Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Mitja!« schrie Tatjana.
»Wo ist Mitja?« fragte die Mutter und selbst der Vater brummte, sich zum Fenster hinausbeugend:
»Mitja, es ist Zeit, Mittag zu essen!«
Mitja lief wie ein Fuchs durch die Fabrik und verwischte geschickt mit dem buschigen Schwanz komischer Worte und lustiger Scherze Mirons beleidigende Strenge den Arbeitern und Beamten gegenüber. Er nannte die Arbeiter »Freunde«.
»Freundchen, das ist nicht so!« sagte er zu dem bärtigen, ehrwürdigen Vorarbeiter der Schreiner, zog ein rotes Lederbüchelchen und einen Bleistift aus der Tasche, zeichnete etwas auf das Brett und sagte:
»Siehst du? Ist das nicht so? Und dann so, und wieder so! Stimmt das?«
»Es stimmt schon«, gab der Vorarbeiter zu. »Wir machen aber alles nach alter Weise, wie wir es gewohnt sind...«
»Nein, mein Lieber, man muß sich an das Neue gewöhnen, es ist vorteilhafter.«
Der Vorarbeiter stimmte zu:
»Richtig!«
Mitja erinnerte in seinem flotten Spiel mit der Arbeit an Onkel Alexej, man merkte ihm aber nicht die Gier nach Besitz an; seine lustigen Possen ähnelten denen des Schreiners Serafim, was auch vom Vater bemerkt wurde. Einmal beim Abendbrot, als Mitja die ärgerliche Stimmung bei Tisch zerstreute und aufhob, brummte der Vater lächelnd:
»Wir hatten auch einen Tröster: Serafim... Jawohl!«
Jakow hörte einmal Mitja zu Miron sagen, als dieser wie gewöhnlich einen Zusammenstoß mit dem Vater gehabt hatte:
»Das ist eine Verbindung des Furchtbaren und Widerwärtigen mit dem Jämmerlichen, so eine echt russische Chemie!«
Und dann tröstete er sogleich:
»Das macht aber nichts! Das wird bald vergehen und vom Leben überholt werden. Wir reinigen uns...«
An einem Feiertag, beim Abendtee im Garten, klagte der Vater:
»Ich habe ohne Feiertage gelebt!« Der Schwiegersohn ließ sogleich eine Rakete aufsteigen, die alle mit dem Goldstaub flotter Worte überschüttete:
»Daran sind Sie schuld und sonst niemand! Der Mensch setzt die Feiertage selbst für sich fest. Das Leben ist eine schöne Frau, es verlangt nach Geschenken, Zerstreuungen, nach allerlei Spiel. Man muß mit Genuß leben! Man kann jeden Tag etwas finden, woran man sich erfreut.«
Er sprach lange und geschickt, als spielte er auf einer Flöte, und alle bei Tisch verstummten; es geschah immer, daß die Menschen, die ihm zuhörten, einzuschlafen schienen. Auch Jakow stand im Banne seiner Worte, er fühlte darin etwas Echtes und Wahres, und doch wollte er Mitja fragen:
»Warum hast du aber ein so häßliches, dummes Mädchen geheiratet?«
Jakow sah in seinem Verhältnis zu seiner Frau etwas Unaufrichtiges, allzu Liebenswürdiges, eine zu sehr betonte Fürsorge; es kam Jakow vor, als ob auch die Schwester dieses Unaufrichtige fühlte. Sie war traurig, schweigsam und leicht reizbar und unterhielt sich viel häufiger und lebhafter mit Miron als mit ihrem lustigen Mann über Politik. Sonst konnte sie über nichts sprechen. Manchmal glaubte Jakow aber, Mitja Longinow wäre nicht aus einem fröhlichen, sorglosen Lande hergekommen, sondern aus einer öden, dunklen Grube herausgesprungen und wäre auf neue, ihm unbekannte Menschen gestoßen; vor Freude, daß er endlich so weit war, tanzte er nun vor ihnen herum und belustigte sie, als wäre er durch ihren Überfluß gerührt und durch etwas überrascht. In diesem Staunen glaubte Jakow etwas Einfältiges zu bemerken: so staunt ein Junge in einem Spielwarengeschäft, – doch ist dies einer, der sogleich klug zu unterscheiden versteht, welches Spielzeug das beste ist.
Unter allen Menschen im Hause und in der Fabrik gab es zwei, die Tatjanas Mann in ausgesprochener Weise nicht mochten: Onkel Nikita und Tichon Wialow. Tichon beantwortete Jakows Frage, wie ihm Mitja gefiele, ruhig folgendermaßen:
»Er ist unverläßlich.«
»Weshalb?«
»Er ist eine Fliege. Setzt sich auf jeden Unrat.«
Jakow fragte den Alten lange und hartnäckig aus, der konnte es ihm aber nicht verständlich machen:
»Du siehst ja selbst, Jakow Petrowitsch«, sagte er. »Du siehst, daß der Mensch sich allerhand Schnörkel ausdenkt.«
Der Mönch sagte beinahe dasselbe:
»Er wirbelt Staub auf,« meinte er seufzend, »ich habe viele solche Phrasenmacher gesehen. Sie verwirren das Volk. Sie bleiben auch selbst in ihren Worten stecken. Wenn man zu ihm von Bergen spricht, meint er, es wäre vom Verbergen die Rede... Ja, ja.«
Es war seltsam zu hören, wie dieser sanfte Krüppel ärgerlich und fast mit einer ihm sonst gar nicht eigenen Bosheit sprach. Und noch überraschender war die Einstimmigkeit zwischen Tichon und dem Onkel bei der Einschätzung von Tatjanas Mann; die Alten waren sonst nicht einig und lebten in offener, stummer Feindschaft, sprachen fast nicht miteinander und gingen sich aus dem Wege. Darin erblickte Jakow wieder die ihm so lästige menschliche Dummheit: wie konnten Menschen uneinig sein, die vielleicht schon morgen der Tod niedermähte?
Onkel Nikita lag im Sterben. Es schien Jakow, daß der Vater es eifrig beschleunigte, da er den Mönch bei jeder Bewegung durch Vorwürfe quälte und bedrückte.
»Ich habe mein ganzes Leben wie ein Stier unter den Leuten verbracht, und du lebst wie ein Kater. Alle bemühen sich, es so einzurichten, daß du es wärmer und weicher hast und scheinen gar nicht zu sehen, daß du bucklig bist. Mich halten alle für böse, – bin ich das aber? Ich habe das ganze Leben...«
Der Mönch zog den Kopf in den Buckel ein und bat hüstelnd:
»Ärgere dich nicht.«
Das Gefühl des Widerwillens gegen den Vater und gegen dessen entblößte, wie aus Seife geformte, mit dem Schimmel grauer Haare bedeckte Brust verdarb Jakow auch das Leben. Dieses Gefühl war schwer zu verbergen und zu verheimlichen. Er mußte sich ab und zu daran erinnern:
»Er ist mein Vater. Er hat mich gezeugt.«
Doch das verschönte den Vater nicht und löschte den Widerwillen gegen ihn nicht aus, darin lag sogar etwas Verletzendes und Erniedrigendes. Der Vater fuhr fast täglich in die Stadt, um das Sterben des Mönchs zu beobachten. Pjotr Artamonow kletterte mit Mühe schnaufend auf den Boden, setzte sich an das Bett des Mönchs und richtete seine roten, entzündeten Augen auf ihn. Nikita schwieg hüstelnd und heftete seinen bleiernen Blick auf die Zimmerdecke; seine Hände waren unruhig geworden, er zupfte immer an der Kutte herum und schien von ihr etwas Unsichtbares zu entfernen. Manchmal erhob er sich und geriet vor Husten außer Atem.
»Du gehst ganz aus dem Leim?« fragte der Bruder.
Nikita kroch ans Fenster, indem er sich mit den Händen an die Schultern des Bruders, an die Bettwand und an die Stuhllehnen klammerte. Die Kutte hing an ihm wie ein Segel an einem zerbrochenen Mast; er setzte sich ans Fenster und sah mit offenem Mund in den Garten und in die Ferne, nach dem an zornig gesträubte Borsten erinnernden Wald.
»Nun, ruh' dich aus«, sagte Pjotr und zupfte sich am schwammigen Ohrläppchen. Dann ging er hinunter und teilte Olga mit:
»Er geht ganz aus dem Leim. Jetzt dauert es nicht mehr lange...«
Es kam ein dicker Mönch, Vater Mardari, und redete zu, Nikita ins Kloster zu schaffen, – er sollte nach irgendeinem Statut gerade dort sterben und unbedingt dort beerdigt werden. Der Bucklige überredete aber Olga:
»Bringt mich später dorthin, wenn ich tot bin.« Und er bat dreimal kläglich:
»Laßt den Sargdeckel etwas höher machen, damit er nicht drückt. Vergeßt es nicht!«
Er starb vier Tage vor Kriegsausbruch und bat am Vorabend seines Todes das Kloster zu benachrichtigen:
»Sie sollen mich jetzt holen kommen. Bis zu ihrer Ankunft werde ich gestorben sein.«
Am Morgen des Todestages half Jakow dem Vater auf den Boden zu steigen; der Vater bekreuzte sich und starrte das dunkle, aschfahle Gesicht mit den halbgeschlossenen Augen und dem eingefallenen Mund an. Nikita sagte unnatürlich laut: