Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Die Nechajew, in einem weißen Kinderkleidchen, das niemand mehr trug, rümpfte die Nase, während sie auf die Fülle der Speisen blickte, und hustete diskret in ihr Tüchlein. Etwas an ihr erinnerte an eine arme Verwandte, die nur aus Gnade eingeladen ist. Dies verstimmte Klim: seine Geliebte sollte leuchtender, aufsehenerregender sein. Sie aß auch womöglich mit noch größerem Widerwillen, als sie sonst zeigte. Man konnte glauben, daß sie es demonstrativ tat. Man sprach den Speisen mit Eifer zu, war bald satt, und nun begann eine jener zusammenhanglosen Unterhaltungen, die Klim von seiner Kindheit her kannte. Jemand klagte über Kälte und sogleich, zu Klims Erstaunen, lobte die schweigsame Spiwak überschwenglich den Kaukasus. Turobojew hörte ihr ein paar Minuten zu, gähnte und sagte mit betonter Faulheit:
»Und das interessanteste am ganzen Kaukasus ist das tragische Gebrüll der Esel. Augenscheinlich verstehen nur sie allein das Unsinnige dieser Anhäufung von Felsen, Schluchten und Gletschern, dieser ganzen vielgepriesenen Herrlichkeit der Gebirgslandschaft.«
Er zog beim Sprechen nervös an seiner Zigarette und blickte, während er den Rauch durch die Nase blies, auf ihr Ende. Die Spiwak reagierte nicht. Das Mütterchen Premirow seufzte und sagte:
»Im Kaukasus ist mein Vater ermordet worden.«
Auch sie blieb ohne Antwort, da fügte sie eilig hinzu:
»Er ähnelte Lermontow.«
Doch auch diese Worte wurden überhört. An alles gewöhnt, wischte die Alte mit ihrer Serviette den silbernen Becher, aus dem sie Wein zu trinken pflegte, aus, bekreuzigte sich und verschwand ohne ein Wort.
Klim, der wußte, daß Turobojew in die Spiwak verliebt, und nicht ohne Glück verliebt war – wenn man die drei Klopfzeichen gegen die Zimmerdecke seines Bruders in Anschlag brachte – wunderte sich. In das Verhältnis Turobojews zu dieser Frau hatte sich etwas Spöttisches, Aufreizendes gemischt. Turobojew lachte ihre Urteile aus und schien überhaupt ungern zu sehen, daß sie mit anderen sprach.
»Sie haben sich gewiß gezankt«, konstatierte Klim, angenehm berührt.
Er spürte ein leichtes Sausen im Kopf und zugleich den Wunsch, sich bemerkbar zu machen. Ais Zuhörer und Betrachter durchquerte er das Zimmer und entdeckte an allen etwas Ergötzliches: Marina zum Beispiel sagte soeben einem blonden Jüngling, während sie ihn fast an die Wand preßte:
»Sie sollten Prosa schreiben, Prosa bringt mehr ein und macht rascher berühmt.«
»Aber wenn ich nun einmal Lyriker bin?« fragte erstaunt der Jüngling und rieb sich die Stirn.
»Reiben Sie nicht die Stirn, davon werden Ihre Augen so rot«, verwies ihn Marina.
Turobojew erklärte einem hochgewachsenen Mann mit jüdischen Zügen:
»Nein, mich lockt es nicht, Geschichte zu machen. Mich befriedigt vollkommen Professor Kljutschewski, er macht vorzüglich Geschichte. Man sagte mir, er ähnele äußerlich dem Zaren Wassili Schuiski. Geschichte schreibt er, wie dieser sie geschrieben haben würde.«
Seine Worte wurden übertönt von Dmitris zorniger Stimme:
»Keine Neuigkeit. Die Parallele zwischen Dionysos und Christus ist längst gezogen worden.«
Kapriziös wie stets erklang das Stimmchen der Nechajew: »In Rußland kennt man den Lyrismus und das Pathos der Zerstörung.«
»Sie, mein Fräulein, kennen Rußland schlecht.«
»Liebe von Schnee und Barmherzigkeit von Eis.«
»Oho! Was für Worte!«
»Ausgetüftelte Seelen!«
Die Nechajew schrie zu laut. Klim vermutete, daß sie mehr getrunken hatte, als ihr zuträglich war, und bemühte sich, ihr nicht zu nahe zu kommen. Die Spiwak thronte auf dem Sofa und fragte:
»Gibt es in Ihrer Stadt noch Samgins?«
»Gewiß – meine Mutter.«
»Augenscheinlich ist sie es, die meinen Mann einlädt, dort eine Musikschule ins Leben zu rufen?«
Dmitri, betrunken und rot, sagte lachend:
»Sie haben mich doch schon einmal danach gefragt.«
»Wirklich?« rief die Spiwak verwundert aus. »Ich habe ein schlechtes Gedächtnis.«
Sie erhob sich federnd vom Sofa und bewegte sich in wiegendem Gang in Marinas Zimmer, von wo das Geschrei der Nechajew drang. Klim blickte ihr lächelnd nach und ihm schien, ihre Schultern und Hüften wollten das Gewebe, das sie verhüllte, abwerfen. Sie parfümierte sich stark, und Klim fiel plötzlich ein, daß er ihr Parfüm zum erstenmal vor zwei Wochen gerochen hatte, als die Spiwak, die Romanze »Auf den Hügeln Georgiens« trällernd, an ihm vorbeiging und den erregenden Vers sprach: »Von dir, von dir allein!«
Wie, wenn sie den Vers so gesungen hatte, daß ein Mann gemeint wäre?
Er ging rasch in Marinas Zimmer, wo Kutusow, mit zurückgeschlagenen Rockschößen, die Hände in den Taschen, wie ein Monument inmitten des Zimmers ragte und mit hochgezogenen Brauen Turobojew zuhörte. Zum erstenmal sprach Turobojew ohne die üblichen Grimassen und das ironische Lächeln, die sein schönes Gesicht entstellten.
»Es ist vollkommen klar, daß die Kultur zugrunde geht, weil die Menschen sich daran gewöhnt haben, auf Kosten fremder Kräfte zu leben, und diese Gewohnheit alle Klassen, alle Beziehungen und alle Handlungen der Menschen erfaßt hat. Ich weiß wohclass="underline" diese Gewohnheit entsprang dem Wunsch des Menschen, sich die Arbeit zu erleichtern, aber sie ist ihm zur zweiten Natur geworden und hat bereits nicht nur abstoßende Formen angenommen, sondern untergräbt auch in der Wurzel den tiefen Sinn der Arbeit, ihre Poesie.«
Kutusow lächelte freundschaftlich:
»Ein Idealist sind Sie, Turobojew. Und ein Romantiker obendrein, und das ist nun schon gar nicht zeitgemäß.«
Marina zerrte wütend an der Schnur der Fensterklappe. Die Spiwak näherte sich ihr, um ihr zu helfen, doch Marina hatte die Schnur abgerissen und auf den Fußboden geworfen.
»Männer raus!« kommandierte sie. »Serafima, du schläfst bei mir. Alle sind betrunken, begleiten kann dich niemand.«
»Ich bin nicht betrunken«, erklärte Klim.
Die Spiwak war auf einen Stuhl geklettert und bemühte sich hartnäckig, die Luftklappe zu öffnen. Kutusow trat zu ihr, hob sie wie ein Kind vom Stuhl, stellte sie auf den Boden, öffnete sodann die Klappe und sagte:
»Gehen wir zu Samgin senior. Gehen wir, Tante Lisa?«
Man ging. Im Eßzimmer ließ Turobojew mit dem Griff eines Taschenspielers eine Flasche Wein vom Tisch verschwinden, doch die Spiwak nahm sie ihm ab und stellte sie auf den Fußboden. Klim fühlte sich jäh von einer schlimmen Frage verbrannt: weshalb warf das Leben ihm nur solche Frauen vor die Füße, wie die käufliche Margarita oder die Nechajew? Er folgte als letzter ins Zimmer seines Bruders und mischte sich nach einigen Minuten in das ruhige Gespräch Kutusows und Turobojews. Hastig gab er von sich, was ihn seit langem auszusprechen drängte:
»Seit meiner Kindheit höre ich Reden über das Volk, über die Notwendigkeit der Revolution, über alles, was die Leute sagen, um vor den anderen klüger zu erscheinen, als sie sind. Wer ... wer redet so? Die Intelligenz.«
Klim erkannte dunkel, daß er einen allzu herausfordernden Ton angeschlagen hatte und daß die Worte, die ihm längst teuer geworden waren, ihm nur mit Mühe einfielen und nur schwer von der Zunge wollten. Er verstummte einen Augenblick und musterte die Anwesenden. Die Spiwak zerfloß als blauer Fleck an der dunklen Fensterscheibe. Der Bruder stand am Tisch, hielt sich ein Zeitungsblatt vor die Augen und blickte über es hinweg trübe auf Kutusow, der ihm spöttisch lachend etwas sagte.
»Sie hören mir gar nicht zu«, konstatierte Klim und geriet in Wut.
Turobojew saß vornübergebeugt in einer Ecke, rauchte und ließ aus seiner Zigarette Ringe in die Mitte des Zimmers steigen. Er sagte leise: