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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Einigermaßen aufgeregt, musterte er seine Zuhörer. Ihre Aufmerksamkeit beruhigte ihn, während Lidas durchdringender Blick ihm sehr schmeichelte.

Die Somow, die sinnend den Zipfel ihres Zopfes auflöste und wieder zusammenflocht, sagte:

»Dronow, der Unglückliche, philosophiert auch.«

»Ja, ein Bedauernswerter«, bestätigte Inokow nach einem bekräftigenden Nicken seines Krauskopfes. »Und auf dem Gymnasium war er ein so frischer Junge. Ich rede ihm zu, werde Dorflehrer ...«

Die Somow empörte sich:

»Was ist er denn für ein Lehrer? Er ist böse. Ich kenne ihn wenig – und liebe ihn nicht.«

Inokow trat schwankend zur Seite, postierte sich am Fenster und sagte von dort her:

»Als man mich vom Gymnasium jagte, glaubte ich, das sei durch Dronows Gnade geschehen, weil er mich angegeben habe. Ich fragte ihn sogar unlängst: ›Hast du mich angegeben?‹ Nein, sagt er. Na, schön. Wenn du es nicht warst, dann warst du es eben nicht. Ich frage nur aus Neugier.«

Beim Sprechen lächelte Inokow, obwohl seine Worte kein Lächeln erforderten. Dieses Lächeln machte, daß die ganze Haut auf seinem knochigen Gesicht sich sanft und strahlend runzelte, die Sommersprossen näher aneinander rückten und das Gesicht dunkler wurde.

»Natürlich ist er dumm«, entschied Klim.

»Ja, Dronow ist böse«, sagte nachdenklich Lida. »Aber er ist es in einer langweiligen Weise, als sei die Bosheit sein Gewerbe, das er satt bekommen habe.«

»Wie klug du bist, Liduscha«, seufzte die Telepnew.

»Ein gepfeffertes Mädel«, stimmte die Somow, die Lida umarmte, zu.

»Hören Sie«, wandte Inokow sich an sie. »Die Zigarre riecht nach Kirgisen. Darf ich ein wenig Machorka rauchen? Ich werde es zum Fenster hinaustun.«

Klim stand plötzlich auf, trat zu ihm und fragte:

»Erinnern Sie sich meiner nicht?«

»Nein«, antwortete, ohne ihn anzuschauen, Inokow und rauchte seine Zigarette an.

»Wir besuchten zusammen die Schule«, beharrte Klim.

Inokow entließ einen langen Rauchstrahl aus seinem Mund und schüttelte den Kopf.

»Ich erinnere mich Ihrer nicht. Wir waren in verschiedenen Klassen, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Klim und verließ ihn.

»Was hatte ich nur, wozu?« dachte er.

Lida verschwand aus dem Zimmer. Auf dem Sofa stritten geräuschvoll die Somow und Alina.

»Durchaus nicht jede Frau ist dazu da, Kinder zu gebären«, schrie beleidigt Alina. »Die Häßlichsten und die Schönsten dürfen es nicht tun.«

Die Somow wandte unter Lachen ein:

»Dummchen! Dann müßte ich also ins Kloster oder ins Zuchthaus und du dein Leben im Gebet verbringen?«

Klim schritt durchs Zimmer, er dachte: wie schnell und unkenntlich verändern sich alle. Nur er blieb »immer noch derselbe Außenseiter«, wie die Somow bemerkt hatte.

»Darauf kann ich stolz sein«, erinnerte er sich. Dennoch war ihm traurig zumute.

Tanja Kulikow trat, still und flach wie ein Schatten, mit der angezündeten Lampe ins Zimmer.

»Schließt das Fenster, sonst fliegt das ganze Ungeziefer herein«, sagte sie. Dann, als sie dem Streit der jungen Mädchen auf dem Sofa folgte und mit zwinkernden Augen den breiten Rücken Inokows betrachtete, seufzte sie:

»Ihr solltet in den Garten gehen.«

Man antwortete ihr nicht. Sie knipste mit dem Nagel gegen den milchweißen Lampenschirm, lauschte mit auf die Seite gesenktem Kopf dem Klang des Glases und verschwand lautlos, eine noch tiefere Traurigkeit in Klim zurücklassend.

Er ging in den Garten. Dort war es schon bläulich dunkel. Die Rispen der weißen Syringen schienen blau. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Am Himmel leuchteten eine Menge Sterne. Der vermischte Duft der Blumen hob sich von der Erde. Das schimmernde Laub berührte kühl bald den Hals, bald die Wangen. Klim schritt über den knirschenden Sand des Pfades, der Lärm der Reden, der sich aus dem Fenster ergoß, hielt ihn vom Denken ab, übrigens trieb es ihn auch nicht, nachzudenken. Der starke Blumenduft berauschte, und Klim schien, daß er über dem Gartenweg Kreise ziehe und sich selbst irgendwohin entfliehe. Plötzlich erschien Lida. Ihren Schal fest um die Brust wickelnd, ging sie neben ihm her.

»Du hast schön gesprochen. Als ob nicht du es gewesen seiest.«

»Danke«, sagte er ironisch.

»Ich erhielt heute einen Brief von Makarow. Er schreibt, du habest dich sehr verändert und gefielst ihm.«

»So? Schmeichelhaft.«

»Laß diesen Ton. Warum solltest du dich nicht freuen, wenn du gefällst? Du liebst es doch zu gefallen, ich weiß es ...«

»Das habe ich noch nicht an mir bemerkt.«

»Bist du schlecht gelaunt? Weshalb hast du sie verlassen?«

»Und – du?«

»Ich habe sie satt bekommen. Aber, trotzdem, es ist unangenehm, laß uns zu ihnen gehen.«

Lida nahm seinen Arm und sagte nachdenklich:

»Ich war überzeugt, dich zu kennen, aber heute warst du mir ein Unbekannter.«

Klim Samgin drückte vorsichtig und dankbar ihren Arm, da er fühlte, daß sie ihn zu sich selbst zurückgeführt hatte.

Im Zimmer wurde erbittert geschrien. Alina stand am Flügel und wehrte die Somow ab, die wie ein Huhn auf sie lossprang und dabei rief:

»Schamlosigkeit! Zynismus!«

Inokow aber lächelte einigermaßen fassungslos und sagte mit scharfer Betonung der O's:

»Eigentlich ziehe ich immer den Zynismus der Heuchelei vor, indessen Sie verteidigen die Poesie der Familienbäder...«

»Alina, man darf doch nicht...«

»Man darf!« schrie, mit dem Fuß stampfend, die Telepnew. »Ich werde es beweisen. Lida, hör zu, ich werde Gedichte vortragen, Sie, Klim, auch. Übrigens, Sie ... na, ganz gleich ...«

Ihr Gesicht flammte, die trägen Augen blitzten zornig, sie blähte die Nüstern, aber in ihrer Entrüstung bemerkte Klim etwas Ungeschicktes und Lächerliches. Als sie ein Blatt Papier aus der Tasche riß und es kriegerisch in der Luft schwenkte, mußte Klim unwillkürlich lächeln – Alinas Geste war ebenfalls von kindlicher Lächerlichkeit. »Ich kann sie auch so«, erklärte sie, ruhiger geworden, und barg das Blatt sorgsam in ihrer Tasche. »Hört zu!«

Sie schloß die Augen und stand einige Sekunden schweigend, sich gerade richtend, und als ihre dichten Brauen sich langsam hoben, schien es Klim, als sei das Mädchen plötzlich um einen Kopf gewachsen. Gedämpft, nur mit dem Atem, sprach sie:

»Wollüstige Schatten auf dunklem Bett umkreisten, mich, schmiegten sich, lockten ...«

Sie stand, den Kopf und die Brauen erhoben, und blickte erstaunt in die bläuliche Dunkelheit vor dem Fenster. Ihre Arme hingen am Körper herab, die geöffneten, rosigen Handflächen standen ein wenig von den Hüften ab.

»Ich schaue im Schimmer der Knie Bildwerk, Weißmarmor der Hüften, den Umriß des Haars . . .« hörte Klim.

Die Nechajew lispelte häufig solche krankhaft sensiblen Verse, und sie weckten in Klim stets vollkommen eindeutige Regungen. Bei Alina blieben diese Emotionen aus. Sie erzählte erstaunt und schlicht mit fremden Worten eine Traumerscheinung. In Klims Erinnerung erstand die Gestalt jenes kleinen Mädchens, das einst vor langer Zeit schelmisch die geliebten Gedichte Fets aufgesagt hatte. Doch heute klang auch keine Schelmerei in den wollüstigen Versen, nur Staunen. Eben dieses Gefühl hörte Klim aus den Lauten der schönen Stimme heraus, sah er in dem, vielleicht vor Scham oder Furcht erblaßten Gesicht, in den geweiteten Augen. Ihre Stimme sank immer tiefer herab, belastet von den fiebrigen Worten. Immer langsamer und kraftloser sprach sie, als entziffere sie mit Mühe eine undeutliche Schrift, und plötzlich sagte sie, unter erleichtertem Seufzen, eine Strophe mit erhobener Stimme:

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