Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Die Mutter kehrte in einer sonnenfarbigen, mit silbernen Schnallen geschlossenen Kapotte und weichen Schuhen zurück. Sie schien wunderbar verjüngt.
»Glaubst du nicht, daß die Verhaftung deines Bruders auch für dich Folgen haben könnte?« fragte sie leise.
»Weshalb?«
»Ihr habt zusammen gelebt.«
»Das bedeutet noch nicht, daß wir solidarisch sind.«
»Gewiß, aber ...«
Sie schwieg und glättete mit den Fingern die Fältchen an den Schläfen. Plötzlich sagte sie mit einem Seufzer: »Diese Spiwak hat eine gute Figur. Nicht einmal ihre Schwangerschaft entstellt sie.«
Klim zuckte vor Überraschung zusammen und fragte schnelclass="underline"
»Ist sie schwanger? Hat sie es dir erzählt?«
»Mein Gott, ich sehe es doch selbst. Bist du intim mit ihr bekannt?«
»Nein«, sagte Klim. Er nahm die Brille ab, damit er, um die Gläser abzureiben, den Kopf vorbeugen mußte. Er wußte, daß er ein böses Gesicht hatte und wünschte nicht, daß die Mutter es sah. Er fühlte sich betrogen, geplündert. Ihn betrogen alle: die gedungene Margarita, die schwindsüchtige Nechajew, ihn betrog auch Lida, die sich nicht so gab, wie sie in Wahrheit war. Endlich hatte ihn nun auch die Spiwak betrogen: er konnte nicht mehr so gut von ihr denken, wie vor einer Stunde.
»Wie mitleidlos muß man sein, was für ein kaltes Herz muß man haben, um seinen kranken Mann hintergehen zu können«, dachte Klim empört. »Und die Mutter – wie rücksichtslos, wie roh drängt sie sich in mein Leben.«
»O Gott!« seufzte die Mutter.
Klim sah sie scheel von der Seite an. Sie saß in steifer Haltung da, Ihr trockenes Gesicht verzog sich trübsinnig. Es war das Gesicht einer alten Frau, Ihre Augen standen weit offen, und sie biß die Lippen zusammen, als halte sie gewaltsam einen Schrei des Schmerzes zurück. Klim war erbittert auf sie, aber ein Teilchen seines Bedauerns für sich selbst übertrug sich auf diese Frau. Er fragte ganz leise:
»Bist du traurig?«
Sie schrak zusammen und bedeckte ihre Augen.
»In meinem Alter gibt es wenig Heiteres.«
Sie befreite mit zitternder Hand ihren Hals von dem Kragen der Kapotte und sagte im Flüsterton:
»Irgendwo in der Nähe wartet auf dich schon eine Frau ... ein Mädchen ... Du wirst sie lieben ...«
In ihrem Geflüster vernahm Klim etwas Ungewohntes, es war ihm, als würde sie, die immer stolz und beherrscht war, gleich anfangen zu weinen. Er konnte sie sich weinend nicht denken.
»Du mußt nicht davon sprechen, Mama.«
Sie rieb bebend ihre Wange an seiner Schulter und, als ersticke sie an einem trocknen Husten oder einem mißglückten Lachen, flüsterte sie:
»Ich verstehe nicht, davon zu reden, aber ich muß es endlich. Von Großmütigkeit, von Barmherzigkeit für eine Frau! Jawohl! Von Barmherzigkeit, Sie ist das einsamste Geschöpf auf der Welt, die Frau, die Mutter. Warum? Einsam bis zum Wahnsinn. Ich rede nicht von mir allein, nein ...«
»Soll ich dir Wasser bringen?« fragte Klim und begriff sogleich, daß er eine Dummheit begangen hatte. Er wollte sie sogar umarmen, aber sie wankte zurück und versuchte zitternd ein Schluchzen zurückzuhalten. Und immer heißer, immer erbitterter klang ihr Flüstern:
»Nur Stunden zum Lohn für Tage, Nächte, Jahre der Einsamkeit.«
»Das sagte die Nechajew«, erinnerte Klim sich.
»Der Stolz, den man so grausam verachtet. Die gewohnte – begreife – die gewohnte Abneigung, liebevoll, freundschaftlich in die Seele des anderen hineinzublicken. Ich sage nicht das Richtige, aber dafür findet man keine Worte ...«
»Und du sollst auch nicht«, wünschte Klim ihr zu sagen. »Du sollst nicht, es erniedrigt dich. So sprach zu mir ein schwindsüchtiges, häßliches Mädchen.«
Aber für seine Großmut fand sich keine Gelegenheit. Die Mutter flüsterte keuchend:
»Heulen müßte man. Aber dann nennen sie einen eine Hysterikerin. Raten einem zum Arzt, zu Brom, zu Wasser.«
Der Sohn streichelte ratlos die Hand der Mutter und schwieg, da er keine Worte des Trostes fand, während er fortfuhr zu denken, wie vergebens sie das alles sagte. Sie hatte in der Tat ein hysterisches Lachen, und ihr Flüstern war so grauenhaft trocken, als platze und reiße die Haut ihres Körpers.
»Du mußt wissen: alle Frauen leiden unheilbar an Einsamkeit. Sie ist die Ursache für alles, was euch Männern unverständlich ist, für unsere Untreue und ... für alles! Niemand von euch sucht und dürstet so sehr nach Herzlichkeit wie wir.«
Klim, der einsah, daß es notwendig war, sie zu trösten, murmelte:
»Weißt du, sehr originell denkt über die Frauen Makarow ...«
»Unser Egoismus ist keine Sünde«, fuhr die Mutter, ohne ihn zu hören, fort, »Dieser Egoismus kommt von der Kälte des Lebens, davon, daß alles schmerzt: Seele, Leib, Knochen ...«
Aber plötzlich sah sie ihren Sohn an, rückte von ihm weg, verstummte und sah in das grüne Netz der Bäume. Eine Minute später steckte sie eine Haarsträhne, die ihr über die Wange geglitten war, zurecht, stand von der Bank auf und ließ ihren Sohn – zerwühlt von dieser Szene – allein.
»Natürlich kommt das davon, daß sie altert und an Eifersucht leidet«, dachte er stirnrunzelnd und schaute auf die Uhr. Die Mutter hatte mit ihm nicht länger als eine halbe Stunde verbracht, aber es schien, als wären zwei Stunden vergangen. Es war peinlich zu fühlen, daß sie innerhalb dieser halben Stunde in seinen Augen eingebüßt hatte. Wieder einmal mußte Klim Samgin sich davon überzeugen, daß man in jedem Menschen einen primitiven Mast bloßlegen konnte, an dem er die Flagge seiner Originalität hißte.
Früh an anderen Tag erschien überraschend Warawka – angeregt, mit funkelnden Äuglein, unanständig zerzaust. Die ersten Worte Wera Petrownas waren:
»Wie, hat dieses Fräulein oder diese Dame ein Sommerhaus gemietet?«
»Welches Fräulein?« wunderte sich Warawka.
»Ljutows Bekannte?«
»Ich habe keine gesehen. Dort – sind zwei: Lida und Alina. Und drei Kavaliere, der Teufel soll sie holen!«
Der schwere, dicke Warawka glich einem ungeheuerlich vergrößerten chinesischen »Gott der Bettler«, Das unförmige Figürchen dieses Gottes stand im Salon auf dem Spiegelschrank; und das Groteske seiner Form paarte sich auf unbegreifliche Weise mit einer eigenartigen Schönheit. Warawka schlang gierig wie ein Enterich Stücke Schinken herunter und brummte:
»Turobojew ist ein Kretin. Wie sagt man? Ein Dekadent. Fin de siecle etcetera. Versteht nicht zu verkaufen. Ich habe sein Stadthaus gekauft, werde es zu einem Technikum umbauen. Er hat es verschleudert, als wäre es gestohlen. Überhaupt ein Idiot von erlauchter Abkunft. Ljutow, der von ihm für Alma Land erworben hat, gedachte ihn übers Ohr zu hauen und hätte das besorgt, wenn ich es zugelassen hätte. Dann will ich doch lieber derjenige sein ...«
»Was redest du?« verwies ihn sanft Wera Petrowna.
»Ich spreche ehrlich. Man muß es verstehen, zu nehmen. Besonders von den Dummköpfen. So wie Sergej Witte Rußland schröpft ...«
Warawka sättigte sich, seufzte mit wollüstig geschlossenen Augen, stürzte ein Glas Wein hinunter und begann, sich mit der Serviette das Gesicht fächelnd, von neuem zu reden:
»Dieser Ljutow hingegen ist eine geriebene Kanaille. Du, Klim, sei auf der Hut ...«
Hier teilte ihm Wera Petrowna, die dabei ihren Kopf steif und unbeweglich hielt wie eine Blinde. Dmitris Verhaftung mit. Klim fand, daß sie es in einer ungehörigen und sogar herausfordernden Form tat. Warawka sammelte seinen Bart auf der flachen Hand, betrachtete ihn und blies ihn dann hinunter.