Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Das Holzbein des Bauern bohrte sich in den Sand. Er stand, in der Hüfte gekrümmt, und hielt sich am Stumpf eines Weidenastes. Mit zuckenden Bewegungen der Schultern zog er das Holzbein aus dem Sand, setzte es auf einen anderen Fleck, bis es wieder im lockeren Grund einsank, und von neuem knickte die Hüfte des Bauern ein.
»Grütze haben wir ihm gegeben, dem Biest«, sagte er, die Stimme noch mehr dämpfend. Sein pelziges Gesicht war feierlich, in seinen Augen strahlte Würde und Seligkeit. »Wir kochen die Grütze so heiß es geht und schütten sie in einen Topf, der Topf aber hat einen Sprung – begreifen Sie die Chose?«
Er zwinkerte Ljutow zu und wandte sich zu Warawka hin, der in einem kirschfarbenen Schlafrock, einer grünen, goldverbrämten tatarischen Kalotte und buntgestreiften Saffianstiefeln beinahe hoheitsvoll dastand. »Er schluckt also den Topf hinunter, der Topf aber, der ja gesprungen ist, fällt in seinem Bauch auseinander, und nun beginnt die Grütze ihm die Eingeweide zu verbrennen, begreifen Eure Exzellenz diese Chose? Es tut ihm weh, er zappelt, er springt, und nun fassen wir zu ...«
Die Sonnenstrahlen zielten auf Warawkas Gesicht, er blinzelte wohlig und streichelte mit den Handflächen seinen kupfernen Bart.
Ljutow, im zerdrückten Anzug, besät mit Fichtennadeln, hatte das Aussehen eines Menschen, der nach einem ausgedehnten Gelage soeben erst zu sich gekommen ist. Sein Gesicht war gelb geworden, das Weiße seiner halbirren Augen blutunterlaufen. Schmunzelnd, mit belegter, leiser Stimme, sagte er seiner Braut:
»Natürlich lügt er! Aber niemand in der Welt außer einem russischen Bauern kann solchen Unsinn ausdenken!«
Die jungen Mädchen standen verschlafen in einer Reihe, gähnten um die Wette und schauerten in der Morgenfrische. Ein rosiger Dunst stieg aus dem Fluß, hinter einem Schleier, auf dem lichten Wasser, erschienen Klim die bekannten Gesichter der Mädchen zum Verwechseln gleich. Makarow, in einem weißen Hemd mit aufgeknöpftem Kragen, saß mit bloßem Hals und struppigem Haar im Sand zu Füßen der Mädchen und erinnerte an die triviale Reproduktion des Bildnisses eines Italienerknaben, eine Beilage der Zeitschrift »Niwa«. Samgin bemerkte zum ersten Mal, daß die breitbrüstige Figur Makarows ebenso keilförmig war wie die des Vagabunden Inokow.
Turobojew stand abseits in gestraffter Haltung, blickte unverwandt auf Ljutows wulstigen, gewölbten Nacken und schob, als flüstere er lautlos, langsam seine Zigarette aus einem Mundwinkel in den anderen.
»Nun, wird's bald?« fragte Ljutow ungeduldig.
»Sprechen Sie ein wenig leiser, Herr«, sagte der Bauer in strengem Flüsterton. »Die Bestie ist schlau, sie hört uns.«
Er wandte sich zur Mühle um und rief:
»Mikola? He!«
Zwei Stimmen antworteten zögernd, eine männliche und eine weibliche.
»Hallo? Was soll's?«
»Hast du nachgesehen? Hat er es gefressen?«
»Ich habe nachgesehen.«
»Nun und?«
»Er hat's gefressen.«
Ljutow sah den Bauern wütend an und gab ihm einen Stoß.
»Was fällt dir ein? Ich soll nicht sprechen, und du selbst brüllst aus vollem Halse?«
Der Bauer blickte ihn erstaunt an und lächelte, daß sein ganzes Gesicht sich borstig sträubte.
»Mein Gott, er, dieser Wels, kennt mich ja, Sie aber sind ihm ein fremder Mensch. Jedes Geschöpf hat seine Vorsicht im Leben.«
Diese Worte gab der Bauer flüsternd von sich. Darauf warf er, unter der Handfläche hervor, einen Blick auf den Fluß und sagte, ebenfalls sehr leise:
»Jetzt – schauen Sie hin! Jetzt beginnt die Grütze ihn zu brennen, und er – zu springen. Jetzt gleich ...«
Er sagte dies so überzeugend, mit einem so begeisterten Gesicht, daß alle lautlos ans Ufer schlichen, und es sogar schien, als habe auch das rosig-goldene Wasser seine langsame Strömung angehalten. Den Sand tief mit dem Holzbein aufwühlend, humpelte der Bauer zur Mühle. Alina schrak zusammen und flüsterte angstvolclass="underline"
»Seht, seht! Dort am anderen Ufer das Dunkle, unterm Strauch ...«
Klim sah nichts Dunkles. Er glaubte nicht an den Wels, der Buchweizengrütze liebte. Aber er sah, daß alle rings um ihn her daran glaubten, selbst Turobojew und anscheinend auch Ljutow. Das blitzende Wasser mußte den Augen weh tun, doch alle starrten unverwandt hin, als wollten sie bis auf den Grund des Flusses dringen. Dies verwirrte Klim minutenlang. Wenn nun doch –?
»Da ist er ... er schwimmt, schwimmt!« flüsterte von neuem Alina, aber Turobojew sagte laut:
»Das ist der Schatten einer Wolke.«
»Pst«, zischte Warawka.
Alle schauten zum Himmel hinauf. Ja, dort zerfloß einsam ein weißes Wölkchen, nicht größer als ein Lammfell. Aus dem dichten Gestrüpp des Buschwerks und Schilfrohrs, nahe am Wehr, glitt vorsichtig ein Boot, in dessen Mitte der lahme Bauer stand. Er stützte sich auf einen Fischhaken und winkte ihnen mit der Hand zu. Ein breitschultriger blonder Bursche in einem grauen Hemd trieb, lautlos die Ruder ins Wasser tauchend, das Boot voran. Er saß unbeweglich, wie aus Stein, da, nur die Hände regten sich, es schien, als ob die Ruder, die das Wasser mit einer Schuppenhaut bedeckten, allein arbeiteten. Der Lahme hörte jetzt auf, mit der Hand zu winken, erhob sie über den Kopf, blickte unverwandt ins Wasser und erstarrte gleichfalls. Das Boot beschrieb erst einen Winkel von Ufer zu Ufer, darauf einen zweiten. Der Bauer ließ die linke Hand langsam sinken und erhob ebenso langsam die rechte mit dem Fischhaken.
»Schlag zu!« brüllte er und bohrte, weit ausholend, den Fischhaken in den Fluß.
Klim stand im Hintergrund und über den Anderen, er sah deutlich, daß der Lahme in einen leeren Fleck hineingestoßen hatte, und als der Bauer, ungeschickt wankend, sich mit dem Oberkörper flach über Bord und ins Wasser legte, war Klim seiner Sache sicher:
»Ein abgekartetes Spiel.«
Doch der Lahme erschütterte sofort seine Sicherheit.
»Vorbeigetroffen!« heulte er gleich einem Wolf und zappelte im Wasser. Sein rotes Hemd bauschte sich auf dem Rücken zu einer unförmigen Blase. Krampfhaft zuckte das Holzbein mit der polierten, ringförmigen Eisenspitze über dem Wasser. Er schnaubte und wackelte mit dem Kopf. Aus Haar und Bart flogen gläserne Spritzer. Er klammerte sich mit der einen Hand ans Heck des Bootes, hämmerte mit der zur Faust geballten anderen verzweifelt auf die Bootswand, heulte und stöhnte:
»A–a–ch, vorbeigetroffen! Mikolka, Satan, weshalb hast du ihn nicht mit dem Ruder erwischt, he? Mit dem Ruder, du Schafskopf! Auf den Schädel, wie? Blamiert hast du mich, Kerl!«
Der Bursche fischte bedächtig den Haken auf, legte ihn längs der Bootswand, half schweigend dem Lahmen ins Boot und trieb es mit kräftigen Ruderschlägen ans Ufer. Der Bauer stolperte naß und schlüpfrig auf den Sand, breitete die Arme aus und schwor verzweifelt:
»Ich habe vorbeigetroffen, Herrschaften! Mich blamiert, verzeihen Sie um Christi Willen! Ich habe ihn um ein Haar getroffen, habe auf den Kopf gezielt und danebengetroffen! Begreifen Sie die Chose? Ach, ihr heiligen Väter, ist das ein Jammer!«
Der Kummer hatte sogar seine Stimme verändert, sie klang hoch und schrillte kläglich. Sein gedunsenes Gesicht war eingeschrumpft und drückte ehrlichstes Leid aus. Über die Schläfen, über die Stirn, aus den Augen rieselten Wassertropfen, als schwitze sein ganzes Gesicht Tränen. Seine hohlen Augen glänzten verlegen und schuldig. Er drückte aus Kopfhaar und Bart das Wasser in die hohle Hand, es spritzte auf den Sand, auf die Rocksäume der Mädchen, und er schrie kläglich:
»Riesig war er, mehr als vier Pud schwer! Kein Wels, ein Stier, so wahr mir Gott helfe! Und der Bart – so!«
Und der Lahme maß mit den Armen in der Luft zwölf Zoll ab.
»Ein Kerl, wie?« rief, ebenfalls begeistert, Ljutow.
»Ein ausgezeichneter Schauspieler«, bestätigte Turobojew lächelnd und zog eine kleine Brieftasche aus gelbem Leder heraus.