Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Aber das geschieht, weil wir ein metaphysisches Volk sind. In jedem unserer landwirtschaftlichen Statistiker steckt ein Pythagoras, und unser Statistiker nimmt Marx wie einen Swedenborg oder Jakob Böhme in sich auf. Und die Wissenschaft können wir nur als Metaphysik vertragen. Für mich zum Beispiel ist die Mathematik die Mystik der Zahlen, einfacher gesprochen, Zauberei.«
»Nichts Neues«, flocht Turobojew leise ein.
»Daß der Deutsche der geborene Philosoph sein soll, ist Unsinn!« sagte Ljutow mit gedämpfter Stimme und sehr rasch, und seine Beine knickten ein. »Der Deutsche philosophiert maschinell, es ist für ihn Tradition, Handwerk, Feiertagsbeschäftigung. Wir aber philosophieren leidenschaftlich, selbstmörderisch, Tag und Nacht, im Schlaf, an der Brust der Geliebten und auf dem Sterbebett. Eigentlich philosophieren wir nicht, weil es bei uns, sehen Sie, nicht aus dem Verstand, sondern aus der Phantasie kommt. Wir vernünfteln nicht, wir träumen mit der ganzen bestialischen Kraft unserer Natur. Den Begriff ›bestialisch‹ müssen Sie nicht im absprechenden, sondern im quantitativen Sinn nehmen.«
Er fuchtelte mit den Armen und beschrieb in der Luft einen weiten Kreis.
»Verstehen Sie ihn als Grenzenlosigkeit und Unersättlichkeit. Vernunft wird nicht heimisch bei uns, wir sind unvernünftige Talente. Und wir alle ersticken, alle – von unten bis oben. Fliegen und stürzen. Ein Bauer steigt zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften auf. Aristokraten lassen sich ins Bauerntum herab. Und wo finden Sie so mannigfaltige und zahlreiche Sekten wie bei uns? Und dazu die fanatischsten: die Kastraten, die Flagellanten, der ›Rote Tod‹. Selbstverbrenner sind wir, wir brennen im Traum, angefangen mit Iwan dem Schrecklichen und dem Oberpriester Awwakum bis zu Michail Bakunin, Netschajew und Wsewolod Garschin. Lehnen Sie Netschajew nicht ab, das geht nicht an! Denn er ist ein prachtvoller russischer Mensch! Dem Geist nach ein leiblicher Bruder des Konstantin Leontjew und des Konstantin Pobedonoszew.«Netschajew – Terrorist, Anhänger Bakunins. – Oberpriester Awwakum, Volkspriester und Reformator, 1682 zu Moskau verbrannt. Garschin – realistischer Erzähler. Leontjew, konservativer Politiker. Konstantin Pobedonoszew, Jurist und Staatsmann, Apologet des Absolutismus und des orthodoxen Kirchenglaubens. D. Ü.
Ljutow knüpfte, fuchtelte mit den Armen und wollte sich in Stücke reißen. Doch sprach er immer leiser, zuweilen fast flüsternd. Etwas Unheimliches, Betrunkenes und wirklich Leidenschaftliches, etwas furchtbar Erlebtes brach bei ihm durch. Es war zu sehen, daß es Turobojew Anstrengung kostete, sein Geflüster und sein leises Heulen zu ertragen, in dieses erregte, rote Gesicht mit den verdrehten Augen zu schauen.
»Wie wird nur Alina mit ihm leben?« dachte Klim mit einem Blick auf das junge Mädchen. Sie hatte ihren Kopf in Lidas Schoß gelegt. Lida spielte mit ihrem Zopf und hörte aufmerksam zu.
»Sie sind anscheinend in vielem mit Dostojewski einer Meinung?« fragte Turobojew.
Ljutow fuhr zurück.
»Nein! Worin? Was das betrifft, ist mein Gewissen rein. Ich liebe ihn nicht.«
Auf der Schwelle zeigte sich Makarow und fragte böse:
»Wladimir, willst du Milch? Sie ist kalt.«
»Dostojewski ist hingerissen vom Zuchthaus. Was ist sein Zuchthaus? Eine Parade. Er war Inspektor der Parade im Zuchthaus. Und sein ganzes Leben lang vermochte er nichts zu schildern außer Zuchthäuslern, sein tugendhafter Mensch aber ist ein ›Idiot‹. Das Volk kannte er nicht, es beschäftigte ihn nicht.«
Makarow kam heraus, reichte Lida ein Glas Milch und setzte sich neben sie. Laut knurrte er:
»Wird dieser Redefluß bald ein Ende nehmen?«
Ljutow drohte ihm mit der Faust.
»Unser Volk ist das freieste auf der ganzen Erde. Es ist innerlich durch nichts gebunden. Die Wirklichkeit liebt es nicht. Es liebt Finten und Gauklerstückchen. Zauberer und Wundertäter. Idioten. Es ist selbst so ein ***+– Idiot. Morgen schon kann es den mohammedanischen Glauben annehmen – zur Probe. Jawohl, zur Probe, Herr! Kann alle seine Hütten niederbrennen und in die Sandwüste ziehen, um das Oponische Königreich zu suchen.«
Turobojew versteckte die Hände in den Taschen und fragte frostig:
»Nun, und was folgt endlich daraus?«
Ljutow schaute sich um, offenbar, um die Aufmerksamkeit noch mehr auf sich zu lenken, und antwortete, sich wiegend:
»Daraus folgt, daß das Volk die Freiheit will, nicht jene, die ihm die Politiker aufdrängen, sondern die Freiheit, die die Pfaffen ihm geben könnten, die Freiheit, furchtbar und auf jede Art zu sündigen, um zu erschrecken und dann für dreihundert Jahre in sich selbst still zu sein: So, erledigt! Alles ist erledigt! Alle Sünden sind erfüllt. Wir haben Luft!«
»Eine merkwürdige Theorie«, sagte Turobojew achselzuckend und stieg von der Veranda ins nächtliche Dunkel hinab. Zehn Schritt entfernt, sagte er laut:
»Und es ist doch – Dostojewski. Wenn nicht seine Gedanken, so doch sein Geist ...«
Ljutow kniff seine schielenden Augen zu und murmelte:
»Wir leben, um zu sündigen und uns so von den Anfechtungen zu befreien. Sündigst du nicht, kannst du nicht bereuen, ohne Reue aber gibt es keine Erlösung ...«
Alle schwiegen und blickten auf den Fluß. Auf der schwarzen Bahn bewegte sich lautlos ein Kahn. An seinem Bug brannte und kräuselte sich eine Fackel. Ein schwarzer Mann rührte behutsam die Ruder, ein zweiter, mit einer langen Stange in den Händen, beugte sich über Bord und zielte mit der Stange auf das Spiegelbild der Fackel im Wasser. Das Bild änderte wundersam seine Formen, bald glich es einem goldenen Fisch mit vielen Flossen, bald einer tiefen, auf den Grund des Flusses reichenden roten Gruft, in die der Mann mit der Stange sich zu springen anschickte, aber nicht getraute.
Ljutow blickte zum Himmel empor, der verschwenderisch mit Sternen besät war, zog seine Uhr hervor und sagte:
»Es ist noch früh. Wünschen Sie nicht spazieren zu gehen, Alina Markowna?«
»Wenn Sie schweigen – ja.«
»Wie das Grab?«
»Ich gestatte armenische Witze.«
»Nun, auch dafür weiß ich Ihnen Dank«, sagte Ljutow, während er seiner Braut beim Aufstehen behilflich war. Sie nahm seinen Arm.
Als sie sich ungefähr dreißig Schritte entfernt hatten, sagte Lida stilclass="underline"
»Er tut mir leid.«
Makarow knurrte etwas Undeutliches. Klim fragte:
»Weshalb – leid?«
Lida antwortete nicht, aber Makarow sagte halblaut:
»Hast du gesehen – wie er sich aufregt? Er möchte sich selbst überschreien.« »Verstehe ich nicht.«
»Was ist denn dabei nicht zu verstehen?« Lida erhob sich.
»Begleite mich, Konstantin.«
Auch sie gingen fort. Der Sand knirschte. In Warawkas Zimmer klapperten hart und flink die Kugeln des Rechenbretts. Das rote Feuer auf dem Boot leuchtete in weiter Ferne, am Mühlenwehr. Klim saß auf den Verandastufen, sah der verschwindenden weißen Figur des Mädchens nach und beteuerte sich selbst:
»Ich bin doch nicht in sie verliebt?«
Um nicht denken zu müssen, ging er zu Warawka und fragte, ob er ihn brauche. Er brauchte ihn. Ungefähr zwei Stunden saß er hinter dem Tisch mit dem Abschreiben der Projekte eines Vertrages zwischen Warawka und der Stadtverwaltung über den Bau eines neuen Theaters beschäftigt. Er schrieb und horchte mit allen Sinnen in die Stille. Doch alles rings umher schwieg steinern. Keine Stimme, kein Rascheln von Schritten.
Bei Sonnenaufgang stand Klim unter den Weiden des Mühlenwehrs und hörte zu, wie der Bauer mit dem Holzbein mit leiser begeisterter Stimme erzählte:
»Der Wels liebt Grütze. Hirsebrei oder, sagen wir mal, Buchweizengrütze, ist seine Lieblingsspeise. Ein Wels hätte sich für Grütze zu allem herankriegen.«