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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Unser Ohr ist verstopft vom Lärm der steinernen Städte und der Fuhrleute, jawohl! Wahre, reine Musik kann nur aus vollkommener Stille hervorwachsen. Beethoven war taub, aber das Ohr Wagners hörte unvergleichlich schlechter als das Beethovens, daher ist seine Musik nur ein chaotisch zusammengelesenes Material für eine Musik. Mussorgski mußte sich mit Wein betäuben, um in der Tiefe seiner Seele die Stimme seines Genius zu vernehmen, verstehen Sie?«

Klim Samgin hielt diesen Menschen für einen Schwachsinnigen. Aber nicht selten machte die kleine Figur des Musikers, über die schwarze Masse des Flügels gelehnt, ihm den unheimlichen Eindruck eines Grabmals: ein großer, schwarzer Stein, an dessen Sockel ein Mensch wortlos trauert.

Für Klim begann eine schwere Zeit. Das Verhältnis zu ihm veränderte sich schroff, und niemand machte ein Hehl daraus. Kutusow hörte auf, seine geizigen, sorgsam bedachten Redewendungen zu beachten, grüßte gleichgültig, ohne Lächeln. Sein Bruder verschwand schon in der Frühe irgendwohin, und kehrte spät abends, müde, zurück. Er magerte ab, verlor seine Redelust und lachte verlegen in sich hinein, wenn er Klim begegnete. Als Klim versuchte, sich zu erklären, sagte Dmitri leise, aber fest:

»Laß das.«

Turobojew schnitt mehr als früher Grimassen, übersah Klim und starrte auf die Zimmerdecke.

»Was sehen Sie immer nach oben?« fragte ihn die alte Premirow.

Er antwortete durch die Zähne:

»Ich warte, bis die Fliegen zum Leben erwachen.«

Die Nechajew reiste nicht ab. Klim fand, daß ihre Gesundheit sich besserte, daß sie weniger hustete und scheinbar sogar voller wurde. Dies beunruhigte ihn sehr, er hatte gehört, daß die Schwangerschaft den Verlauf der Tuberkulose nicht nur aufhalte, sondern sie manchmal sogar heile. Der Gedanke aber, daß er ein Kind von diesem Mädchen haben könne, schreckte Klim.

Sie war schweigsamer geworden und sprach nicht mehr so leidenschaftlich und farbenreich wie früher. Ihre Zärtlichkeit wurde süßlich, in ihren vergötternden Blick trat etwas Seliges. Dieser Blick weckte in Klim das Verlangen, seinen schwachsinnigen Glanz mit einem Spottwort auszulöschen. Aber er konnte den richtigen Augenblick dafür nicht erwischen. Jedesmal, wenn er im Begriff war, dem Mädchen etwas Unfreundliches oder Spitzes zu sagen, sahen die Augen der Nechajew, ihren Ausdruck sogleich ändernd, ihn fragend, forschend an.

»Worüber machst du dich lustig?« fragte sie.

»Ich mache mich nicht lustig«, leugnete Klim, zurückschreckend.

»Aber ich sehe es doch«, beharrte sie. »Du hast Schneeflocken in den Augen.«

Seine Furcht nahm noch zu, denn er erwartete, daß sie ihn gleich fragen würde, wie er über ihre weiteren Beziehungen denke.

Petersburg wurde noch fataler, weil die Nechajew dort lebte.

Der Frühling näherte sich schleppend. Zwischen den trägen Wolken, die beinahe täglich melancholisch Regen säten, erschien die Sonne nur für flüchtige Augenblicke und legte widerwillig und leidenschaftslos den Schmutz der Straßen und den Kohlenruß an den Hausmauern bloß. Vom Meer wehte ein kalter Wind, der Fluß schwoll bläulich an, die schweren Wellen leckten hungrig den Granit der Ufer. Vom Fenster seines Zimmers aus sah Klim hinter den Giebeln die drohend gen Himmel erhobenen Finger der Fabrikschornsteine, sie erinnerten ihn an die historischen Gesichte und Weissagungen Kutusows, erinnerten ihn an den Arbeiter mit den scharfen Zügen, der an Feiertagen, über die Hintertreppe, seinen Bruder Dmitri besuchte, und das ebenfalls geheimnisvolle Fräulein mit dem Gesicht einer Tatarin, die sich von Zeit zu Zeit bei seinem Bruder einfand. Das Fräulein hatte etwas Tonloses und blinzelte kurzsichtig mit ihren teerschwarzen Augen.

Zuweilen schien es, als habe der schwere Qualm der Fabrikschlote eine seltsame Eigenschaft: aufsteigend und über der Stadt zerfließend, zerfraß er sie gleichsam. Die Dächer der Häuser zerschmolzen, verschwanden nach oben schwebend und sanken von neuem aus dem Rauchmeer herab. Die gespenstische Stadt schwankte und gewann eine unheimliche Haltlosigkeit, die Klim mit einer rätselhaften Schwere erfüllte und ihn zwang, an die Slawophilen zu denken, die Petersburg, den »Bronzenen Reiter« und die krankhaften Geschichten Gogols nicht liebten.

Ihm mißfiel auch die Nadel der Peter-Paul-Festung und der von ihr durchbohrte Engel. Mißfiel ihm deshalb, weil man von dieser Festung mit respektvollem Haß sprach, aus dem jedoch zuweilen etwas wie Neid klang. Der Student Popow nannte die Festung voller Begeisterung ein »Pantheon«.

Mit dem Laut »P« ahmte er gleichsam den Schuß aus einem Spielzeugrevolver nach, während er die übrigen Laute in halbem Ton aussprach.

»B–akunin«, sagte er, die Finger einknickend. »Netsch–schajew«. F–fürst Krap–potkin.«

Es war etwas Absurdes in der granitenen Masse der Isaaks-Kathedrale, in den an ihr befestigten grauen Hölzchen und Brettchen der Gerüste, auf denen Klim niemals auch nur einen einzigen Arbeiter bemerkte. Durch die Straßen marschierten im Maschinenschritt ungewöhnlich stattliche Soldaten. Einer von ihnen, der an der Spitze schritt, pfiff durchdringend auf einer kleinen Pfeife. Ein anderer wirbelte grausam die Trommel. Im höhnischen, arglistigen Pfiff dieser Pfeife, in den vielstimmigen Sirenen der Fabriken, die am frühen Morgen den Schlaf zerrissen, hörte Klim etwas, das ihn aus der Stadt forttrieb.

Er bemerkte, daß in ihm Gedanken, Bilder, Gleichnisse keimten, die ihm nicht eigentümlich waren. Wenn er über den Schloßplatz oder an ihm vorbeiging, sah er, daß nur wenige Passanten hastig über die kahlen Flächen des Holzpflasters eilten, während er wünschte, daß der Platz erfüllt sein möge von einer bunten, lärmend-frohen Menschenmenge. Die Alexandersäule erinnerte unangenehm an einen Fabrikschlot, dem ein bronzener Engel entflogen war, welcher nun reglos in der Luft schwebte, als überlege er, wohin er seinen Kranz abwerfen solle. Der Kranz sah aus wie ein Rettungsring in der Hand eines Matrosen. Das Zarenpalais, immer stumm, mit leeren Fensterfronten, rief den Eindruck eines unbewohnten Hauses hervor. Zusammen mit dem Halbkreis langweiliger Gebäude von der Farbe des Eisenrostes, die den wüsten Platz einfaßten, erregte das Palais ein Gefühl der Trübsal. Klim fand, es wäre besser, wenn das Haus des Beherrschers Rußlands die Schrecken einflößenden Karyatiden der Eremitage stützten.

Beim Anblick dieses Platzes erinnerte Klim sich der lärmenden Universität und der Studenten seiner Fakultät, Leute, die lernten, Verbrecher anzuklagen und zu verteidigen. Sie klagten schon jetzt die Professoren, die Minister und den Zaren an. Die Selbstherrschaft des Zaren verteidigten, ungeschickt und furchtsam, recht unbedeutende Leute. Ihrer waren wenig, und sie gingen in der Menge der Ankläger unter. Klim hatte die endlosen Streitigkeiten zwischen den Volkstümlern und Marxisten satt und ihn erbitterte, daß er nicht erkennen konnte, wer von ihnen sich am gröbsten irrte. Er war unerschütterlich überzeugt, daß sich sowohl die einen wie die anderen irrten, er konnte einfach nicht anders denken, aber er wurde sich nicht recht klar darüber, welche von diesen beiden Gruppen eher das Gesetz allmählicher und friedlicher Entwicklung des Lebens anerkannte. Zuweilen hatte es den Anschein, als begriffen die Marxisten tiefer als die Volkstümler die Unerschütterlichkeit des Gesetzes der Evolution, aber er sah gleichwohl auf die einen wie auf die anderen als auf Repräsentanten des ihm geradezu verhaßten »Kutosowismus«. Es war unerträglich, diese schwatzhaften Leutchen zu sehen, denen die Dummheit ihrer Jugend das freche Gelüst einflößte, sich gegen die von Jahrhunderten geheiligte, stetige Bewegung des Lebens aufzulehnen.

Vor allem beschäftigten ihn die Meinungsverschiedenheiten über das Thema, ob die Führer den Willen der Massen lenken oder ob die Masse, die die Führer hervorbringt, sie zu ihrem Werkzeug, zu ihrem Opfer macht. Der Gedanke, daß er, Klim, Werkzeug eines fremden Willens sein könnte, schreckte und verwirrte ihn. Er erinnerte sich der Art, wie der Vater die biblische Legende von der Opferdarbietung Abrahams auslegte, und die gereizten Worte der Nechajew:

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