Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»So wird das Gesindel bei uns jetzt traktiert!
Der Richter will's so, der gerechte ...«
Er blieb stecken, murmelte irgend etwas, fuhr mit den Händen herum und schrie plötzlich:
»Beschütze, o Herr, deine Knechte!«
Mitja rief:
»Bravo–o!«
Mitja lief in grauen Hosen und mit einer in den Nacken geschobenen Ledermütze herum, auf seinem rötlichen Gesicht glänzte der Schweiß, und aus den Augen strahlte grünlich berauschte Freude. Gestern nacht hatte er sich ernstlich mit seiner Frau gezankt; Jakow hatte im Garten aus ihrem Zimmer erst lautes Geflüster und dann Tatjanas nicht mehr zurückgehaltenes Geschrei gehört:
»Sie sind ein Clown! Sie sind ein ehrloser Mensch! Ihre Überzeugungen? Bettler haben keine Überzeugungen. Das ist alles erlogen! Vor einem Monat waren deine Überzeugungen... Genug! Morgen fahre ich in die Stadt zu meiner Schwester... Ja, ich nehme die Kinder mit...«
Das überraschte Jakow nicht, er hatte schon längst gesehen, daß der rothaarige Mitja zu einem immer widerwärtigeren Menschen wurde. Jakow war nur erstaunt und sogar ein wenig stolz, daß er als erster die Unzuverlässigkeit des Rothaarigen erkannt hatte. Und jetzt murrte selbst die Mutter, die Mitja noch vor kurzem ebenso wie einen ihrer Hähne geliebt hatte:
»Was ist es denn bloß, man kann ja mit ihm gar nicht mehr auskommen, als wäre er ein Judenjunge! Und da soll man sie noch füttern!...«
Mitja schrie:
»Alles ist ausgezeichnet! Das Leben ist eine schöne Frau mit einem klugen Kopf! Man muß aber die Fabeln vom friedlichen Zusammenleben der Wölfe und der Schafe vergessen, Tatjana Petrowna! Das kommt zu spät!«
Miron fragte ihn erbost und trocken:
»Und was werden Sie erklären?«
»Was das Leben mir eingeben wird! Jawohl! Nun, und was weiter?«
Tatjana und Miron gingen so vorsichtig um Mitja herum, als wäre er mit Ruß beschmutzt. Und nach einigen Tagen übersiedelte Mitja in die Stadt und nahm seine ganze Habe: drei große Bücherbündel und einen Korb mit Wäsche mit.
Jakow beobachtete überall ein sinnloses Durcheinander wie bei einem Feuer; alle Menschen waren vom Dunst offenkundiger Dummheit umfangen, und nichts verhieß diesen wahnsinnigen Tagen ein nahes Ende.
»Nun,« sagte er zu Polina, »ich habe mich entschlossen: wir wollen fort! Zuerst nach Moskau, und dann wollen wir weiter überlegen...«
»Endlich!« freute sie sich, umarmte und küßte ihn.
Der Juliabend erfüllte den Garten mit rötlichem Dunkel und ließ den schweren Geruch der vom Regen durchnäßten und von der Sonne erwärmten Erde durch die Fenster dringen. Es war schön, aber traurig.
Jakow löste Polinas feuchte, heiße Hände von seinem Hals und sagte sinnend:
»Deck' dir die Brust zu ... Überhaupt – zieh dich an! Wir müssen ernster sein.«
Sie sprang von seinen Knien auf die Erde, war in zwei Sätzen beim Bett, hüllte sich in den Schlafrock und setzte sich mit sachlicher Miene neben ihn.
»Siehst du,« begann Jakow und rieb sich den Bart auf der Wange so fest, daß die Haare knisterten, »wir müssen uns alles überlegen und einen Ort und ein Land aussuchen, wo es ruhig ist. Wo man nichts zu verstehen und wo man nicht über fremde Angelegenheiten nachzudenken braucht. Das ist es!«
»Gewiß!« sagte Polina.
»Wir müssen alles vorsichtig einrichten. Miron sagt, die Züge sind von flüchtigen Soldaten überfüllt. Wir müssen uns arm stellen ...«
»Nimm möglichst viel Geld mit.«
»Nun ja, gewiß. Ich will es so einrichten, daß bei mir zu Hause niemand weiß, wohin ich fahre. Ich will so tun, als ob ich nach Worgorod reise, – verstehst du ?«
»Warum müssen wir das verheimlichen?« fragte Polina erstaunt und mißtrauisch.
Er wußte selbst nicht, warum; dieser Gedanke war ihm eben erst gekommen; er fühlte aber, daß er richtig war.
»Ja, weißt du, der Vater und Miron kämen mit Fragen ... Das alles ist überflüssig. Das Geld befindet sich in Moskau, ich kann mir viel gutes Geld verschaffen.«
»Aber nur recht bald!« bat Polina. »Du siehst, ich kann so nicht weiter leben. Alles ist teuer, und man bekommt nichts. Er wird auch gewiß zu Plünderungen kommen, denn wie sollen die Leute leben?«
Sie sah sich nach der Tür um und flüsterte:
»Die Köchin war zum Beispiel früher gutmütig, und jetzt ist sie frech und wie betrunken. Sie kann mich im Schlaf erstechen. Warum sollte sie es auch nicht tun, wenn alles so verworren ist? Gestern hörte ich, daß sie mit jemandem flüsterte. Mein Gott, dachte ich, jetzt kommt es! Ich öffne leise die Tür und sehe, daß sie auf den Knien liegt und brüllt! Entsetzlich!«
»Warte«, unterbrach Jakow den raschen Strom ihres aufgeregten Geflüsters. »Zuerst reise ich ab...«
»Nein«, sagte sie laut und schlug sich mit ihrer kleinen Faust aufs Knie. »Zuerst fahre ich! Du gibst mir Geld und ...«
»Traust du mir denn nicht?« fragte er gekränkt und zornig und erhielt die bestimmte Antwort:
»Ich traue dir nicht. Ich bin ehrlich und sage gerade heraus: Nein! Wie kann man denn jetzt noch etwas glauben, wenn alle den Zaren verraten haben und alles verraten? Glaubst du denn jemandem?«
Sie sprach überzeugt, und noch überzeugender wirkte ihre Brust in den Falten des zurückgeschlagenen Schlafrocks. Jakow Artamonow gab ihr nach: es wurde beschlossen, daß sie gleich morgen ihre Vorbereitungen treffen und nach Worgorod reisen sollte, wo sie ihn erwarten würde.
Schon am nächsten Tag begann Jakow über Schmerzen im Magen und Kopf zu klagen, was durchaus wahrscheinlich klang; in den letzten Monaten war er sehr abgemagert, war schlaff und zerstreut geworden, und seine regenbogenfarbigen Augen hatten sich getrübt. Und acht Tage später fuhr er auf der Chaussee von der Stadt zur Eisenbahnstation; langsam kam er vorwärts, der Wagen fuhr am Rande der zerfahrenen Straße. Zwischen tiefen, vertrockneten, von Rissen durchzogenen Räderspuren ragten lockere Steine in die Höhe. Hinter ihm blieb ein ebenso zerfahrenes und zerwühltes Leben zurück, und vor ihm leuchtete aus einer sanften Vertiefung im Mittelpunkt der dunstigen Wolken als weißlicher Fleck die tote Sonne hervor.
Als Miron Artamonow einen Monat später aus Moskau zurückkehrte, sagte er, den Kopf senkend und seine Handfläche betrachtend, zu Tatjana:
»Ich muß dir etwas Trauriges mitteilen. In Moskau erschien bei mir jene vulgäre Person, mit der Jakow ein Verhältnis hatte, und erzählte mir, irgendwelche Menschen, – nun, was für Menschen gibt es denn jetzt? – hätten ihn verprügelt und aus dem Waggon hinausgeworfen...«
»Nein!« schrie Tatjana auf und versuchte vom Stuhl aufzustehen.
»... während der Zug in Bewegung war. Er starb nach zwei Tagen und wurde von ihr auf einem Dorffriedhof nahe der Station Petuschki beerdigt.«
Tatjana preßte sich schweigend das Taschentuch an die Augen, ihre spitzen Schultern bebten, und das schwarze Kleid floß an ihnen herab, als beginne diese magere Frau mit dem langen Hals sich aufzulösen.
Miron schob sich den Kneifer zurecht, seine Finger knackten, er rieb sich die Hände, hörte dem Läuten der einsamen, die Abendmesse ankündigenden Glocke zu und sagte dann, durch das Zimmer schreitend:
»Was soll das Weinen? Er war, unter uns gesagt, ein gänzlich unnützer Mensch. Und er war bis zur Unanständigkeit dumm, verzeih! Es ist natürlich bedauerlich. Ja.«
»Mein Gott!« sagte Tatjana, mit den geröteten Lidern blinzelnd, und Strich sich mit dem angefeuchteten Finger über die Augenbrauen.
»Dieses flotte Fräulein,« fuhr Miron fort, die Hände in die Taschen steckend, »mimt ziemlich ungeschickt die trauernde Witwe; sie ist aber so schick gekleidet, daß es klar ist: sie hat Jakow ausgeraubt. Sie sagt, sie hätte an uns nach hier geschrieben!«
Tatjana schüttelte verneinend den Kopf.
»Nein? Das dachte ich mir. Ich meine, wir dürfen den Eltern nichts davon sagen; sie mögen glauben, daß Jakow noch lebt. Nicht wahr?«