Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Verzeih mir.«
»Nun, laß das! Was denn?«
»Meine Frechheit...«
»Verzeih du mir«, sagte der Ältere. »Ich habe hier manchmal mit dir gescherzt...«
»Gott verdammt den Scherz nicht«, versicherte der Mönch flüsternd, und Pjotr fragte nach einem Schweigen:
»Und wie ist dir jetzt? Wohin willst du?«
»Ich habe vergessen«, begann der Mönch eilig, den Bruder unterbrechend. »Jakow, sage Tichon, daß er den kleinen Ahorn bei der Laube absägen soll, er gedeiht doch nicht, nein ...«
Jakow konnte es nicht ertragen, diese übertrieben klare Stimme zu hören und die, wie die Kante einer Kiste, unmenschlich hochstehenden Brustknochen zu sehen. An diesem Haufen regungsloser Knochen, die mit etwas Schwarzem bedeckt waren, und an den ein Messingkreuz haltenden Händen war überhaupt nichts Menschliches mehr. Der Onkel tat ihm leid, – er überlegte aber trotzdem, weshalb die Alten und überhaupt die Verwandten so vor aller Augen sterben mußten?
Der Vater wartete ab, ob der Bruder noch etwas sagen würde, und ging dann an Jakows Arm, mit schweigend gesenktem Kopf weg. Unten sagte er:
»Er stirbt...«
»So?« fragte Miron, der am Tisch saß und seinen halben Körper mit einem ungeheuren Zeitungsblatt bedeckt hatte. Als er fragte, wandte er die Augen nicht weg, warf aber dann die Zeitung auf den Tisch und sagte zu seiner Frau in der Ecke:
»Ich hatte recht. Lies das!«
Seine rundliche Frau rollte an den Tisch heran, und die am Fenster sitzende Mutter fragte erschrocken:
»Ist es möglich, Miron, ist es möglich, daß Krieg ausbricht?«
»Jetzt kommt der zweite Artamonow dran«, erinnerte Pjotr laut.
»Sie lügen natürlich«, sagte Miron zu seiner Frau und zu Jakow, der auch den Kopf neigte, die alarmierenden Telegramme las und überlegte, womit das alles ihn bedrohte. Pjotr Artamonow fuhr mit der Hand durch die Luft und ging auf den Hof. Die Sonne hatte dort die Kieselsteine derart durchglüht, daß ihre Wärme durch die weichen Sohlen der Samtstiefel drang. Aus dem Fenster prasselten Mirons trockene, belehrende Worte herab; Jakow, der mit der Zeitung in den Händen am Fenster stand, sah, wie der Vater jemandem mit seiner blauroten Faust drohte.
Am dritten Tag kamen am frühen Morgen die Mönche. Es waren ihrer sieben, die alle von verschiedenem Wuchs und Umfang waren, doch erschienen sie Jakow alle gleich, wie Neugeborene. Nur einer davon, der größte, der mager war, einen sehr dichten Bart und eine weder für einen Mönch, noch für das Vorgefallene passende, laute und fröhliche Stimme besaß und mit einem großen schwarzen Kreuz an der Spitze der anderen schritt, schien gar kein Gesicht zu haben. Er war kahlköpfig, seine Nase verschwamm mit den Wangen, und er hatte außer zwei kleinen, schwarzen Gruben zwischen Glatze und Bart nichts von Gesicht aufzuweisen. Er hob im Schreiten die Füße so langsam, als wäre er blind; er sang mit drei Stimmen:
»Heiliger Gott,« tief, beinahe mit Baßstimme; – »heiliger, starker,« höher mit Tenorstimme, und – »heiliger, unsterblicher, sei uns gnädig!« so durchdringend, daß die Straßenjungen vorliefen und voll Staunen nach seinem Bart, dem Sitz des unsichtbaren, dreistimmigen Mundes sahen.
Als der Leichenzug aus der Straße auf den Platz kam, war dieser von Städtern, Reservisten, Soldaten des Leutnants Mawrin, einigen wenigen Vertretern der Obrigkeit und der Geistlichkeit im Mittelpunkt der Menge, dicht besetzt. Der kaltblütige Leutnant stand feierlich wie ein Monument an der Spitze seiner Soldaten, von der Sonne beleuchtet; die kegelförmigen Popen und Diakone erinnerten an goldene Bildsäulen; sie vergingen und zerschmolzen in der Sonne; das Leuchten ihrer Gewänder bestrahlte auch den Leutnant Mawrin; vor dem Altar sprang ein dicker Offizier mit einem wie aus Blech geformten Kopf herum und schwang die Mütze.
Der Mönch mit den drei Stimmen erhob das schwarze Kreuz, blieb vor der Menschenwand stehen und sagte im Baßton:
»Macht Platz!«
Die Leute wichen aber nicht vor ihm, sondern vor dem großen, fuchsroten Pferd des Unterisprawniks Ekke zurück. Der ritt, mit dem weißen Handschuh herumfuchtelnd, auf den Mönch zu, ließ das Pferd quer in der Straße halten und schrie vorwurfsvoll und beleidigt:
»W–wohin? Was fällt Ihnen ein, sehen Sie denn nicht? Zurück!«
Der Mönch erhob das Kreuz und stimmte an:
»Heiliger Go–o...«
»Hurra!« schrie der Offizier, und das ganze Volk auf dem Platz brüllte wie mit tausend Stimmen:
»Hur–rra–aa...«
Und Ekke schrie auch, sich in den Steigbügeln aufrichtend:
»Pjotr Iljitsch, haben Sie die Güte, durch das Gäßchen zu gehen! Machen Sie den Umweg! Miron Alexejewitsch, ich bitte Sie! Hier herrscht solche Begeisterung und Sie... Das geht doch nicht!«
Pjotr Artamonow, der am Kopfende des Sarges stand, von seiner Frau und Jakow gestützt, blickte von unten her in Ekkes hölzernes Gesicht und sagte düster zu den Mönchen, die den Sarg trugen:
»Macht kehrt, Väter...«
Und fügte schluchzend hinzu:
»Es scheint, daß ich zum letztenmal verfügen darf ...«
Das alles kam Jakow unpassend und sogar etwas lächerlich vor. Als man aber in das Gäßchen einbog, in dem Polina wohnte, sah er sie dem Leichenzug rasch entgegenschreiten. Sie ging in einem weißen Kleid, unter einem rosa Schirm, und bekreuzte eilig die hochgewölbte, straff bespannte Brust.
»Sie geht Mawrin bewundern«, kombinierte er sogleich und geriet durch den Staub und den Ärger außer Atem. Die Mönche gingen schneller, der Schwarzbärtige sang leiser, und nachdenklicher, während der Sängerchor ganz verstummte. Außerhalb der Stadt, vor dem Schlachthaustor stand eine seltsame, mit schwarzem Tuch bedeckte Fuhre, vor die zwei scheckige Pferde gespannt waren; der Sarg wurde auf diese Fuhre gestellt, und es, begann die Totenmesse, während aus der Straße, wie aus einer Trompete, das feierliche Gebrüll der Blechinstrumente drang. Die Musik spielte »Gott beschütze den Zaren«, es läuteten die Glocken dreier Kirchen, und mit Staub und Dunst zugleich flutete das tosende »R–rr–a–aa!« herein.
Jakow glaubte das Kommando des Leutnants Mawrin zu hören:
»R–richt euch!«
Nach der Seelenmesse mußte man zur Tante fahren, lange beim Leichenschmaus sitzen und das ärgerliche Brummen des Vaters anhören.
»Welcher Dummkopf hat angeordnet, daß die Pferde vor dem Schlachthaus halten sollten, he?«
»Die Polizei, die Polizei«, beruhigte Mitja und erklärte: »Wissen Sie, das paßte ihr nicht: nationale Begeisterung und dabei ein Leichenwagen! Das ist nicht in Einklang zu bringen...«
Miron leckte sich ein Lächeln von den Lippen und sagte zum Arzt Jakowlew, der sich an schweren, unangenehmen Tagen besonders bemerkbar machte:
»Und wie, wenn wir uns alle einig mit unseren Leibern draufstürzten, wie Mitka im ›Fürst Serebriany‹ ... Schließlich und endlich wird alles in der Welt doch durch das Zahlenverhältnis entschieden...«
»Nein, durch die Technik«, entgegnete der Arzt.
»Die Technik? Nun ja ... Aber ...«
Erst um die zehnte Abendstunde konnte Jakow dieser sich langweilig hinziehenden Unterhaltung entfliehen. Er lief zu Polina, von einer Unruhe erfüllt, wie er sie bis zu dieser Stunde noch nicht empfunden hatte, und in der Vorahnung eines außergewöhnlichen Ereignisses.
»Ach ...« sagte Polinas Köchin, als Jakow vom Hof aus in die Küche trat, – sagte es und ließ sich dabei schwer auf die Ofenbank sinken.
»Gemeine Kupplerin!« schrie Jakow sie an, blieb vor der ins Zimmer führenden Tür stehen und lauschte den deutlich vernehmlichen Soldatenschritten und der bekannten militärischen Stimme:
»Wir müssen also überlegen, ob so oder nicht? – Überlegen Sie sich's also!«
»Er sagt Sie zu ihr«, stellte Jakow fest. »Vielleicht ist noch gar nichts geschehen?«