Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Und nach acht Uhr abends haben keinerlei Gestalten mehr auf den Straßen zu erscheinen!«
»Wo ist meine Frau?« fragte Artamonow.
»Sie ist Brot suchen gegangen.«
»Wieso – suchen ?«
»Ja, wie denn sonst? Brot ist kein Ziegelstein, es liegt nicht auf der Erde herum.«
Das Dunkel im Garten wurde immer dichter und blauer. Neben dem Badehaus gähnte und heulte der Soldat – er war jetzt ganz unsichtbar, nur das Bajonett glänzte wie ein Fisch im Wasser. Artamonow wollte Tichon so manches fragen, er schwieg aber; Tichons Worte waren ja doch nicht zu verstehen. Überdies gerieten die Fragen durcheinander und verwirrten sich, und man konnte nicht daraus klug werden, welche die wichtigste war. Und er hatte großen Hunger.
Tichon brummte:
»Der Dummkopf hat früher als alle anderen die Wahrheit begriffen. So hat sich alles gewendet. Ich sagte: alle kommen ins Zuchthaus, und so ist es auch gekommen. Alle sind wie Staub mit einem Lappen weggewischt worden. Wie Hobelspäne weggefegt. So ist es, Pjotr Iljitsch. Jawohl. Der Teufel hat gehobelt und du hast mit geholfen. Und wozu war das alles? Man hat gesündigt und gesündigt, – die Sünden sind ohne Zahl! Ich habe immer zugeschaut und habe mich gewundert! Wann kommt das Ende? Jetzt ist euer Ende angebrochen. Nun lastet die Vergeltung schwer wie Blei auf euch... ›Der Reisewagen hat ein Rad verloren‹...«
»Er redet irre«, entschied Artamonow, fragte aber dennnoch: »Warum bin ich hier?«
»Man hat dich aus dem Hause gejagt.«
»Und Miron?«
»Alle ...«
»Und ... Jakow?«
»Er ist längst nicht mehr da.«
»Wo ist Ilja?«
»Man sagt, er sei mit jenen zusammen. Darum bist du wohl noch am Leben, weil er mit ihnen ist, denn sonst ...«
»Er redet irre,« entschied Pjotr Artamonow mit Bestimmtheit, verstummte und dachte: »Der Alte ist schwachsinnig geworden. Es war auch zu erwarten.«
Über den Himmel waren kleine, trübe Sterne verstreut, die es früher gar nicht gegeben zu haben schien. Und es waren ihrer auch nicht so viele gewesen.
Tichon griff nach der Mütze, drückte sie mit den Händen zusammen und brummte wieder:
»Nun habt ihr das Aufstoßen bekommen von eurer listigen Dummheit. Den Bettlern ist leichter zumute.«
Plötzlich fragte er mit veränderter Stimme:
»Erinnerst du dich noch an den Jungen des Kontoristen?«
»Nun – und wenn?«
Pjotr Artamonow war sich nicht ganz klar darüber, ob diese unerwartete Frage ihn erschreckt oder nur überrascht hatte. Er verstand aber sogleich alles, als Tichon sagte:
»Du hast ihn getötet wie Sachar das Hündchen. Wozu hast du ihn getötet?«
Artamonow wußte nun Bescheid: Tichon hatte ihn endlich doch angezeigt, und nun war er, trotz seiner Krankheit, verhaftet worden. Das erschreckte ihn jedoch nicht allzusehr, sondern empörte ihn eher durch seine unmenschliche Dummheit. Er stützte sich auf die Ellbogen, hob den Kopf und begann leise, vorwurfsvoll und spöttisch zu sprechen, wobei er Bitterkeit auf der Zunge und Trockenheit im Munde fühlte:
»Du lügst! Es gibt für jedes Vergehen eine Frist, nach welcher es verjährt ist. Du hast aber alle Fristen verstreichen lassen. Ja! Und du bist verrückt geworden. Du hast vergessen, was du gesehen und was du damals selbst gesagt hast ...«
»Was habe ich denn gesagt?« unterbrach ihn der Alte. »Ich habe es natürlich nicht gesehen, aber ich habe es verstanden! Ich habe das gesagt, um zu sehen, was du tun würdest. Ich habe dir was vorgelogen, und du warst froh und hast dich an die Lüge geklammert. Ich habe dir immer zugesehen und habe gewartet und gewartet ... Ihr seid alle so. Alexej Iljitsch hat seinen Schwiegervater, den Trunkenbold, angestiftet, Barskis Schenke anzuzünden; dein Vater hat das durchschaut und hat es so eingerichtet, daß man den Betrunkenen totgeschlagen hat. Nikita Iljitsch wußte es, er kam durch seinen Verstand auf alles. Er hätte darüber schweigen sollen, er hat es mir aber aus Zorn über dich erzählt. Ich sagte: ›Du bist ein Mönch, du mußt alles vergessen, ich werde es aber im Gedächtnis bewahren.‹ Ihr habt ihn durch euer Tun eingeschüchtert. Ihr habt ihn in die Schlinge getrieben und dann ins Kloster geschickt: bete für uns! Er fürchtete sich aber, für euch zu beten, – er wagte es nicht! Und darum hat er Gott verloren...«
Es schien, als könnte Tichon so bis ans Ende aller Zeiten weiterreden. Er sprach leise, sinnend und scheinbar ohne Zorn. Er war jetzt in dem dichten, heißen Dunkel des späten Abends fast unsichtbar. Seine ungehobelte Rede, die an das nächtliche Rascheln von Küchenschaben erinnerte, erschreckte Artamonow nicht, bedrückte ihn aber durch ihre Schwere und ließ ihn vor Staunen verstummen. Er kam immer mehr zu der Überzeugung, daß dieser unbegreifliche Mensch wahnsinnig geworden war. Jetzt seufzte er lange, als werfe er eine Last von seinen Schultern und fuhr fort, ebenso eintönig das Vergangene und nun Überflüssige aufzuwühlen:
»Ihr Artamonows habt auch mir meinen Glauben genommen. Nikita Iljitsch hat mich euretwegen vom Wege abgebracht und mich gottlos gemacht... Ihr kennt weder Gott noch den Teufel. Es ist nur Trug, daß Heiligenbilder in eurem Hause hängen. – Was habt ihr aber statt dessen? Daraus kann man nicht klug werden! Etwas scheint doch da zu sein. Ihr seid Betrüger. Ihr habt vom Betrug gelebt. Jetzt ist das alles zu sehen: man hat euch entblößt, entkleidet...«
Artamonow bewegte mit Mühe seinen Körper und ließ die furchtbar schweren Füße auf die Erde hinab, die Sohlenhaut fühlte aber den Fußboden nicht, und es schien dem Alten, die Füße hätten sich losgelöst und wären fortgegangen, während er in der Luft hängen geblieben war. Das erschreckte ihn, und er packte Tichon mit den Händen an der Schulter.
»Wohin?« fragte Tichon, seine Hände rauh abschüttelnd. »Rühr' mich nicht an! Du hast keine Kraft mehr, du wirst mich nicht erwürgen. Dein Vater hatte Kraft genug, doch hat er damit nur geprahlt. Ich sage, ihr habt mir den Glauben genommen, ich weiß jetzt gar nicht, wie ich sterben soll. Ich habe mich in euch vergafft, ihr Teufel ...«
Artamonow wurde immer hungriger, und ihm flößten seine Füße große Angst ein.
»Ist es denn möglich, daß ich sterbe? Ich bin noch keine fünfundsiebzig Jahre alt. O Gott ...«
Er versuchte sich wieder hinzulegen, ihm fehlte aber die Kraft, die Beine zu heben. Da befahl er Tichon:
»Hilf mir, hebe meine Beine auf!«
Tichon legte die toten Beine seines vormaligen Herrn auf die Bank, spuckte aus und setzte sich wieder, mit der Hand in der Mütze herumstochernd. In seinen Fingern glänzte etwas. Artamonow sah genau hin: es war eine Nadel, Tichon nähte in der Dunkelheit an seiner Mütze und bestätigte dadurch seinen Wahnsinn. Über ihm huschte ein grauer Nachtfalter herum. Im Garten zogen sich drei gelbe Lichtstreifen durch die Luft hin. Eine Stimme sprach aus großer Entfernung, aber deutlich:
»Genossen, es gibt und wird für uns keine Umkehr geben ...«
Tichon übertönte diese Stimme:
»Und dann dein Vater; er hat meinen Bruder umgebracht.«
»Du lügst«, sagte Artamonow unwillkürlich, fragte aber sogleich: »Wann?«
»Jetzt willst du auf einmal wissen, wann es war...«
»Was lügst du in einem fort, Wahnsinniger?« empörte sich Artamonow plötzlich und fühlte, wie der Hunger ihn aussaugte und ausdörrte. »Was willst du? Bist du mein Gewissen, mein Richter? Warum hast du über dreißig Jahre geschwiegen?«
»Ich habe eben geschwiegen. Das bedeutet, daß ich nachgedacht habe!«
»Du hast Bosheit in dir angesammelt? Ach ... Nun, geh und mach' bei der Polizei Anzeige.«
»Es gibt keine Polizei mehr!«
»Sag' dort: er hat mich mein ganzes Leben ernährt, richtet ihn! Du hast mich ja schon angezeigt! Was willst du noch, nun? Drücke mich an die Wand, schüchtere mich ein, verlange Geld, nun?«