Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»In Rußland leben zwei Rassen: die Menschen der einen können nur über das Vergangene denken und sprechen, die Menschen der anderen nur über die Zukunft und unbedingt über eine sehr entfernte. Die Gegenwart, der morgige Tag, interessiert niemand.«
Die Mutter saß ihm gegenüber, als sitze sie einem Porträtisten. Lida begegnete auch früher dem Vater nicht gerade zärtlich, jetzt aber sprach sie mit ihm unhöflich, behandelte ihn gleichgültig, wie einen Menschen, den sie nicht brauchte. Die qualvolle Langeweile trieb Klim auf die Straße. Dort sah er, wie ein betrunkener Kleinbürger einem dicken einäugigen Weib Eier abkaufte, sie aus dem Korb nahm, eins nach dem anderen gegen das Licht hielt und sie mit den tatarischen Worten: »Jakschi. Tschoch jakschi!« in die Tasche steckte.
Ein Ei geriet neben die Tasche, er zertrat es. Unter der Sohle seines schmutzigen Stiefels schnalzte gelbe Jauche. Vor dem Hotel »Moskau« hockten auf dem zerbrochenen Schild Tauben, die in ein Fensterchen guckten. Dahinter stand in Hemdsärmeln ein Mann mit schwarzem Schnurrbart, der, pfeifend und besorgt die Stirn runzelnd, prüfend seine blauen Hosenträger spannte. Ein altes Weiblein mit freundlichem Gesicht stieß ein Wägelchen vor sich her, aus dem ein Paar winziger rosiger Händchen in die Luft griffen. Die Alte streifte Klim mit dem Rad des Wägelchens und rief wütend:
»Haben Sie denn keine Augen? Und dabei noch ein Bebrillter!«
Sie blieb einen Augenblick stehen, um eine Prise zu nehmen, und sagte laut etwas über die gottlosen Studenten. Klim ging und dachte an den Sektierer, der brummte: »Mein Fuß singt – wohin gehe ich?«, an den betrunkenen Kleinbürger, an die strenge Alte, an den schwarzbärtigen Mann, der mit seinen Hosenträgern beschäftigt war. Welcher Sinn war in dem Dasein dieser Menschen?
In einer engen Sackgasse zwischen faulenden Zäunen lärmten etwa zwanzig Jungen. Abseits lag barfüßig und ohne Mütze, Inokow auf dem Bauche. Sein zerzaustes Haar glänzte an der Sonne wie Seide, sein gesprenkeltes Gesicht runzelte sich in einem seligen Lächeln, die Sommersprossen zitterten. Aufgeregt, in flehendem Ton, schrie er den Jungen zu:
»Petja, nicht so hastig! Ruhig! Schlag den Popen! Den Popen ... autsch, vorbeigetroffen!«
Inokow tauchte häufig vor Klims Augen auf. Bald ging er irgendwohin, weit ausholend, den Blick auf die Erde geheftet, die geballten Hände auf dem Rücken versteckt, als schleppe er auf seinen Schultern eine unsichtbare Last. Bald saß er im Stadtpark auf einer Bank, ließ die Lippe hängen und verfolgte verzaubert die launischen Spiele der Kinder.
Aus dem Keller der Kaufleute Sinewoi krochen Tausende von Maden, wimmelten umher, erklommen den grauen Stein des Fundaments und bedeckten ihn mit lebendem schwarzen Spitzenwerk. Sie krochen über das Trottoir vor die Füße der Menschenmenge. Die Menschen wichen ihnen aus, die einen voll Abscheu, die andern furchtsam, und knurrten, bald böse, bald schadenfroh:
»Ein böses Zeichen! Ein böses Zeichen!«
»Unsinn!« schrie Inokow. Er lachte laut und entblößte die schiefen bösen Zähne, er erklärte:
»Es ist etwas verfault ...«
Die Leute wichen ihm, der lang und hager war, ebenso aus wie den Maden.
Einmal stand Klim ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber und wollte mit ihm einen Gruß tauschen, aber Inokow schritt mit glotzenden Augen, sich auf die Lippe beißend, wie ein Blinder an ihm vorüber.
Zwei- oder dreimal sprach Inokow zusammen mit Ljubow Somow bei Lida vor, und Klim sah, daß dieser keilförmige Jüngling sich bei Lida als ungebetener Gast fühlte. Planlos, wie ein schläfriger Flußbarsch in einem Zuber mit Wasser, schleppte er sich von einer Ecke in die andere, wobei er heftig seinen langmähnigen Kopf schüttelte und sein buntgesprenkeltes Gesicht verzog. Die Augen sahen fragend auf die Gegenstände. Es war klar, daß Lida ihm unsympathisch war und er sich innerlich mit ihr auseinandersetzte. Unvermittelt trat er an sie heran, zog die Brauen in die Höhe, riß die Augen auf und fragte:
»Lieben Sie Turgenjew?«
»Ich lese ihn.«
»Das heißt – wie verstehen Sie das, daß Sie ihn lesen? Sie haben ihn gelesen?«
»Also gut, ich habe ihn gelesen«, gab Lida mit einem Lächeln zu. Inokow aber machte ihr in lehrhaftem Ton klar:
»Die Bibel, Puschkin, Shakespeare liest man, Turgenjew hingegen ›hat man gelesen‹, um der russischen Literatur den Tribut der Höflichkeit zu zollen.«
Darauf befleißigte er sich, Albernheiten und Frechheiten zu sagen:
»Turgenjew ist ein Konditor. Bei ihm findet man nicht Kunst, sondern Törtchen. Wahre Kunst ist nicht süß, sie hat immer etwas Bitteres.«
Sprach's und entfernte sich. Ein anderes Mal trat er von hinten auf sie zu, beugte sich über ihre Schulter und fragte ebenso unvermittelt:
»Haben Sie ›Eine langweilige Geschichte‹ von Tschechow gelesen? Spaßig, was? Der Professor hat da sein ganzes Leben irgend etwas gelehrt und zum Schluß muß er erkennen: Es gibt keine allgemeine Idee. An was für einer Kette hat er dann sein Leben lang gesessen? Was hat er – ohne allgemeine Idee – die Menschen gelehrt?«
»Ist die allgemeine Idee nicht ein – Gemeinplatz?« fragte Lida.
Inokow sah sie verwundert an und murmelte:
»Ach so! Hm ... ja, daran habe ich nicht gedacht. Ich weiß es nicht.«
Und fuhr hartnäckig fort:
»Tschechow hat auch keine allgemeine Idee. Er hat ein Gefühl des Unglaubens an den Menschen, an das Volk. Ljeskow, der glaubte an den Menschen, an das Volk freilich auch nicht besonders glühend. Er hat gesagt: Slawischer Plunder, heimatlicher Mist! Aber er, Ljeskow, hat ganz Rußland durchdrungen. Tschechow verdankt ihm überaus viel.«
»Das sehe ich nicht ein«, sagte Lida, die Inokow neugierig betrachtete.
»Lesen Sie erst den einen, dann den anderen, so werden Sie es einsehen ...
Er tippte dem Mädchen auf die Schulter, so daß sie zurückfuhr:
»Hören Sie mal, wo ist denn diese Schönheit, Ihre Freundin?«
»Wahrscheinlich bei sich zuhause. Wollen Sie etwas von ihr?«
Lida lächelte. Auch die Sommersprossen in Inokows Gesicht hüpften, die Lippen zogen sich wie bei Kindern auseinander, und in den Augen erstrahlte ein sanftes Lachen.
»Habe ich komisch gefragt? Na, macht nichts. Natürlich will ich nichts von ihr, ich bin bloß neugierig, wie sie einmal leben wird? Mit einer solchen Schönheit ist es schwer. Und dann denke ich immer, daß wir unter dem neuen Zaren eine Lola Montez haben müssen.«
»Er hat sich in sie verliebt, das ist es«, sagte die Somow und sah ihren Freund liebevoll an. »Er ist gierig nach Grellem ...«¦
»Daß ich mich verliebt habe, ist Quatsch. Verlieben kann ich mich garnicht. Ganz einfach – dieses Fräulein stimmt mich tief nachdenklich. Allzuwenig paßt sie in ihre Umgebung. Darum ist es traurig, an sie zu denken.«
»Versuchen Sie, nicht an sie zu denken«, riet Lida.
Inokow wunderte sich und bewegte krampfhaft die Brauen.
»Ist denn so etwas möglich: sehen und nicht daran denken?«
Als er und die Somow weggegangen waren, fragte Klim Lida:
»Weshalb redest du mit ihm im Ton einer alten Gnädigen?«
Lida kicherte und erklärte, während sie die Arme auf der Brust kreuzte, achselzuckend:
»Ich fühle selbst, daß es albern ist, aber ich finde keinen anderen Ton. Mir scheint, spräche ich mit ihm auf andere Weise, würde er mich auf seine Knie setzen, umarmen und ausfragen: »Sie – was sind Sie eigentlich?«
Klim dachte nach und sagte: