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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Aus diesem Ding kann man eine Menge verschiedener Gegenstände herstellen. Ein Künstler wird daraus ebenso gut einen Teufel wie einen Engel schnitzen. Aber, sehen Sie, dieses verehrliche Holzscheit ist bereits angefault, dieweil es hier lag. Immerhin kann man es noch im Ofen verheizen. Das Verfaulen ist nutzlos und schändlich, das Verbrennen ergibt eine gewisse Menge Wärme. Ist die Allegorie deutlich? Ich bin dafür, das Leben mit Wärme und Licht zu beglücken, es zum Glühen zu bringen.«

»Das lügst du«, dachte Klim.

Er saß einen Meter höher als Ljutow und sah sein zerrissenes, uneinheitliches Gesicht nicht gewölbt, sondern hohl wie einen Teller, einen unsauberen Teller. Die Schatten der Nadeltatzen einer niedrigen Fichte zitterten auf diesem Gesicht, und die schielenden Augen rollten darin wie zwei Nüsse. Die Nase hüpfte, die Nüstern blähten sich, die Kautschuklippen klatschten gegeneinander und legten die böse obere Zahnreihe und die Zungenspitze frei. Der spitze, unrasierte Kehlkopf sprang vor, und hinter den Ohren arbeiteten die knöchernen Kugeln. Ljutow fuchtelte mit den Armen. Die Finger seiner rechten Hand arbeiteten wie die eines Taubstummen. Er zappelte mit dem ganzen Körper wie eine Marionette am Draht. Es war widerwärtig, ihn anzusehen. Er erregte in Klim eine melancholische Wut, ein Gefühl des Protestes.

»Und wenn ich ihm nun sage, daß er ein Komödiant, ein Taschenspieler, ein Verrückter ist und sein Gerede krankhaftes, verlogenes Geschwätz? Aber was veranlaßt diesen Menschen, der reich, verliebt und in naher Zukunft, Gatte einer schönen Frau ist, zu lügen und zu schauspielern?«

»Stellen Sie sich vor«, vernahm Klim eine Stimme, trunken von Erregung. »Stellen Sie sich vor, daß von hundert Millionen russischer Gehirne und Herzen auch nur zehn, nur fünf mit der ganzen Kraft der in ihnen eingeschlossenen Energie arbeiten werden.«

»Ja, gewiß«, sagte Klim widerwillig.

Am dunklen Himmel kochte bereits ein Sternengischt. Die Luft war gesättigt mit feuchter Wärme. Der Wald schien zu schmelzen und als öliger Dampf zu zerfließen. Fühlbar fiel Tau. In der tiefen Dunkelheit hinter dem Fluß flammte ein gelbes Licht auf, wuchs rasch zu einem Holzfeuer an und beleuchtete die kleine, weiße Figur eines Menschen. Ein gleichmäßiges Plätschern des Wassers unterbrach das Schweigen.

»Die unsrigen kommen«, bemerkte Klim.

Ljutow schwieg lange, bevor er erwiderte:

»Es ist Zeit.«

Er erhob sich und lauschte.

»Das Bäuerlein pirscht umher. Ich werde ihn anhalten, und Sie gehen voraus und versorgen diese ...«

Samgin entfernte sich in der Richtung zum Landhaus und hörte zu, wie lustig und keck Ljutows Stimme schallte.

»Fängst du auch im Walde Welse?«

»Sie lachen, Herr, aber er war da, der Wels!«

»Er war da?«

»Ja, was denken Sie?«

»Wo?«

»Wo soll er denn sein, wenn nicht im Fluß?«

»In diesem?«

»Weshalb nicht? Ein würdiger Fluß.«

»Komödiant«, dachte Klim, während er horchte.

»Brauchen Sie, Herr, was Weibliches? Es gibt hier eine Soldatenfrau ...«

»In der Art des Wels?«

»Sie sehnt sich sehr ...«

»Warawka hat recht, es ist ein gefährlicher Mensch«, entschied Klim.

Zu Hause erteilte Klim dem Dienstmädchen Anweisung, das Abendessen aufzutragen und sich dann schlafen zu legen, trat dann auf die Veranda hinaus und blickte auf den Fluß und auf die goldnen Lichtflecken, die aus den Fenstern des Landhauses der Telepnew fielen. Er wäre gern hingegangen, durfte aber nicht, solange die geheimnisvolle Dame oder Person nicht gekommen war.

»Ich habe keinen Willen. Ich hätte es ihm abschlagen sollen.«

In Erwartung des Knirschens von Schritten im Sand und im Nadellaub suchte Klim sich vorzustellen, wie Lida mit Turobojew und Makarow plauderte. Ljutow war wohl auch dorthin gegangen. In der Ferne rollte Donner. Zerrissene Klänge eines Klaviers drangen zu ihm. In den Wolken über dem Fluß versteckte sich der Mond und beleuchtete von Zeit zu Zeit mit trübem Licht die Wiesen. Nachdem Klim Samgin bis Mitternacht auf den ungeladenen Gast gewartet hatte, schlug er krachend die Tür zu und suchte sein Bett auf, erbost bei dem Gedanken, daß Ljutow wahrscheinlich nicht zu seiner Braut gegangen, sondern sich im Wald mit der Frau, die nicht zu lächeln verstand, angenehm die Zeit vertrieb. Vielleicht hatte er sich das alles auch ausgedacht: diese »Volksrechtler«, die Druckerei und die Verhaftungen.

»Alles ist viel einfacher: es war das letzte Wiedersehen.«

Mit diesem Ergebnis schlief er auch ein. Am Morgen weckte ihn das Pfeifen des Windes. Trocken rauschten die Fichten vor dem Fenster. Bang raschelten die Birken. Auf der bläulichen Fläche des Flusses kräuselten sich zierlich kleine Wellen. Hinter dem Fluß zog eine tiefblaue Wolke herauf. Der Wind zerfaserte ihren Rand, pompöse Fetzen jagten rasch über dem Fluß dahin und streichelten ihn mit rauchigen Schatten. Im Badehaus schrie Alina. Als Samgin sich gewaschen und angezogen hatte und sich an den Frühstückstisch setzte, – prasselte plötzlich ein Regenschauer herab, und eine Minute später trat Makarow, sich die Regentropfen aus dem Haar schüttelnd, herein.

»Wo ist denn Wladimir?« fragte er besorgt, »Er ist nicht zu Bett gegangen, sein Bett ist unberührt.«

Klim lächelte anzüglich und suchte spitze Worte, er hatte vor, etwa sehr Boshaftes über Ljutow zu sagen, aber er hatte seine Absicht noch nicht ausgeführt, als Alina ins Zimmer stürzte.

»Klim, Kaffee, rasch!«

Das nasse Kleid klebte ihr am Körper, es sah aus, als wäre sie nackt. Das Wasser spritzte ihr aus dem Haar, während sie es auspreßte, und sie schrie:

»Die verrückte Lidka ist zu mir gerannt, um ein Kleid zu holen. Der Blitz wird sie erschlagen...«

»War Ljutow gestern abend bei euch?« fragte finster Makarow.

Alina stand vor dem Spiegel und breitete klagend die Arme aus.

»Da habt ihr's! Mein Bräutigam ist verschwunden, und ich kriege Schnupfen und Bronchitis. Klim, wag es nicht, mich mit schamlosen Blicken anzusehen!«

»Gestern hat der Lahme Ljutow eingeladen, mit zur Mühle zu kommen«, sagte Klim dem Mädchen. Sie saß schon am Tisch und schlürfte ihren Kaffee, dabei verbrühte sie sich und gab zischende Laute von sich. Makarow stellte sein halbgeleertes Glas hin und trat an die Verandatür. Dort blieb er stehen und pfiff leise vor sich hin.

»Werde ich mich erkälten?« fragte Alina ernsthaft.

Turobojew kam, musterte sie mit einem prüfenden Blick, verschwand, erschien von neuem und warf ihr seinen Staubmantel über die Schulter, mit den Worten:

»Ein schöner Regen für die Ernte.«

Es blitzte grell, der Donner knallte, die Fensterscheiben dröhnten, jenseits des Flusses aber hellte es bereits auf.

»Ich werde in die Mühle gehen«, murmelte Makarow.

»Das ist ein wahrer Freund«, rief Alina aus, und Klim fragte:

»Weil er keine Angst hat, sich einen Schnupfen zu holen?«

»Vielleicht auch deshalb.«

Der Mantel glitt dem Mädchen von den Schultern und entblößte ihre vom feuchten Battist prall umspannte Büste. Dies genierte sie nicht, aber Turobojew bedeckte von neuem ihre schön gemeißelten Schultern, und Klim sah, daß ihr dies gefiel. Sie blinzelte belustigt, bewegte kokett die Schultern und bat:

»Lassen Sie, mir ist heiß.«

»Ich würde nicht wagen, so dreist zu sein wie dieser Geck«, dachte Samgin neidisch und fragte Turobojew in herausforderndem Ton:

»Gefällt Ihnen Ljutow?«

Er bemerkte, daß Turobojews Wange zusammenzuckte, als hätte ihn eine Fliege gestochen. Während er sein Zigarettenetui hervorzog, antwortete er sehr höflich:

»Ein interessanter Mensch.«

»Ich finde interessante Menschen am aufrichtigsten«, sagte Klim und fühlte plötzlich, daß er die Herrschaft über sich verlor. »Interessante Menschen gleichen Indianern im Kriegsputz, sie sind bemalt, mit Federn geschmückt. Ich habe immer Lust, sie zu waschen und ihnen die Federn auszurupfen, damit unter der Hautbemalung der wirkliche Mensch sichtbar wird.«

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