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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Klim umschlang sie und schloß den heißen Mund des Mädchens fest mit einem Kuß. Dann schlief sie plötzlich ein, mit qualermattet hochgezogenen Brauen und geöffnetem Mund, ihr mageres kleines Gesicht nahm einen Ausdruck an, als sei sie stumm geworden, wolle schreien und könne nicht. Klim stand vorsichtig auf und kleidete sich an

Er verließ sie sehr spät. Der Mond schien in jener entschiedenen Klarheit, die vieles auf Erden als Unnötiges entblößt. Gläsern knirschte der trockene Schnee unter den Füßen. Die ungeheuren Häuser sahen einander mit den Augäpfeln der eingefrorenen Fenster an. Vor den Toren die schwarzen Leiber der Wächter. Im leeren Raum des Himmels ein paar verspätete und nicht sehr helle Sterne. Alles klar.

Physisch ermattet, schlenderte Klim dahin. Er fühlte, wie die helle Kälte der Nacht die unklaren Gedanken und Regungen in ihm abfror. Er trällerte sogar zu der Melodie einer Operette:

»War denn ein Junge da? Vielleicht war gar kein Junge da?«

Er rieb sich die klammen Hände und seufzte erleichtert auf. Also spielte die Nechajew nur die von Pessimismus Angesteckte, spielte sie nur, um sich in ein besonderes Licht zu stellen und so die Männer anzulocken. So machen es die Weibchen gewisser Insekten. Klim Samgin fühlte, wie in seine Entdeckerfreude sich Wut auf jemand mischte. Es war schwer zu bestimmen, ob auf die Nechajew oder auf sich Oder auf jenes Unfaßbare, das ihm nicht gönnte, einen Stützpunkt zu finden.

Dann fiel ihm ein, daß in seiner Tasche ein Brief von seiner Mutter lag, den er im Laufe des Tages erhalten hatte. Ein wortkarger Brief, geschrieben mit algebraischer Genauigkeit, der ihn wissen ließ, daß gebildete Menschen die Pflicht hatten, zu arbeiten, und daß sie in der Stadt eine Musikschule eröffnen wolle, während Warawka Bürgermeister zu werden beabsichtige.

Lida würde die Tochter eines Bürgermeisters sein. Möglich, daß er ihr mit der Zeit die Geschichte seines Romans mit der Nechajew anvertrauen würde. Darüber sprach man am besten in komischem Ton.

Er zwang sich, noch weiter an die Nechajew zu denken, aber dies geschah bereits mit Wohlwollen. In dem, was sie getan hatte, lag im Grunde nichts Befremdliches. Jedes Mädchen will Weib werden. Die Nägel an ihren Zehen waren schlecht gepflegt, und sie hatte ihm anscheinend die Haut der Kniekehle heftig zerkratzt. Klim schritt immer fester und rascher aus. Es dämmerte. Der Himmel färbte sich im Osten grün und wurde noch frostiger. Klim Samgin schnitt eine Grimasse: es war unangenehm, frühmorgens nach Hause zu kommen. Das Stubenmädchen würde natürlich ausplaudern, daß er nachts fortgewesen war.

Er erwachte in frischer Laune. Das unerwartete Liebesabenteuer erhob ihn und bekräftigte seinen Verdacht, daß, wovon die Menschen immer reden mochten, hinter den Worten eines jeden etwas ganz Einfaches steckte, wie sich das bei der Nechajew herausgestellt hatte. Klim verspürte kein Verlangen, am Abend zu ihr zu gehen, aber er begriff, daß sie, wenn er nicht hinging, selbst erscheinen und ihn vielleicht in irgendeiner Weise in den Augen seines Bruders, seiner Hausgenossen und Marinas bloßstellen könnte.

Aus irgendeinem Grunde war ihm besonders unerwünscht, daß Marina von seinem Verhältnis mit der Nechajew erfuhr, doch hatte er nichts dagegen, daß die Spiwak es wußte.

Während er im Bett lag, gedachte Klim besorgt der hungrigen, gierigen Liebkosungen der Nechajew, und ihm schien, daß sie etwas Krankhaftes, etwas, das an Verzweiflung streifte, hatten. Sie hatte sich heftig an ihn gedrückt, als wollte sie in ihm verschwinden. Doch war an ihr auch etwas kindlich Zärtliches, für Augenblicke erregte sie auch seine Zärtlichkeit.

»Man muß hingehen«, entschied er, und am Abend ging er. Dem Bruder sagte er, daß er in den Zirkus wolle.

Im Zimmer der Nechajew, am Tisch, stand ein rundes Mütterchen, das wie ein Wollknäuel aussah. Geräuschlos nahm es Gegenstände und Bücher in die Hand und stäubte sie mit einem Lappen ab. Bevor es eine Sache anfaßte, nickte es höflich, und dann wischte es sie so behutsam ab, als wäre die Vase oder das Buch lebendig und zerbrechlich wie ein Kücken. Als Klim eintrat, zischte sie ihn an:

»Pst! Sie schläft!«

Klim trat in den gelblichen Nebel hinter dem Schirm, nur von einer Sorge erfüllt: vor der Nechajew zu verbergen, daß sie enträtselt war. Doch gleich fühlte er, daß ihm Schläfen und Stirn gefroren. Die Decke war so glatt über das Bett gespannt, daß es schien, als läge kein Körper darunter, sondern nur der Kopf auf einem Kissen allein für sich, und die Augen unter der grauen, flachen Stirn glänzten unnatürlich.

»Mache!« sagte er sich, aber dieses Wort fiel ihm nicht gleich ein.

»Ich habe sechsunddreißig sechs«, vernahm er eine leise und schuldbewußte Stimme. Setzen Sie sich. Ich bin so froh. Tante Taßja, Sie kochen Tee, ja?«

»Sehr wohl«, antwortete man ihr mit dem piepsenden Stimmchen eines Spielzeugs.

Die Nechajew befreite einen nackten Arm aus der Plüschdecke und wickelte sich mit dem anderen von neuem bis ans Kinn hinein. Ihre Hand war feuchtheiß und unangenehm leicht. Klim zuckte zusammen, als er sie drückte. Aber ihr Gesicht, das, vom aufgelösten Haar umschattet, rosig erglüht war, erschien Klim mit einemmal auf neue Weise lieblich, und ihre brennenden Augen riefen in ihm sowohl Stolz wie Trauer hervor. Hinter dem Wandschirm raschelte und schwebte eine dunkle Wolke, die den orangefarbenen Fleck des Lampenlichts zudeckte. Das Gesicht des Mädchens veränderte sich, flammte auf und erlosch.

An diesem Abend trug die Nechajew keine Gedichte vor, zählte nicht Namen von Dichtern auf, redete nicht über ihre Furcht vor dem Leben und dem Tode, In Worten, derengleichen Klim noch nie vernommen, nie gelesen hatte, sprach sie von nichts als Liebe. Sie lächelte, spielte mit seinen Fingern, sog gierig die Luft ein und hauchte diese sonderbaren Worte, und Klim, der nicht an ihrer Wahrhaftigkeit zweifelte, dachte, daß nicht jeder sich rühmen konnte, eine solche Liebe geweckt zu haben. Zugleich war sie so kindlich rührend, daß auch er ehrlich gegen sie sein wollte. In ihren Worten empfand er soviel trunkenes Glück, daß sie auch ihn berauschten und in ihm das Verlangen erregten, ihren unsichtbaren Körper zu umarmen und zu küssen. Ihn durchschoß ein seltsamer Gedanke: man konnte sie kneifen, beißen, auf jede Weise quälen, und sie würde alles als Liebkosung empfangen.

Sie fragte im Flüsterton:

»Ich gefalle dir doch? Du liebst mich ein wenig?«

»Ja«, entgegnete Klim und glaubte, daß er nicht lüge. »Ja!«

Er blickte in die geweiteten Pupillen ihrer halbwahnsinnigen Augen, und sie enthüllten ihm in ihrer Tiefe ein Geheimnis, an das er unwillkürlich denken mußte.

»Das also ist Liebe?«

Und sogleich sah er Lidas Augen, den stummen Blick der Spiwak. Dunkel erkannte er, daß wahre Liebe ihn die Liebe lehrte und daß dies wichtig für ihn war. Ohne daß er es bemerkt hätte, fühlte er an diesem Abend, daß dieses Mädchen ihm nützlich war: mit ihr allein, empfand er eine Folge der mannigfaltigsten, ihm sonst fremden Regungen und wurde sich selbst interessanter. Er verstellte sich nicht, schmückte sich nicht mit fremden Redensarten, und die Nechajew feierte ihn:

»Um wieviel aristokratischer bist du mit deiner Beherrschtheit als die anderen! Es ist so wohltuend zu sehen, daß du deine Gedanken und dein Wissen nicht so sinnlos verschleuderst, wie alle es tun, um sich ein Ansehen zu geben! Du hast Ehrfurcht vor den Mysterien deiner Seele, das findet man so selten! Ich ertrage nicht Menschen, die schreien wie Blinde, die sich im Walde verirrt haben. ›Ich! Ich!‹ schreien sie.«

Klim billigte:

»Ja, wovon immer sie schreien mögen, am Ende schreien sie nur von ihrem Ich.«

»Weil ihr Ich keine Farbe hat und sie es nicht sehen«, spann sie seinen Gedanken weiter.

An der Nechajew war von besonderem Wert, daß sie es verstand, von ferne und von oben herab auf die Menschen zu sehen. In ihrer Darstellung wurden sogar diejenigen unter ihnen, von denen man voller Achtung sprach und voll des Lobes schrieb, klein und unbedeutend gegenüber dem Mystischen, das sie empfand. Dieses Mystische regte Klim nicht allzusehr auf, aber es war ihm ein Labsal, daß das Mädchen, indem es die Großen von ihrer Höhe herunterzog, ihm das Bewußtsein seiner Gleichheit mit ihnen einflößte.

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