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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Haben Sie nicht einen Rubel?« fragte auf einmal die säuerliche Stimme Dronows.

Klim stand auf, da er sich unauffällig zu entfernen wünschte, bemerkte aber, daß auch Dronow und Tomilin sich erhoben und auf ihn zukamen. Er setzte sich, beugte den Oberkörper vor und versteckte sein Gesicht.

»Ich habe keinen Rubel«, sagte Tomilin in demselben Ton, in dem er von der ewigen Wahrheit gesprochen hatte.

Ohne den Kopf zu heben, folgte Klim ihnen mit den Augen. Dronows Füße staken in alten Stiefeln mit schiefen Absätzen, auf seinem Kopf saß eine Wintermütze. Tomilin trug einen langen, bis zu den Fersen reichenden schwarzen Mantel und einen breitkrempigen Hut. Klim lachte in sich hinein, da er fand, daß dieses Kostüm in sehr charakteristischer Weise die wunderliche Gestalt des Provinzweisen unterstrich. Da er sich mit seiner Philosophie hinreichend gesättigt fühlte, hegte er nicht den Wunsch, Tomilin zu besuchen, und dachte mit Verdruß an die unvermeidliche Begegnung mit Dronow.

Im Park wurde es stiller und heller, die Menschen verschwanden, lösten sich auf. Der grünliche Streif des Mondlichts spiegelte sich im Wasser des Teichs und erfüllte den Park mit einschläfernder, aber nicht beschwerender Traurigkeit. Rasch näherte sich ein Mann im gelben Anzug, nahm neben Klim Platz, entledigte sich schwer seufzend seines Strohhuts, wischte sich die Stirn, sah in die Handfläche und fragte wütend:

»Billard spielen Sie nicht, Student?«

Auf ein kurzes »Nein!« hin stand er auf und entfernte sich ebenso rasch mit einem höflichen Lüften des Hutes. Kaum war er jedoch zwanzig Schritt entfernt, als er laut ausrief:

»Schmarotzer, Milchbart!«

Unter teuflischem Gelächter verschwand er. Klim lachte auch, blieb gedankenleer noch einige Minuten sitzen und ging dann nach Hause.

Am vierten Tag erschien Lida.

»O, bist du gekommen!« sagte sie und hob erstaunt die Brauen. Ihr Erstaunen, die unentschlossen hingestreckte Hand und ihr rasch über Klims Gesicht gleitender Blick, all das machte, daß er sich finster von ihr abwandte. Sie war jetzt voller, aber ihre dunkel umränderten Augen waren abgründiger geworden, und ihr Gesicht schien krank. Sie trug ein graues Kleid mit Gurt und einen Strohhut mit weißem Schleier. So reisen englische Damen in Ägypten. Auch Wera Petrowna begrüßte sie achtlos, klagte etwa fünf Minuten launisch über die Langeweile des Klosters und den Staub und Kot der Straße und ging dann fort, sich umzukleiden. Der unangenehme Eindruck, den Klim von ihr empfing, hatte sich verstärkt.

»Wie fandest du sie?« fragte die Mutter, die vor dem Spiegel stand und ihre Frisur ordnete, und gab sofort selbst die Antwort:

»Sie schauspielert bereits ein wenig. Das ist der Einfluß der Schule.«

Zum Abendtee kam Alina, Sie nahm Samgins Komplimente entgegen wie eine Dame, die gut Bescheid weiß in allen Kombinationen der Schmeichelei. Ihre trägen Augen lächelten Klim mit leisem Spott an.

»Denkt nur, er redet mich mit ›Sie‹ an!« rief sie aus. »Das will etwas heißen. Ach so! Du hast meinen Verlobten gesehen? Zum Totlachen, was?« Sie schnippte mit den Fingern und fügte genußvoll hinzu: »Ein gescheiter Kopf! Schielt! Ist eifersüchtig! Es ist bis zum Wahnsinn kurzweilig mit ihm!«

»Und reich...«

»Das ist das Beste davon natürlich!«

Sie leckte ein schnelles Lächeln von ihren vollen Lippen und fragte:

»Verurteilst du mich?«

Sie hatte eine singende Art zu sprechen, weitausholende, doch weiche und überzeugte Gesten und jene Freiheit der Bewegungen erworben, die in Kaufmannskreisen Wichtigtuerei genannt wird. Durch jede Wendung ihres Körpers betonte sie gewandt und stolz die unterwerfende Macht seiner Schönheit. Klim sah, daß seine Mutter mit Trauer in den Augen Alina bewunderte.

»Meine Freundinnen tadeln: Das Mädel hat sich durchs Geld verlocken lassen«, sagte die Telepnew, und nahm mit einer Zange Konfekt aus einer Schachtel. »Vor allem ist es Lida, die stichelt. Wenn es nach ihr ginge, müßte man unbedingt mit einem Liebsten in einer Hütte leben. Aber ich bin alltäglich, ein Mädchen aus einem Vaudeville, ich brauche ein anständiges Häuschen und eigene Pferde. Mir wurde erklärt: Ihnen, Telepnew, geht vollständig der Sinn für Dramatik ab.' Das hat mir nicht irgend jemand gesagt, sondern der Direktor, der selbst Dramen schreibt. Mit einem Liebsten ist aber ohne Drama kein Leben, das ist in Poesie und Prosa nachgewiesen...«

»Die hat die Schule mehr verdorben als Lida«, dachte Klim. Die Mutter trank ihre Tasse Tee aus und ging unauffällig hinaus. Lida hörte die saftige Stimme ihrer Freundin mit einem kaum merklichen, feinen Lächeln ihrer wohl sehr heißen Lippen an. Alina erzählte komisch den dramatischen Liebesroman irgendeiner Gymnasiastin, die sich in einen intelligenten Buchbinder verliebt hatte.

»Ein wirklich intelligenter, mit Brille, Bärtchen und ausgebeulten Hosen. Er lobte die säuerlichen Gedichte Nadsons, jawohl! Sieh mal, Lidotschka, ein Intelligenzler und eine Hütte! das ist doch schrecklich! Mein Ljutow dagegen ist ein Altgläubiger, ein Kaufmannssöhnchen, und verehrt Puschkin. Das ist ebenfalls Altgläubigkeit, wenn man Puschkin liest. Jetzt ist ja in Mode dieser, wie heißt er doch gleich? Witebski, Wilenski?«

Mit rosigen Fingern, deren Nägel glänzten wie Perlmutter, nahm sie sich Konfekt und biß kleine Stückchen so ab, daß sie dabei das blendende Weiß ihrer Zähne zeigen konnte. Ihre Stimme klang gutmütig, ihre schmachtenden Augen glänzten freundlich.

»Wir, ich und Ljutow, lieben keine grimmigen Verse:

Glaube: auferstehen wird Baal

und verschlingen das Ideal

Nun mag er es verschlingen, wohl bekomms!«

Sie erglühte plötzlich und erhob sich sogar ein wenig vom Stuhl.

»Ach, Liduscha, was für Gedichtchen ich heute aus Moskau erhalten habe! Irgendein neuer Dichter, Brussow, Brossow? – erstaunlich! Sie sind ein wenig... indezent, aber die Musik, die Musik!«

Sie suchte eilig in den Falten ihres Rocks, fand die Tasche und schwenkte einen zerknitterten Briefumschlag.

»Hier!«

Ins Eßzimmer segelte geräuschvoll die rundliche Somow. Hinter ihr schritt behutsam, als durchquere er eine Furt über glatte Steine hinweg, ein hochgewachsener Jüngling in blauen Hosen, einem Hemd aus ungebleichtem Leinen und mit einer Art Sandalen an den nackten Füßen.

»Liebe Freundinnen, das ist eine Schweinerei!« schrie die Somow. »Ihr seid angekommen und schweigt, obwohl Ihr wißt, daß ich ohne euch nicht leben kann.«

»Und ohne mich«, sagte in hohlem Baß der Jüngling mit dem wilden Aussehen.

»Und ohne dich, Strafe Gottes, und ohne dich, jawohl! Darf ich vorstellen, Mädchen: Inokow, ein Kind meiner Seele, Landstreicher, künftiger Schriftsteller.«

Somow küßte die Freundinnen ab und setzte sich an Klims Seite. Sie wischte sich ihr schwitzendes Gesicht mit dem Zipfel ihres Kopftuchs und betastete Samgin mit einem lustigen Blick.

»Wie niedlich du geworden bist!«

Sogleich kugelte sie sich zu Lida hinüber und sagte:

»Also, aus dem Kreis der Lehrerinnen hat man mich ausgeschifft, wie gefällt dir das?«

Auf ihren Platz setzte sich mit Wucht Inokow. Er rückte den Stuhl ein wenig von Klim ab, striegelte mit den Fingern seine rötlichen langen Haare und heftete seine blauen Augen schweigend auf Lida.

Klim hatte die Somow länger als drei Jahre nicht gesehen. Inzwischen hatte sie sich aus einem lymphatischen, plumpen Backfisch in ein dralles Landmädchen verwandelt. Ihre an den Schläfen verschossenen Haare waren von einem weißen Tuch zusammengehalten, ihre Backen hatten sich prall gerundet, die Augen blitzten lebhaft. Sie sprach laut und mengte verschwenderisch volkstümliche Wendungen in ihre Rede, wobei sie rosenfarbig lächelte. Sie hatte etwas Vulgäres, weshalb Klim innerlich Grimassen schnitt. Inokow ähnelte einem dümmlichen Dorfhirten. Auch er hatte nichts mehr von dem Gymnasiasten, als den Klim ihn in Erinnerung hatte, zurückbehalten. Aus seinem breitkiefrigen, mit Sommersprossen übersäten Gesicht stak unschön eine stumpfe Nase. Nervös blähten sich die breiten Nasenlöcher. Auf der Oberlippe sproß ein spärlicher, tatarischer Schnurrbart. Der Ausdruck seiner blauen Augen veränderte sich oft und widerspruchsvoll, bald war er allzu weiblich sanft, bald unbegründet finster. Die gewölbte Stirn war bereits von Falten zerschnitten.

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