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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Sie berührte mit der Hand Klims Arm und bat:

»Sprich nicht in Zitaten wie Tomilin ...«

Dies verwirrte Klim so heftig, daß er von ihr abrückte und fassungslos stammelte:

»Wie du willst...«

Zwei oder drei Minuten schwiegen beide. Dann erinnerte Lida leise:

»Es ist schon spät.«

Während Klim sich auf seinem Zimmer entkleidete, empfand er ein scharfes Mißvergnügen. Weshalb war er ängstlich geworden? Er bemerkte bereits zum wiederholten Male, daß er sich unter vier Augen mit Lida gedrückt fühlte und daß dieses Gefühl nach jedem Wiedersehen wuchs.

»Ich bin kein Gymnasiast, der in sie verschossen ist, kein Makarow«, grübelte er. »Ich sehe sehr wohl ihre Mängel, während ihre Vorzüge mir eigentlich nicht klar sind«, beschwichtigte er sich. »Was sie von der Schönheit sagte, war dumm. Überhaupt spricht sie, wie die Laune es ihr eingibt, unnatürlich für ein Mädchen in ihren Jahren...«

Bemüht, zu ergründen, was ihn zu diesem Mädchen hinzog, entdeckte er bei sich nicht nur keine Verliebtheit, sondern nicht einmal jene physiologische Neugier, die die kundigen Liebkosungen Margaritas und die Gier der Nechajew in ihm entfachten. Doch es zog ihn immer gewaltiger zu Lida, und in dieser Anziehung witterte er dunkel eine Gefahr für sich. Zuweilen schien Lida ihm mit jener Überheblichkeit zu begegnen, die ihr in der Kindheit eignete, als alle Mädchen außer Lida ihn tiefer stehende Geschöpfe dünkten als er. Als er sich erinnerte, daß in seiner zierlichen, geschmeidigen Freundin immer der Hang zum Befehlen lebte, hielt er bei der Erkenntnis, daß dieser Hang sich nun in mißgestalteter Form ausgewachsen hatte, bleischwer geworden war und durch eben diese Wucht Lida zu Boden drückte. Er lag nicht in dem, was Lida sagte, er verbarg sich hinter ihren Worten und verlangte gebieterisch, daß Klim ein anderer Mensch wurde, anders dachte und sprach, verlangte eine ungewöhnliche Aufrichtigkeit. Sie belehrte:

»Du sprichst zu gelehrsam und behandelst die Menschen wie ein Beamter in besonderem Auftrag. Weshalb lächelst du so gezwungen?«

All das erregte Klims Protest, das Bewußtsein der Notwendigkeit einer Abwehr und eben dieses Bewußtsein, das ihm Makarow vor Augen hielt, diktierte:

»Ich werde sie nicht beachten und basta! Ich will ja nichts von ihr!«

Er versuchte, eine unabhängige Haltung einzunehmen, bemühte sich, Lida davon zu überzeugen, daß sie ihm gleichgültig sei, führte ihr seine neue Miene recht deutlich vor die Augen und wünschte sehr, daß sie seine Unabhängigkeit bemerke. Sie bemerkte sie und fragte wegwerfend:

»Mit wem schmollst du eigentlich?«

Um darauf unabweisbar zu forschen:

»Warum gefällt dir ›Unser Herz‹? Es ist unnatürlich. Einem Mann darf ein solches Buch nicht gefallen.«

Nicht immer war es leicht, ihre Fragen zu beantworten. Klim fühlte, hinter ihnen versteckte sich der Wunsch, ihn auf Widersprüchen zu ertappen, und noch etwas, was gleichfalls in der Tiefe der dunklen Pupillen, im hartnäckigen, sezierenden Blick versteckt war.

Einmal verlor er die Beherrschung und sagte wütend:

»Du examinierst mich wie einen Schuljungen.«

Lida fragte verwundert:

»In der Tat?«

Sie blickte ihm mit einem rätselhaften Lächeln in die Augen und sagte dann ziemlich sanft:

»Nein, einen Jüngling kann man dich nicht nennen, du bist so ein ...«

Sie suchte ein passendes Wort und fand nur ein sehr vages:

»Besonderer...«

Und, nach ihrer Gewohnheit, verhörte sie ihn:

»Was findest du an Rodenbach? Das ist schlechter Seifenschaum für meinen Geschmack.«

Eines Abends, als ein Frühlingsschauer stürmisch gegen das Fenster schlug, Klims Zimmer in blauem Feuer aufflammte und die Scheiben unter den Donnerschlägen zusammenbebten, stöhnten und klirrten, küßte Klim, lyrisch gestimmt, dem Mädchen die Hand. Sie nahm diese Geste gelassen auf, als habe sie sie nicht einmal gefühlt, aber als Klim versuchte, sie noch einmal zu küssen, entzog sie ihm still ihre Hand.

»Du glaubst mir nicht, aber ich ...« begann Klim, aber sie fiel ihm ins Wort:

»Am allerwenigsten gleichst du dem Chevalier des Grieux. Und ich bin keine Manon.«

Einen Augenblick später zuckte sie zusammen und sagte:

»Ich glaube, am widerwärtigsten lieben die Schauspieler uns Frauen.«

Klim fragte beunruhigt:

»Warum ausgerechnet Schauspieler?«

Keine Antwort.

Derartige Gedanken äußerte sie unerwartet, ohne Zusammenhang mit dem Vorangehenden, und Klim witterte in ihnen stets etwas Verdächtiges, eine verletzende Anspielung, Ob sie ihn wohl für einen Schauspieler hielt? Er ahnte bereits, daß Lida, worüber immer sie reden mochte, an die Liebe dachte, so wie Makarow an das Los der Frauen, Kutusow an den Sozialismus, so wie die Nechajew fälschlich an den Tod dachte, bis es ihr gelang, Liebe zu erzwingen. Klims Abneigung und Furcht vor Menschen, die von einer Idee besessen waren, wuchs beständig. Sie waren Gewaltmenschen und alle beherrscht von dem Drang, andere zu unterjochen.

Zeitweilig hatte er den Eindruck, daß Lida mit ihm spielte. Das vertiefte seine Feindseligkeit gegen sie, steigerte auch seine Zaghaftigkeit. Doch er nahm mit Erstaunen wahr, daß auch dies ihn von dem Mädchen nicht abstieß.

Am übelsten war er dran, wenn sie, mitten im Gespräch, in eine sonderbare Erstarrung fiel. Mit fest zusammengepreßten Lippen und weit geöffneten Augen stierte sie ihn an und gleichsam durch ihn hindurch. Auf ihrem dunklen Gesicht erschien der Schatten unergründlicher Gedanken. In solchen Augenblicken schien sie plötzlich gealtert, durchdringend und gefährlich weise. Klim, unfähig, diesen Blick zu ertragen, senkte den Kopf und erwartete, daß sie gleich etwas Ungewöhnliches, Anormales ersinnen und verlangen würde, daß er diesen ihren Einfall ausführen solle. Er fürchtete, daß er es ihr nicht abschlagen könnte. Und nur ein einziges Mal fand er in sich Mut genug, um zu fragen:

»Was hast du?«

»Nichts«, antwortete sie mit dem allen gewohnten, leeren Wort.

Doch dann erhellte ein langsames Lächeln ihr Gesicht, und sie sagte:

»Der Schweiger hat mich gepackt. Pawla, erinnerst du noch? das Dienstmädchen, das uns bestahl und spurlos verschwand? – Sie erzählte mir, es gebe ein Wesen, das »Schweiger« heiße. Ich verstehe sie, ich sehe ihn beinahe – als Wolke, als Nebel. Er umfängt und durchdringt den Menschen, um ihn zu verwüsten. Es ist eine Art Schauer. In ihm verschwindet alles, Gedanken, Worte, Gedächtnis, Verstand – alles! Nur eines bleibt im Menschen zurück: die Furcht vor sich selbst. Verstehst du?«

»Ja«, antwortete Klim, der beobachtete, wie ihr gemachtes Lächeln erlosch, und dachte; »Sie schauspielert. Natürlich schauspielert sie.«

»Ich aber verstehe nicht«, fuhr sie fort, mit einem neuen, spitzen Lächeln. »Nicht mich und nicht die anderen. Ich verstehe nicht zu denken, scheint mir. Oder ich denke nur an meine eigenen Gedanken. In Moskau wurde ich einem Sektierer vorgestellt, so einem Einfaltstropf mit einem Hundeschnäuzchen. Der wiegte sich und murmelte:

»Mein Fuß singt – wohin gehe ich? Meine Hand singt – weshalb nehme ich? Mein Fleisch singt – wozu lebe ich?« Nicht wahr, das ist seltsam? So ein Einfältiger, Kümmerlicher. Das ist nicht notwendig, meiner Meinung nach.«

Klim stimmte zu:

»Nein, das ist es nicht.«

Aber Lida fragte plötzlich sehr streng:

»Wenn es aber doch notwendig ist? Sicher weißt du, ob ja oder nein?«

Sie machte es beständig so: zwang ihn, ihr zuzustimmen und bestritt sofort ihre eigene Behauptung. Klim pflichtete ihr gern bei, hatte aber keine Lust, mit ihr zu streiten, da er es fruchtlos fand, weil er sah, daß sie Einwände überhörte.

Er sah auch, daß seine einsamen Gespräche mit Lida seiner Mutter mißfielen. Auch Warawka verfinsterte sich, kaute mit roten Lippen an seinem Bart und sagte, die Vögel bauten ihr Nest erst, nachdem sie flügge geworden seien. Langeweile, Müdigkeit und Erbitterung gingen von ihm aus. Er erschien zuhause zerknittert wie nach einer Schlägerei. Er zwängte seinen wuchtigen Körper in einen Ledersessel, trank Selters mit Kognak, näßte den Bart und beklagte sich über die Stadtverwaltung, die Landschaftsversammlung, den Gouverneur. Er sagte:

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