Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Seitdem besuchte er sie, jeden Abend, sättigte sich mit ihren Reden und fühlte sich wachsen. Ihr Liebesverhältnis wurde natürlich bemerkt, und Klim sah, daß es ihn vorteilhaft herausstrich. Jelisaweta Spiwak musterte ihn neugierig und gleichsam ermutigend. Marina sprach mit ihm noch freundschaftlicher. Sein Bruder schien ihn zu beneiden. Dmitri war aus irgendeinem Grunde finsterer und verschlossener geworden und sah auf Marina mit einem beleidigten Blinzeln.
Klim fühlte in sich lebhafte und heitere Herablassung gegen alles, ein Jucken, Kutusow auf die Schulter zu klopfen, der mit gleichbleibender Ausdauer die Notwendigkeit, Marx zu studieren, und die Schönheit Mussorgskis predigte. Er fiel über den stummen und stillen Spiwak her, der stets am Flügel saß, und sagte:
»Die schwächste Oper von Rimski-Korsakow ist talentvoller als die beste Oper von Verdi.«
»Schreien Sie mir nicht ins Ohr«, bat Spiwak.
Im Hause war es ein wenig langweilig. Man sang immer die gleichen Romanzen, Duette und Trios. Kutusow zankte immer in der gleichen Weise mit Marina, weil sie detonierte, und ebenso stritten er und Dmitri mit Turobojew und erregten in Klim den Wunsch, ihnen herausfordernd etwas Ironisches zuzurufen.
Die Nechajew hatte ihr Bett verlassen. Die hektischen Flecke auf ihren Wangen brannten noch greller. Unter ihren Augen lagen Schatten, die ihren Backenknochen eine noch ausgeprägtere Schärfe und ihrem Blick einen beinahe unerträglichen Glanz verliehen. Marina begrüßte sie mit zornigem Geschrei:
»Du bist verrückt geworden! Paßt denn dein Arzt nicht auf? Das ist doch Selbstmord!«
Die Nechajew lächelte ihr zu, leckte sich die trocknen Lippen, kuschelte sich in die Sofaecke, und bald ertönte von dorther ausdauernd ihr Stimmchen, mit dem sie Dmitri Samgin lehrhaft versicherte:
»Die Neigung des Gelehrten, Naturerscheinungen zu analysieren, gleicht dem Mutwillen des Kindes, das sein Spielzeug zerbricht, um nachzusehen, was darin ist.«
»Ist das nicht etwas banal, Fräuleinchen?« fragte aus der Entfernung Kutusow, er zupfte sich den Bart und runzelte die Brauen. Sie antwortete ihm nicht. Diese Aufgabe übernahm Turobojew, der träge sagte:
»Im Innern zeigt sich dann gewöhnlich entweder Unerforschliches oder irgendein Plunder, wie der Kampf ums Dasein ...«
Die Nechajew blieb eine oder einundeinehalbe Stunde und brach dann auf. Klim pflegte sie zu begleiten, nicht immer gern.
Sie liebte es, ihn mit Büchern und Reproduktionen moderner Bilder zu erfreuen, schenkte ihm eine Schreibmappe, in deren Leder ein Faun gepreßt war, und ein Tintenfaß von unglaublich bizarrer Form. Sie hatte eine Menge komischer Züge, kleine Abergläubigkeiten, deren sie sich schämte, wie übrigens auch ihres Glaubens an Gott. Als sie und Klim einmal die Ostermesse in der Kasaner Kathedrale hörten und man das »Christ ist erstanden« sang, erbebte sie, wankte und brach in leises Schluchzen aus.
Später, auf der Straße, unter einem schwarzen Himmel und in einem kalten Wind, der wütend den trocknen Schnee aufwirbelte und den dünnen Klang der Glocken zerriß und über die Stadt hin verstreute, sagte sie hustend und schuldbewußt:
»Es war komisch, daß ich weinte? Aber mich erschüttert das Geniale, und die russische Kirchenmusik ist genial ...«
Dunkle, winzige Gestalten rissen sich aus den steinernen Umarmungen der Kathedrale los und liefen nach allen Richtungen auseinander. Die Lichter der nicht sehr prunkvollen Illumination ließen sie dunkler als sonst erscheinen. Nur unterhalb der Bekleidung der Frauen blickten Streifen lichter Stoffe hervor.
Klim dachte, während er ihr zuhörte, daran, daß die Provinz feierlicher und freudevoller war als diese kalte Stadt, die zweimal pedantisch und trist der Länge nach zerschnitten war: von dem unter Granitmassen erdrückten Fluß und dem endlosen Kanal des Newskiprospekt, der gleichfalls durch Felsen hindurchgehauen schien. Gleich lebendig gewordenen Steinen bewegten die Menschen sich über den Prospekt, rollten Equipagen, mit automatenhaften Pferden bespannt, dahin. Der kupferne Ton sang zwischen den Steinmauern nicht so wohllautend wie in der holzgebauten Provinz.
Die Nechajew, die an Klims Arm hing, sprach von der düsteren Poesie der Totenliturgie und ließ ihren Gefährten unmutig an das Märchen von dem Dummen denken, der auf einer Hochzeit Totenlieder sang. Sie gingen gegen den Wind. Das Sprechen fiel ihr schwer. Sie keuchte. Klim sagte streng im Ton des Älteren:
»Schweig, mach den Mund zu und atme durch die Nase.«
Doch als sie einen Wagen genommen hatten und zu den Premirows fuhren, begann sie von neuem, hinter dem vorgehaltenen Muff, zu reden:
»Für dich ist das alles natürlich Vorurteil, aber ich liebe die Poesie der Vorurteile. Irgend jemand hat gesagt: ›Vorurteile sind Bruchstücke alter Wahrheiten.‹ Das ist sehr geistreich. Ich glaube daran, daß die alten Wahrheiten in höherer Schönheit auferstehen werden.«
Klim verhielt sich schweigend. Er merkte, daß dieses Mädchen Lust bekam, seinen Widerspruch herauszufordern, ihm zu opponieren. Es war nicht das erstemal, daß er diese Beobachtung machte, und er verheimlichte nur mit Mühe vor der Nechajew, daß sie ihn ermüdete. Ihre hysterischen Liebkosungen wurden einförmige Gewohnheit, ihre Ausdrücke wiederholten sich. Immer häufiger irritierten ihn ihre sonderbaren Anfälle von fragender Schweigsamkeit. Es war beklemmend, mit einem Menschen zusammen zu sein, der einen stumm beobachtete, als suche er etwas in einem zu erraten. Der trockene Husten der Nechajew erinnerte ihn daran, daß die Schwindsucht eine ansteckende Krankheit war.
Das Eßzimmer der Premirows war hell erleuchtet. Auf dem blumengeschmückten Tisch funkelte das Glas zahlreicher Flaschen, Pokale und Gläser, blitzte der Stahl der Messer. In den breiten blauen Rändern des Fayenceservices spiegelte sich angenehm das Lampenlicht und beleuchtete grell einen Berg buntgefärbter Eier. Quer über die Mitte des Tisches, auf einer Platte, wälzte sich im Schaum des sauren Rahms und geriebenen Meerrettichs ein heiter lächelndes Ferkel, von drei Seiten flankiert von einer gebratenen Gans, einem Truthahn und einem gekochten Schinken.
»Bitte zu Tisch«, verkündete das Mütterchen Premirow, ganz in Seide und mit einem Spitzenkopfputz im grauen Haar. Sie setzte sich als erste und rühmte bescheiden:
»Bei mir ist alles nach altem Brauch.«
Neben ihr saß Marina in einem pompösen fliederfarbenen Kleid mit Puffärmeln und unzähligen Falten und Garnierungen, die ihren gewaltigen Körper noch ausdehnten. Auf ihrem Herzen war gleich einem Orden eine kleine emaillierte Uhr angesteckt. Zur anderen Seite der alten Dame saß Dmitri Samgin, Er trug einen weißen Kittel und war so frisiert, daß er Ähnlichkeit mit einem Kommis aus einem Mehlgeschäft hatte. Der Stutzer Turobojew bekam seinen Platz weit von Klim entfernt am anderen Ende des Tisches zugewiesen, Kutusow zwischen Marina und der Spiwak. Er saß, mit krumm hochgezogenen Schultern in einem abgetragenen und engen Gehrock da, der nicht zu seiner breiten Figur paßte. Sogleich sagte er zu Marina:
»Sie sehen aus wie ein ›Widder‹.«
»Was ist denn das?« fragte sie zornig.
Kutusow erläuterte liebenswürdig:
»Das ist ein Rammbock, der im Altertum bei der Belagerung einer Stadt verwendet wurde.«
Marina regte ihre starken Brauen, dachte nach, erinnerte sich an etwas und errötete:
»Sie sind sehr grob.«
Dmitri Samgin stieß mit dem Löffel auf die Tischkante und öffnete den Mund, sagte jedoch nichts, sondern schmatzte nur mit den Lippen, während Kutusow der Spiwak schmunzelnd etwas ins Ohr flüsterte. Sie trug Hellblau, ohne alberne Ballons an den Schultern, und dieses glatte, schmucklose Kleid, das glatt zurückgekämmte kastanienbraune Haar betonten den Ernst ihres Gesichts und den unfreundlichen Glanz ihrer kalten Augen. Klim bemerkte, daß Turobojew seine Lippen zu einem schiefen Lächeln verzog, als sie Kutusow zustimmend zunickte.