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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Das Volk hat über alles nachgedacht, liebe Lida Timofejewna, sowohl über das Paradies der Unschuld wie über die Hölle der Erkenntnis.«

Im Zimmer war kein Licht, das Dunkel verzerrte Ljutows Gestalt, der es die festen Umrisse nahm. Lida, weiß gekleidet, saß am Fenster, auf dem Musselin der Gardine zeichnete sich nur ihr kraushaariger, schwarzer Kopf ab. Klim blieb auf der Schwelle hinter Ljutows Rücken stehen und vernahm:

»Als Adam, aus dem Paradiese vertrieben, sich nach dem Baum der Erkenntnis umwandte, sah er, daß Gott den Baum schon zerstört hatte: er war verdorrt. Und Satan trat zu Adam und sprach: ›Verstoßenes Kind, dir steht kein anderer Weg offen, denn der zu irdischer Qual führt.‹ Und er entführte Adam in die irdische Hölle und zeigte ihm alle Herrlichkeit und alle Greuel, so Adams Same erschaffen sollte. Über dieses Thema hat der Magyare Imre Madacz ein sehr bedeutsames Werk verfaßt. – Also so muß das verstanden werden, Lidotschka, Sie aber ...«

»Ich meine nicht dies«, sagte Lida. »Ich glaube nicht ... wer ist da?«

»Ich«, antwortete Klim.

»Warum erscheinst du so geheimnisvoll?«

Klim hörte in ihrer Stimme Unmut, war verletzt, ging zum Tisch und zündete die Lampe an. Blinzelnd trat der zerzauste Makarow ein, warf einen scheelen Blick auf Ljutow und sagte, während er beide Hände gegen Ljutows Schultern stemmte und ihn so in den geflochtenen Sessel hineinzwängte:

»Du kannst selbst nicht schlafen und schläferst die anderen ein?«

Lida fragte:

»Weshalb hast du die Lampe angezündet? Das Wetterleuchten blitzte so schön.«

»Das ist nicht Wetterleuchten, sondern ein Gewitter«, berichtigte Klim und schickte sich an, die Lampe wieder zu löschen, aber Lida sagte:

»Laß nur.«

Makarow wandelte leise pfeifend auf der Veranda auf und nieder, bald tauchte er auf, bald verschwand er, erhellt von dem stummen Züngeln der Blitze.

Lida erhob sich:

»Begleiten Sie mich«, wandte sie sich an Ljutow.

»Mit Wonne.«

Als sie auf die Veranda hinaustraten, erklärte Makarow:

»Ich komme auch mit.«

Aber Lida sagte:

»Nein, es ist nicht nötig.«

Makarow schlang die Hände um den Nacken, sah eine oder zwei Minuten lang zu, wie Ljutow Lida beim Gehen behilflich war, indem er die Zweige der jungen Fichten zurückbog, und sagte darauf, Klim zulächelnd:

»Hast du gehört? Nicht nötig. Häufiger als alle anderen Worte, die ihr Verhältnis zur Welt und zu den Menschen bestimmen, hört man aus ihrem Munde: ›nicht nötig‹.« Nachdem Makarow sich eine Zigarette angezündet hatte, ließ er das Zündholz herunterbrennen, stemmte sich mit der Schulter gegen den Türpfosten und fuhr im Ton eines Arztes, der einem Kollegen eine interessante Krankengeschichte erzählt, fort:

»Wenn sie sich mit dem einen unterhält, ist sie immer darauf bedacht, daß der andere nicht hört und nicht weiß, wovon die Rede ist. Sie scheint zu fürchten, daß andernfalls die Menschen nicht aufrichtig seien, sondern einstimmig dasselbe sagen würden. Aber obwohl Widersprüche sie fesseln, liebt sie selbst nicht, sie herauszufordern. Vielleicht glaubt sie, jeder Mensch besitze ein Geheimnis, das er nur der Jungfrau Lida Warawka allein anvertrauen könne?«

Klim fand, daß Makarow recht hatte, und war empört: weshalb mußte gerade Makarow und nicht er das sagen? Und über die Brille hinweg seinen Kameraden musternd, stellte er fest, daß die Mutter wahr gesprochen hatte: Makarows Gesicht war schillernd. Wenn nicht die kindlichen, einfältigen Augen – es wäre das Gesicht eines lasterhaften Menschen. Mit spöttischem Lächeln sagte Klim:

»Und du bist doch in sie verliebt?«

»Ich sagte dir bereits – nein.«

Makarow blies so heftig auf seine Zigarette, daß aus ihrem Brand Funken stoben.

»Dabei ist sie nicht eitel. Mir scheint sogar, sie hat eine zu geringe Meinung von sich. Sie fühlt sehr gut, daß das Leben eine todernste Sache ist und nicht für harmlose Scherze taugt. Zuweilen scheint es, als lebe in ihr die Feindschaft gegen sich selbst, gegen den Menschen, der sie gestern war.«

Makarow schwieg, dann lachte er ganz leise und sagte:

»Ein Naturwissenschaftler, ein Bekannter von mir, ein sehr begabter Junge, aber ein Schwein und ein Louis – er lebt offen mit einem reichen alten Weibsbild – sagte sehr gut: ›Wir alle werden von der Vergangenheit ausgehalten.‹ Ich tadelte ihn einmal, und da tat er diesen Ausspruch. Es ist etwas Wahres daran, mein Lieber ...«

»Ich sehe darin nichts außer Zynismus«, sagte Klim.

Das Gewitter zog herauf. Eine schwarze Wolke hüllte alles rings umher in undurchdringlichen Schatten. Der Fluß verschwand, nur an einer Stelle beleuchtete Licht aus einem Fenster des Hauses der Telepnew das tiefsatte Wasser.

Makarow glich sehr wenig jenem Jüngling in der blutgetränkten Segeltuchbluse, den Klim voll Angst durch die Straßen geführt hatte. Diese Verwandlung seines Wesens erregte sowohl Neugier als auch Verdruß.

»Du hast dich verändert, Konstantin«, sagte Samgin mißbilligend.

Makarow fragte lächelnd:

»Zum Besseren?«

»Ich weiß nicht.«

Makarow nickte und führte die Handflächen über die auseinanderstehenden Haare:

»Mir scheint, ich bin ruhiger geworden. Ich habe, weißt du, von mir den Eindruck zurückbehalten, als hätte ich damals auf ein wildes Tier Jagd gemacht und nicht auf mich geschossen, sondern auf es. Und dann habe ich auch um die Ecke geblickt.«

Nach einigem Schweigen begann er nachdenklich und leise zu erzählen:

»Als Kind fürchtete ich nichts, weder Dunkelheit noch Donner, weder Schlägereien noch den Schein nächtlicher Feuersbrünste. Wir wohnten in einer Säuferstraße, dort brannte es häufig. Aber Ecken fürchtete ich sogar am Tage. Ging ich durch die Straße und mußte um eine Ecke biegen, so schien mir immer, daß dahinter etwas auf mich lauerte, nicht Jungen, die mich verprügeln konnten, überhaupt nichts Reales, sondern etwas ... aus dem Märchen. Vielleicht war es auch nicht Furcht, sondern allzu gierige Erwartung dessen, was anders war, als das, was ich sah und kannte. Ich, mein Lieber, habe schon mit zehn Jahren viel gekannt, beinahe alles, was man in diesem Alter nicht kennen sollte. Möglich, daß ich auf das wartete, was mir noch unbekannt war, ganz gleich: ob Schlimmeres oder Besseres, nur etwas anderes sollte es sein.«

Er sah Klim mit lachenden Augen an und seufzte tief:

»Und jetzt blicke ich ruhig um alle Ecken, weil ich weiß: auch hinter jener Ecke, die man für die allerschrecklichste hält, ist nichts.«

»Ich glaube, das Schrecklichste im Leben ist – die Lüge!« sagte Klim Samgin in unbeugsamem Ton.

»Ja. Und – die Dummheit. Nach meiner Meinung leben die Menschen sehr dumm.«

Beide verstummten.

»Ich gehe jetzt. Ich werde noch ein wenig spielen«, sagte Makarow.

Über dem Tisch, rund um die Lampe, flatterten kleine graue, unnütze Lebewesen, verbrannten sich, fielen auf das Tischtuch und bedeckten es mit ihrer Asche. Klim sperrte die Tür auf die Veranda ab, löschte das Licht und ging schlafen.

Während Klim dem Brüllen des heranziehenden Donners lauschte, verloren seine Gedanken sich im Gegenstandslosen, das sich weder in Worte noch in Bilder fügte. Er fühlte sich im Sturzbach des Unfaßlichen. In einem Sturzbach, der langsam mitten durch ihn hindurchging, aber scheinbar auch außerhalb seines Gehirns schäumte; im dumpfen Rollen des Donners, im Pochen der vereinzelten schweren Regentropfen gegen das Dach, in dem Lied von Grieg, das Makarow spielte. Nachdem die Wolke in tristem Zuge einige Dutzend schwere Tropfen herabgeworfen hatte, schwebte sie vorüber. Der Donner wurde leiser, entfernter. Leuchtend blickte der Mond ins Fenster, und sein Licht störte gleichsam ringsum alles auf, die Möbel rührten sich, die Wand schwankte. In der Mühle bellte ängstlich ein Hund. Makarow hörte auf zu spielen. Eine Tür fiel ins Schloß. Gedämpft ertönte die Stimme Ljutows. Dann verstummte alles, und in dieser erstarrten Stille fühlte Klim noch stärker den Strom eines ungestalteten Gedankens.

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