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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Noch nicht.«

»Stell dir vor, du hast schon eine. Wovon würdest du mit ihr sprechen?«

»Natürlich über alles«, sagte Klim, der begriff, daß er vor einem verantwortungsvollen Moment stand. Mit eingeschobenen Zwischenpausen, die vollkommen natürlich waren und mit dem Rhythmus der Ruderschläge übereinstimmten, verbreitete er sich weise darüber, daß ein Glück mit einer Frau nur möglich sei bei vollkommener Offenheit im Gedankenaustausch. Aber Alina winkte ab und unterbrach ironisch seine Rede:

»Habe ich schon gehört. Wahrscheinlich quaken auch die Frösche das gleiche.«

Klim, ohne aus der Fassung zu geraten, sagte:

»Aber jede Frau glaubt sich einmal im Monat verpflichtet, zu lügen und sich zu verstecken ...«

»Warum nur einmal?« fragte, mit derselben Ironie Alina. Lida jedoch sagte dumpf:

»Das ist furchtbar wahr.«

»Was ist wahr?« fragte Alina ungeduldig und empörte sich:

»Schämen Sie sich nicht, Samgin?«

»Nein, ich bin traurig«, entgegnete Klim, ohne sie und Lida anzusehen. »Mir scheint, es gibt ...«

Er wollte sagen ›Mädchen‹, aber er beherrschte sich. »Frauen, die sich aus falschem Schamgefühl verachten, weil sie glauben, daß die Natur, als sie sie schuf, ein grobes Versehen begangen habe. Und es gibt Mädchen, die sich fürchten zu lieben, weil ihnen scheint daß die Liebe sie erniedrige, zum Tiere herabwürdige.'

Er sprach vorsichtig, in Angst, daß Lida aus seinen Worten das Echo der Gedanken Makarows heraushören könnte, Gedanken, die ihr wahrscheinlich nur zu gut bekannt waren.

»Vielleicht sind manche Frauen gerade deshalb ausschweifend, weil sie so schnell wie möglich ihr Weibliches, – wie sie es auffassen: ihr Tierisches – ausleben wollen, um dann Mensch zu sein, erlöst von der Gewalt der Triebe ...«

»Das ist erstaunlich wahr, Klim«, sagte Lida, nicht laut, aber vernehmlich.

Klim fühlte, daß seine über der lautlosen Bewegung des dunklen Wassers schwebenden Worte eindrucksvoll klangen.

»Kennen Sie solche Frauen? Wenigstens eine?« fragte leise und aus irgendeinem Grunde unwillig Alina.

»Ja oder nein?« forschte Klim bei sich selbst. »Nein, ich kenne keine. Aber ich bin überzeugt, daß es solche Frauen geben muß.«

»Gewiß«, sagte Lida.

Klim verstummte. Die jungen Mädchen schwiegen auch. Fest in ihre Schals gehüllt, schmiegten sie sich eng aneinander. Einige Minuten später schlug Alina vor:

»Es ist wohl Zeit, heimzufahren?«

Das Boot schaukelte und glitt geräuschlos in der Strömung dahin. Klim ruderte nicht, sondern steuerte nur. Er war zufrieden. Wie leicht hatte er Lida veranlaßt, sich ihm zu erschließen. Jetzt war es vollkommen klar, daß sie die Liebe fürchtete und daß diese Furcht alles war, was ihm an ihr rätselhaft erschien. Seine Zaghaftigkeit aber ihr gegenüber fand ihre Erklärung darin, daß Lida ihn in gewisser Weise mit ihrer Furcht ansteckte. Wunderbar einfach war alles, wenn man zu schauen verstand. Während er sich seinen Gedanken überließ, hörte Klim die zornigen Klagen Alinas:

»Es ist also doch nicht ohne ein gescheites Gespräch abgegangen! Ach, diese Gespräche werden mich irgendwohin jagen, wo nicht Trübsal wohnt noch Seufzen, sondern das Leben ... das flüchtige ...«

Alina brach in lautes Lachen aus, sie schaukelte sich, klatschte sich mit den Händen auf die Knie und wiederholte:

»O mein Gott!«

Klim fand sowohl ihr Lachen wie ihre Gesten roh.

Lida ließ die Arme über die Bootwand fallen und schaukelte das Boot so heftig, daß ihre Freundin erschrak:

»Bist du verrückt geworden?«

Lida spritzte ihr Wasser ins Gesicht, streichelte sich mit der nassen Hand die Wangen und sagte:

»Feigling!«

An dem einen Rand des schwarzen Wasserstreifens erhoben sich rote Sandhügel, am anderen schob sich das Gestrüpp des Dickichts vor. Alina deutete mit der Hand auf das Ufer: »Sieh doch, Lida: das Haupt der Erde neigt sich zum Wasser, um zu trinken, und ihre Haare sträuben sich«

»Der Kopf eines Schweins«, sagte Lida.

Als man sich trennte, fühlte Klim, daß sie seine Hand sehr fest drückte, und sie sagte ungewöhnlich sanft:

»Bist du für den ganzen Sommer gekommen?«

Alina blickte in die Sterne und riet:

»Also wird morgen mein Erkorener erscheinen?«

Sie umschloß Lida und entfernte sich langsam zum Sommerhaus hin. Klim hielt sich an den Nadeltatzen der jungen Fichten fest und kroch den steilen Abhang des Hügels hinab. Durch das Rascheln der Nadeln und das Knirschen des Sandes hindurch vernahm er das Lachen der Telepnew und dann ihre Worte:

»...Turobojew. Wie wirst du es, Herzchen, zwischen zwei Feuern aushalten?«

»Ja«, dachte Klim. »Wie?«

Er blieb stehen, um zu horchen, konnte jedoch die Worte nicht mehr verstehen. Lange, bis ihm die Augen schmerzten, starrte er in den in der Finsternis völlig unbewegten Fluß, in die glanzlosen Abbilder der Sterne.

Am nächsten Morgen trafen Ljutow und Makarow zu Fuß von der Station ein, ihnen folgte ein Gefährt, solide bepackt mit Koffern, Kisten, irgendwelchen Bündeln und Paketen. Klim hatte sie kaum mit Tee bewirtet, als Doktor Ljubomudrow erschien, ein Bekannter Warawkas, hager, lang, glatzköpfig und bartlos, mit winzigen Äuglein von goldiger Tönung, die sich unter den schwarzen Büscheln seiner gerunzelten Brauen verbargen. Klim verbrachte beinahe den ganzen Tag damit, dem Doktor die Landhäuschen zu zeigen. Der Doktor überflog alles mit dem traurigen Blick eines Menschen, der sich mit einer Umgebung vertraut macht, in der er wider Willen zu leben gezwungen ist. Er biß sich die Lippen. Dicht neben den Ohren bewegten sich kleine Kugeln, und während man von einem Landhaus zum anderen schritt, murmelte er:

»So. Nun ja. S–sehr nett.«

Endlich sagte er Klim in entschiedenem Baßton: »Also, reservieren Sie mir dieses.«

Doch nachdem er den grauen, zerdrückten Hut auf seinem Kopf zurechtgerückt hatte, fügte er hinzu:

»Oder das da.«

Klim war erschöpft von dem Doktor und der Neugier, die ihn den ganzen Tag quälte. Er hätte wissen mögen, wie das Wiedersehen Lidas mit Makarows abgelaufen war, was sie machten und wovon sie sprachen? Er beschloß sogleich zu Lida zu gehen, doch als er an seinem Sommerhaus vorüberkam, hörte er Ljutows Stimme:

»Nein, warte doch, Kostja, laß uns noch sitzenbleiben.«

Ljutow sprach in der Nähe, hinter einer dichten Birkengruppe etwas unterhalb des Pfades, auf dem Klim ging, aber er war nicht zu sehen. Anscheinend lag er, man sah Makarows Mütze und ein blaues Rauchwölkchen darüber.

»Ich habe Lust zu schimpfen, mich mit jemand zu zanken«, ertönte deutlich die Klarinettstimme Ljutows. »Mit dir, Kostja, ist das ausgeschlossen. Wie soll man sich mit einem Lyriker zanken?«

»Versuche es ruhig.«

»Nein, das werde ich unterlassen.«

»Man sagt, Fet soll böse sein. Der ist doch auch ein Lyriker.«

Klim blieb stehen. Er wünschte weder Ljutow noch Makarow zu sehen, der Weg aber senkte sich; wenn er ihm folgte, mußte er unweigerlich entdeckt werden. Den Hügel hinaufzusteigen, hatte er jedoch keine Lust, er war müde geworden, und ohnehin hätten sie das Geräusch seiner Schritte gehört. Dann hätten sie denken können, daß er ihr Gespräch belausche. Klim Samgin blieb stehen und horchte stirnrunzelnd.

»Weshalb trinkst du in ihrer Gegenwart?« fragte gleichmütig Makarow.

»Damit sie es sieht. Ich bin ein ehrlicher Junge.«

»Ein Hysteriker bist du. Und kommst nicht ohne Einbildung aus. Liebst du schon, gut, dann liebe ›ohne Grübeln, ohne Schwermut, ohne finstere Zweifelsucht‹!«

»Dazu müßte ich mir erst das Gehirn aus dem Kopf klopfen.«

»Dann laß sie in Ruhe.«

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