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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Die Nechajew verstummte, neigte den Kopf und strich den Rock auf ihren Knien glatt. Ihre Erzählung stimmte Klim lyrisch, und er seufzte:

»Ja, unsere Väter ...«

»Die Väter haben Heringe gegessen, den Kindern aber läuft davon das Wasser im Munde zusammen – hat das nicht einer der Propheten gesagt? Ich habe es vergessen.«

»Ich weiß es auch nicht mehr«, sagte Klim, der die Propheten nie gelesen hatte.

Die Nechajew hob langsam mit einer unschlüssigen Geste die Hände und steckte ihre nachlässige Frisur fester auf, aber plötzlich lösten sich ihre Haare und fielen ihr über die Schultern. Klim wunderte sich, wie dicht und üppig ihr Haar war. Das Mädchen lächelte:

»Entschuldigen Sie.«

Klim verbeugte sich und beobachtete, wie sie sich erfolglos abmühte, ihr Haar aufzunehmen. Sein Gedächtnis produzierte keine bedeutenden Worte, während einfache, alltägliche nicht an dieses Mädchen heranreichten. Ihn verwirrte die Vorahnung eines peinlichen Moments oder einer Gefahr.

»Ich muß gehen.«

»Weshalb?«

»Es ist spät.«

»Wirklich?«

Sie ließ die Arme sinken, ihr Haar fiel wieder über ihre Schultern und Wangen, ihr Gesicht wurde kleiner.

»Kommen Sie bald wieder«, sagte sie in einem so seltsamen Ton, als befehle sie.

Es war gegen Mitternacht, als Klim nach Hause kam. Vor der Zimmertür seines Bruders standen dessen Stiefel. Dmitri selbst schlief wohl schon, er meldete sich nicht auf sein Klopfen, obwohl in seinem Zimmer Licht brannte. Das Schlüsselloch ließ in die Dunkelheit des Korridors einen gelben Lichtstreif hindurch. Klim hatte Hunger. Vorsichtig warf er einen Blick ins Eßzimmer. Dort wandelten Marina und Kutusow, Schulter an Schulter, auf und nieder. Marina hatte die Arme auf der Brust verschränkt und hielt den Kopf gesenkt. Kutusow fuchtelte mit einer Zigarette vorm Gesicht und redete mit verhaltener Stimme:

»Wir verfügen nur über eine Kraft, die wirklich imstande ist, uns zu verändern. Das ist die wissenschaftliche Erkenntnis.«

Tief, aber kläglich brummte Marina:

»Und die Kunst?«

»Tröstet uns, aber erzieht uns nicht.«

Klim verzog spöttisch das Gesicht, ging verdrossen auf sein Zimmer und legte sich schlafen, während er bedachte, um wieviel fesselnder als dieser Mensch doch die Nechajew war!

Zwei Tage darauf saß er abends wieder bei ihr. Er erschien früh, um sie zu einem Spaziergang abzuholen, aber auf der Straße schwieg das Mädchen langweilig, und nach einer halben Stunde klagte sie, daß sie friere.

»Lassen Sie uns zu mir hinausfahren.«

»Aber im Schlitten werden Sie noch mehr frieren.«

»Nein, es geht dann schneller«, sagte sie bestimmt.

Zu Hause legte sie sowohl in ihren Worten wie in allem, was sie tat, eine nervöse Hast und Gereiztheit an den Tag, bog den Hals wie ein Vogel, der den Kopf unter seine Flügel versteckt, blickte nicht auf Klim, sondern unter ihre Achsel und sagte:

»Ich ertrage nicht festtägliche Straßen und Menschen, die am siebenten Tag der Woche säuberliche Kleider und Mienen von Glückspilzen anlegen.«

Klim gab spöttisch Kutusows Ausspruch über die Macht der Wissenschaft wieder. Die Nechajew zuckte die Achseln und bemerkte beinahe zornig:

»Schwerlich werden Leute wie er deshalb besser leben, weil überall das blutlose Feuer des elektrischen Lichts aufflammen wird.«

Klim, der etwas mehr trank als gewöhnlich, hielt sich ungezwungener und sprach kühner.

»Ich verstehe wohl, das Leben ist maßlos schwer. Aber Kutusow gedenkt nicht, es zu vereinfachen, sondern zu verstümmeln.«

Er spielte mit dem Papiermesser, einer kapriziös geschweiften Bronzeplastik, die in den vergoldeten Kopf eines bärtigen Satyrs statt in einen Griff auslief. Das Messer entglitt seinen Händen und fiel vor die Füße des Mädchens. Als Klim sich bückte, um es aufzuheben, geriet er auf seinem Stuhl ins Schwanken, suchte nach einem Halt und ergriff dabei die Hand der Nechajew. Das Mädchen riß sich los und Klim, seiner Stütze beraubt, fiel auf die Knie. An das Weitere erinnerte er sich nur dunkel, er entsann sich nur zweier heißer Hände auf seinen Wangen, eines trockenen hastigen Kusses auf seine Lippen und eiligen Flüsterns:

»Ja, ja ... Oh Gott!«

Dann, mehr Verwunderung als Vergnügen empfindend, hörte er, wie die Nechajew, die neben ihm lag, gepreßt schluchzte und gleichzeitig heiß flüsterte:

»Lieben ... lieben ... Das Leben ist so schrecklich. Es ist ein Grauen ohne Liebe.«

Klim hob ihren Kopf hoch, bettete ihn an seine Brust und drückte ihn mit seiner Hand fest an sich. Er wollte ihre Augen nicht sehen, es war so peinlich, und ihn beengte das Bewußtsein der Schuld gegen diesen seltsam heißen Körper. Sie lag auf der Seite, ihre kleinen, dünnen Brüste hingen unschön nach einer Seite herab.

»Lieber«, flüsterte sie, und warme Tränentröpfchen kitzelten die Haut seiner Brust. »So lieb und einfach wie der Tag. So schrecklich, so teuer.«

Er schwieg und streichelte ihren Kopf. Durch die Seite des Wandschirmes, die mit silbernen Vögeln bestickt war, sah er auf den orangeroten Fleck der Lampe, während er unruhig überlegte, was nun sein würde. Würde sie wirklich in Petersburg bleiben, nicht zur Kur fahren? Er hatte dies doch gar nicht gewollt, ihre Zärtlichkeiten nicht gesucht. Er hatte nur Mitleid mit ihr gehabt.

Doch während er so dachte, empfand er gleichzeitig Stolz auf sich: unter allen Männern, die sie kannte, hatte sie gerade ihn erwählt. Diesen Stolz steigerten ihre neugierigen Liebkosungen und in ihrer Naivität schamlosen Worte.

»Ich weiß, ich bin häßlich, aber ich möchte so gern lieben. Ich habe mich darauf vorbereitet, wie eine Gläubige auf das Abendmahl. Und ich verstehe zu lieben, nicht wahr, ich verstehe es?«

»Ja«, sagte Klim sehr aufrichtig. »Du bist wunderbar. Aber trotzdem, es ist dir schädlich, und du solltest reisen ...«

Sie hörte nicht. Über sein Gesicht gebeugt, blickte sie in seine verlegenen Augen mit den ihren, aus denen immerfort Tränen fielen, klein und heiß, und flüsterte, von erstickendem Husten unterbrochen:

»Lieber! Verurteilter!«

Ihre Tränen erschienen unpassend. Worüber hatte sie zu weinen? Er hatte sie ja nicht beleidigt, ihre Liebe nicht verschmäht. Das Klim unverständliche Gefühl, welches ihre Tränen auslöste, schreckte ihn. Er küßte die Nechajew auf die Lippen, damit sie schwieg, und verglich sie unwillkürlich mit Margarita; die war schöner und ermüdete nur körperlich. Diese aber flüsterte:

»Denk nur: die Hälfte aller Frauen und Männer auf dem Erdball lieben sich in dieser Minute wie du und ich. Hunderttausende werden zur Liebe geboren, Hunderttausende sterben liebessatt! Lieber, Unverhoffter!«

Ihre Worte waren überflüssig und vielleicht sogar unwahrhaftig.

»Unverhoffter? Wirklich?«

Der orangefarbige Fleck auf dem Schirm erinnerte an die Abendsonne, wenn sie sich eigensinnig sträubt, hinter den Wolken zu verschwinden. Die Zeit schien anzuhalten in einer Unschlüssigkeit, die der Langenweile glich.

»Wir bringen uns gehorsam und leidenschaftlich dem schrecklichen Mysterium, das uns erschaffen hat, zum Opfer.«

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