Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Der Teufel soll euch alle holen«, dachte Jakow bekümmert.
Plötzlich war es, als fiele eine ins Zimmer führende Tür zu; dorthin, wo soviel Lärm war, kam der Tod.
Mitten in der Nacht wurde Jakow von der schluchzenden Mutter geweckt.
»Steh schnell auf, Tichon ist da, – Onkel Alexej ist gestorben!«
Jakow sprang auf und murmelte:
»Wieso denn! Er war doch gar nicht krank...«
Der Vater schob sich wankend und schwer atmend zur Tür herein.
»Tichon«, brummte er. »Wo Tichon ist, dort ist nichts Gutes zu erwarten! Na, Jakow, was sagst du? So plötzlich ...«
Er war barfuß und hatte sich über das Nachthemd den Schlafrock umgeworfen; er zupfte sich am Ohr, blickte um sich, als wäre er an einen unbekannten Ort geraten und stöhnte:
»Uch ...«
»Ja, wie ist denn das?« fragte Jakow verständnislos.
»Ohne Beichte«, sagte die Mutter, die an einen ungeheuren Mehlsack erinnerte.
Man fuhr in der Kalesche hin; Jakow saß auf dem Kutschbock und sah zu, wie Tichon vor ihm auf dem Pferd herumsprang, und wie sein Schatten sich neben ihm über die Straße breitete und tanzte, als wollte er sich in die Erde vergraben.
Olga kam ihnen auf dem Hof entgegen, sie schritt in einem weißen Rock und einer Nachtjacke vom Stall zum Tor und zurück, sie erschien im Mondlicht bläulich und durchsichtig, und es war seltsam zu sehen, wie ihre Gestalt auf die kahlen Kieselsteine des Hofes einen tiefen Schatten warf.
»Nun ist mein Leben zu Ende«, sagte sie leise. Der schwarze Hund Kutschum ließ sich nicht abhalten, ihr zu folgen.
Miron saß gebückt auf der Bank vor dem Küchenfenster; er hielt in der einen Hand eine brennende Zigarette und ließ in der andern seine Brille baumeln, die Gläser blinkten, und die dünnen Goldbügel funkelten in der Luft; ohne Brille erschien Mirons Nase noch größer. Jakow setzte sich schweigend neben ihn, während der Vater mitten auf dem Hof stehenblieb und wie ein Bettler, der auf Almosen wartet, durchs offene Fenster sah. Olga blickte auf den Himmel und erzählte Natalia mit erhobener Stimme:
»Ich habe nicht bemerkt, wann ... Plötzlich wurde seine Schulter kalt wie der Tod, der Mund öffnete sich. Der Teure hatte keine Zeit, mir sein letztes Wort zu sagen. Er hat gestern über Herzstiche geklagt.« Olga erzählte leise, und auch ihre Worte schienen Schatten zu werfen.
Miron schleuderte die erloschene Zigarette fort, stieß Jakow mit dem Kopf an die Schulter und heulte leise:
»Oh – du weißt nicht, wie gut er war...«
»Was ist da zu machen?« antwortete Jakow, der keine anderen Worte fand. Er mußte auch der Tante irgend etwas sagen, – was konnte er aber sagen? Er schwieg, blickte zur Erde und scharrte mit dem Fuß.
Der Vater räusperte sich und ging vorsichtig ins Haus, ihm folgte Jakow auf den Fußspitzen. Der Onkel lag da, mit einem Laken zugedeckt; auf seinem Kopf standen die Hörner des zusammengeknoteten Tuches in die Höhe, mit dem die Kiefer festgebunden waren, die großen Zehen hatten das Laken so straff gespannt, als versuchten sie es zu durchbohren. Der Mond, dessen eine Seite weggeschmolzen zu sein schien, sah hell zum Fenster herein. Der Mullvorhang bewegte sich; auf dem Hof heulte Kutschum, und Pjotr Artamonow schien ihm zu antworten, indem er übertrieben laut und sich schwungvoll bekreuzend sagte:
»Er lebte leicht und starb leicht...«
Jakow sah durchs Fenster, daß jetzt Wera Popowa, ganz schwarz, wie eine Nonne gekleidet, auf dem Hof neben der Tante einherschritt, während Olga wieder mit erhobener Stimme erzählte:
»Er ist im Schlaf verschieden...«
»Mach' keinen Unsinn!« rief Wialow leise aus. Er rieb das Pferd mit Heubüscheln ab und schüttelte den Kopf, um das Tier daran zu hindern, ihn mit den Lefzen beim Ohr zupacken. Auch Pjotr Artamonow sah aus dem Fenster und brummte:
»Der Dummkopf schreit; er versteht nichts...«
»Man braucht nichts zu sagen«, dachte Jakow auf den Stufen des Hauseingangs stehend und begann zu verfolgen, wie die Schatten der schwarzen und der weißen Frau den Staub von den Steinen fortzuwischen schienen; die Steine wurden immer heller. Die Mutter flüsterte mit Tichon, der zustimmend mit dem Kopf nickte, auch das Pferd stimmte zu: in seinem Auge leuchtete ein messingfarbener Fleck. Der Vater kam aus dem Hause, die Mutter sagte zu ihm:
»Man sollte Nikita Iljitsch ein Telegramm schicken, Tichon weiß, wo er ist.«
»Tichon weiß es!« wiederholte der Vater zornig. »Besorge es, Miron...«
Miron erhob sich, streifte im Gehen mit der Schulter die Tür und fuhr mit der Handfläche über den Türpfosten.
»Benachrichtige auch Ilja«, rief Pjotr Artamonow ihm noch nach; Miron antwortete aus dem dunklen Loch in der Wand.
»Ilja kann nicht kommen.«
»Ich habe ja dreißig Jahre mit ihm gelebt«, erzählte Olga und schien selbst über ihre Worte zu staunen. »Wir waren schon vier Jahre lang befreundet, bevor wir heirateten. Was soll jetzt aus mir werden?«
Der Vater kam auf Jakow zu.
»Wo ist Ilja?«
»Ich weiß es nicht.«
»Du lügst wohl?«
»Es ist jetzt nicht die Zeit, um von Ilja zu sprechen, Papa.«
Doktor Jakowlew betrat eilig den Hof und fragte:
»Im Schlafzimmer?«
»Dummkopf!« dachte Jakow. »Du wirst ihn auch nicht auferstehen lassen.«
Ihn bedrückte die Unmöglichkeit, von diesen kummervollen Stunden unberührt zu bleiben. Alles ringsum war lästig und überflüssig: die Menschen, ihre Worte, das fuchsrote, im Mondschein wie Bronze glänzende Pferd und dieser schwarze, schweigend trauernde Hund. Ihm schien, daß die Tante damit prahlte, wie gut sie mit ihrem Mann gelebt hatte. Die Mutter schluchzte zügellos und affektiert in einer Hofecke, des Vaters Augen waren erstarrt und sein Gesicht versteinert, und alles war schlimmer und bedrückender, als es sein sollte.
Am Tage der Beerdigung Onkel Alexejs, als man den Sarg ins Grab gesenkt hatte und mit den Händen gelben Sand darüber streute, erschien Onkel Nikita.
»Das fehlte noch«, dachte Jakow und betrachtete die eckige Gestalt des Mönchs, der sich an den Stamm einer von ihm selbst gepflanzten Birke lehnte.
»Du kommst zu spät«, sagte zu ihm der Vater, auf seinen Bruder zuschreitend und sich die Tränen vom Gesicht wischend; der Mönch zog wie eine Schildkröte seinen Kopf in den Buckel ein. Er sah aus wie ein Bettler; die Kutte war von der Sonne verblichen, die Kapuze hatte die Färbung eines alten Blecheimers angenommen, die Stiefel waren vertreten. Sein staubiges Gesicht war verschwollen, er blickte mit trüben Augen auf den Rücken der das Grab umstehenden Menschen und sprach mit unhörbarer Stimme etwas zum Vater, sein graues Bärtchen zitterte. Jakow sah sich finster um – Dutzende von Augen betasteten neugierig den Mönch, die Anwesenden betrachteten wohl den verkrüppelten Bruder und Onkel reicher Leute in der Erwartung eines Skandals. Jakow wußte, daß die Stadt davon überzeugt war, die Artamonows hätten den Buckligen im Kloster versteckt, um sich sein väterliches Erbteil anzueignen.
Der dicke, gutmütige Geistliche, Vater Nikolai, redete Olga mit seiner Tenorstimme zu:
»Wir wollen unsern Herrgott nicht durch Seufzen und Weinen kränken, denn es ist sein Wille ...«
Und Olga erwiderte mit erhobener Stimme:
»Ich weine und klage ja nicht.«
Ihre Hände zitterten, sie betastete mit seltsam krampfhaften Bewegungen ihren Rock in dem Bestreben, ihr tränennasses, zusammengeballtes Taschentuch in die Tasche zu stecken.
Tichon Wialow half dem Totengräber verständnisvoll das Grab zuzuschütten, vor dem Miron in erstaunlicher Haltung stand; und der bucklige Mönch sagte leise und klagend zu Natalia:
»Oh, was ist aus dir geworden? Du bist nicht wiederzuerkennen!«
Und mit dem Finger auf seinen vorderen Buckel weisend, fügte er in unpassender und überflüssiger Weise hinzu: