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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»O ferner Morgen auf schäumendem Strande, fremd purpurne Farben der schamhaften Früh'.«

Es schien, als ob sie mühsam die Worte des Dichters wiederhole, der unsichtbar neben ihr, ihr, unhörbar für die anderen, berauschende Worte eingab.

Klim, an die Wand gelehnt, vernahm bereits nicht mehr Worte, sondern nur noch die rhythmischen Schwingungen der Stimme und blickte gebannt auf Lida. Sie saß, sich wiegend, auf dem Stuhl und blickte in einer Richtung mit Alina.

»Chaos!« sagte Alina das letzte Wort des Gedichts, bedeckte ihr Gesicht mit der Hand und sank auf das Taburett vor dem Flügel nieder.

»Empörend schön«, murmelte Inokow.

Die Somow näherte sich leise der Freundin, streichelte ihren Kopf und sagte schmachtend:

»Du brauchst nicht zu heiraten – du bist eine Schauspielerin.«

»Nein, Ljuba, nein ...«

Inokow hatte es plötzlich eilig:

»Ljuba, wir müssen gehen.«

»Ich auch«, sagte Alina und erhob sich.

Sie trat zu Lida, küßte sie schweigend und fest und fragte Inokow:

»Nun?«

»Sie haben recht behalten– empörend schön!« antwortete er ihr unter kräftigem Händeschütteln.

Sie gingen. Der Mond schien in das offene Fenster. Lida schob ihren Stuhl näher zu ihm hin, setzte sich und legte die Arme auf die Fensterbank. Klim stellte sich neben sie. In der bläulichen Dämmerung zeichnete sich klar das Profil des Mädchens ab, glänzten ihre dunklen Augen.

»Liebe trägt sie unnachahmlich vor«, sagte Lida, »aber ich glaube, sie schwärmt nur, fühlt nicht. Makarow spricht ebenfalls festlich über die Liebe und wie sie ... an der Liebe vorbei. Gefühl hat – Ljutow. Es ist ein erstaunlich interessanter Mensch, aber er ist auf irgendeine Weise verstört, er fürchtet etwas ... Manchmal tut er mir leid.«

Sie sprach, ohne Klim anzusehen, still, und als ob sie ihre Gedanken prüfe. Sie schlang die Arme um den Nacken und reckte sich. Ihre spitzen Brüste hoben das leichte Gewebe ihrer Bluse ganz hoch. Klim schwieg abwartend.

»Wie ist das alles so seltsam ... Weißt du, in der Schule machte man mir ausdauernder und häufiger den Hof als ihr, und doch bin ich neben ihr beinahe ein Scheusal. Und ich nahm mir das sehr zu Herzen, nicht um meinetwillen, sondern um ihrer Schönheit willen. Ein merkwürdiger Mensch, Diomidow, nicht einfach Dimidow, sondern Diomidow, sagte, Alina sei eine abstoßende Schönheit. Ja, mit diesen Worten hat er das gesagt. Aber er ist ein ungewöhnlicher Mensch, es ist schön, ihm zuzuhören, aber schwer, ihm zu glauben ...«

Ehe Samgin Zeit fand, ihr zu sagen, daß er ihre Andeutungen nicht verstehe, fragte Lida nach einem Blick hinter seine Brille:

›Hast du auch bemerkt, daß sie, wenn sie deklamiert, einem Fisch ähnelt? Sie hält ihre Hände wie Schwimmflossen.«

Klim verpflichtete ihr bei:

»Ja, eine hölzerne Pose.«

»Das konnte man ihr in der Schule nicht abgewöhnen. Glaubst du, ich schmähe sie? Beneide sie? Nein, Klim, das ist es nicht«, fuhr sie, nach einem Seufzer, fort. »Ich glaube, es muß eine Schönheit geben, die keine rohen Gefühle erregt ... nicht wahr?«

»Natürlich«, sagte Klim. »Du redest seltsam. Weshalb muß Schönheit rohe Gefühle erregen ...«

»Doch, wiedersprich nicht! Wäre ich schön, würde ich nur rohe Gefühle wecken ...«

Sie sagte es in entschiedenem Ton und hastig und fragte sogleich:

»Wie nanntest du den Verfasser der ›Blinden‹? Maeterlinck? Besorge mir dieses Buch. Nein, wie wunderbar, daß du gerade heute vom Wichtigsten gesprochen hast!«

Ihre Stimme klang liebevoll, sanft und erinnerte Klim an die halbvergessenen Tage, als sie noch klein war und, müde vom Spielen, ihn einlud:

»Komm, sitzen wir ein wenig.«

»Mich regen diese Fragen auf«, antwortete sie, zum Himmel hinaufschauend. »In der Woche vor Weihnachten nahm Dronow mich zu Tomilin. Er ist in Mode, Tomilin. Man ladet ihn ein in die Häuser der Intelligenz, zur Predigt. Aber mir scheint, daß er alles auf der Welt in Worte verwandelt. Ich war noch ein zweites Mal bei ihm, allein. Er warf mich in diese kalten Werte, wie ein Kätzchen ins Wasser, das war alles.«

Obwohl sie dies spöttisch, ohne Klage, sagte, fühlte Klim sich ergriffen. Er empfand den Wunsch, herzlich zu ihr zu reden, ihre Hand zu streicheln.

»Erzähle etwas«, bat sie.

Er begann von Turobojew zu erzählen, während er dachte:

»Wie, wenn ich ihr die Geschichte mit Nechajew anvertraute?«

Lida hörte seine ironische Rede noch nicht eine Minute lang an und sagte:

»Das ist uninteressant.«

Doch fast im gleichen Augenblick fragte sie lässig:

»Er ist sehr krank?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Klim befremdet. »Weshalb fragst du? Ich meine, weshalb glaubst du es?«

»Ich hörte, er habe die Schwindsucht.«

»Es fällt nicht auf.«

Lida verstummte, rieb sich mit dem Tuch die Lippen und die Wange und sagte seufzend:

»Wir hatten in der Schule einen Freund Turobojews, einen ganz unerträglichen Flegel, aber ein hervorragendes Talent. Und – plötzlich ...«

Sie zuckte nervös zusammen, sprang auf die Füße, trat zum Sofa, wickelte sich in den Schal und flüsterte, dort stehenbleibend, empört:

»Denke dir, wie entsetzlich – mit zwanzig Jahren von einer Frau krank zu werden. Wie gemein! Das ist schon eine Niederträchtigkeit! Liebe und dann – dies .. .«

»Nun, was denn für eine Liebe?«

Lida unterbrach ihn im Zorn:

»Ach, laß nur! Du verstehst es nicht. Es darf hier keine Krankheiten geben, keine Schmerzen, nichts Schmutziges ...«

Während sie sich, mit gekrümmtem Rücken, wiegte, sprach sie durch die Zähne:

»Überhaupt alle, ein Grauen! Du weißt es nicht: mein Vater hat sich im vergangenen Winter mit einer Soubrette eingelassen, – dick, rot und gemein wie ein Marktweib. Ich stehe nicht freundschaftlich zu Wera Petrowna, wir lieben uns nicht, aber – mein Gott! Wie hat sie gelitten! Ihre Augen sind wahnsinnig geworden. Hast du gesehen, wie sie ergraut ist? Wie roh und furchtbar ist das alles. Die Menschen treten aufeinander mit Füßen herum. Ich will leben, Klim, aber ich weiß nicht, wie.«

Die letzten Worte sprach sie mit solcher Schroffheit aus, daß Klim ängstlich wurde. Sie aber forderte:

»Nun, sag du, wie man leben soll!«

»Liebe«, antwortete er still. »Liebe, und alles wird klar sein.«

»Du weißt es? Hast es erfahren? Nein. Nichts wird klar sein. Nichts. Ich weiß, daß man lieben muß, aber ich bin überzeugt, daß es mir nicht gelingen wird.« »Warum?«

Lida biß sich auf die Lippen und schwieg, sie stützte ihre Arme auf die Knie. Ihr dunkles Gesiebt wurde tiefer vom Andrang des Blutes, sie bedeckte geblendet ihre Augen. Klim hätte ihr gern etwas Tröstendes gesagt, aber er kam nicht so weit.

»Da bin ich nun auf der Theaterschule gewesen, um nicht zu Hause leben zu müssen, und weil ich keinerlei Hebammenkurse, Mikroskope und dergleichen liebe«, sagte Lida sinnend in gedämpftem Ton. »Ich habe eine Freundin mit einem Mikroskop, sie glaubt daran, wie ein altes Mütterchen an das Mysterium des heiligen Abendmahls. Aber im Mikroskop sieht man weder Gott noch Teufel.«

»Man sieht sie ja auch durch das Teleskop nicht«, scherzte Klim zaghaft und tadelte sich für seine Furchtsamkeit.

Lida setzte sich in die Sofaecke und zog die Beine hinauf.

»Mir scheint«, begann Klim energisch, »ich bin sogar davon überzeugt, daß Menschen, die ihrer Einbildungskraft Spielraum geben, es leichter haben. Schon Aristoteles hat gesagt, daß die Einbildung der Wahrheit näher sei als die Wirklichkeit.«

»Nein«, sagte Lida hart. »Das ist nicht so.«

»Aber ist denn die Dichtung – keine Einbildung?«

»Nein«, sagte noch schroffer das Mädchen, »Ich verstehe nicht zu streiten, aber ich weiß, es ist nicht wahr. Ich – bin keine Einbildung.«

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