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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Turobojew führte sie zum Söller der Pfarrschule, die soeben erbaut, aber noch ohne Fensterrahmen war. Auf den Stufen des Söllers wimmelte, schrie und weinte ein Haufen von Kindern im Alter von zwei und drei Jahren. Dieser lebende Haufen schmutziger, skrofulöser kleiner Körper wurde regiert von einem buckligen, halbwüchsigen Mädchen. Sie tat das, indem sie halblaute Rufe ausstieß und dabei ihre Arme und Beine in Tätigkeit setzte. Auf der obersten Stufe keuchte pfeifend eine blinde alte Frau mit einem knallroten, aufgedunsenen Gesicht. Sie hatte ihre blauen Beine breit auseinandergespreizt.

»Du mußt ihnen die Rute geben, Gascha, die Rute ...« empfahl sie, heftig den schweren Kopf schüttelnd. In ihren taubengrauen, blinden Augen spiegelte sich die Sonne wie in den Scherben einer Bierflasche. Aus der Tür der Schule trat der Landgendarm. Er zwirbelte mit der Hand die grauen Schnurrbartspitzen und den peinlich gestutzten Kinnbart und musterte mit dem wachsamen Blick seiner roten Augen die Sommerfrischler. Als er Turobojew gewahrte, hob er grüßend die Hand an die neue Mütze und befahl jemand hinter ihm in strengem Ton:

»Jag die Kinder weg!«

»Nicht nötig.«

»Ausgeschlossen, Igor Alexandrowitsch, sie beschmutzen den Bau.«

»Ich sagte: Nicht nötig«, erinnerte leise Turobojew, während er in sein von Runzeln verschwenderisch zerknittertes Gesicht sah.

Der Gendarm reckte sich, wölbte die Brust so heftig vor, daß die Medaillen klingelten, salutierte und wiederholte wie ein Echo:

»Nicht nötig.«

Er schritt, über die Kinder hinweg, die Stufen hinab. In der Tür stand der Lahme aus der Mühle und grinste bis zu den Ohren hinauf:

»Guten Tag.«

»Begreifen Sie?« flüsterte Ljutow mit einem Zwinkern Klim zu.

Klim begriff gar nichts. Er und die jungen Mädchen sahen gebannt zu, wie die kleine Bucklige eilig und gewandt die Kinder von den Stufen wegschleppte, wobei sie die halbnackten Körper mit griffigen Raubvogelklauen faßte und auf den mit feinen Holzsplittern besäten Erdboden schleuderte.

»Laß!« rief Alina, mit dem Fuß stampfend. »Sie werden sich an den Splittern blutig kratzen.«

»O, Gottesmutter, heilige Jungfrau!« pfiff keuchend die Blinde. »Gaschka, was für Leute sind da gekommen?«

Sie tastete mit zitternden Händen rings um sich:

»Wem gehört das Stimmchen? Hündin, wo hast du meine Krücke gelassen?«

Ohne Alina oder sie zu beachten, fuhr die Bucklige fort, die Kinder wegzuschleppen, wie eine Hündin ihre Jungen. Lida schauderte und wandte sich ab. Alina und Makarow trafen Anstalten, die Kinder von neuem auf die Stufen zu setzen, doch das Mädel maß sie kühn mit klugen Augen und rief:

»Was soll der Unfug? Es sind doch nicht Ihre Kinder!«

Und sie begann abermals, die Kinder von den Stufen fortzuschleppen, während der Lahme mit Begeisterung murmelte:

»Schau, ein eigensinniges kleines Scheusal, wie?«

Der Anschnauzer des Mädels verwirrte Makarow, er lächelte verlegen und sagte Alina:

»Lassen Sie es lieber.«

Samgin hatte den Eindruck, daß alle durch die kleine Bucklige aus der Fassung gebracht waren und vor ihr gleichsam still wurden. Ljutow sagte Lida etwas in tröstendem Ton. Turobojew streifte einen Handschuh ab und zündete sich eine Zigarette an, Alina zupfte ihn am Ärmel und fragte voll Zorn:

»Wie ist das möglich?«

Er lächelte ihr sanft ins Gesicht.

Zwei Burschen in neuen, gleichsam aus rosa Blech gefertigten Hemden, einander ähnlich wie zwei Hammel, hatten am Söller Fuß gefaßt. Der eine warf einen Blick auf die Sommerfrischler, trat zu der Blinden, nahm ihre Hand und sagte unbeugsam:

»Großmutter Anfissa, räume den Herrschaften den Platz.«

»O Gott? Windet man die Glocken schon empor?«

»Gleich wird man anfangen. Geh zu!«

»Ich hab's erlebt, Gott sei gelobt ... Mütterchen ...«

»Als wären wir Aussätzige!« rebellierte Alina.

Ljutow drang begierig in den Lahmen:

»Welchen Glauben hast du?«

Der Lahme kicherte in seinen struppigen Bart und schüttelte den Kopf:

»Na-hein, unser Glaube ist ein anderer.«

»Ein christlicher?«

»Gewiß, nur noch strenger.«

»Dann sag doch, du Teufel, worin strenger?«

Der Lahme seufzte schwer:

»Das läßt sich nicht so sagen. Man kann es nur einem Glaubensbruder sagen. Wir erkennen Glocken und die ganze Kirchlichkeit an, aber trotzdem.«

Klim Samgin beobachtete, lauschte und fühlte, daß Empörung in ihm hochstieg. Man schien ihn ja ausgerechnet zu dem Zweck hergeführt zu haben, um seinen Kopf mit einer trüben und vergiftenden Flut zu füllen. Alles ringsum war unversöhnlich fremd, stieß ihn jedoch in irgendeinen finsteren Winkel und zwang ihn mit Gewalt, an das bucklige Mädel, an Alinas Worte und an die Frage der blinden Greisin: »Was für Leute sind da gekommen?« zu denken.

Im Kopf brauste noch das betende Geflüster der Weiber. Es beeinträchtigte das Denken, hemmte jedoch nicht die Erinnerung an alles, was er gesehen und vernommen hatte. Der Gottesdienst war zu Ende. Ein unförmig langer und dünner Greis warf sein Wams ab, bekreuzigte sich, zum Himmel schauend, dreimal, kniete vor der Glocke nieder, küßte dreimal ihren Rand und kroch unter Bekreuzigungen und Verneigungen vor den Abbildungen der Heiligen auf den Knien rings um sie herum.

»So ist's recht!« sagte beifällig der Lahme. »Das ist Wassili Wassiljewitsch Panow, der Wohltäter des Dorfes. Er bläst ein wunderbares Glas und versorgt das ganze Gouvernement mit Bierflaschen.«

Der Lärm auf dem Platz flaute ab. Alle verfolgten aufmerksam Panow, der an der Erde kroch und den Rand der Glocke küßte. Auch kniend war er lang.

Jemand rief:

»Leute, teilt euch in drei Haufen!«

Eine zweite Stimme fragte:

»Wo bleibt der Schmied?«

Panow erhob sich, musterte eine Weile schweigend die Menge und sagte mit einer Baßstimme:

»Fangt an, Rechtgläubige!«

Die Menge zerriß unter Schreien langsam in drei Teile: zwei wichen in der Diagonale nach rechts und links von der Glocke aus, der dritte entfernte sich auf der geraden Linie von ihr. Alle drei Haufen trugen sorgsam wie Perlenschnüre die Seile und schienen an ihnen aufgereiht. Die Seile liefen an den Henkeln der großen Glocke zusammen, die sie gleichsam nicht von sich ließ und immer straffer anspannte.

»Halt! Stehenbleiben!«

»Da ist er!«

»Jetzt, Nikolai Pawlowitsch, diene Gott!« sagte Panow laut.

Zu ihm trat auf krummen Beinen langsam ein breitschultriger, stämmiger Bauer in einem Lederschurz. Seine roten Haare standen aufrecht auf seinem Kopf, sein klumpiger Bart steckte tief im Kragen des bunten Hemdes. Mit schwarzen Händen schürzte er die Ärmel bis zum Ellenbogen, bekreuzigte sich zur Kirche hin und verneigte sich vor den Glocken, doch ohne den Rumpf zu beugen, vielmehr, indem er mit der Brust gleichsam zur Erde fiel und die Arme ausgestreckt nach hinten warf, um das Gleichgewicht zu bewahren. Darauf verneigte er sich in derselben Weise nach allen vier Richtungen vor dem Volk, nahm seinen Schurz ab, faltete ihn umständlich zusammen und schob ihn einem großen Weib in einem roten Leibchen in die Hand. Dies alles tat er schweigend, langsam und feierlich.

Man reichte ihm einige Mützen hin. Er nahm zwei davon, legte sie sich über die Stirn und fiel, während er sie mit der Hand festhielt, in die Knie. Fünf Bauern hoben eine der kleineren Glocken empor und bedeckten mit ihr den Kopf des Schmieds in der Weise, daß der Rand auf die Mützen und auf die Schultern zu liegen kam, auf die die Bäuerin den aufgerollten Schurz legte. Der Schmied wankte, löste die Knie vom Erdboden, richtete sich auf und schritt ruhig, weit ausholend auf den Glockenturm zu. Die fünf Bauern, zu Paaren angeordnet, geleiteten ihn.

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