nachricht über Dmitri mit einem Schatten von Vergnügen mitteilte? Gewissen Leuten gefällt es sehr, Überbringer schlechter Nachrichten zu sein.«

Voll Verdruß schlug sie sich mit der Faust aufs Knie.

»Ach Dmitri, Dmitri! Jetzt werde ich nach Petersburg fahren müssen.«

Rosenfarbiges Zwielicht füllte den Garten und färbte die weißen Blüten. Die Wohlgerüche wurden berauschender. Die Stille verdichtete sich.

»Ich gehe jetzt mich umziehen. Du warte hier auf mich. In den Zimmern ist es schwül.«

Klim sah ihr feindselig nach. Das, was die Mutter über die Spiwak gesagt hatte, widersprach in grausamer Weise seinem eigenen Eindruck. Aber sein Mißtrauen gegen die Menschen, das immer erregbarer wurde, klammerte sich fest an die Worte der Mutter, und Klim grübelte, Worte, Gesten und Lächeln der sympathischen Frau rasch prüfend. Die freundliche Stille stimmte ihn lyrisch und ließ ihn in dem Betragen der Spiwak nichts finden, was geeignet war, das Urteil der Mutter zu rechtfertigen. Sanft regten sich andere Gedanken: war Jelisaweta im Flügel eingezogen, so würde er ihr den Hof machen und von der unbegreiflichen, qualvollen Schwäche für Lida geheilt werden.

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