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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Klim schrak zusammen, schwang seinen Stock und erhob sich. Neben ihm stand Dronow. Der Mützenkopf war ihm über die Stirn gerutscht und ließ seine Ohren noch weiter abstehen. Unter dem Schirm hervor funkelten die irren Augen.

»Ich bat dich doch um eine Zusammenkunft. Hat die Somow es dir nicht ausgerichtet?«

»Ich hatte keine Zeit«, sagte Samgin, während er die rauhe, harte Hand drückte.

»Aber am dumpfigen Wasser zu sitzen, hast du Zeit?«

Dronow spuckte unter Rülpsen und Husten in den Teich. Klim bemerkte, daß er jedesmal genau oder annähernd einen Punkt traf, dieser Punkt war seine, Klims, weiße Mütze, die sich im Wasser spiegelte. Nachdem er Iwan Dronow aufmerksam ins Gesicht gesehen hatte, rückte er von ihm weg. In dem sehr eingefallenen Gesicht regte sich wütend ein rotes, geschwollenes Näschen, gereizt funkelten die Augen. Sie waren heller und frostiger geworden und irrten nicht mehr so fieberhaft umher, wie Klim es in der Erinnerung hatte. Mit fremder, näselnder Stimme erzählte Dronow abgerissen und eilig, daß es ihm schlecht ginge, er habe keine Arbeit. Vierzehn Tage lang habe er im Keller eines Bierlagers Flaschen gespült und sich dabei erkältet.

»Hast du keine Zigaretten?«

»Ich rauche nicht.«

»Ja, ich vergaß. Und du wirst auch nicht rauchen?«

»Weiß ich nicht«, antwortete Klim achselzuckend.

»Natürlich wirst du es nicht.«

Dronow seufzte gedehnt, mit einem pfeifenden Geräusch, hustete und sagte darauf:

»Also – du studierst? Mich, siehst du, hat man begehrlich gemacht und dann weggeworfen. Hätte man mich nicht ins Gymnasium gesteckt, würde ich Aushängeschilder und Ikonen malen oder Uhren ausbessern. Überhaupt irgendwie leichte Arbeit machen. Jetzt kann ich so als Steckengebliebener weiterleben.«

Klim blickte auf sein abstehendes Ohr und dachte:

»Hättest du nicht verbotene Bücher ins Gymnasium geschleppt.«

Er war sogar im Begriff, es Dronow zu sagen, als dieser, der seine Gedanken zu erraten schien, selbst zu sprechen anfing:

»Als diese Idioten mich vom Gymnasium jagten, lasen dort nur drei Unterprimaner Broschüren von Tolstoi, heute dagegen ...«

Er winkte ab.

»Das Gehirn juckt immer heftiger. Es ist hier ein Prophet Jesaja erschienen, in der Art deines lieben Onkels, der beschwört: ›Liebe Kinder, seid Helden, verjagt den Zaren ...!‹«

»Nun – und du? Bist du einverstanden, ihn davonzujagen?«

»Ich mache dieses Spiel nicht mit. Ich, Bruder, glaube weder Onkeln noch Tanten.«

Mit leichtem Spott um die schiefen Lippen sagte Dronow gutmütiger, während er den dunklen Flaum auf seinem Kinn glättete:

»Tomilin – glaube ich. Er verlangt nichts von mir, er stößt mich nirgendwo hin. Er hat auf seinem Dachboden eine Art Jüngstes Gericht etabliert und ist zufrieden. Wühlt in Büchern und Ideen und beweist sehr einfach, daß überall in der Welt mit Wasser gekocht wird. Er lehrt nur eins, Bruder: den Unglauben. Das ist doch nun wirklich Uneigennützigkeit, wie?«

Er blickte Klim in die Augen und wiederholte:

»Es ist doch uneigennützig, wie?«

»Ja ...«

Dronow nahm seine Mütze ab und klatschte sich mit ihr aufs Knie, während er beruhigter fortfuhr:

»Ein wunderbarer Mensch. Er lebt, ohne Grimassen zu schneiden. Dieser Tage wurde hier jemand beerdigt. Einer der Leidtragenden sagte spaßig: ›Dreißig Jahre hat er gelebt und Grimassen geschnitten, als er es nicht länger aushielt, starb er!‹ Tomilin – wird viel aushalten ...«

»Zäh ist der Tatar – der zerbricht nicht!

Sehnig ist der Hund –¦ er zerreißt nicht!«

Graues Gewölk stieg aus den Bäumen, das Wasser verlor seinen öligen Glanz, ein kühler Wind seufzte auf, bedeckte den Teich mit einer feinen Gänsehaut, säuselte im Laub der Bäume und verschwand.

»Wird er noch lange reden?« dachte Klim, der Dronow von der Seite scheel musterte.

»Er hat ein Werk ›Über den dritten Instinkt‹ geschrieben, ich weiß nicht, wovon es handelt, aber ich habe ins Nachwort hineingeschielt: ›Nicht Trost suche ich, sondern Wahrheit‹. Er hat das Manuskript einem Professor in Moskau geschickt, der hat ihm mit grüner Tinte auf dem ersten Blatt der Handschrift geantwortet: ›Ketzerei und zensurwidrig‹.«

Mit sichtlichem Vergnügen, doch nicht laut und irgendwie linkisch, begann er zu lachen. Seine Finger dehnten die Mütze.

»Er wäre natürlich vor Hunger eingegangen, hätte die Witwe des Kochs ihn nicht gerettet. Sie hält ihn für einen Heiligen. Hat ihm die Anzüge ihres Mannes gegeben, speist ihn, tränkt ihn. Sogar schlafen tut sie mit ihm. Nun, was?

Umsonst wird nichts gewährt. Das Schicksal heischt Sühneopfer ...

Die Frau des Kochs ist für ihn, den Philosophen, das Schicksal.«

Dronow sprach abgerissen und hastig, in dem Wunsch, zwischen zwei Hustenanfällen soviel wie möglich zu sagen. Ihm zuzuhören, war schwierig und langweilig. Klim hing seinen eigenen Gedanken nach, während er beobachtete, wie Dronow seine Mütze mißhandelte.

»Der Literat Pissemski hatte gleichfalls eine Köchin zum Schicksal. Ohne sie machte er keinen Schritt auf die Straße. Mein Schicksal dagegen hat immer noch kein Auge für mich.«

Samgin hatte auf einmal Lust, nach Margarita zu fragen, aber er unterdrückte diesen Wunsch, da er befürchtete, auf diese Weise Dronows Geschwätz noch mehr in die Länge zu ziehen und seinem familiären Ton noch Vorschub zu leisten. Er erinnerte sich daran, wie dieser lästige Bursche einmal, in der Absicht, Makarows Nöte auszuspotten, herablassend und zynisch bemerkt hatte:

»Der Trottel. Was fürchtet er? Soll er doch beim ersten Mal die Augen zumachen, so, als nehme er Rizinus ein, und fertig ...«

»Dein Onkel predigt brüllend ›Das Evangelium der Liebe‹ ...«

»Er ist verhaftet.«

»Ich weiß. Aber die Liebe ist ihm ein Mittel für Raufhändel ...«

»Das ist vielleicht wahr«, dachte Klim.

»Während Tomilin aus seinen Operationen sowohl die Liebe als auch alles übrige ausschaltet. Das lob ich mir, Bruder. Da gibt es keinen Betrug. Warum besuchst du ihn nicht? Er weiß, daß du hier bist. Er lobt dich: das ist ein Mensch von unabhängigem Denken, sagt er.

»Natürlich werde ich ihn besuchen«, sagte Klim. »Ich muß aufs Land fahren, ich habe da eine Arbeit zu erledigen. Morgen fahre ich schon ...«

Er hatte gar keine Arbeit. Aufs Land zu fahren, schickte er sich auch nicht an. Aber er hatte keine Lust, Tomilin aufzusuchen, und der familiäre Ton Dronows irritierte ihn immer mehr. Er fühlte sich sicherer, wenn Dronow ihn wütend tadelte. Nun jedoch flößte ihm Dronows Redseligkeit die Befürchtung ein, daß er geflissentlich Begegnungen mit ihm suchen und ihm überhaupt lästig fallen würde.

»Brauchst du nicht Geld, Iwan?«

Er erkannte sogleich, daß er über dieses Thema entweder vorher oder nachher hätte sprechen müssen.

Dronow erhob sich, sah sich um, zog langsam die Mütze über seinen flachen Schädel und setzte sich wieder, mit den Worten:

»Ich brauche welches ...«

Nachdem er Geld erhalten hatte, stopfte er es in die Tasche seiner zerknitterten Hose, streckte mit schroffer Geste ein Bein vor und schloß den einzigen Knopf seiner grauen, an den Ellenbogen durchgescheuerten Jacke.

»Ich bessere Schuhe aus.«

Er spuckte in das dunkle Wasser des Teichs und sagte aus irgendeinem Grunde:

»Im vergangenen Sommer hat sich an dieser Stelle, unter den Augen des promenierenden Publikums, der Landeshauptmann Mussin-Puschkin nackt ausgezogen und ein Bad genommen. Einige Tage darauf aber, auf seinem Gut, hat er mit Wolfsschrot in eine von der Weide heimkehrende Herde gefeuert. Die Bauern fesselten ihn und brachten ihn in die Stadt, wo die Ärzte feststellten, daß der Landeshauptmann lange, seit zwei Monaten schon, irrsinnig war. In diesem Zustand der Geistesgestörtheit hat er seinen Dienst versehen und Menschen abgeurteilt. Bronski dagegen, gleichfalls Landeshauptmann, straft die Bauern mit einem halben Rubel, weil sie nicht den Hut vor seinem Pferd ziehen, wenn der Stallknecht es zur Schwemme führt.«

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