Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Was soll das heißen? Erbliche Schwäche fürs Gefängnis bei der älteren Linie der Samgins?«
»Ich werde nach Petersburg fahren müssen.«
»Versteht sich«, sagte knurrig Warawka, legte seine Hand auf Klims Knie und ermahnte ihn, während er ihn hin und her schaukelte:
»Du solltest ins Institut für Zivilingenieure eintreten, Bruder. An Advokaten haben wir einen Überfluß. An Staatsanwälten auch, in jeder Zeitung sitzen fünfundzwanzig. Architekten aber fehlen. Wir verstehen nicht zu bauen. Studiere Architektur. Dann erhalten wir ein gewisses Gleichgewicht: der eine Bruder baut, der andere zerstört, und ich, der Lieferant, habe den Vorteil davon.«
Er lachte schallend, sein ganzer Bauch zuckte. Dann schlug er Klim vor, aufs Land hinauszufahren.
»Es ist notwendig, daß jemand von uns draußen ist. Ich denke, ich werde Dronow als Kommis mit hinausnehmen. Na, also ich fahre jetzt zum Notar ...«
Nachdem die Mutter ihn zur Tür geleitet hatte, sagte sie seufzend:
»Was für eine Energie, was für ein Kopf!«
»Ja«, stimmte Klim höflich zu, dachte aber im stillen:
»Er spielt Fangball mit mir.«
Im Landhaus langte er abends an und nahm vom Bahnhof den Weg über eine Fichtenschonung, um die sandige Straße zu vermeiden. Unlängst hatte man auf ihr Glocken ins Kirchdorf geschafft, und Menschen und Pferde hatten sie tief aufgewühlt. Das Gehen in der Stille war schön. Die Kerzen der jungen Fichten strömten harzigen Duft aus. Durch die Lichtungen zwischen den mächtigen Kolonnen des hundertjährigen Waldes spannten sich im schimmernden Dunst die roten Streifen der Sonnenstrahlen. Die Rinde der Fichten glänzte wie Bronze und Brokat.
Plötzlich zeigte sich am Waldessaum hinter einer kleinen Erhebung der ungeheure Fliegenpilz eines roten Schirms, wie ihn weder Lida noch Alina besaßen. Darauf erblickte Klim unter dem Sonnenschirm den schmalen Rücken einer Frau in einem gelben Leibchen und den entblößten, struppigen Spitzkopf Ljutows.
»Ist das die Frau, nach der die Mutter gefragt hat? Ljutows Geliebte? Das letzte Wiedersehen?«
Er war so nahe herangekommen, daß er schon das feste Stimmchen der Frau und die kurzen, dumpf hallenden Fragen Ljutows hören konnte. Er wollte in den Wald einbiegen, aber Ljutow rief ihn an:
»Ich sehe Sie! Verstecken Sie sich nicht.«
Der Anruf klang spöttisch, und als Klim ganz dicht herankam, empfing Ljutow ihn mit einem unangenehmen Lächeln, das seine Zähne entblößte.
»Warum glauben Sie, daß ich mich verstecke?« fragte er wütend, nachdem er vor der Frau mit betonter Langsamkeit den Hut gelüftet hatte.
»Aus Zartgefühl«, sagte Ljutow. »Darf ich bekannt machen.«
Die Frau streckte ihm eine Hand mit sehr harten Innenflächen hin. Ihr Gesicht gehörte zu denen, die man nur mit Anstrengung im Gedächtnis behält. Sie sah Klim unverwandt, mit dem photographierenden Blick ihrer hellen Augen ins Gesicht und nannte undeutlich einen Namen, den er sofort vergaß.
Ljutow blickte sich um und schnitt Grimassen.
»Erweisen Sie mir einen Gefallen«, sagte er. »Sie hat den Zug verpaßt. Richten Sie ihr ein Nachtlager bei Ihnen ein, doch so, daß niemand davon erfährt. Man hat sie schon gesehen. Sie ist gekommen, um ein Landhäuschen zu mieten, aber es ist nicht nötig, daß man sie ein zweites Mal sieht. Besonders dieser lahme Teufel, das witzige Bäuerlein.«
»Vielleicht sind diese Vorsichtsmaßregeln überflüssig?« fragte mit leiser Stimme die Frau.
»Ich glaube nicht«, sagte ärgerlich Ljutow.
Die Frau lächelte und stocherte mit der Spitze ihres Schirms im Sand, Sie lächelte merkwürdig: bevor sie die fest zusammengepreßten Lippen ihres kleinen Mundes öffnete, legte sie sie noch fester aufeinander, so daß an den Mundwinkeln strahlenförmige Fältchen erschienen. Das Lächeln schien gezwungen und hart und wandelte jäh ihr alltägliches Gesicht.
»Nun, lustwandeln Sie!« befahl ihr Ljutow. Er erhob sich, nahm Klims Arm und schritt den Landhäusern zu.
»Sie sind nicht sehr höflich zu ihr«, bemerkte Klim finster, empört von Ljutows Rücksichtslosigkeit gegen ihn.
»Sie verträgt es«, murmelte Ljutow.
»Ich muß Sie davon in Kenntnis setzen, daß mein Bruder in Petersburg verhaftet worden ist.«
Ljutow fragte rasch:
»Volksrechtler?«
»Marxist. Volksrechtler? Wer sind denn die?«
»Und wieder erneuert sich die Sammlung der revolutionären Kraft«, äffte er jemanden nach. »Sammlung? ... Teufel auch!«
Samgin zürnte Ljutow, weil er ihn in ein unangenehmes und, wie es schien, gefährliches Abenteuer verwickelt, und sich selbst, weil er sich so willfährig gezeigt hatte. Aber Staunen und Neugier trugen den Sieg über seinen Unwillen davon. Er hörte schweigend dem gereizten Gezwitscher Ljutows zu und schaute sich über die Schultern weg um: die Dame mit dem roten Sonnenschirm war verschwunden.
»Wieder erneuert sich ... Diese da ist erschienen, um mir mitzuteilen, daß in Smolensk ein Bekannter festgenommen worden ist ... Er hatte eine Druckerei bei sich ... der Teufel hol es! In Charkow Verhaftungen, in Orjol, Sammlung!«
Er brummte wie Warawka über seine Zimmerleute, Steinmetzen und Kontoristen. Klim befremdete dieser eigentümliche Ton, noch heftiger befremdete ihn Ljutows Bekanntschaft mit den Revolutionären. Nachdem er ihn einige Minuten hatte reden lassen, konnte er sich nicht länger beherrschen:
»Aber was geht denn Sie die Revolution an?«
»Eine richtige Fragestellung«, gab Ljutow zurück, indem er lächelte. »Ich bedaure sehr, daß man Ihren Bruder erwischt hat. Er hätte Ihnen vermutlich die Antwort erteilt.«
»Hanswurst«, schimpfte Samgin in Gedanken und befreite seinen Arm von dem Ellenbogen seines Gefährten, ohne daß der jedoch davon Notiz genommen hätte. Ljutow bewegte sich mit sinnend vorgeneigtem Kopf vorwärts und stieß mit dem Fuß Fichtenzapfen vor sich her. Klim schritt rascher aus.
»Wohin eilen Sie? Dort«, Ljutow nickte mit dem Kopf in der Richtung der Landhäuser, »ist niemand. Sie sind im Boot zu irgendeinem Fest gefahren, auf einen Jahrmarkt.«
Abermals schob er seinen Arm in Samgins, und als sie an einem verstreuten Holzstapel anlangten, kommandierte er:
»Wir setzen uns.«
Sogleich begann er in halbem Ton, doch höhnisch zu reden:
»Wozu, Teufel noch einmal, haben wir bei solchen Bauern unsere Intelligenz nötig? Das ist dasselbe, als wollte man Dorfhütten mit Perlmutter verzieren. Seelischer Adel, Herzlichkeit, Romantik und sonstige Kinkerlitzchen, Talent, im Gefängnis zu sitzen, an mörderischen Verbannungsorten zu leben, rührende Geschichten und Artikel zu schreiben. Heilige Märtyrer und dergleichen. Alles in allem – ungebetene Gäste.«
Er roch nach Schnaps und knirschte beim Sprechen mit den Zähnen, als zerbisse er Fäden.
»Die Volkstümler zum Beispiel. Sie sind ja eine Übersetzung aus dem Mexikanischen, Emard und Main-Reed. Die Pistolen treffen ins Blaue, die Minen explodieren nicht, von den Bomben platzt auf zehn eine, und auch noch zur unrechten Zeit.«
Ljutow ergriff ein krummes, knorriges Holzscheit und versuchte ohne Erfolg, es aufrecht in den Sand zu stellen. Das Holzscheit fiel immer wieder träge um.
»Nichts ist klarer, als daß Rußland mit der Axt behauen werden muß. Mit Federmesserchen läßt es sich nicht spitzen. Was meinen Sie?«
Samgin, von der Frage überrumpelt, wußte nicht gleich Antwort.
»Das letzte Mal sprachen Sie ganz anders vom russischen Volk.«
»Von diesem Volk sagte ich stets ein und dasselbe: ein vortreffliches Volk! Ein einzigartiges! Jedoch ...«
Mit überraschender Kraft warf er spielend das Scheit hoch in die Luft und als es, sich überschlagend, zu seinen Füßen niederfiel, ergriff er es und rammte es in den Sand.