Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Es ist dagegen unmöglich, mich nicht zu erkennen. Ist das dein Jakow? Und jener Große ist Alexejs Miron? So, so! Nun, kommt, kommt!«
Jakow blieb auf dem Kirchhof zurück. Er hatte vor einem Augenblick im Arbeiterhaufen Noskow erblickt. Der Jäger war mit dem lahmen Heizer Waska an ihm vorübergegangen und hatte dabei mit einem bösen, fragenden Blick Jakows Gesicht gestreift. Woran dachte dieser Mensch? Er konnte natürlich nicht harmlos an jemanden denken, der auf ihn geschossen und ihn beinahe getötet hatte!
Tichon kam heran, klopfte sich mit der Handfläche den Sand vom Wams ab und sagte:
»Alexej Iljitsch war ja so auf alles bedacht und doch ... Auch Nikita Iljitsch ist schwach ...«
»Hier sind ...« sagte Jakow plötzlich und verstummte.
»Was denn?«
»Die Arbeiter betrauern wohl den Onkel.«
»Ja. Wie denn sonst?«
»Hier ist ein gewisser Noskow, ein Jäger ...« begann Jakow von neuem. »Ich wollte dir etwas über ihn sagen.«
»Auch wenn ein Pferd umkommt, bedauert man es«, sprach Tichon sinnend. »Alexej Iljitsch hat in vollem Lauf gelebt und ist auch im Laufen verschieden. Als wäre er gegen etwas angelaufen. Und er hat mir noch einen Tag vor seinem Tode gesagt ...«
Jakow schwieg, er begriff, daß seine Worte nicht bis zu Tichon dringen würden. Er hatte beschlossen, zu Tichon über Noskow zu sprechen, weil es notwendig war, irgendjemandem von diesem Menschen zu erzählen; der Gedanke an ihn lastete auf Jakow mehr als alles, was jetzt vorging. Gestern war dieser Krummbeinige mit dem stumpfen Gesicht eines Soldaten in der Stadt hinter einer Ecke aufgetaucht und war auf ihn zugekommen; er hatte die Mütze abgenommen, in ihr Innenfutter geblickt und gesagt:
»Sie schulden mir eine Kleinigkeit. Sie haben versprochen, mir etwas für das Kurieren des Beines zu geben. Außerdem ist Ihr Onkel gestorben, und da wäre etwas für die Seelenmesse am Platze. Und ich hätte jetzt Gelegenheit, eine ausgezeichnete Harmonika zum Trost für Ihren Papa zu kaufen...«
Jakow hatte ihn bestürzt angesehen und geschwiegen. Da hatte Noskow belehrend und hartnäckig hinzugefügt:
»Und dann bemühe ich mich ja zu Ihrem Nutzen gegen die Feinde Rußlands...«
»Wieviel?« fragte Jakow.
Noskow antwortete nicht sogleich.
»Fünfunddreißig Rubel.«
Jakow hatte ihm das Geld gegeben und war entrüstet und erschrocken weggegangen. »Er hält mich für einen Dummkopf, – er glaubt, daß ich mich vor ihm fürchte, der Schuft! Nein, warte nur...«
Und während Jakow jetzt langsam nach Hause schritt, dachte er nur an das eine: wie er diesen Menschen loswerden könnte, der ihn zweifellos wie einen Ochsen der Axt ausliefern wollte.
Die geräuschvollen Stunden der Leichenfeier zogen sich endlos hin. Die Leute unterhielten sich damit, daß sie den Diakon Karzew und die Sänger das ewige Gedenken des Verstorbenen verkünden ließen. Shitejkin war derartig betrunken, daß er die Gabel schwang und unpassend wild sang:
»Die Krieger der tapferen Taten gedachten,
Vergangener Tage, gemeinsamer Schlachten ...«
Stepan Barski sprach laut seine Anerkennung aus, als man seinen wie ein Daunenkissen weichen Körper in den Wagen schob:
»Nun, Pjotr Iljitsch, du hast deinen Bruder wahrhaft geliebt! Diese Leichenfeier wird lange unvergessen bleiben!«
Jakow hörte, wie sein Vater, der viel getrunken hatte, düster und spöttisch antwortete:
»Du wirst bald alles vergessen, du wirst bald platzen.«
Shitejkin, Barski und noch einige angesehene Bürger waren vom Vater selbst gegen Mirons Willen eingeladen worden, was den Neffen sichtlich empörte; er brachte nur eine halbe Stunde an der Leichenfeiertafel zu, erhob sich dann und ging, wie ein Storch ausschreitend, fort. Gleich nach ihm verschwand Tante Olga unmerklich und bald darauf auch der Mönch, der die Fragereien der halb betrunkenen Leute über das Leben im Kloster wohl satt hatte. Der Vater benahm sich aber so, als wollte er alle Anwesenden beleidigen, und Jakow erwartete die ganze Zeit bis ans Ende der Leichenfeier, daß zwischen dem Vater und den Bürgern Streit ausbrechen würde.
Die Mutter war beleidigt, weil die Popowa sich um Tante Olga bemühte und fuhr schmollend nach Hause, der Vater äußerte aber aus irgendeinem Grunde den Wunsch, in Onkel Alexejs Arbeitszimmer zu übernachten. Das alles erschien Jakow sinnlos, launisch und überflüssig, und verstimmte ihn noch mehr. Nachdem er etwa zwei Stunden in vergeblicher Erwartung des Schlafes auf dem Sofa verbracht hatte, trat er in den Hof hinaus und erblickte auf der Bank unter dem Küchenfenster neben Tichon die schwarze Gestalt des Mönchs, die seltsam an irgendeine zerbrochene Maschine erinnerte. Ohne Kapuze auf dem kahlen Kopf, erschien der Mönch kleiner und breiter, und sein verschimmeltes Gesicht sah kindlich aus; er hielt in der Hand ein Glas, und auf der Bank neben ihm stand eine Flasche Kwas.
»Wer ist das?« fragte er leise und antwortete sogleich selbst: »Das ist Jascha. Setz' dich zu dem Alten, Jascha!«
Und er hob das Glas zum Mund und blickte auf die trübe Flüssigkeit. Der Mond hatte sich hinter dem Glockenturm versteckt, den er in ein silbriges, nebliges Licht hüllte und dadurch seltsam aus dem warmen Dunkel der Nacht hervorhob. Über dem Glockenturm schwebten Wolken, wie schmutzige, ungeschickt auf blauen Samt aufgesetzte Flicken. Alexejs Liebling, der großschnäuzige Hund Kutschum, ging, nachdenklich die Erde beschnuppernd, über den Hof, dann hob er plötzlich den Kopf zum Himmel und winselte leise und fragend:
»Ruhig, Kutschum!« rief Tichon halblaut.
Der Hund kam heran, steckte den dicken Kopf in Tichons Schoß und heulte.
»Er fühlt es«, bemerkte Jakow. Man antwortete ihm nicht, er hatte aber große Lust zu sprechen, um nicht zu denken.
»Er versteht es, sage ich«, wiederholte er hartnäckig. Tichon erwiderte leise:
»Ja, wie denn sonst?«
»In Susdal hat mal der Klosterhund Diebe am Geruch erkannt«, erinnerte sich der Mönch.
»Worüber habt ihr euch unterhalten?« fragte Jakow. Der Mönch trank seinen Kwas aus, wischte sich die Lippen mit dem Ärmel der Kutte und begann mit dem zahnlosen Mund zu sprechen, als ginge er eine Treppe hinab:
»Tichon hat bemerkt, daß die Leute wieder zu Unruhen neigen. Es sieht auch wirklich so aus! Alle sind sehr nachdenklich geworden ...«
»Sie sind von der Arbeit zerquält«, schob Tichon ein und spielte mit den Ohren des Hundes.
»Jag' den Hund weg!« befahl Jakow. »Man bekommt Flöhe von ihm.«
Tichon nahm Kutschums Pfoten von seinen Knien herunter und stieß den Hund mit dem Fuß weg; er zog den Schwanz ein, setzte sich und bellte zweimal traurig. Die drei Menschen sahen sich an, und einer von ihnen dachte flüchtig, daß Tichon und der Mönch den verwaisten Hund vielleicht mehr betrauerten als dessen Herrn, der in der Erde vergraben lag.
»Es wird zu einem Aufruhr kommen«, sagte Jakow und blickte vorsichtig in den dunklen Hof. »Weißt du, Tichon, daß man Sedow und seine Kameraden verhaftet hat?«
»Ja, gewiß.«
Der Mönch zog aus der Kuttentasche ein Blechschächtelchen heraus, entnahm ihm eine Prise Tabak, schnupfte und teilte dem Neffen mit:
»Ich schnupfe jetzt Tabak. Das ist gut für die Augen. Ich sehe so schlecht.«
Er nieste und fuhr fort:
»Man verhaftet sogar Leute in den Dörfern ...«
»Es sind Spione aufgetaucht«, bemerkte Jakow und bemühte sich unbefangen zu sprechen.
»Man beobachtet alle.«
Tichon brummte:
»Wenn man nicht beobachtet, erfährt man nichts.«
Und Jakow bewegte unschlüssig die Zunge, duckte sich vor der nächtlichen Kühle oder vor Angst und sagte, beinahe flüsternd:
»Das gibt es auch bei uns. Über den Jäger Noskow gehen schlechte Gerüchte um ... Es heißt, er hätte Sedow und alle in der Stadt angezeigt ...«