Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»So heiratet man«, brummte der Vater und betrachtete Jakow mit roten Augen. »Du gibst dich aber mit Gott weiß wem ab. Und Ilja hat man aus dem Leben hinausgefegt, als wäre er Kehricht.«
Dem Vater machte das Gehen Mühe, er wiegte den schwammigen, schlaffen Körper schwer hin und her. Es schien Jakow, daß dieser Körper den Vater ärgerte, und daß er die bedrückende Häßlichkeit seiner greisenhaften Nacktheit absichtlich den Menschen zur Schau stellte. Er stolzierte in Unterwäsche, im offenen Schlafrock, in Pantoffeln an den bloßen Füßen und mit aufgedunsener nackter Brust herum, genau so wie er vor der Tochter Jelena erschienen war, um sie zu ärgern. Manchmal kam er ins Kontor, saß dort lange und störte Jakow mit seinen Klagen, er hätte seine ganze Kraft dem Werk und den Kindern geopfert und hätte sein ganzes Leben im steinernen Joch der Arbeit, im Nebel der Sorgen zugebracht, ohne irgendwelche Freuden zu genießen.
Jakow hörte schweigend zu, da er sah, daß diese Klagen den Vater erleichterten und ihn in den eigenen Augen bis zum Umfang eines Glockenturmes auftrieben, den die Sonne des Morgens früher als die Häuser der Menschen bemerkt und von dem sie zuletzt Abschied nimmt, bevor sie in die Nacht versinkt. Diesen Klagen entnahm aber Jakow die Lehre, es wäre sinnlos, so zu leben, wie der Vater gelebt hatte.
Und er sah immer, daß, nachdem der Vater sich an den Klagen gesättigt hatte, er von einem heißen Jucken und dem unruhigen Wunsch befallen wurde, die Menschen zu beleidigen und zu verhöhnen. Er ging zu seiner alten Frau, die am Gartenfenster saß, die unbrauchbaren Hände auf den Knien hielt und die leeren Augen auf einen Punkt richtete; er setzte sich neben sie und begann sie zu ärgern:
»Woran denkst du? Du bist dick, und doch sieht man dich nicht, die Kinder sehen dich nicht. Tatjana spricht mit der Köchin freundlicher als mit dir. Jelena hat dich wohl vergessen? Sie kommt ja nie, sie scheint sich einen neuen Geliebten zugelegt zu haben! Und wo ist Ilja?«
Es war aber langweilig, der Frau zuzusetzen, ihr blaurotes Gesicht schwitzte gleich Tränen, die nicht nur ihren Augen, sondern allen Poren der straff gespannten Haut ihrer Wangen und dem aufgeschwemmten Doppelkinn zu entströmen und sogar irgendwo hinter den Ohren hervorzusickern schienen.
»Nun, du gehst ja ganz aus den Fugen«, brummte der Alte angewidert und ging, indem er sie wie lästigen Rauch abwehrte. Nein, sie war nicht kurzweilig.
Jakow ärgerte er nicht. Doch es kam dem Sohn so vor, als ob der Vater ihn mit beleidigendem Bedauern betrachtete. Manchmal seufzte er:
»Ach, du mit deinen leeren Augen...«
Miron war für Spott unnahbar, der Vater ging ihm sichtlich und ängstlich aus dem Wege; das fand Jakow begreiflich. Miron wurde sowohl im Werk wie im Hause von allen gefürchtet, von der Mutter und seiner Porzellanfrau angefangen bis zu Grischka, dem Jungen, der die Eingangstür für die Herrschaft zu öffnen hatte. Wenn Miron über den Hof ging, schien sein langer Schatten ringsherum Stille zu erzeugen.
Es war auch kein Vergnügen, sich über den rothaarigen Schwiegersohn lustig zu machen, er verstand es selbst, über sich zu lachen, und zog es offenbar vor, sich selbst zu schlagen, bevor ein anderer es tat. Die schwangere Tatjana war stark aufgedunsen und blies mit wichtiger Miene die Lippen auf; sie lag nach dem Essen und las drei Bücher auf einmal; dann ging sie spazieren, und ihr Mann lief wie ein Pudel neben ihr her.
Pjotr Artamonow ließ das Pferd einspannen und fuhr in die Stadt, um sich an Nikita und Tichon heranzumachen. Jakow hatte ihm dabei mehr als einmal zugehört.
»Nun, du Student in der Kapuze, du hast Gott verloren?« nahm er den Mönch vor.
Nikita bewegte den Buckel, fuhr sich mit den Handflächen fest über die spitzen Knie und sagte leise und klagend:
»Ach, das ist unrecht von dir...«
»Wieso unrecht? Du trägst nicht den richtigen Hut. Dieser Hut paßt nicht zu dir. Deine ganze Kleidung paßt nicht zu dir. Was für ein Mönch bist du denn?«
»Das geht nur meine Seele an!«
»Du schnupfst Tabak. Nein, du hast verspielt und hast dich geirrt. Du hättest seinerzeit ein armes Mädchen, eine Waise heiraten sollen, sie hätte dir aus Dankbarkeit Kinder geboren, und du wärst jetzt, ebenso wie ich, Großvater. Du hast dir aber etwas anderes erlaubt, – weißt du's noch?«
Der Mönch kroch wie eine ungeheure Schildkröte langsam fort, und Pjotr Artamonow begab sich zu Olga und erzählte ihr von Alexejs Gelagen und von der Messe in Nishni. Doch auch das belustigte ihn nicht, die kleine Alte war seit dem Tode ihres Mannes von dauernder Unstetigkeit befallen; sie lief in einem fort hin und her, rückte an den Möbeln herum, stellte alle Gegenstände von einer Stelle an die andere und sah aus dem Fenster. Sie hielt beim Gehen den Kopf unbeweglich, und obwohl auf ihrer Nase die Brille mit den dicken Augengläsern prangte, mußte sie sich doch durch Tasten behelfen, wobei sie mit dem Stock auf der Erde herumstieß und die rechte Hand vorstreckte. Sie beantwortete lächelnd die boshaften Erzählungen des Alten:
»Du kannst sagen, was du willst. An Alexej, wie ich ihn kannte, wird nichts Böses haften bleiben, man kann auch nichts Gutes mehr hinzufügen.«
»Er hat richtig von dir gesagt: die sieht nur mit einem Auge.«
»Ich sehe mit beiden fast nichts«, sagte Olga. »Ich sehe gar nichts, gestern habe ich aus Blindheit seinen Lieblingsbecher aus Porzellan zerschlagen.«
Pjotr Artamonow versuchte Tichon Wialow zu ärgern, – doch auch das ging schwer. Tichon wurde nicht böse, er räusperte sich, blickte zur Seite und antwortete kurz und ruhig.
»Du lebst recht lange«, sagte Artamonow. Tichon antwortete vernünftig:
»Manche leben noch länger.«
»Wozu hast du aber gelebt, wie? Sage es mir nur!«
»Alle leben.«
»Richtig. Aber nicht ein jeder fegt sein ganzes Leben lang den Hof und räumt Kehricht weg...«
Tichon hatte seine eigenen Gedanken.
»Wenn man einmal geboren wurde, muß man auch bis zum Tode leben«, sagte er. Artamonow fuhr aber fort, ohne auf ihn zu hören:
»Du hast dein ganzes Leben mit dem Besen verbracht. Du hast weder Weib noch Kinder und hast nie Sorgen gehabt. Wie kommt das? Schon mein Vater hat dir einen anderen Posten angeboten; du wolltest aber nicht, du hast es abgelehnt. Was soll dieser Eigensinn bei dir?«
»Du kommst zu spät mit deiner Frage, Pjotr Iljitsch«, antwortete Tichon und sah zur Seite.
Artamonow setzte ihm zornig zu:
»Sieh dich einmal um, wieviele Leute während deines Lebens reich geworden sind. Alle haben nach einer Erleichterung für sich gestrebt und haben Geld gespart...«
»Sie haben gespart und gespart und sich mit dem Teufel gepaart«, sagte Tichon mit besonderer Betonung des A.
Jakow hatte erwartet, daß der Vater in Zorn geraten und Tichon beschimpfen würde, der Alte schwieg aber eine Weile, murmelte etwas Unverständliches und trat von Tichon weg, der zwar verblichen, kahlköpfig und lehmfarbig geworden war, aber den Angriffen des Alten widerstand; er war körperlich noch ebenso kräftig, hatte sich sogar einen gewissen Anstand angeeignet und sprach in einem wichtigen, belehrenden Ton; es schien Jakow, daß Tichon in seinen Worten und seinem Benehmen mehr von einem Prinzipal hatte als der Vater.
Jakow selbst sah immer deutlicher, daß er inmitten seiner Verwandten und in dem Hause überflüssig erschien, in dem der einzige angenehme Mensch ein Fremder, Mitja Longinow war. Mitja erschien ihm weder dumm noch klug; er entglitt allen diesen Wertungen und unterschied sich von allen übrigen. Seine Bedeutung wurde auch durch Mirons Verhalten bestätigt; der hartherzige, herrschsüchtige Miron, der über alle das Kommando führte, lebte mit Mitja in Eintracht, und wenn er auch oft mit ihm stritt, tat er es doch mit Vorsicht und verzankte sich nie mit ihm. Im Hause erschallte von früh bis spät vielstimmiges Rufen: