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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Machorka rauchen darf man hier nicht?« fragte er leise Klim. Samgin empfahl ihm, zum Fenster zu gehen, das zum Garten hin geöffnet war, und folgte ihm selbst dorthin. Inokow holte dort Tabakbeutel und Papier hervor, drehte sich ein »Hundefüßchen«, schwenkte das Zündhölzchen in der Luft, um es auszulöschen und sagte mit einem Seufzer:

»Was für eine Dämonische ...«

»Wer?«

Inokow zeigte mit den Augen auf Alina.

»Die dort. Wie ein Traum.«

Klim hielt ein Lächeln zurück und fragte:

»Womit beschäftigen Sie sich?«

Inokow zuckte die Schulter.

»So, überhaupt... arbeite. Im Herbst habe ich im Kaspischen Meer Fische gefangen. Das ist interessant. Schreibe für Korrespondenzen. Manchmal.«

»Wird es gedruckt?«

»Wenig. Ich schreibe wohl zu selten.«

Wenn Inokow stand, kam an ihm etwas Keilartiges zum Vorschein: die Schultern waren breit, das Becken schmal, die Beine dünn.«

»Ich denke mich ernsthaft mit der Fischerei zu befassen, mit Ichthyologie.«

Die Mädchen am Tisch lärmten sehr, doch die Somow hatte gleichwohl Inokows Worte aufgefangen.

»Schriftstellern wirst du«, rief sie.

Inokow schleuderte die halb aufgerauchte Zigarette aus dem Fenster, blies heftig den beißenden Rauch aus dem Munde und ging zum Tisch, mit den Worten:

»Schreiben muß man wie Flaubert, oder überhaupt nicht. Bei uns schreibt man nicht, sondern flicht Bastschuhe für die Seele.«

Er faßte mit beiden Händen die Lehne eines schweren Stuhls und sagte mit großer Glut, wobei er die O's stark betonte:

»Da sind wir nun das erste Land in Europa, was den Reichtum an Fischen betrifft, aber wir betreiben den Fischfang barbarisch, wir beuten ihn räuberisch, ohne Verstand aus. Nach Astrachan kam Professor Grimm, ein Ichthyologe, ich habe ihn durch die Fanggebiete begleitet, aber er war blind, absichtlich blind ...«

»Braucht denn das Volk Heringe?« schrie die Somow, sie rieb sich ihre prallen Backen mit einem unangenehm gelben Tüchlein.

Alina lachte ungeniert, während sie auf sie blickte und heimlich zu Inokow hinschielte. Lida sah ihn blinzelnd, wie man etwas sehr Entferntes und Undeutliches betrachtet, an, er aber stieß zum Takt seiner Rede mit dem schweren Stuhl auf den Boden auf und predigte selbstvergessen:

»Der Aralsee, das Kaspische Meer, das Asowsche Meer, das Schwarze Meer, dazu die nördlichen, dazu die Ströme ...«

»Austrocknen sollen sie!« erboste sich die Somow. »Ich kann es nicht anhören!«

Lida erhob sich und lud alle zu sich nach oben ein. Klim säumte einen Augenblick vor dem Spiegel, um einen Pickel auf der Lippe zu betrachten. Aus dem Salon trat die Mutter. Sie verglich sehr glücklich Inokow und die Somow mit Liebhabern der dramatischen Kunst, die eine verfehlte Farce spielen, legte ihren Arm auf Klims Schulter und fragte:

»Wie gefällt dir Alina?«

»Sie ist blendend.«

»Und nicht dumm, obwohl sie mutwillig ist... in etwas grober Weise.«

Seine Schulter streichelnd, sagte« sie leise:

»Das wäre eine Braut für dich, wie?«

»Aber Mama, das ist doch ein Götzenbild!« antwortete lächelnd ihr Sohn. »Man muß Zehntausende jährliches Einkommen haben, um es würdig zu schmücken.«

»Das ist wahr«, sagte die Mutter ernst und seufzte. »Du hast recht.«

Klim ging zu Lida hinauf. Dort saßen die jungen Mädchen, wie in der Kindheit, auf dem Sofa. Es war stark verschossen, seine Sprungfedern ächzten greisenhaft. Aber er war ebenso weich und breit geblieben wie einst. Die kleine Somow hatte die Beine hinaufgezogen. Als Klim hinzutrat, machte sie ihm einen Platz an ihrer Seite frei. Aber Klim setzte sich auf einen Stuhl.

»Er ist immer noch der gleiche, ein Außenseiter«, sagte die Somow den Freundinnen, während sie mit ihrem plumpen Stiefel dem Stuhl einen Stoß gab. Alina bat Klim, von Petersburg zu erzählen.

»Ja, was für Menschen leben dort?« murmelte Inokow, der auf dem Sofapfühl saß mit Warawkas dicker Zigarre zwischen den Zähnen.

Klim begann zu erzählen, bedächtig, vorsichtig in der Wahl seiner Ausdrücke – über Museen, Theater, literarische Abende und Künstler, doch bald bemerkte er mit Verdruß, daß er uninteressant erzählte und daß man ihm nur unaufmerksam zuhörte.

»Die Menschen sind dort weder besser noch klüger als überall«, fuhr er fort. »Selten begegnet man einem Menschen, für den die wichtigsten Fragen des Daseins die Liebe und der Tod sind.«

Lida rückte eine Haarsträhne zurecht, die ihr über Ohr und Wange gerutscht war. Inokow nahm die Zigarre aus dem Mund, streifte die Asche in die linke, hohle Hand ab, preßte sie in der Faust zusammen und bemerkte vorwurfsvolclass="underline"

»Das predigt ja Leo Tolstoi...«

»Weniger als die anderen ...«

»Gibt es auch andere?«

»Sie verhalten sich ablehnend gegen Fragen dieser Art?«

Inokow schob die linke Hand in die Tasche und wischte sie dort ab.

»Ich weiß nicht.«

Klim fühlte, daß dieser Bursche ihn reizte, weil er ihn hinderte, sich der Aufmerksamkeit der jungen Mädchen zu bemächtigen.

»Wahrscheinlich ein Propagandist und vermutlich dumm.«

Er suchte nun anzüglichere Worte zu brauchen, sah aber darauf, daß sie sanft und überzeugend klangen. Nachdem er über Maeterlinck, über die »Blinden« sowie über Rosenbachs »Spinnrad des Nebels« berichtet hatte, wandte er sich in strengem Ton, wobei er Inokow mit dem Blick maß, zur Politik:

»Unsere Väter haben sich allzu eifrig mit der Lösung von Fragen materieller Natur beschäftigt und die Rätsel des seelischen Lebens vollständig ignoriert. Die Politik ist das Gebiet der Selbstgewißheit, die die tiefsten Regungen der Menschen abzustumpfen pflegt. Ein Politiker ist ein bornierter Mensch. Er betrachtet die Nöte des Geistes als so etwas wie eine Hautkrankheit. Alle diese Volkstümler und Marxisten sind Gewerbetreibende. Das Leben aber verlangt Künstler, Schöpfer.«

Inokow, der seine Zigarre wie eine Kerze aufgerichtet hielt, hieb mit dem Finger der linken Hand durch die blauen Spiralen des Rauchs.

»Nun sind Menschen von anderem Schlag erschienen, sie eröffnen uns die geheimnisvolle Grenzenlosigkeit unseres inneren Lebens, sie bereichern die Welt der Gefühle, der Phantasie. Indem sie den Menschen über die häßliche Wirksamkeit erheben, zeigen sie sie nichtiger und weniger schrecklich, als sie scheint, wenn man in gleicher Ebene mit ihr steht.«

»In der Luft kann man nicht leben«, sagte verhalten Inokow und bohrte die Zigarre in die Erde eines Blumentopfes.

Klim verstummte. Ihm schien, daß er etwas Falsches, ja etwas ihm selbst Unbekanntes ausgesprochen habe. Er traute nicht den zufälligen Gedanken, die ihm bisweilen von irgendwoher, abseitig, ohne Zusammenhang mit einer bestimmten Person oder einem Buch kamen. Das, was sich auf andere Menschen bezog, sich mit seiner Grundstimmung deckte und leicht in sein Gedächtnis einging, erschien ihm verläßlicher als diese schweifenden, unvermittelt aufflammenden Gedanken, in denen etwas Gefährliches lag, weil sie ihn gleichsam von dem Vorrat schon gesicherter Meinungen abzulenken und zu trennen drohten. Klim Samgin ahnte dunkel, daß die Angst vor plötzlichen Gedanken in Widerspruch zu irgendeinem seiner Gefühle stand, aber dieser Widerspruch war gleichfalls dunkel und wurde von dem Bewußtsein der Notwendigkeit eines Selbstschutzes gegen den Sturzbach von Meinungen verkörpert, die seiner Natur feindlich waren.

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