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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Das hatte keine Ähnlichkeit mit jener Schwermut, die er unlängst durchlitten halte, es war die traumhafte, bange Empfindung eines Sturzes ins Bodenlose, an seinen gewohnten Gedanken vorüber, einem neuen ihm feindlichen entgegen. Seine Gedanken befanden sich irgendwo in seinem Innern, aber sie waren gleichfalls stumm und ohnmächtig wie Schatten. Klim Samgin fühlte dunkel, daß er sich etwas gestehen mußte, aber er war unfähig oder fürchtete sich, zu begreifen, was.

Ein Sturm brach los. Die Fichten rauschten, auf dem Dache pfiff etwas gepreßt. Das Mondlicht schoß ins Zimmer, verschwand darin, und von neuem erfüllten es die raschelnden Geräusche und das Wispern der Dunkelheit. Der Sturmwind zerstreute schnell die kurze Frühlingsnacht, der Himmel färbte sich in frostiges Grün. Klim wickelte den Kopf in die Decke, ihn durchzuckte der jähe Gedanke:

»Im Grunde bin ich impotent.«

Doch diese Ahnung verschwand, ohne ihn zu verwunden, und er begann von neuem in sich hineinzuhorchen, wo das Verwüstende, Gestaltlose mitten durch ihn hindurchströmte.

Er erhob sich früh mit der Empfindung, daß sein Kopf inwendig eingestaubt war, und dachte:

»Woher und wozu kommen mir solche Stimmungen?«

Als er allein beim Tee saß, erschienen Turobojew und Warawka, grau, in Staubmänteln. Warawka sah aus wie eine Tonne, während Turobojew auch in dem grauen, weiten Sack seine Seltsamkeit nicht einbüßte und als er das Segeltuch von den Schultern geworfen hatte, Klim noch gestraffter und betont trocken erschien. Seine kalten Augen waren in die Tiefe grünlicher Schatten gebettet, und Klim bemerkte etwas sehr Trauriges und Böses in ihrem regungslosen Blick.

Warawka schüttelte den Staub aus seinem Bart und teilte Klim mit, seine Mutter bitte ihn, schon morgen abend in die Stadt zurückzukehren.

»Sie erwartet den Besuch dieser Musiker, du kennst sie ja, nun, und ...«

Er machte eine unbestimmte Bewegung mit seiner roten Hand. Klim dachte beinahe erbost;

»Warawka und die Mutter jagen mich anscheinend absichtlich hin und her. Sie wollen, daß ich so wenig wie möglich mit Lida zusammen bin.«

Er mußte ferner auf den Gedanken kommen, daß die Menschen, die er kannte, sich mit so verdächtiger Geschwindigkeit um ihn versammelten, wie sie nur auf der Bühne oder auf der Straße, nach einem Unfall, glaubwürdig war. In die Stadt zu fahren, hatte er keine Lust; ihn quälte die Neugier, wie Lida wohl Turobojew empfangen würde.

Warawka zog aus seiner dickbäuchigen Aktenmappe Pläne und Papiere und verbreitete sich über die Hoffnungen der liberalen Landwirte auf den neuen Zaren. Turobojew hörte ihm mit undurchdringlicher Miene zu, während er langsam Milch aus einem Glase schlürfte. In der Verandatür tauchte, mit feuchtem Haar und rotem Gesicht, Ljutow auf und zwinkerte mit seinen schielenden Augen.

»Und ich habe gebadet!«

»Etwas früh, etwas gewagt«, sagte vorwurfsvoll Warawka. »Gestatten Sie, Ihnen vorzustellen ...«

Klim nahm wahr, daß Turobojew Ljutows Hand sehr lässig drückte, die seinige sogleich in die Tasche steckte und sich über den Tisch neigte. Seine Finger rollten nervös Brotkügelchen. Warawka schob rasch das Geschirr beiseite, faltete einen Plan auseinander und sprach, während er mit dem Stiel eines Teelöffels auf ihre grünen Flecken klopfte, von Wäldern, Sümpfen und Sandflächen. Klim stand auf und ging hinaus, da er fühlte, wie in ihm der Haß gegen diese Leute erwachte.

Auf einem Hügel im Walde wählte er sich einen Platz, von wo aus er alle Villen, das Flußufer, die Mühle, und die Straße nach dem kleinen in der Nähe der Landhäuser Warawkas gelegenen Kirchdorf Nikonowo überschauen konnte, setzte sich in den Sand unter den Birken und packte Brunetieres Buch »Symbolisten und Decadente« ars. Aber die Sonne störte, und noch mehr die Notwendigkeit, zu verfolgen, was dort unten geschah.

Neben der Mühle teerte ein bärtiger Bauer in einem roten Hemd, winzig wie ein Spielzeug, den Boden eines Kahns. Die dumpfen Schläge des hölzernen Hammers zerteilten mit festem Ton die Stille. Ein ebenso winziges Bauernweib trieb, ihren Rocksaum schüttelnd, Gänse zum Fluß. Zwei Knaben mit Angelruten über der Schulter gingen am Ufer entlang – der eine gelb, der andere blau. Da kam auch Makarow, sein Handtuch schwenkend, trat er auf den Steg des Badehauses, ließ seinen nackten Fuß ins Wasser hängen, zog ihn heraus und schüttelte ihn wie ein Hund. Darauf legte er sich bäuchlings über den Steg und wusch Kopf und Gesicht, worauf er zum Landhaus zurückschlenderte. Im Gehen trocknete er seine Haare, es schien, als wickle er das Handtuch um den Kopf, um ihn abzureißen.

Von der Sonne gewärmt, von den würzigen Düften des Waldes berauscht, nickte Klim ein. Als er die Augen öffnete, stand unten Turobojew am Flußufer. Er hatte den Hut abgenommen und folgte, wie auf Drehangeln jeder Wendung Alina Telepnews, die den Weg zur Mühle einschlug. Und linker Hand, in der Ferne, auf der Straße zum Dorf, schwebte gleichsam über dem Erdboden das zierliche weiße Figürchen Lidas.

»Ob sie ihn gesehen hat? Ob sie miteinander gesprochen haben?«

Er stand auf, um zum Fluß hinabzusteigen, doch ihn hemmte das Gefühl schwerer Abneigung gegen Turobojew, gegen Ljutow, gegen Alina, die sich verkaufte, gegen Makarow und Lida, die ihr ihre Schamlosigkeit nicht vorhalten wollten oder konnten.

»Stände ich ihr so nahe wie sie ... Übrigens hol sie alle der Teufel!«

Er ließ sich träge in den Sand sinken, der bereits stark von der Sonne erhitzt war, putzte seine Brillengläser und beobachtete dabei Turobojew, der immer noch auf demselben Fleck stand, sein Bärtchen zwischen zwei Finger preßte und sich mit seinem grauen Hut das Gesicht fächelte. Ihm näherte sich Makarow, und nun wandten sie sich beide zur Mühle.

»Im Grunde sind alle diese Gescheiten fade Menschen. Und – falsche«, zwang sich Klim zu denken, da er fühlte, daß sich seiner von neuem die Stimmung der vergangenen Nacht bemächtigte. »In der Seele jedes von ihnen, hinter ihren Worten, liegt gewiß etwas Banales, Der Unterschied zwischen ihnen und mir besteht nur darin, daß sie es verstehen, gläubig oder ungläubig zu erscheinen, während ich bis jetzt weder einen festen Glauben noch einen standhaften Unglauben besitze.« Klim Samgin hatte nicht zum erstenmal die Vorstellung, daß von außen her eine Menge spitzer und gleichwertiger Gedanken in ihn eindrangen. Sie waren widerspruchsvoll, und es war notwendig, von ihnen diejenigen abzusondern, die ihm am besten paßten. Doch jeder Versuch, Ordnung in all das hineinzubringen, was er vernahm und las, einen Kreis von Meinungen zu schaffen, der ihm als Schild gegen den Ansturm der Gescheiten dienen und gleichzeitig seine Persönlichkeit mit hinreichender Schärfe betonen konnte, scheiterte. Er fühlte, daß sich in ihm ein langsamer Wirbel verschiedener Meinungen, Ideen und Theorien drehte, aber dieser Wirbel schwächte ihn nur, ohne ihm etwas zu geben, ohne in seine Seele, in sein Herz einzugehen. Zuweilen schreckte ihn bereits diese Empfindung seiner selbst als eines Leerraums, in dem unaufhörlich Worte und Gedanken siedeten – siedeten, ohne zu wärmen. Er fragte sich sogar:

»Ich bin doch nicht dumm?«

An diesem heißen Tage, als er im Sand saß und sah, wie Turobojew, Makarow und zwischen ihnen Alina von der Mühle zurückkehrten, durchzuckte ihn eine tröstliche Ahnung:

»Ich ängstige mich unnötig. Im Grunde ist alles sehr einfach: meine Stunde, zu glauben, ist noch nicht gekommen. Doch schon reift irgendwo tief in meiner Seele das Korn des wahren Glaubens, meines Glaubens! Er ist mir noch nicht klar, aber es ist seine geheimnisvolle Kraft, die alles Fremde von mir abwehrt und mir nicht erlaubt, es anzunehmen. Es gibt Ideen, die für mich und solche, die nicht für mich bestimmt sind. Die einen muß ich erleben, die anderen brauche ich nur zu kennen. Ich bin nur noch nicht den mir »chemisch verwandten« Ideen begegnet, Kutusow sagt sehr richtig, daß für jedes soziale Individuum ein bestimmter Kreis von Meinungen und Anschauungen existiert, die ihm chemisch verwandt sind.«

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