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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Ljutow hielt seine Hand an.

»Entschuldigen Sie, es war meine Idee.«

Lida betrachtete den Bauern, angeekelt, die Lippen zusammenpressend und stirnrunzelnd, Warawka neugierig. Alina fragte ratlos alle:

»Aber es war doch ein Wels da? War einer da oder nicht?«

Klim hielt sich abseits, da er sich doppelt betrogen fühlte.

»Gehen wir?« sagte Lida zu ihrer Freundin, aber Ljutow rief:

»Warten Sie einen Augenblick!«

Und er fragte den Bauern ins Gesicht:

»Angeführt?«

»Angeführt, der Satan«, gab der Lahme zu und breitete traurig die Arme aus.

»Nein, nicht der Satan, sondern du? Hast du uns angeführt?«

Der Bauer trat zurück.

»Wie meinen Sie das? Wen?« fragte er erstaunt.

»Hab keine Furcht! Ich bezahle auf jeden Fall und lege noch für einen Schnaps drauf. Nur sag geradeheraus: hast du uns betrogen?«

»Lassen Sie ihn«, bat Turobojew. Der Lahme überflog alle mit einem verständnislosen Blick und fragte mit prachtvoller Naivität:

»Wie sollte ich wohl die Herrschaften betrügen?«

Ljutow schlug ihn mit aller Kraft auf die nasse Schulter und brach unvermittelt in ein kreischendes, weibisches Lachen aus. Auch Turobojew lachte, leise und gleichsam verlegen, selbst Klim mußte lächeln, dermaßen komisch war die kindliche Angst in den hellen, ratlos zwinkernden Augen des bärtigen Bauern.

»Darf man denn die Herrschaften betrügen?« stammelte er, und sein Blick lief wieder von einem zum andern, während die Angst in den Augen rasch einem Forschen Platz machte und sein Kinn hüpfte.

»Teufel nochmal!« rief Warawka, abwinkend, und lachte gleichfalls amüsiert.

Ljutow lachte bereits tobend, zuckend, mit geschlossenen Augen und in den Nacken geworfenem Kopf. In seinem vorgestülpten Kehlkopf klirrte es wie Glas.

Der Lahme jedoch sah Warawka an und schmunzelte breit, hielt sich aber sogleich die Hand vor den Mund. Da dies nicht half und er hinter seiner Hand laut losplatzte, machte er eine abwinkende Geste zur Seite hin und rief mit feiner Stimme:

»Sie versündigen sich!«

Jetzt begann auch er zu lachen, erst zögernd, dann freier und mit wachsendem Gefallen, und schließlich brüllte er so laut, daß er Ljutows schluchzendes Lachen ganz zudeckte. Er riß den behaarten Mund weit auf, rammte sein Holzbein in den Sand, wiegte sich und ächzte, den Kopf schüttelnd:

»Oh Gott – o–ho–ho–, Sie versündigen sich, bei Gott!«

Am ganzen Körper naß, gleißte er überall, und es schien, als glänzte auch sein urgesundes Lachen ölig.

»Spitzbube!« schrie Ljutow, »wo ... wo ist der Wels?«

»Ich habe ihn doch ...«

»Den Wels?«

»Verfehlt ...«

»Wo ist der Wels?«

»Er ... lebt ...«

Einander anblickend, schüttelten die beiden sich wiederum in einem Anfall von Lachen, und Klim Samgin sah, daß jetzt richtige Tränen über das pelzige Gesicht des Lahmen liefen.

»Na, das geht schon ein wenig zu weit«, sagte Turobojew achselzuckend und entfernte sich, um die Mädchen und Makarow einzuholen. Auch Samgin folgte ihm, begleitet von Lachen und Ächzen:

»O Gott – oh ...«

Vorn schrie Alina empört:

»Man muß ihn für den Betrug bestrafen!«

»Das ist töricht von dir, Alina«, hielt Lida sie in strengem Ton an.

Schweigend setzte man den Weg fort, doch bald holte Ljutow sie ein.

»Begreifen Sie die Chose?« schrie er und rieb sich mit dem Taschentuch Schweiß und Tränen aus dem Gesicht. Er hüpfte, wand sich und blickte allen in die Augen. Er hinderte am Weitergehen. Turobojew sah ihn scheel an und blieb zwei Schritt zurück.

»Sauber angeführt, wie?« fragte er unaufhörlich. »Talent. Kunst! Wahre Kunst führt immer an.«

»Gar nicht dumm!« sagte Turobojew mit einem Lächeln zu Klim. »Er ist überhaupt nicht dumm, aber so verkrampft!«

»Genug, Wolodja!« schrie Makarow zornig. »Was tobst du so? Warte, bis sie dich zum Professor der Beredsamkeit gemacht haben, dann kannst du deiner Wut freien Lauf lassen.«

»Kostja, ein leichtsinniges Huhn bist du doch! Begreife die Chose!«

»Nein, ernsthaft, hör auf!«

»Sie schreien entsetzlich viel«, klagte Alina.

»Nun, ich tu's nicht wieder.«

»Wie ein Irrsinniger.«

»Ich schweige ja schon.«

Wirklich verstummte er, aber Lida nahm seinen Arm und fragte:

»Warum hat dieser Bauer Sie nicht empört?«

»Mich? Wodurch?« rief Ljutow verwundert und hitzig aus. »Im Gegenteil, Lidotschka, ich habe ihm drei Rubel mehr gegeben und mich bedankt. Er ist klug. Unsere Bauern sind bewundernswürdig klug. Sie erteilen einem Lehren!«

Er blieb stehen, streichelte Lidas Hand, die auf seinem Handgelenk ruhte und lächelte glückselig:

»Jetzt sind Sie ja klug genug, nicht mehr an den Wels zu glauben, nicht wahr? Der Wels ist das wenigste an der Sache, Sie lieber Mensch ...«

Von neuem brach er in ein Gelächter aus. Makarow und Alina beschleunigten ihren Schnitt. Klim blieb zurück, musterte Turobojew und Warawka, die langsam auf das Landhaus zuschritten, setzte sich auf die Bank am Badesteg und verlor sich in ärgerliches Grübeln.

Ihm fiel ein, was Makarow gestern beiläufig hingeworfen hatte:

»Eine gesunde Psychik besitzest du, Klim! Du lebst für dich, wie ein Standbild auf einem Platz, rings um dich herum ist Lärm, Geschrei, Gepolter. Du aber bleibst kaltblütig, ohne Erregung.«

»Aber diese Worte besagen ja nur, daß ich es verstehe, mich nicht zu verraten. Doch diese Rolle des aufmerksamen Zuhörers und Beobachters von der Seite, vom Winkel her, ist meiner nicht mehr würdig. Ich muß endlich aktiver werden. Wenn ich jetzt vorsichtig anfange, den Menschen ihre Pfauenfedern auszurupfen, wird ihnen das heilsam sein. Jawohl. In einem Psalm heißt es: ›Lüge, um dich zu retten!‹ Gut, aber dann soll man es nur selten und ›um der Rettung willen‹ tun, aber nicht um miteinander zu spielen.«

Er dachte lange über diese Frage nach und wollte, als er sich kriegerisch gestimmt und zum Kampf gerüstet fühlte, zu Alina gehen, wo auch alle anderen, außer Warawka waren. Er besann sich jedoch, daß es für ihn Zeit war, in die Stadt zu fahren. Auf dem Wege zum Bahnhof, auf einer unbequemen und sandigen Straße, die an mit verkrüppeltem Kiefernholz bestandenen Hügeln vorbeiführte, verflüchtigte sich Klim Samgins kampfesmutige Stimmung bald. Seinen langen Schatten vor sich herstoßend, dachte er bereits daran, wie schwer es sei, mitten im Chaos fremder Gedanken, hinter denen unverständliche Gefühle lauerten, sich selbst zu suchen.

Zu Hause langte er eine halbe Stunde früher als das Ehepaar Spiwak an.

Seine Mutter empfing die Spiwaks hoheitsvoll, wie Beamte, die ihr zu ihrer persönlichen Verfügung attachiert waren. In trockenem Ton näselte sie französische Phrasen, wobei sie mit dem Lorgnon vor ihrem stark gepuderten Gesicht fuchtelte, und nahm erst selbst umständlich Platz, bevor sie die Gäste zum Sitzen aufforderte. Klim bemerkte, daß dieses gespreizte Gehabe der Mutter in den bläulichen Augen der Spiwak spöttische Fünkchen entzündete. Jelisaweta Lwowna erschien in ihrer ungewöhnlich weiten Mantille gealtert, mönchisch schlicht und nicht so interessant wie in Petersburg. Doch seine Nüstern kitzelte angenehm der vertraute Duft ihres Parfüms, und in seiner Erinnerung erklangen die schönen Worte:

»Von dir, von dir allein ...«

Der kleine Pianist trug ein seltsames Damenmäntelchen, in dem er wie eine Fledermaus aussah. Er schwieg, als wäre er taub, und wiegte im Takt der Worte, die die Frauen wechselten, seine trübsinnige Nase. Samgin drückte wohlwollend seine heiße Hand. Es war so angenehm zu sehen, daß dieser Mann mit einem Gesicht, das stümperhaft aus gelbem Knochen gedrechselt zu sein schien, der schönen Frau an seiner Seite ganz unwürdig war. Als die Spiwak und die Mutter ein Dutzend liebenswürdiger Phrasen gewechselt hatten, seufzte Jelisaweta Spiwak und sagte:

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