Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Die Erinnerung an Kutusow verwirrte Klim einigermaßen, er sah sich innerlich über einen Widerspruch stolpern, doch rasch machte er einen Bogen um ihn, indem er sich sagte:
»Hier ist eine Wirrnis, doch sie zeigt nur an, daß es gefährlich ist, sich fremder Ideen zu bedienen. Es gibt einen Korrektor, der diese Fehler anstreicht.«
Darauf kehrte Klim Samgin von neuem zu seiner Erkenntnis zurück:
»Daher erscheint es mir auch zuweilen, daß meine Gedanken im leeren Raum sieden. Auch was ich diese Nacht empfinden mußte, hängt natürlich mit dem Heranreifen meines Glaubens zusammen.«
Er lächelte zögernd, froh über seine Entdeckung, doch noch nicht ganz überzeugt von ihrem Wert. Indessen, sich vollends davon zu überzeugen, war nun nicht mehr schwierig. Nachdem er noch einige Minuten nachgedacht hatte, erhob er sich, reckte sich wollüstig, um die ermüdeten Muskeln zu lockern, und ging rüstig nach Hause.
Warawka und Ljutow saßen am Tisch, Ljutow mit dem Rücken zur Tür. Beim Eintreten hörte Klim ihn sagen:
»Die erste Geige in einer Zeitung ist nicht der politische Redakteur, sondern der Feuilletonist.«
Warawka empfing Klim übellaunig:
»Wo warst du? Man hat dich vor dem Frühstück gesucht und nicht gefunden. Und wo ist Turobojew? Mit den Mädchen? Hm ... ja! Sei so gut Klim und schreib mir diese beiden Zettel ab.«
Ljutow sah mit scheelem, argwöhnischem Blick auf Klim, beugte sich dann über ein Blatt Papier und unterstrich etwas:
»Wahrscheinlich wird mein Onkel auf Ihre Bedingungen nicht eingehen«, sagte er.
Er nahm mit nervöser Bewegung eine Flasche vom Tisch und goß Bier in sein Glas. Drei Flaschen waren schon geleert Klim ging fort. Während er die Papiere abschrieb, lauschte er den undeutlichen Stimmen Warawkas und Ljutows. Ihre Stimmen waren beinahe gleich hoch und kreischten manchmal auf eine so seltsame Weise, als kläfften zwei Hündchen, die man in einem Zimmer eingesperrt hatte, einander zornig an.
Turobojew, Makarow und die Mädchen erschienen erst zum Abendessen. Klim erkannte sogleich, daß Lida unfroh und nachdenklich gestimmt war, schob es aber auf ihre Müdigkeit. Makarow hatte das Aussehen eines Menschen, der soeben aufgewacht ist. Ein zerstreutes Lächeln säumte seine schön geschnittenen Lippen, aber er rauchte nach seiner Gewohnheit ohne Unterlaß. Die Zigarette qualmte in seinem Mundwinkel, und ihr Rauch zwang Makarow, das linke Auge zuzukneifen. Es war seltsam zu sehen, wie unverwandt und erstaunt Alina Turobojew ansah, während in den frostigen Augen des Aristokraten zwar eine gewisse Besorgtheit bemerkbar war, doch das gewohnte maliziöse Lächeln fehlte. Alle erschienen in dem Moment, als Klim Samgin das Schauspiel der rhetorischen Raserei Warawkas und Ljutows beobachtete.
Es lag etwas Hungriges, Wollüstiges und schließlich sogar Lächerliches in der Wut, mit der diese Menschen stritten. Es schien, als hätten sie schon lange eine Gelegenheit gesucht, einander zu begegnen, um sich ironische Ausrufe an den Kopf zu werfen, in spöttischen Grimassen zu wetteifern und einander auf jegliche Art zu beweisen, daß man den anderen nicht achte. Warawka rekelte sich salopp im Korbstuhl. Er hatte seine kurzen Beine von sich gestreckt und die Hände in den Taschen vergraben, es sah so aus, als habe er sie in seinen Bauch gebohrt. Beim Zuhören blies er seine knallroten Backen auf und kniff die Bärenäuglein zu. Wenn er sprach, wand sein ungetümer Bart sich wogend auf dem Battist seines Hemdes gleich einer monströsen Zunge, die bereit ist, alles wegzulecken.
»Erlauben Sie!« kreischte er durchdringend. »Sie haben selbst zugegeben, daß die Industrie des Landes sich im Keimzustand befindet – und trotzdem halten Sie es für möglich, ja für unvermeidlich, den Arbeitern Feindseligkeit gegen die Unternehmer einzuflößen?«
»Hähähä«, lachte Ljutow näselnd und aufreizend. »Fügen Sie noch hinzu, daß der Klassenhaß notwendig die Entwicklung der Kultur aufhält, wie dies aus dem Beispiel Europas hervorgeht...«
Klim machte dieses Lachen, in dem nichts Scherzhaftes lag, aus dem aber deutlich unverschämter Spott sprach, staunen. Ljutow saß mit gekrümmtem Rücken auf dem Stuhlrand und stemmte die Hände flach gegen die Knie. Klim sah, wie seine schielenden Augen zitterten, in dem Bestreben, sich auf Warawkas Gesicht einzustellen, und, da es ihnen nicht gelang, hüpften und Ljutow zwangen, den Kopf hin und her zu drehen. Klim sah ferner, daß dieser Mensch alle gegen sich aufbrachte, Lida, die Tee eingoß, ausgenommen. Makarow blickte durch die offene Verandatür, klopfte sich mit dem Löffel auf die Nägel der linken Hand und hörte offensichtlich nichts.
»Aber die Beweggründe? Ihre Beweggründe?« krähte Warawka, »Was veranlaßt Sie, die Feindschaft anzuerkennen ...«
»Mein Name«, kreischte Ljutow. »Grimmig hasse ich die Langeweile des Lebens.«
Turobojew schnitt eine Grimasse. Alina, die es bemerkte, beugte sich zu Lida, flüsterte ihr etwas ins Ohr und versteckte ihr rot gewordenes Gesicht hinter der Schulter ihrer Freundin. Ohne sie anzusehen, stieß Lida ihre Tasse zur Seite und runzelte die Stirn.
»Wladimir Iwanowitsch«, heulte Warawka. »Sprechen wir ernsthaft oder nicht?«
»Durchaus«, rief erregt Ljutow.
»Ja, was wollen Sie eigentlich?«
»Freiheit!«
»Anarchie?«
»Wie Sie wünschen. Wenn bei uns Fürsten und Grafen hartnäckig Anarchie predigen, gestatten Sie auch einem Kaufmannssohn, gutherzig über dieses Thema zu schwatzen! Gestatten Sie dem Menschen die ganze Süßigkeit und den ganzen Schrecken – jawohl, Schrecken! – des freien Handelns auszukosten. Setzen Sie ihm keine Schranken.«
»Und dann?« fragte laut Turobojew.
Ljutow schaukelte auf dem Stuhl nach seiner Richtung hin und reckte den Arm gegen ihn aus.
»Dann wird er sich selbst, kraft seiner eigenen Freiheit, Schranken setzen. Er ist feige, der Mensch, er ist gierig. Er ist klug, weil er feige ist, gerade deshalb. Erlauben Sie es, und Sie erhalten die vortrefflichsten, zahmsten, fleißigsten Menschen, die unverzüglich sich selbst und einander bändigen und fesseln, sich dem Gotte wohltätigen und friedlichen Lebens hingeben werden.«
Warawka riß empört die Hand aus der Tasche und winkte ab:
»Verzeihen Sie, das ist nicht ernsthaft!«
»Darf man ein paar Worte sagen?« fragte Turobojew.
Er wartete die Erlaubnis nicht ab, sondern begann, ohne Ljutow anzusehen:
»Wenn ich Leute streiten höre, entsteht bei mir der schmerzliche Eindruck, daß wir russischen Menschen unseres Verstandes nicht mächtig sind. Bei uns lenkt nicht der Mensch seinen Gedanken, sondern dieser knechtet jenen. Sie erinnern sich, Samgin, Kutusow nannte unsere Diskussionen eine »Parade der Paradoxien«?«
»Nun, Herr? Nun und, Herr?« kreischte Ljutow anzüglich. »Es gibt bei uns erstaunlich viele Leute, die, nachdem sie einmal einen fremden Gedanken angenommen haben, sich gleichsam scheuen, ihn zu prüfen, von sich aus zu verbessern, vielmehr, umgekehrt, lediglich bestrebt sind, ihn auszurichten, zu überspitzen und über alle Grenzen der Logik und des Möglichen hinaus zu treiben. Überhaupt will mir scheinen, als sei das Denken für den russischen Menschen etwas Ungewohntes, ja Ängstigendes, wenn auch Verführerisches. Diese Unfähigkeit, seinen Verstand zu lenken, flößt dem einen Furcht vor ihm, Feindseligkeit gegen ihn, dem anderen sklavische Unterordnung unter die Willkür seines Spiels ein, eines Spiels, welches überaus häufig die Menschen verdirbt.«
Ljutow rieb sich die Hände und grinste höhnisch. Klim mußte daran denken, daß er am häufigsten, ja so gut wie immer gute Gedanken aus dem Munde unangenehmer Menschen zu hören bekam. Ihm gefielen die schreienden Versicherungen Ljutows über die Notwendigkeit der Freiheit, er billigte Turobojews Hinweis auf die russische Unfähigkeit, kaltblütig zu denken. Sich seinen Gedanken überlassend, überhörte er die letzten Worte Turobojews und wurde von Ljutows Schrei überrumpelt: