Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Dazu bedarf es des Willens.«
Makarow sprach zwei Minuten lang mit gedämpfter Stimme und so schnell, daß Klim nur abgerissene Bruchstücke von Sätzen unterschied.
»Egoismus des Geschlechts... Täuschung...«
Darauf fing wieder Ljutow an, ebenfalls leise, aber durchdringend auf der Stille zu hämmern:
»Ungemein reif und sehr interessant. Du vergißt jedoch, daß meine Wenigkeit ein Kaufmannssohn ist. Das verpflichtet mich, mit äußerster Genauigkeit zu taxieren und abzuwägen. Alina Markowna ist auch nicht jeglicher Weltklugheit beraubt. Sie sieht, daß der künftige Gefährte ihrer ersten Schritte ins Leben einem Adonis nur sehr entfernt ähnelt, ja durchaus unähnlich ist. Aber sie weiß und hat wohl erwogen, daß er der einzige Erbe der Firma ›Gebrüder Ljutow. Daunen und Federn‹ ist.«
Ljutow wurde sekundenlang von Makarows Gezwitscher unterbrochen.
»Mein Freund, du bist dumm wie Bohnenstroh«, fuhr Ljutow fort. »Ich kaufe doch nicht ein Gemälde, ich breite mein Ich vor einem Weibe aus, mit dem nicht nur mein irdischer Leib, sondern auch meine hungrige Seele sich zu verschmelzen begehrt. Und so, die wundervolle Hand dieses Weibes liebkosend, spreche ich: Werkzeug der Werkzeuge. Was heißt denn das wieder? fragt sie. Ich antworte: So weise hat ein alter Grieche die menschliche Hand benamset. Sie sollten sagt sie, lieber Ihre eigenen Worte gebrauchen, vielleicht würde es dann spaßiger sein. Denk bloß, Kostja, spaßiger! Und das ist alles! Ich stehe ratlos: bin ich denn nur zum Spaßmachen geschaffen?«
»Genug jetzt, Wladimir. Geh schlafen«, sagte laut und zornig Makarow. »Ich sagte dir schon, daß ich dieses ... Finten nicht verstehe. Ich weiß eins: Das Weib gebärt den Mann für das Weib«
»Abscheuliche Ketzerei«
»Das Matriarchat«
Ljutow pfiff klingend, und die Worte der Freunde wurden undeutlich.
Klim seufzte erleichtert auf. Ein Käfer war ihm in den Hemdkragen gekrochen, lief über seinen Rücken und verursachte einen unerträglichen Juckreiz. Mehrmals hatte er vorsichtig versucht, den Rücken am Stamm einer Birke zu scheuern, aber der Baum knarrte und schwankte rauschend. Er hatte vor Aufregung geschwitzt, als er sich vorstellte, daß Makarow gleich aufstehen, sich umschauen und den Horcher entdecken würde.
Ljutows Klagen vernahm er mit Vergnügen. Er hatte sogar zweimal ein Lächeln nicht verbeißen können. Ihm schien, an Makarows Stelle würde er klüger gesprochen und auf Ljutows Frage: »Bin ich denn nur zum Spaßmachen da?« mit der Gegenfrage geantwortet haben: »Wozu denn sonst?«
An der Stelle, wo Makarow saß, wölkte sich immer noch blauer Rauch. Klim stieg hinunter. In einer Sandgrube schlängelten sich goldene und blaue Feuerwürmer und fraßen rotes Nadellaub und kleine Stückchen seidiger Birkenrinde.
»Was für eine Kinderei!« dachte Klim, schüttete das lebende Feuer mit Sand zu, den Sand trat er sorgsam mit den Füßen fest. Als er sich in gleicher Höhe mit Warawkas Landhaus befand, rief ihn aus einem Fenster leise Makarow an:
»Wo willst du hin?«
Die unvermeidliche Zigarette zwischen den Zähnen, ein Papier in der Hand, stand er sehr malerisch da. Er sagte:
»Die jungen Mädchen befinden sich in gereizter Stimmung. Alina fürchtet, daß sie sich erkältet hat und quäkelt. Lida ist unversöhnlich gestimmt und hat Ljutow angeschrien, weil er das »Tagebuch der Baschkirzew«Baschkirzew, Maria Konstantinowna (1860-1884), Malerin und Schriftstellerin. Ihr 1887 in französischer Sprache erschienenes »Tagebuch« ist ein unerbittlicher Spiegel des Pessimismus und der Lebensflucht, die die aristokratische russische Jugend ihrer Zeit beherrschten. nicht gebilligt hat.«
Da Klim befürchtete, daß Makarow ebenfalls zu den Mädchen gehen würde, beschloß er, sie später aufzusuchen und trat ins Zimmer. Makarow ließ sich auf einem Stuhl nieder, knöpfte den Hemdkragen auf und schüttelte heftig den Kopf. Dann legte er ein Heft dünnen Papiers auf die Fensterbank und beschwerte es mit dem Aschenbecher.
»Alle, Bruder, befinden sich in so einer bangen Erwartung«, sagte er stirnrunzelnd und wühlte sein Haar auf. »Aus der Literatur ist nicht ersichtlich, daß die Menschen vergangener Zeiten eine so sonderbare Bangigkeit verspürt hätten. Am Ende ist es gar keine Bangigkeit?«
»Ich weiß nicht«, sagte Klim, der eben diese Bangigkeit empfand. Darauf fügte er träge hinzu: »Man sagt, daß sich eine Belebung ankündigt ...«
»In den Büchern.«
Klim schwieg eine Weile, beschäftigt, den seltsamen Flug der entfärbten Fliegen im rötlichen Strahl der Sonne zu verfolgen. Einige schienen in der Luft einen unbeweglichen Punkt zu erspähen und hielten lange Zeit zitternd über ihm, ohne sich zu getrauen, sich niederzusetzen, fielen, dann fast bis zum Fußböden hinab und stiegen von neuem zu dem unsichtbaren Punkt empor. Klim zeigte mit den Augen auf das Heft:
»Was hast du da?«
»Den Programmentwurf des »Bundes der Sozialisten«. Es wird darin behauptet, daß die Dorfgemeinde unseren Bauern aufnahmefähiger für den Sozialismus mache, als es der Bauer des Westens ist. Alte Geschichte. Ljutow interessiert sich dafür.«
»Aus Langeweile?«
Makarow zuckte die Achseln.
»N-nein, er hat sein besonderes Verhältnis zur Politik. In diesem Punkt verstehe ich ihn nicht.«
»Und in allem Übrigen, außer diesem, was ist er da?«
Makarow hob die Brauen und zündete sich eine Zigarette an. Er wollte das brennende Zündholz in den Aschenbecher werfen, steckte es aber aus Versehen in ein Glas mit Milch.
»Oh, Teufel!«
Er goß die Milch aus dem Fenster, folgte dem weißen Bach mit den Augen und teilte verdrießlich mit:
»Auf die Blumen. – Habt ihr ein Klavier?«
Er hatte augenscheinlich Klims Frage vergessen oder wünschte sie nicht zu beantworten.
»Wozu brauchst du ein Klavier? Spielst du denn?« fragte trocken Samgin.
»Ja, denke dir, ich spiele!« sagte Makarow mit den zusammengepreßten Fingern krachend. »Ich begann nach dem Gehör, habe dann Stunden genommen. Das war noch damals im Gymnasium. In Moskau hat mein Lehrer mich überredet, ein Konservatorium zu besuchen. Jawohl. Talent, sagt er. Ich glaube ihm nicht. Ich habe gar keine Talente. Doch – ohne Musik erträgt man das Leben schlecht, das ist die Sache, mein Lieber«
»Das Klavier befindet sich dort, im Zimmer der Mutter«, sagte Klim. Makarow erhob sich, steckte das Heft achtlos in die Tasche und entfernte sich händereibend.
Sobald die ersten Akkorde auf dem Klavier ertönten, trat Klim auf die Veranda hinaus und verweilte dort einen Augenblick. Er schaute auf das Gelände jenseits des Flusses, welches rechts von dem schwarzen Halbkreis des Waldes, links von einem blauen Wolkenberg begrenzt wurde, hinter dem die Sonne bereits untergegangen war. Der leise Wind jagte sanft die grünlich-grauen Wellen des Korns zum Fluß. Die wohllautende Melodie eines unbekannten Liedes in Moll ertönte. Klim ging zum Landhaus der Telepnew hinüber. Ein bärtiger Bauer mit einem Holzbein trat ihm in den Weg.
»Will der Herr einen Wels fangen?«
Klim machte eine wortlose Geste der Ablehnung.
»Ein hübscher Wels – er wiegt seine zwei Pud«, rief der Bauer ihm mit mutloser Stimme nach.
Alinas Stubenmädchen sagte Klim, das Fräulein befinde sich nicht wohl, und Lida sei spazieren gegangen. Klim Samgin stieg zum Fluß hinab, blickte stromauf und ab, aber Lida war nicht zu sehen. Makarow spielte etwas sehr Wildes. Klim wandte sich heimwärts und stieß abermals auf den Bauern. Der stand mitten im Weg, hielt sich an einem Fichtenzweig fest und scharrte mit seinem Holzbein im Sand, bemüht, einen Kreis zu ziehen. Er blickte gedankenvoll in Klims Gesicht, gab ihm den Weg frei und sagte leise, fast ins Ohr:
»Eine Soldatenfrau habe ich auch eine saftige!«
Als Klim auf die Veranda des Landhauses gelangt war, hatte Makarow aufgehört zu spielen, und aufgeregt hastete Ljutows schneidendes Stimmchen: