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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Das Volk ist der Feind des Menschen! Das sagen Ihnen die Biographien fast aller großen Menschen.«

Klim fand, das sei richtig. Irgendein ungeheuerlicher Schlund verschlang, einen nach dem anderen, die besten Menschen der Erde und spie aus seinem Bauch die Feinde der Kultur aus, solche wie Bolotnikow, Rasin und Pugatschew.

Klim ging auch der Student Popow auf die Nerven: dieser hungrige Mensch rannte unermüdlich durch die Korridore und Hörsäle. Seine Arme zuckten krampfhaft, wie ausgerenkt, in den Schultergelenken. Auf seine Kollegen zustürzend, entriß er den Taschen seiner abgetragenen Jacke Briefe und hektographiertes Zigarettenpapier und stotterte, den Laut »s« in sich hineinziehend:

»S–amgin, hören Sie, aus Odessa schreibt man ... die S–tudentenschaft ist die Avantgarde ... die Universität der Sammelpunkt für die Organisation der kulturellen Kräfte. Die Landsmannschaften sind die Keimzellen des Allrussischen Bundes ... Aus Kasan wird gemeldet ...«

Solche Menschen wie Popow, geschäftig und aus den Gelenken gerenkt, gab es mehrere. Klim hatte gegen sie eine besonders heftige Abneigung, fürchtete sie sogar und bemerkte, daß sie nicht nur ihn, sondern alle Studenten, die ernsthaft arbeiteten, abschreckten.

Sie drängten einem beständig Billetts für Abende zugunsten einer Landsmannschaft, für irgendwelche Konzerte, die zu irgendeinem geheimnisvollen Zweck veranstaltet wurden, auf.

Die Vorlesungen, die Diskussionen, der ganze chaotische Radau von hunderten junger Leute, die berauscht waren vom Durst, zu leben und zu handeln, all das betäubte Klim Samgin so sehr, daß er seine eigenen Gedanken nicht mehr vernahm. Es schien, daß alle Menschen besessen seien vom Wahnwitz eines Spiels, das sie um so zügelloser mitriß, je gefahrvoller es war.

Unvermittelt, aber fest, faßte er den Entschluß, an eine Provinzuniversität zu gehen, wo man gewiß stiller und einfacher lebte, Er mußte die Beziehungen zur Nechajew lösen. Mit ihr zusammen fühlte er sich wie ein Reicher, der einer Bettlerin ein verschwenderisches Almosen gibt und sie gleichzeitig verachtet. Den Vorwand für eine plötzliche Abreise gab ein Brief seiner Mutter, der ihn davon unterrichtete, daß sie krank sei.

Auf dem Wege zur Nechajew, um Abschied zu nehmen, machte er sich finster auf Tränen und klagende Worte gefaßt, war aber selbst fast zu Tränen gerührt, als das Mädchen seinen Hals fest mit ihren dünnen Armen umschlang und flüsterte:

»Ich weiß, du hast mich nicht sehr, nicht so besonders stark geliebt. Ja, ich weiß es. Aber ich danke dir unendlich, mit ganzem Herzen für diese Stunden zu zweien...«

Sie drängte sich an ihn mit der ganzen Kraft ihres armen, mageren Körpers und schluchzte heiß:

»Möge Gott dich davor bewahren, die Grenzenlosigkeit der Einsamkeit so zu fühlen, wie ich sie gefühlt habe.«

Drei spitze Finger zusammenlegend, tippte sie mit ihnen heftig gegen Klims Stirn, Schultern und Brust und bebte am ganzen Körper, Sie wankte, während sie mit der flachen Hand hastig die Tränen aus dem Gesicht wischte.

»Ich verstehe wohl nur schlecht, an Gott zu glauben, aber für dich will ich zu irgend jemand beten, das will ich! Ich wünsche, daß du es gut haben mögest, daß das Leben dir leicht werde ...«

Ihr Weinen war nicht drückend anzusehen, sondern beinahe angenehm, wenn auch ein wenig traurig. Sie weinte heiß, aber nicht heftiger, als sich gehörte.

Klim reiste mit der Gewißheit ab, von der Nechajew gut und für immer Abschied genommen zu haben und durch diesen Roman sehr bereichert zu sein. Nachts im Zug dachte er:

»Sehen Sie, Lidia Timofejewna, ich kehre mit dem Schild heim.«

Er beschloß, sich zwei Tage in Moskau aufzuhalten, um vor Lida zu glänzen, und scherzte in Gedanken:

»Die Universitätsexamen können aufgeschoben werden, dieses aber werde ich jetzt sofort ablegen.«

Im Einnicken erinnerte er sich, daß Lida auf seine sorgsam in humoristischem Ton gehaltenen Briefe nur zweimal und sehr kurz und uninteressant geantwortet hatte. In einem dieser Briefe hieß es:

»Es gefällt mir nicht, daß Du Deine Bekannte Smertjaschkina nennst, und ich finde es nicht komisch.«

»Sie ist unbegabt. Ihre Schularbeiten hat immer die Somow gemacht«, rief er sich selbst ins Gedächtnis und schlief, dadurch getröstet, fest ein.

Über Moskau leuchtete prahlerisch ein Frühlingsmorgen. Über das holprige Pflaster pochten die Hufe, ratterten Fuhrwerke. In der warmen, lichtblauen Luft tönte festlich der Kupfergesang der Glocken. Über die ausgetretenen Trottoirs der engen, krummen Straßen schritten rüstig leichtfüßige Menschen. Ihr Gang war weitausholend, das Stampfen der Füße klang präzis, sie scharrten nicht mit den Sohlen wie die Petersburger. Überhaupt war hier mehr Lärm als in Petersburg, und der Lärm war von anderer Art, kein so feuchter und ängstlicher wie dort.

»Im Lärm von Moskau ist der Mensch vernehmlicher«, dachte Klim, und es war ihm angenehm, daß seine Worte sich gleichsam zu einem Sprichwort gefügt hatten. Während er in der ächzenden Equipage des zerlumpten Kutschers schaukelte, sah er sich um wie jemand, der aus der Fremde in die Heimat zurückkehrt.

»Sollte ich vielleicht die hiesige Universität beziehen?« fragte er sich.

Im Hotel wurde er mit jenem geschliffenen, zutunlichen Moskauer Wohlwollen empfangen, welches, da seine wahre Natur Klim unbekannt war, in ihm den Eindruck von Einfachheit und Klarheit, den er empfangen hatte, vertiefte.

Mittags suchte er Lida auf.

»Es ist Sonntag, Sie muß zu Hause sein.«

Während er durch warme, übermütig verschlungene Gäßchen schritt, überlegte er, was er Lida sagen, wie er sich im Gespräch mit ihr verhalten würde. Er musterte die bunten, freundlichen Häuschen mit netten Fenstern und Blumen auf den Fensterbänken. Über den Zäunen streckten die Bäume ihre Äste zur Sonne, die Luft war gesättigt von dem feinen, süßlichen Duft soeben aufgebrochener Knospen.

Aus einer Straßenecke bogen zwei Studenten, Arm in Arm, sie pfiffen einträchtig einen Marsch. Der eine stemmte sich mit den Füßen gegen den Ziegel des Trottoirs und fing ein Gespräch mit einem Weib an, das Fensterscheiben abwusch. Der andere zog ihn weiter und redete ihm zu:

»Hör auf Wolodjka! Gehen wir.«

Klim Samgin verließ das Trottoir in der Absicht, den Studenten auszuweichen, wurde aber sogleich von einer festen Hand an der Schulter gepackt. Er wandte sich rasch und zornig um, und ihm ins Gesicht rief freudig Makarow:

»Klimuscha? Woher? Darf ich vorstellen: Samgin – Ljutow.«

»Kaufmannssohn im dritten Semester der humoristischen Fakultät«', präsentierte sich blödelnd, den Kopf auf die Seite gelegt, der schielende, angeheiterte Student.

»Wolodja, er war es, der mich abgehalten hat, mich zu erschießen!«

»Ihnen gebührt die goldene Medaille, Kollega! Denn indem Sie das Leben dieses Jünglings erhielten, trugen Sie ein wenig zur Vertiefung der russischen Blödistik bei.«

Beide benahmen sich so laut, als gäbe es außer ihnen niemand auf der Straße. Makarows Freude schien verdächtig. Er war nüchtern, sprach aber so erregt, als wünsche er den wirklichen Eindruck dieser Begegnung für sich zuzudecken, zu überschreien. Sein Kamerad bewegte unruhig den Hals hin und her, in dem Bestreben, seine schielenden Augen auf Klims Gesicht einzustellen. Die beiden schritten, Schulter eng an Schulter, langsam vorwärts, ohne den entgegenkommenden Fußgängern den Weg freizugeben. Klim, der Makarows rasche Fragen gemessen beantwortete, fragte nach Lida.

»Aber hat sie dir denn nicht geschrieben, daß sie die Theaterschule aufgegeben hat und Vorlesungen hören wird? Sie ist vor zwei Wochen nach Hause gereist.«

Beim Sprechen blickte er mit Erstaunen in Klims Gesicht.

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