Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Ja, das wäre besser,« stimmte Tatjana zu.
»Der Onkel scheint übrigens nichts mehr zu verstehen, aber Jakows Mutter würde sich totweinen.«
Tatjana wiegte den Kopf und sagte:
»Bald gehen wir alle zugrunde.«
»Vielleicht, – wenn wir hier bleiben. Ich schicke aber unverzüglich meine Frau und die Kinder von hier fort. Ich rate auch dir, zu verschwinden ohne abzuwarten, bis Sachar Morosow ... Also: wir sagen den Alten nichts davon. Nun, entschuldige mich, ich muß nach Hause, meine Frau ist unwohl ...« Er schüttelte mit seinen langen Fingern die Hand seiner Kusine und ging mit den Worten:
»Es ist jetzt unglaublich schwer zu reisen, die Straßen sind in einem furchtbaren Zustand!«
Pjotr Artamonow lebte wie im Halbschlummer und versank langsam in immer tieferen Schlaf. Er verbrachte die Nacht und einen großen Teil des Tages im Bett, die übrige Zeit saß er im Lehnstuhl am Fenster; vor dem Fenster war blaue Leere, die manchmal durch Wolken bekleckst wurde; im Spiegel erschien das Bild eines dicken Alten, mit einem aufgedunsenen Gesicht, mit verschwommenen Augen und den Büscheln eines grauen Bartes. Artamonow betrachtete sein Gesicht und lachte:
»Ein schönes Insekt!«
Seine Frau kam, beugte sich über ihn, zupfte ihn und greinte:
»Du mußt fort, du mußt in ärztliche Behandlung...«
»Geh,« sagte Artamonow träge. »Geh, du Stute! Ich habe dich satt. Gib Ruhe...«
Und wenn er allein blieb, lauschte er dem Feiertagslärm der Leute auf dem Hof, im Garten, überall. Das Werk schwieg aber.
Sein altgewohnter Gesellschafter, der betrogene Mann, der Artamonow durch die Nadelstiche seiner Gedanken belebt hatte, war verschwunden und gestorben. Und er hatte gut daran getan, – das Denken fiel dem Alten schwer, er hatte auch keine Lust mehr dazu, er hatte auch schon längst begriffen, daß das Denken zwecklos war, weil man doch nichts verstehen konnte. Wohin waren alle verschwunden: Jakow, Tatjana, der Schwiegersohn?
Manchmal fragte er seine Frau:
»Ist Ilja zurückgekehrt?«
»Nein.«
»Noch nicht?«
»Nein.«
»Und Jakow?«
»Auch Jakow nicht.«
»So. Sie amüsieren sich. Und Miron saugt die Fabrik aus.«
»Denk' nicht dran!« riet Natalia.
»Geh!«
Sie ging in eine Ecke, saß dort und betrachtete mit trüben Augen den gewesenen Menschen, an den sie ihr ganzes Leben vergeudet hatte. Ihr Kopf zitterte, ihre Hände bewegten sich unsicher, als wären sie verrenkt; sie war abgemagert und wie eine Talgkerze zerschmolzen.
Ab und zu, aber immer häufiger, wurde Pjotr Artamonow durch einen unverständlichen Trubel im Hause geweckt; es erschienen fremde Menschen, er betrachtete sie und bemühte sich, ihre lauten, irren Reden zu verstehen, er hörte das Wehklagen seiner Frau:
»Mein Gott, was ist denn das? Warum denn? Er ist doch der Herr, wir sind die Besitzer! Laßt mich ihn wegbringen, er muß in Behandlung, er muß in die Stadt! Ja, laßt mich ihn doch wegbringen...«
»Sie will mich verstecken. Warum will sie mich aber verstecken?« überlegte Pjotr Artamonow. »Sie ist dumm. Sie war ihr ganzes Leben dumm. Jakow ist ihr nachgeraten. Und die andern alle. Ilja ist aber mir ähnlich. Wenn er zurückkehrt, wird er alles in Ordnung bringen...«
Es regnete, es schneite, der Frost knisterte, der Schneesturm heult und pfiff...
Artamonow wurde aus diesem Zustand des Halbschlafs und des Halbwachseins durch ein scharfes Hungergefühl aufgerüttelt. Er sah sich im Garten, in der Laube; durch die Scheiben und zwischen den nassen Zweigen schimmerte ein rötlicher, seltsam naher Himmel, der hier gleich hinter den Bäumen herabzuhängen schien, so daß man ihn mit der Hand berühren konnte.
»Ich will essen,« sagte Artamonow. Er erhielt keine Antwort.
Ein bläulicher, feuchter Nebel erfüllte den Garten; vor der Laube standen zwei Pferde, ein graues und ein dunkles, die sich gegenseitig die Köpfe auf den Hals gelegt hatten; auf der Bank hinter ihnen saß ein Mensch in einem weißen Hemd und entwirrte ein großes Knäuel von Stricken.
»Natalia, hörst du? Gib mir was zu essen!«
Wenn er früher aus der Bewußtlosigkeit erwacht war und seine Frau gerufen hatte, war sie sogleich erschienen. Sie befand sich immer irgendwo in der Nähe, – heute war sie aber nicht da.
»Ist denn das möglich?« dachte Artamonow, und in seinem Kopf wurde es klarer. »Oder ist sie krank?«
Er hob den Kopf, an der Badehaustür glänzte etwas zwischen den Sträuchern; dann stellte es sich heraus, daß es ein Gewehr mit einem Bajonett hinter dem Rücken eines grünlichen Soldaten war, der vom Gesträuch kaum zu unterscheiden war. Auf dem Hof schrie jemand:
»Was fällt euch ein, Genossen, macht ihr einen Scherz? Werden denn Pferde so gehalten? So hält man Schweine! Und warum ist das Heu nicht fortgeräumt und ist naß geworden? Willst du ins Badehaus, hinter Schloß und Riegel?«
Der Mensch im weißen Hemd warf die Stricke von den Knien auf die Pferde hinab, erhob sich und sprach halblaut, in der Richtung zu dem Soldaten:
»Er ist vom Himmel erschienen, der Teufel trag' ihn von hinnen!«
»Es gibt jetzt mehr Kommandierende als früher,« antwortete der Soldat.
»Und wer ernennt sie, diese Teufel?«
»Sie sich selbst. Jetzt geschieht alles von selbst, Brüderchen, wie im Märchen einer alten Großmutter.«
Der Mann ging auf die Pferde zu und faßte sie bei der Mähne. Artamonow schrie so laut er konnte:
»He, du, ruf mal meine Frau!«
»Schweig, Alter!« antwortete der andere. »Da sieh nur einer an, der will seine Frau ...«
Die Pferde waren wieder fort. Artamonow fuhr sich mit der Hand über Gesicht und Bart, tastete mit den kalten Fingern nach dem Ohr und sah sich um. Er lag an der fensterlosen, unverglasten Wand der Laube, unter dem Apfelbaum, von dem die roten Äpfel in Büscheln, wie Ebereschenbeeren herabhingen; es lag sich hart; er war mit seinem schäbigen Fuchspelz zugedeckt und hatte eine dicke Winterjacke an. Es war ihm aber nicht heiß. Er konnte nicht begreifen, warum er hier war? Vielleicht war im Hause großes Reinemachen vor den Feiertagen? Was für ein Feiertag war es aber? Warum waren die Pferde im Garten und die Soldaten beim Badehaus? Und wer brüllte auf dem Hof:
»Sie sind ein dämlicher Bengel, Genosse! Was? Die Leute sind müde? Es ist zu früh, um müde zu werden! Wenn diese Dummköpfe nicht wären ...«
In der Ferne wurde irgendwo geschrien, aber das Schreien betäubte und rief Kopfsausen hervor. Und dann schien er keine Füße mehr zu haben; seine Beine bewegten sich von den Knien abwärts nicht. Den Apfelbaum an der Wand hatte der Maler Wanka Lukin gemalt, – ein Dieb, der die Kirche bestohlen hatte und im Gefängnis gestorben war.
In die Laube kam jemand herein, der sehr breit war und eine zottige Mütze trug; er brachte einen kalten Schatten und starken Teergeruch mit herein.
»Ist das Tichon?«
»Ja, gewiß...«
Auch Tichons brummige Antwort klang betäubend laut. Der alte Hausknecht streckte die Hände aus und schien über dem knarrenden Fußboden zu schweben.
»Wer brüllt da?«
»Sacharka Morosow.«
»Und warum ist der Soldat da?«
»Es ist Krieg.«
Nach einem Schweigen fragte Artamonow:
»Ist der Feind bis hierher gekommen?«
»Das ist ein Krieg gegen dich, Pjotr Iljitsch ...«
Pjotr sagte streng:
»Scherze nicht, alter Dummkopf, ich bin nicht dein Genosse!«
Er vernahm die ruhige Antwort:
»Das ist der letzte Krieg! Wir wollen nie wieder Krieg! Jetzt sind alle Menschen Genossen. Für einen Dummkopf bin ich aber wirklich schon zu alt.«
Es war klar, daß Tichon ihn verhöhnte. Jetzt setzte er sich, ohne Umstände und ohne die Mütze abzunehmen, zu den Füßen des Herrn hin. Auf dem Hof wurde mit heiserer, sich überschlagender Stimme kommandiert: