Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Sie stieß mit den Sohlen gegen die Wand und lächelte:
»Gestern, auf dem Jahrmarkt, hat Ljutow den Bauern Gedichte von Nekrassow vorgetragen. Er spricht wundervoll, nicht so schön wie Alina, aber herrlich! Man lauschte ihm sehr ernst, aber dann fragte ein kahlköpfiger Greis: ›Kannst du auch tanzen?‹ ›Ich habe geglaubt‹, sagte er, ›Ihr seid Komödianten vom Theater.‹ Makarow sagte: ›Nein, wir sind einfach Menschen.‹ ›Was heißt denn das – einfach? Einfach Menschen gibt es nicht,‹«
»Ein kluger Bauer«, bemerkte Klim. Er hörte, ohne mit den Gedanken bei dem zu sein, was das Mädchen sagte, und überließ sich einem traurigen Gefühl. Ihre Worte, ›wir alle sind unglücklich‹, hatten ihm einen sanften Stoß gegeben und ihn daran erinnert, daß auch er unglücklich und einsam war und daß niemand ihn verstehen wollte.
»Und am Abend und nachts, als wir heimfuhren, haben wir von unserer Kindheit gesprochen ...«
»Du und Turobojew?«
»Ja. Und Alina. Alle. Furchtbare Dinge erzählt Konstantin von seiner Mutter. Und von sich als Kind. Es war so seltsam: jeder gedachte seiner selbst wie eines Fremden. Wieviel Überflüssiges erleben die Menschen.«
Sie sprach still und sah Klim liebevoll an, und ihm schien, daß die dunklen Augen des Mädchens etwas von ihm hofften, ihn etwas fragten. Plötzlich empfand er den Andrang eines ihm unbekannten wollüstigen Gefühls der Selbstvergessenheit, fiel auf die Knie nieder, umschlang die Beine des Mädchens und schmiegte fest sein Gesicht an sie.
»Laß!« rief Lida streng, stemmte die Hände gegen seinen Kopf und stieß ihn zurück.
Klim Samgin sagte laut und sehr einfach:
»Ich liebe dich.«
Sie sprang von der Fensterbank hinunter, zerriß den Ring seiner Arme und stieß ihn mit ihren Knien so heftig gegen die Brust, daß er fast hintenüberfiel.
»Mein Ehrenwort, Lida.«
Sie ließ ihn empört allein.
»Das kommt, weil ich fast nackt bin.«
Sie blieb auf der Verandastufe stehen und rief bekümmert aus: »Schämst du dich nicht? Ich war ...«
Ohne zu Ende zu sprechen, lief sie die Treppe hinab.
Klim lehnte sich gegen die Wand, verwundert über die Weichheit, die so unvermittelt gekommen und ihn dem Mädchen zu Füßen geworfen hatte. Er hatte niemals etwas Ähnliches verspürt – eine Seligkeit, wie sie ihn in diesen Augenblicken erfüllt hatte. Er fürchtete sogar, daß er gleich weinen würde vor Freude und Stolz, endlich in sich ein wunderbar starkes und doch nur ihm gehörendes, anderen unzugängliches Gefühl entdeckt zur haben.
Während des ganzen Tages lebte er unter dem Eindruck dieser Entdeckung, schweifte durch den Wald, um niemand sehen zu müssen, und sah sich immer nur auf den Knien vor Lida, umschlang ihre heißen Beine, fühlte ihre seidige Haut auf seinen Lippen und an seinen Wangen und hörte sich selbst sagen:
»Ich liebe dich.«
»Wie schön, wie einfach habe ich es gesagt. Und gewiß war auch mein Gesicht schön.«
Er dachte nur an sich in dieser unbeschreiblichen Minute, dachte so angestrengt, als fürchte er, die Weise eines Liedes zu vergessen, das er zum ersten Mal vernommen und das ihn sehr ergriffen hatte.
Lida traf er erst am nächsten Morgen. Sie ging zum Badehaus, während er vom Bad ins Landhaus zurückkehrte. Das Mädchen stand plötzlich vor ihm, als sei sie aus der Luft herniedergestiegen. Nachdem sie einige Redensarten über den heißen Morgen und die Temperatur des Wassers gewechselt hatten, fragte sie:
»Warst du beleidigt?«
»Nein«, antwortete Klim aufrichtig.
»Man darf nicht beleidigt sein. Man spielt ja nicht mit diesen Dingen«, sagte Lida leise.
»Ich weiß«, meinte er ebenso ehrlich.
Weder wunderte ihn ihre Sanftheit, noch freute sie ihn, – sie mußte etwas Derartiges sagen, hätte wohl auch etwas Herzlicheres finden können. Während Klim über sie nachdachte, fühlte er mit Gewißheit, daß er Lida besitzen würde, wenn er nur beharrlich war. Aber er durfte sich nicht übereilen. Er mußte abwarten, bis sie das Wunderbare, das in ihm erwacht war, fühlte und nach Verdienst einschätzte.
Jetzt kam Makarow, der mit Ljutow in der Mühle genächtigt hatte, und fragte, ob Klim mit ins Dorf gehen wollte. Die Glocke sollte aufgehängt werden.
»Natürlich komme ich mit!« antwortete Klim fröhlich. Eine halbe Stunde später schritt er unter der prallen Sonnenglut am Ufer des Flusses entlang. Die Sonne und das schlichte Kleidchen aus Bauernleinen betonten aufreizend die schamlose Schönheit des meisterhaft gegossenen Körpers Alinas. Sie und Makarow hielten gleichen Schritt mit Turobojew und sangen ein Duett aus der »Mascotte«. Turobojew sagte ihnen den Text vor. Ljutow führte Lida am Arm und flüsterte ihr etwas Komisches zu. Klim Samgin fühlte sich reifer als die fünf vor ihm, empfand jedoch seine Einsamkeit ein wenig als Last. Es mußte schön sein, Lida in den Arm zu nehmen, wie es Ljutow geglückt war, sich mit der Schulter an ihre zu schmiegen und so, mit geschlossenen Augen, zu gehen. Während er verfolgte, wie Lidas zierliche, von perlenfarbigem Batist eingehüllte Figur sich wiegte, gestand er sich zweiflerisch, daß ihn keine jener Empfindungen beseelte, die er bei den Meistern des Wortes gefunden hatte.
»Ich bin kein Romantiker«, erinnerte er sich.
Ihn beunruhigte einigermaßen die Undurchsichtigkeit der Stimmung, die das Mädchen heute in ihm auslöste und die von dem, was er gestern verspürt hatte, abwich. Gestern und noch vor einer Stunde war er frei von dem Bewußtsein der Abhängigkeit von ihr und ohne unbestimmte Hoffnungen. Vor allem waren es diese Hoffnungen, die ihn verwirrten. Gewiß, Lida würde seine Frau werden, ihre Liebe würde nichts gemein haben mit den hysterischen Zuckungen der Nechajew. Davon war er überzeugt. Doch darüber hinaus irrten in ihm gewisse Wünsche, die mit Worten wie Erwartung und Verlangen nicht ausgedrückt werden konnten.
»Sie hat es geweckt, sie wird es auch befriedigen«, beruhigte er sich.
Als er in das Dorf, das bogenförmig auf der Krümmung des hohen und steilen Flußufers angelegt war, eintrat, hatte er es herausgefunden:
»Man darf kein Analytiker sein.«
Die besonnte Dorfstraße war dicht vollgepfropft mit Bewohnern und Landleuten aus den umliegenden Dörfern. Die Bauern verharrten schweigend. Sie hatten ihre kahlen, zottigen oder mit viel Öl eingeriebenen Köpfe entblößt. Unter den vielfarbigen, zitzenen Köpfen der Frauen hervor stieg als unsichtbarer Rauch das schluchzende Geflüster der Gebete. Es war, so schien es, gerade dieses erstickte, zischende Geflüster, vermischt mit dem beißenden Geruch von Teer, Schweiß und an der Sonne faulendem Dachstroh, das die Luft erhitzte und im einen für das Auge unsichtbaren Dampf verwandelte, der das Atmen schwer machte. Die Leute erhoben sich auf den Zehenspitzen, reckten die Hälse, ihre auf und nieder wogenden Köpfe schwankten. Einige Hundert weit geöffneter Augen waren auf einen Punkt gerichtet: auf die blaue Zwiebel des plumpen Glockenturms mit den leeren Henkeln, durch die ein Stück des entfernten Himmels hindurchleuchtete. Klim hatte den Eindruck, als sei dieses Stück sowohl von tieferem Blau wie von stärkerer Leuchtkraft als der Himmel, der sich über dem Dorf wölbte. Das stille Brausen der Menge verdichtete sich und erfüllte einen mit der gespannten Erwartung eines donnerartigen Ausbruchs von Schreien.
Turobojew ging voran und drängte sich durch die nachgebende Menschenwand. Ihm folgten im Gänsemarsch die anderen, und je näher die fleischige Masse des Glockenturms heranrückte, desto dumpfer wurde das klagende Summen der betenden Weiber, desto vernehmlicher die beschwörenden Stimmen der Geistlichkeit, die die Messe abhielt. Im Mittelpunkt eines kleinen Kreises, gebildet aus den bunten Figuren von Menschen, die gleichsam in die Erde, in den aufgewühlten, zerstampften Rasen eingerammt waren, stand auf dicken Stangen eine zweihundert Pud schwere Glocke, vor ihr drei weitere, eine kleiner als die andere. Die große Glocke erinnerte Klim an das Haupt des Recken aus »Ruslan und Ljudmila«, während der kleine, gekrümmte Pope in dem hellen, österlichen Gewand und mit dem grauhaarigen, bronzefarbigen Gesicht dem Zauberer Finn ähnelte. Der kleine Pope umschwebte die Glocken, sang mit heller Tenorstimme und besprengte das Metall mit Weihwasser. Drei Knäuel starker Seile lagen auf der Erde. Der Pope stolperte über das eine, schwenkte wütend das Becken und besprengte die Seile mit einem Regenbogen von Perlen.