Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Auf alle Fragen, Samgin, gibt es nur zwei Antworten; ja oder nein. Sie wollen anscheinend eine dritte erfinden? Das ist der Wunsch der meisten Menschen, doch bis zum heutigen Tag ist es noch niemandem gelungen, ihn zu verwirklichen.«
Es war kränkend, diese Worte zu hören, und unangenehm zuzugeben, daß Turobojew nicht dumm war.
Das Glockenzeichen und der Ruf des Bahnhofsdieners, die den Abgang des Zuges verkündeten, unterbrachen Klims Sinnen über den fatalen Menschen. Er blickte sich um, im Saal hasteten die Reisenden, sie stießen einander und drängten zum Ausgang nach dem Bahnsteig.
Klim stand auf und fragte sich achselzuckend:
»Was sollen mir Turobojew und Kutusow?«
Viertes Kapitel.
Das Sonnenlicht, das seine Strahlen durch die Musselingardinen vor den Fenstern streute, erfüllte, durch sie gemildert, den Salon mit der duftigen Wärme eines Frühlingsnachmittags. Die Fenster standen auf, aber der Musselin regte sich nicht, die Blätter der auf den Fensterbänken stehenden Blumen waren unbewegt. Klim Samgin fühlte, daß er einer solchen Stille entwöhnt war, und daß sie ihn auf eine neue Weise in die Worte der Mutter hineinhorchen ließ.
»Du bist sehr, sehr männlich geworden«, sagte Wera Petrowna wohl schon zum drittenmal. »Selbst deine Augen sind dunkler geworden.«
Sie empfing ihren Sohn mit einer Freude, die ihn überraschte. Klim war von Kind auf an ihre nüchterne Zurückhaltung gewöhnt, war gewöhnt, die Trockenheit der Mutter mit respektvoller Gleichgültigkeit zu beantworten, jetzt jedoch mußte er einen anderen Ton finden.
»Nun, und – Dmitri?« fragte sie. »Studiert er die Arbeiterfrage? O Gott! Übrigens habe ich es mir auch gedacht, daß er sich mit etwas in der Art beschäftigen würde. Timofej Stepanowitsch ist überzeugt, daß diese Frage künstlich aufgebauscht wird. Es gibt Leute, die glauben, daß Deutschland aus Furcht über das Wachstum unserer Industrie den Arbeitersozialismus bei uns einführt. Was sagt Dmitri über den Vater? In diesen acht Monaten, nein, es sind mehr, hat Iwan Akimowitsch mir nicht geschrieben ...«
Sie war festlich gekleidet, als erwarte sie Gäste oder beabsichtige selbst, eine Visite zu machen. Das lila Kleid, das straff ihre Büste und ihre Formen umspannte, gab ihrer Figur etwas Angestrengtes oder Herausforderndes. Sie rauchte eine Zigarette – eine Neuigkeit! Als sie sagte: »Mein Gott, wie rasch fliegt die Zeit!« hörte Klim aus dem Ton ihrer Worte eine Klage heraus, was auch nicht zu ihren Gewohnheiten gehörte.
»Du weißt, zur Fastenzeit war ich genötigt, nach Saratow zu fahren, in der Angelegenheit Onkel Jakows, Es war eine sehr schwere Reise. Ich kenne dort niemand und geriet in die Gefangenschaft der dortigen ... Radikalen. Sie haben mir viel verdorben. Es gelang mir nicht, etwas zu erreichen, man gewährte mir nicht einmal eine Zusammenkunft mit Jakow Akimowitsch. Ich gestehe, ich bestand auch nicht besonders energisch darauf. Was hätte ich ihm sagen können?«
Klim neigte einverstanden den Kopf:
»Ja, es ist schwer mit ihm umzugehen.«
Die Redseligkeit seiner Mutter irritierte ihn ein wenig, aber er nahm sie wahr, um zu fragen, wo Lida sei.
»Sie ist mit Alina Telepnew in ein Kloster gefahren, zu ihrer Tante, der Äbtissin. Du weißt, sie hat eingesehen, daß sie kein Talent für die Bühne besitzt. Das ist schön. Aber sie sollte einsehen, daß sie überhaupt keine Talente besitzt. Dann wird sie aufhören, sich als etwas Einzigartiges zu betrachten, und vielleicht lernen, die Menschen zu achten.«
Wera Petrowna seufzte, sah auf die Uhr und horchte auf irgend etwas.
»Hörtest du, daß die Telepnew einen reichen Bräutigam gefunden hat?«
»Ich habe ihn in Moskau gesehen.«
»Ja? Wer ist er?«
»Irgend so ein Hanswurst«, sagte Klim achselzuckend.
»Es scheint, Timofej Stepanowitsch ist gekommen ...«
Die Mutter erhob sich und ging zur Tür, aber die Tür tat sich weit auf, geöffnet von der gebieterischen Hand Warawkas.
»Aha, Jurist, angekommen, guten Tag. Nun, zeig dich mal!«
Er erfüllte augenblicklich das Zimmer mit dem Knarren neuer Stiefel, dem Ächzen hin- und hergerückter Sessel, auf der Straße aber wieherte ein Pferd, Kinder schrien, und hoch stieg ein klingender Tenor in die Luft:
»Zwie–beln, Zwiebeln, Zwiie–beln!«
»Wera, bitte, Tee. Um halb acht ist Sitzung. Die Stadt hat beschlossen, dir eine Subvention für die Schule zu gewähren, hörst du?«
Aber sie war schon nicht mehr im Zimmer. Warawka warf einen Blick zur Tür, schüttelte mit der Hand seinen Bart auf und zwängte sich schwer in den Sessel.
»Nun, Jurist, wie stehen die Dinge? Nach deinem Gesicht zu urteilen, haben die Wissenschaften dich nicht schlecht ernährt. Erzähle!«
Aber nachdem er mit seinen Bärenäuglein in Klims Augen geblickt hatte, gab er ihm einen Klaps aufs Knie und begann selbst zu erzählen:
»Eine Zeitung will ich herausgeben, he? Eine Zeitung, mein Lieber. Wollen mal versuchen, den Küchenklatsch durch die organisierte öffentliche Meinung zu ersetzen.«
Minuten später, nachdem er seinen runden Rumpf ins Speisezimmer hinübergerollt hatte, schrie er, während er den Tee nervös im Glas umrührte:
»Was ist uns Russen die soziale Revolution? Es ist der Prozeß des Auswechselns zerlumpter Hosen gegen anständige ...« Klim schien, die Mutter betreue Warawka mit demonstrativer Unterwürfigkeit, mit einer Verletztheit, die sie nicht verbergen könne oder wolle. Nachdem Warawka eine halbe Stunde gelärmt und drei Glas Tee getrunken hatte, verschwand er, wie von der Bühne eine episodische Person verschwindet, nachdem sie das Stück belebt hat.
»Er arbeitet erstaunlich viel«, sagte, nach einem Seufzer, die Mutter. »Ich sehe ihn fast gar nicht. Wie alle kulturellen Arbeiter liebt man ihn nicht.«
Wera Petrowna räsonierte lange über die Roheit und stumpfsinnige Wut der Kaufmannschaft und über die Kurzsichtigkeit der Intelligenz. Sie anzuhören, war langweilig, und es hatte den Anschein, als suche sie sich zu betäuben. Nach Warawkas Weggang wurde es von neuem still im Haus und auf der Straße, nur die trockene Stimme der Mutter ertönte, sich gleichmäßig hebend und senkend. Klim war froh, als sie ermüdet sagte:
»Ich denke, du wirst müde sein?«
»Ich würde gern ein wenig spazieren gehen. Willst du nicht auch?«
»O nein«, sagte sie und strich mit den Fingern die grauen Haare an den Schläfen glatt oder versuchte, sie zu verstecken.
Klim trat auf die Straße, als es bereits dunkel war. Die hölzernen Wände und Zäune der Häuser hauchten noch Wärme aus, aber irgendwo links ging der Mond auf, und auf das graue Steinpflaster des Straßendamms legten sich die kühlen Schatten der Bäume. Die Fensterscheiben waren mit dem gelben Fett des Lampenlichts bestrichen. Die spärlichen Sterne waren ebenfalls Tröpfchen fetten Schweißes. Die Häuser waren gegen die Erde gedrückt, sie schienen unmerklich zu schmelzen und als Schatten über die Straße auseinanderzufließen. Von Haus zu Haus rannen in dunklen Bächen die Zäune. Im Stadtpark, auf dem Pfad, der rings um den Teich herumlief, schritten bedächtig Menschen, über dem gläsernen Kreis schwarzen Wassers schwebten träge gedämpfte Stimmen. Klim erinnerte sich der Bücher Rosenbachs, der Nechajew: hier müßte sie leben, in dieser Stille, inmitten bedächtiger Menschen.
Er ließ sich auf einer Bank nieder, unter dem dichten Vorhang eines Strauchs. Die Allee bog scharf nach rechts ab, hinter der Biegung saßen Leute, es waren zwei. Der eine knurrte hohl, der andere scharrte mit einem Stock oder mit der Stiefelsohle in dem noch glatten, knirschenden Schotter. Klim vertiefte sich in das monotone Gurren und erkannte längst vertraute Gedanken:
»Er sucht, wie Tolstoi, den Glauben und nicht die Wahrheit. Frei über die Wahrheit nachdenken kann man erst, wenn die Welt wüst ist: entferne aus ihr alle Dinge, Erscheinungen und alle deine Wünsche, außer einem: den Gedanken in seinem Wesen zu erkennen. Beide philosophieren über Mensch, Gott, Gut und Böse, und das sind nur Richtpunkte auf der Suche nach der ewigen, alles lösenden Wahrheit...«