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Das Werk der Artamonows
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»Stimmt das auch?« fragte der Offizier und fuhr sich mit den roten Fingern über den Schnurrbart.

»Nein,« wiederholte Jakow kopfschüttelnd.

»Seltsam. Sehr seltsam. Es läßt sich aber wieder gutmachen. Es steht so: Noskow muß durch einen eben solchen für Sie nützlichen Menschen ersetzt werden. Bei Ihnen wird ein gewisser Minajew erscheinen. Sie werden ihn aufnehmen, nicht wahr?«

»Gut«, sagte Jakow.

»Das ist alles. Damit ist die Sache erledigt. Ich bitte Sie, seien Sie vorsichtig. Sagen Sie den Damen nichts! Kein Sterbenswörtchen. Verstehen Sie?«

»Er spricht wie zu einem Jungen, wie zu einem Dummkopf«, dachte Jakow.

Dann erzählte der Gendarm von dem bald bevorstehenden herbstlichen Wanderflug der Vögel, vom Krieg und der Krankheit seiner Frau, die jetzt von seiner Schwester gepflegt wurde.

»Wir müssen aber auf noch Ärgeres gefaßt sein«, sagte Nesterenko, faßte sich beim Schnurrbart und hob ihn zu den dicken Ohrläppchen empor, wobei die Oberlippe mitging und die gelben Zähne entblößte.

»Ich muß fliehen«, dachte Jakow. »Er wird mich in etwas verwickeln. Ich muß fort!«

»Der Teufel hole euch alle«, dachte er, längs des Okaufers hinschreitend. »Wozu brauche ich euch? Wozu?«

Ein feiner, den Herbst ankündigender Regen netzte träge die Erde und kräuselte das gelbe Flußwasser; die widerwärtig warme Luft enthielt etwas, das Jakow Artamonows Niedergeschlagenheit noch mehr vertiefte. War es denn in der Tat unmöglich, ruhig und einfach, ohne alle diese unnötigen, sinnlosen Aufregungen zu leben?

Doch die Monate folgten aufeinander wie die Fuhren eines Wagenzuges im winterlichen Schneegestöber, und waren schwer und reich mit außerordentlichen Aufregungen beladen.

Sachar, einer von den Morosows, kehrte mit dem Georgskreuz auf der Brust und mit einem kahlen, verbrannten Kopf voll roter Geschwüre aus dem Kriege zurück; das eine Ohr fehlte, an Stelle der rechten Augenbraue befand sich eine rote Narbe, unter der sich ein zerquetschtes, totes Auge versteckte, während das zweite streng und aufmerksam blickte. Er freundete sich gleich mit dem Heizer Krotow an, und Serafims lahmer Schüler spielte und sang:

»Der Regen fällt, ich muß im Kot,

Im Schützengraben liegen

Und helfen, ach, ich Idiot,

Europa bei den Siegen!«

Jakow fragte Morosow:

»Nun, Sachar, führen wir schlecht Krieg?«

»Wir haben nichts, um ihn gut zu führen,« erwiderte der Weber. Er hatte eine frech bellende Stimme, und in seinen Worten erklang dieselbe tollkühne Schamlosigkeit wie in dem Liedchen des Heizers.

»Wir haben keinen Herrn, Jakow Petrowitsch,« sagte er seinem Prinzipal ins Gesicht. »Bei uns wirtschaften lauter Spitzbuben.«

Dieser Mensch und Waska, der Heizer, machten sich eben so bemerkbar wie angezündete Laternen im Dunkel der Herbstnacht.

Als Tatjanas lustiger Mann ein Beinkleid mit einem lächerlich weiten Hosenboden von derselben Farbe wie Sachars morscher Soldatenmantel, anzog, sah ihn der Heizer an und sang:

»Seht doch diese Höschen bloß!

Jeder sucht sich selbst sein Heiclass="underline"

Dem einen wächst der Kopf recht groß,

Dem andern nur sein Hinterteil!«

Zu Jakows Erstaunen war der Schwager über diesen Spott nicht beleidigt, sondern lachte laut und spornte den Heizer sichtlich zu weiterem Mutwillen an. Auch die Arbeiter lachten. Die ganze Fabrik begann zu grölen, als Sachar Morosow ein zottiges Hündchen auf den Hof mitbrachte, das einen buschigen, unternehmend auf den Rücken geringelten Schwanz hatte, an dessen Ende mit Bast ein baumelndes weißes Georgskreuz festgebunden war. Miron duldete diesen Unfug nicht, Sachar wurde von der Polizei verhaftet, und das Hündchen kam zu Tichon Wialow.

Durch die Straßen der Stadt gingen lahme, blinde, armlose und auf verschiedene Art verstümmelte Menschen in Soldatenmänteln, und alles ringsum nahm die Eiterfärbung ihrer Kleidung an. Die verunstalteten, verkrüppelten Soldaten wurden von den städtischen Damen spazieren geführt, die die magere, dünne, an eine Besenstange erinnernde Wera Popowa kommandierte. Sie wollte auch Polina heranziehen, die schüttelte aber den Kopf, schrie und klagte:

»Ach nein, ich kann nicht! Das ist widerwärtig! Sieh einmal, Jakow, sie sind alle jung, gesund und dabei verkrüppelt. Und wie sie riechen! Ich kann nicht! Höre, laß uns wegfahren!«

»Wohin?« fragte Jakow niedergeschlagen, als er sah, daß seine Liebste immer reizbarer wurde, furchtbar viel rauchte und bitteren Brandgeruch ausatmete. Und überhaupt wurden alle Frauen in der Stadt, und besonders in der Fabrik, immer erbitterter; sie murrten, fauchten und klagten über das teure Leben, ihre Männer verlangten pfeifend Erhöhung der Löhne, arbeiteten aber immer schlechter. Die Siedlung lärmte und brüllte des Abends auf eine neue Weise, laut und zornig.

Unter den Arbeitern tauchte der gesetzte Schlosser Minajew auf, ein etwa dreißigjähriger, schwarzer und wie ein Jude großnasiger Mann; Jakow ging ihm ängstlich aus dem Wege und vermied es, den Blicken des Schlossers zu begegnen, der die Menschen mit seinen dunklen Augen so ansah, als hätte er etwas vergessen und könnte sich dessen nicht erinnern.

Der Vater schob sich als schmutzige Ruine durch den Hof und bewegte mit Mühe die kranken Beine. Jetzt hing auf seinen breiten Schultern ein schäbiger Reisepelz; er hielt die Leute an und fragte streng:

»Wohin gehst du?«

Und wenn man ihm antwortete, winkte er mit der Hand und murmelte:

»Nun, geh nur. Ihr Müßiggänger! Ihr Wanzen, ihr lebt von meinem Blut!«

Sein violettes, aufgedunsenes Gesicht zitterte voll Ekel, und die Unterlippe hing herunter; man mußte sich seinetwegen vor den Leuten schämen. Schwester Tatjana raschelte den ganzen Tag mit ihren Zeitungen und war über etwas so erschreckt, daß sie immer rote Ohren hatte. Miron flog wie ein Vogel in der Gouvernementsstadt, in Moskau und in Petersburg herum; bei seiner Rückkehr stampfte er mit den breiten Absätzen seiner amerikanischen Stiefel herum und erzählte schadenfroh von dem betrunkenen, liederlichen Bauern, der sich wie ein Blutegel an den Zaren angesaugt hatte.

»Ich glaube nicht daran, daß es einen solchen Bauern wirklich gibt!« sagte eigensinnig die halbblinde Olga, die neben der Schwiegertochter auf dem Sofa saß, wo deren zweijähriger Sohn Platon herumrutschte und schrie. »Man hat es absichtlich erfunden, um ein Beispiel zu haben...«

»Das ist merkwürdig!« verkündete Tatjanas lustiger Mann. »Das ist staunenswert! Das Dorf rächt sich! Nicht wahr?«

Er rieb sich freudig die fetten, rothaarigen Hände. Er allein erwartete mit Sicherheit irgendein Fest.

»Mein Gott!« rief Tatjana ärgerlich aus. »Was freut dich! Ich verstehe es nicht!«

Mitja öffnete erstaunt den Mund und prophezeite:

»Wie? Du verstehst es nicht? Verstehe es doch! Das Dorf rächt sich für all das, was es erduldet hat! Es hat sich in der Person jenes Bauern ein zerstörendes Gift geschaffen...«

»Erlauben Sie!« sagte Miron, das Gesicht verziehend. »Sie haben noch vor kurzem ganz anders gesprochen...«

Aber Mitja flüsterte eindringlich, beinahe außer sich, und verschluckte sich an den Worten:

»Das ist ein Symbol und kein gewöhnlicher Bauer! Die da haben vor drei Jahren das dreihundertjährige Jubiläum ihrer Macht gefeiert, und nun ...«

»Unsinn«, sagte Miron schroff, Doktor Jakowlew lächelte wie immer; Jakow Artamonow aber dachte daran, was wohl wäre, wenn diese Worte zu dem Gendarmen Nesterenko dringen würden ...

»Wozu sagt ihr das alles?« fragte er. »Was kommt dabei heraus?«

Und er redete gut zu:

»Hört auf!«

Er bemerkte, daß auch Miron ungewöhnlich zerstreut und aufgeregt war, und das verstimmte Jakow ganz besonders. Letzten Endes blieb unter all den Menschen nur Mitja der alte; er drehte sich noch immer wie ein Kreisel, sprühte von Scherzen, spielte des Abends Gitarre und sang:

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