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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Sie hat gefunden, daß sie sich nicht verstellen kann.«

»Richtig; das versteht sie nicht!« bekräftigte Ljutow und schüttelte so heftig den Kopf, daß seine Mütze ihm in die Stirn rutschte.

»Die Telepnew verläßt ebenfalls die Schule. Sie heiratet, – das hier ist ihr Bräutigam.«

Ljutow tippte mit dem Zeigefinger auf seine Brust, in die Herzgegend, und drehte ihn um wie einen Pfropfenzieher. Seine sehr leuchtenden Augen von vieldeutiger Farbe trafen Klims Gesicht mit einem unangenehm tastenden Blick. Das eine Auge versteckte sich unter der Nasenwurzel, das hintere lief bis zur Schläfe hinauf. Beide zuckten ironisch, als Klim sagte:

»Ich gratuliere Ihnen. Ein hervorragend schönes Mädchen.«

»Sie ist sinnbetörend«, verbesserte Ljutow und schob seine Mütze in den Nacken zurück.

Makarow schlug vor, zu frühstücken.

»Versteht sich«, sagte Ljutow, der Klim ungeniert untergefaßt hatte. »Dafür existiert Moskau, damit man ißt.«

Einige Minuten später saßen sie in dem finsteren, aber behaglichen Winkel eines kleinen Restaurants. Ljutow bestellte bei dem alten Lakai im Gebetston.

»Und gib uns, Vater, zum Wodka westfälischen Schinken und spanische Zwiebeln, in dicke Scheiben geschnitten...«

»Ich weiß, Herr.«

»Ich zweifle nicht daran, sondern rufe nur ins Gedächtnis...«

»Es ist angenehm, dich zu sehen!« sagte Makarow, der eine Zigarette angebrannt hatte, mit einem Lächeln, das vom Rauch umkräuselt war. »Seltsam, Bruder, daß wir einander nicht schreiben, wie? Nun, wie, bist du Marxist?«

Er beeilte sich, seine Fragen an den Mann zu bringen und trieb dadurch Klim noch mehr zur Vorsicht an.

»Marxist?« rief Ljutow aus. »Solche verehre ich!«

Er legte die Ellenbogen auf den Tisch und begann, mit belegter Stimme sich von Zeit zu Zeit überschreiend, was Klim an Dronow denken ließ:

»Ich verehre sie nicht als Repräsentant jener Klasse, der Marx erschöpfend die Dynamik des Kapitals, seine kulturelle Macht erklärt hat, sondern als russischer Mensch, der da aufrichtig wünscht: möge jegliches lästige Hinzögern ein Ende finden! Dieweilen wir in der Person Marxens endlich den Glaubenslehrer von neunzigprozentiger Stärke haben. Das ist nicht unser russisches Dünnbier, das eine lyrische Krätze der Seele nach sich zieht, noch, das Gebräu eines Fürsten Krapotkin, eines Grafen Tolstoi, eines Obersten Lawrow und jener Seminaristen, die sich zu Sozialisten umgetauft haben, mit denen sich gut reden läßt. Nein! Mit Marx läßt sich kein Schwätzchen machen! Bei uns ist es doch so: man beleckt mit der Zunge die gallige Leber seiner Exzellenz Michail Jewgrafowitsch Saltykows, versüßt sich die Bitterkeit mit dem Lampenöl Ihrer Durchlaucht von Jasnaja Poljana und – ist vollauf befriedigt! Die Hauptsache bei uns ist, daß was zu schwatzen da ist, leben kann man auf jegliche Art, und setze man einen auf einen spitzen Pfahl, er lebt!«

Ljutow trug seine Rede flüssig, ohne Pausen, vor. Nach ihren Worten sollte sie ironisch oder bösartig klingen, doch fing Klim darin weder Ironie noch Bosheit auf. Das setzte ihn in Erstaunen. Noch erstaunlicher war aber, daß ein vollkommen nüchterner Mensch sprach. Klim musterte ihn und zweifelte:

»Sollte ich mich geirrt haben? Er war noch vor fünf Minuten betrunken.

Er fühlte in Ljutow etwas Unechtes. Die Farbe seiner ausgerenkten Augen war schmutzig, nichts Trübes, sondern eben etwas Schmutziges war in dem Weiß der Augäpfel, sie waren gleichsam von innen heraus mit dunklem Staub bestreut. Aber in den Pupillen lohten schlaue Fünkchen, die zur Vorsicht mahnten.

»Diese Augen sind nach außen gestülptes Hirn«, erinnerte Klim irgend jemandes Worte.

Ljutows gelbes Haar war à la cappoule gekämmt, das paßte so wenig zu seinem langen Gesicht, daß es wie absichtlich gemacht wirkte. Sein Gesicht verlangte einen breiten Bart, während dessen rasierte Ljutow sich die Wangen bis auf ein spitzes Bärtchen. Über diesem blähten sich wulstige, kautschukartige Negerlippen, die Oberlippe war mit dünnen Barthärchen bestanden. Seine Hände waren rot, stark geädert, ebenso wie sein Hals, auf den Schläfen schwollen bereits bläuliche Venen. Er schien sich auch mit gewollter Saloppheit zu kleiden: unter dem abgetragenen Jackett von sehr teurem Tuch trug er ein seidenes Hemd. Er mußte siebenundzwanzig Jahre alt sein, vielleicht sogar dreißig und ähnelte in nichts einem Studenten. Makarow, der in herausfordernder Weise noch schöner geworden war, hatte sich anscheinend, als Folie, diesen Menschen zum Freund gewählt. Doch weshalb hatte die schöne Alina ihn gewählt?

Während er von dem Schnaps, der so kalt war, daß die Zähne schmerzten, ein Glas nach dem andern leerte und dicke Scheiben Zwiebel, auf dünne Blättchen Schinken gelegt, zerbiß, fragte Ljutow:

»Die nicht kanonische Literatur, das ist: die Apokryphen, schätzen Sie?«

»Er ist ein Ketzerfürst«, sagte Makarow mit gutmütigem Lachen und sah Ljutow freundlich an.

»Die ›Offenbarung Adams‹, – haben Sie die gelesen?«

Er erhob die Hand mit dem Messer und sagte heilig:

»Und der Teufel sprach zu Adam: ›Mein ist die Erde, Gottes – der Himmel. So du mein sein willst, bebaue die Erde!‹ Und Adam sprach: ›Wessen die Erde ist, dem bin auch ich mit Kind und Kindeskind zu eigen,‹ Da habt ihr's! Solcher Art ist er formuliert, unser bäuerlicher, nach innen gerichteter Materialismus!«

In dem Bestreben, sich Unverständliches zu vereinfachen, überzeugte Klim sich innerhalb einer Stunde, daß Ljutow tatsächlich etwas von einem Spitzbuben hatte und ungeschickt den Hanswurst spielte. Alles an ihm war künstlich, in allem zeigte sich nackt die Gemachtheit. Besonders kraß offenbarte dies seine gekrampfte Sprache, gesättigt mit Slawismen, lateinischen Zitaten und boshaften Versen von Heine, verziert mit jenem rohen Humor, mit dem die Schauspieler der Provinzbühnen glänzen, wenn sie in den »Divertissements« Witze erzählen.

Er, Ljutow, schien wieder betrunken. Er streckte Klim einen Pokal Champagner hin, errötete und schrie:

»Wünschen Sie mir weder Daunen noch Federn, und lassen Sie uns auf die Gesundheit der herrlichen Jungfrau Alina Telepnew anstoßen!«

In seiner Stimme klang Begeisterung, Makarow stieß mit Ljutow an und sagte streng:

»Jetzt hast du aber genug getrunken.«

Ljutow leerte sein Glas mit einem Zug und zwinkerte Klim zu:

»Er erzieht mich. Ich bin dessen würdig, dieweilen ich des öfteren trunken bin und schweinigele, um der Zähmung des Fleisches willen. Ich fürchte die Hölle – diese« – er beschrieb mit der Hand einen Halbkreis in der Luft – »und die jenseitige. Aus jüdischer Furcht halte ich Freundschaft mit der Geistlichkeit. Ach, Kollega, einen Diakonus will ich Ihnen zeigen!«

Ljutow schloß die Augen, wiegte den Kopf und zog dann aus der Hosentasche eine stählerne Schlüsselkette, an deren Ende eine massive goldene Uhr baumelte.

»Hallo, ich muß gehen! Kostja, sag, sie sollen anschreiben.«

Er reichte Samgin die Hand:

»Sehr erfreut, Sie kennengelernt zu haben. Hörte viel Gutes von Ihnen. Vergessen Sie nicht: Ljutow, Daunen und Federn en gros...«

»Kokettiere nicht«, empfahl Makarow, der Schieläugige aber drückte fest Samgins Hand und sagte mit einem kleinen Grinsen in dem Hinterwälder Gesicht:

»Wissen Sie, es gibt so Jungfrauen mit kleinen Mängeln. Niemand würde diesen kleinen Mangel bemerken, wenn die Jungfrau nicht selber warnte: ›Sehen Sie, meine Nase ist nicht ganz geglückt, dafür ist das übrige...‹«

Er stieß Klim sanft zurück, setzte sich in Bewegung, stolperte mit dem Fuß über ein Stuhlbein, drohte ihm mit der Faust und verschwand.

»Was für ein Kauz!« sagte Klim.

Makarow stimmte nachdenklich zu:

»Ja, er ist wunderlich.«

»Ich verstehe Alina nicht – was hat sie dazu veranlaßt?«

Makarow zuckte mit der Schulter und begann hastig, als müsse er sich rechtfertigen, zu sprechen:

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