Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Ja, von ihm kann man jede Frechheit erwarten.«
Eines Abends kam die Somow allein, sehr müde und offensichtlich beunruhigt:
»Ich werde bei dir übernachten, Liduscha«, erklärte sie. »Mein allerliebster Grischuk hat sich irgendwohin in den Distrikt aufgemacht, er muß zusehen, wie die Bauern rebellieren. Gib mir was zu trinken, nur keine Milch. Hast du Wein?«
Klim ging in den Keller und kam mit einer Flasche Weißwein zurück. Man setzte sich zu dritt aufs Sofa, und Lida begann, ihre Freundin auszuforschen, was für ein Mensch dieser Inokow sei.
»Ich weiß es selbst nicht, meine Freunde!« begann die Somow und breitete ratlos die Arme aus, was Klim für aufrichtig hielt.
»Ich bin sechs Jahre mit ihm bekannt, lebe mit ihm das zweite Jahr, sehe ihn aber selten, weil er beständig nach allen Richtungen hin von mir abspringt. Er kommt wie eine Motte hereingeflogen, dreht sich, schwirrt ein wenig und plötzlich heißt es: »Ljuba, morgen fahre ich nach Cherson.« Merci, Monsieur. Mais – pourquoi? Meine Lieben, furchtbar albern und sogar bitter ist es, in unserem Dorf französisch zu sprechen, aber man möchte es so gern! Wahrscheinlich möchte man es zur Vertiefung der Albernheit, vielleicht auch, um sich daran zu erinnern, daß es noch ein anderes Leben gibt.«
Sie hatte scherzhaft, mit komischen Intonationen angefangen, fuhr aber bereits nachdenklich fort, jedoch ohne ihren traurigen Humor zu verlieren.
»Man muß, sagt er, Rußland kennenlernen. Alles kennen – das ist sein Spleen. Er sagt es sogar in Versen:
›Doch diese Ketten werde ich zerreißen,
Dafür ist mir der Wille gegeben,
Dazu hat meine Seele nur erweckt
Der Fanatiker des Wissens – Satanas!‹
Ja, so ist er also verschwunden. Auch kein Brief, und auch ich selbst bin scheinbar nicht da. Plötzlich stapft er zur Tür herein, zärtlich, schuldbewußt. Erzähle, wo warst du, was hast du gesehen? Er erzählt dann etwas nicht sehr Aufregendes, aber trotzdem ...«
Tränen traten der Somow in die Augen, sie zog ihr Tuch hervor, wischte sich verlegen die Augen und lächelte:
»Die Nerven. Also: in Mariupol, sagt er, hat eine Kaufmannswitwe einen Neger, einen Matrosen von Beruf, geheiratet, er hat den orthodoxen Glauben angenommen und singt den Tenor im Kirchenchor.«
Die Somow schluchzte laut auf und bedeckte wieder mit dem Tuch die Augen.
»An den Neger glaube ich nicht, den Neger hat er erdichtet. Aber Unvereinbares zu erdichten, das ist auch ein Steckenpferd von ihm. Er zankt mit dem Leben wie mit einer launenhaften Frau: ach, so bist du? Nun, ich kann es noch etwas kniffliger! Ach, meine Kinder, wie er mich damit schreckt. In unserem Dorf gab es einen verzweifelten Raufbold, Mikeschko, der Fröhner genannt. Niemanden ließ er in Frieden mit seinen Frechheiten. Als Grischa bei uns lebte, wurde er auf ihn aufmerksam und stand bei jeder Begegnung vor ihm auf dem Kopf. Alle lachen, was ist los? Auch Mikeschka lacht. Aber die Mädels und Burschen begannen ihn zu necken: ›Du, Fröhner, kannst das aber nicht!‹ Der wurde wütend und suchte mit Grischa Händel. Aber Grischa war stärker als er, zwang ihn zu Boden und begann ihm, wie einem Jungen, die Ohren zu zausen. Mikeschka war aber vierzig Jahre alt. Er zitterte am ganzen Körper und bat: ›Mach keinen Unsinn! Unsinn machen kann jeder, sogar noch besser als du!‹«
Die Somow schnitt eine Grimasse, seufzte und fuhr leiser fort:
»Um die Wahrheit zu sagen, es war nicht schön anzusehen, wie er auf Mikeschkas Rücken ritt. Wenn Grigori böse ist, ist sein Gesicht ... grauenhaft. Dann weinte Mikeschka. Hätte man ihn bloß geschlagen, hätte er es sich nicht so zu Herzen genommen, so aber hatte man ihn bei den Ohren genommen. Man lachte ihn überall aus, und er ist als Landarbeiter ins Gehöft der Shadowskis gegangen. Ich muß gestehen, ich war froh, daß er wegging, er warf mir alles mögliche Zeug zum Fenster herein, tote Mäuse, Maulwürfe, lebende Igel, und ich habe schreckliche Angst vor Igeln!«
Die Somow bebte, nahm einen Schluck Wein, leckte sich die Lippen und sagte so, als erinnere sie etwas lange Vergangenes:
»Die Bauern liebten Grigori. Er erzählte ihnen alles, was er wußte. Er war auch bereit, ihnen bei der Arbeit zu helfen. Er ist ein guter Zimmermann. Hat Fuhrwerke ausgebessert. Er verstand sich auf jede Arbeit.«
Sie schwieg trübsinnig eine Weile, dann fügte sie seufzend hinzu:
»Fröhlich arbeitet er.«
Nachdem er diese Erzählung gehört hatte, war Klim überzeugt, daß Inokow in der Tat ein anormaler und gefährlicher Mensch war. Am nächsten Tag teilte er seine Ansicht Lida mit, doch die sagte sehr fest:
»Mir gefallen solche.«
»Du aber bist, glaube ich, nicht ganz nach seinem Geschmack.«
Lida warf ihm einen schiefen Blick zu und schwieg.
Zwei Tage später kam die Somow in großer Aufregung angelaufen.
»Der Gouverneur hat befohlen, Inokow aus der Stadt auszuweisen, beleidigt durch einen Korrespondenzbericht über eine Lotterie, die seine Frau zugunsten der Abgebrannten veranstaltet hat. Man sucht Grischa, die Polizei ist bei mir gewesen, man hat verlangt, ich soll angeben, wo er sich befindet. Aber ich weiß es ja selbst nicht. Man glaubt mir nicht.«
Sie saß auf dem Stuhl, griff sich an den Kopf und fuhr, während sie hin- und herschwankte, fort:
»Ich kann doch nicht sagen, er ist dorthin gegangen, wo die Bauern rebellieren? Ich weiß auch nicht, wo die überhaupt rebellieren!«
Lida begann, sie zu beruhigen, aber sie sagte unter Schluchzen:
»Du verstehst nicht. Er ist ja blind gegen sich selbst. Er sieht sich nicht. Er braucht einen Blindenführer, eine Kinderfrau, das ist ja mein Amt bei ihm. Lida, bitte deinen Vater ... übrigens, laß, es ist nicht nötig!«
Sie riß sich vom Stuhl los, küßte hastig ihre Freundin und lief zur Tür, sagte aber von dort her, stehenbleibend:
»Ich denke, Dronow hat über die Korrespondenz geschwatzt, niemand außer ihm hatte Kenntnis von ihr. Sie haben es zu schnell erfahren. Gewiß war es Dronow. Lebt wohl!«
Weg war sie, und schon seit mehr als zwei Wochen wurde sie in der Stadt nicht gesehen.
Klim fiel das alles ein, als er im Stadtpark über den Rand des Teiches gebeugt saß und sein verzerrtes Spiegelbild im grünlichen Wasser betrachtete. Er tauchte seinen Spazierstock ins Wasser, ließ Wassertropfen auf den weißen Fleck spritzen, und wenn er ihn zerstört hatte, verfolgte er, wie von neuem sein Kopf und seine Schultern auftauchten und seine Brillengläser funkelten.
»Wozu taugen solche Menschen wie die Somow, wie Inokow? Erstaunlich verworren und verschüttet ist das Leben«, dachte er und redete sich ein, das Leben würde erträglicher und einfacher ohne Lida sein, die wahrscheinlich nur deshalb rätselhaft erschien, weil sie feige war, feiger als die Nechajew, doch ebenso gespannt auf eine bequeme Gelegenheit wartete, um sich der Gewalt ihrer Triebe zu überlassen. Es wäre ruhiger zu leben ohne Tomilin, ohne Kutusow, ja, ohne Warawka, überhaupt ohne alle diese Weisen und Taschenspieler. Es gab zuviel Menschen, die bestrebt waren, anderen ihre Einfälle aufzuzwingen, und darin das Ziel ihres Lebens erblickten. Turobojew hatte nicht schlecht gesagt:
»Jeder von uns läuft mit einer Schelle am Hals in der Welt umher, wie eine Schweizer Kuh.«
Wenn Samgin Gedanken dieser Farbe und Natur kamen, fühlte er sehr wohl, daß das seine eigenen Gedanken waren, diejenigen, die ihn wirklich von allen übrigen Menschen unterschieden. Doch zu gleicher Zeit fühlte er auch, daß diese Gedanken etwas Unentschiedenes, Ungelöstes und Zaghaftes enthielten. Sie laut auszusprechen, war nicht wünschenswert. Er verstand, sie sogar vor Lida zu verbergen.
Im Wasser des Teichs, neben dem weißen Fleck seiner Jacke, erschien plötzlich ein dunkler, im selben Augenblick fragte ihn eine beleidigte Weiberstimme:
»Warum so hochmütig, Samgin?«