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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Kutusow verbreitete sich darauf langweilig über Agrarpolitik, über die Adelsbank, über das Wachstum der Industrie.

Klim dachte bekümmert, daß Kutusow es sich allzu leicht mache, sein Vertrauen zu sich selbst zu erschüttern, daß dieser Mensch ihn vergewaltigte, indem er ihn zwang, Argumenten zuzustimmen, gegen die er, Samgin, nur einen Einwand hatte: »Ich will nicht.«

Doch ihm fehlte der Mut, diesen Einwand auszusprechen.

Er blieb plötzlich in der Mitte des Zimmers stehen, kreuzte die Arme auf der Brust und horchte, wie eine tröstliche Ahnung in ihm reifte. Alles was die Nechajew sagte, sollte ihm als tüchtige Waffe für den Selbstschutz dienen. All dies widerstand sehr energisch dem »Kutusowismus«! Die sozialen Fragen waren nichtsbedeutend neben der Tragödie des individuellen Seins.

»Gerade dadurch erklärt sich meine Gleichgültigkeit gegen Kutusows Lehre«, konstantierte Klim, er schritt wieder auf und ab. »Niemand hat mir das eingeflüstert, ich habe es längst gewußt.«

Er ging ins Eßzimmer hinüber, trank seinen Tee, blieb eine Weile einsam dort, sich daran erfreuend, wie leicht neue Gedanken ihm zuwuchsen, machte dann einen Spaziergang und befand sich auf einmal am Portal des Hauses, in dem die Nechajew wohnte.

»Die Gespräche mit ihr sind nützlich«, entschuldigte er sich gleichsam gegen jemand.

Das Mädchen empfing ihn mit Freude. Wieder lief sie planlos und geschäftig von Ecke zu Ecke. Dabei erzählte sie kläglich, sie habe in der Nacht keinen Schlaf gefunden, die Polizei sei im Hause gewesen. Man habe jemand verhaftet. Eine betrunkene Frau habe geschrien. Im Korridor habe es ein Getrampel und Hin- und Herrennen gegeben.

»Gendarmen?« fragte Klim düster.

»Nein, Polizei. Man hat einen Dieb festgenommen.«

Beim Tee äußerte sich Klim über Maeterlinck mit Zurückhaltung, wie ein Mensch, der eine wohlbegründete Meinung hat, sie aber seinem Partner nicht aufzuzwingen wünscht. Immerhin bemerkte er, die Allegorie in den »Blinden« sei allzu durchsichtig, und Maeterlincks Verhältnis zur Vernunft nähere ihn Tolstoi. Es berührte ihn wohltuend, daß die Nechajew ihm beipflichtete.

»Ja«, sagte sie, »aber Tolstoi ist gröber. Er hat vieles aus der Vernunft selbst, also aus einer trüben Quelle. Mir scheint auch, daß seiner ganzen Natur das Gefühl innerer Freiheit feindlich ist. Tolstois Anarchismus ist eine Legende, der Anarchismus wird ihm nur dank der Freigebigkeit seiner Verehrer unter die Zahl seiner Verdienste zugerechnet.«

An diesem Abend stach ihre körperliche Dürftigkeit besonders heftig Klims Augen. Das schwere wollene Kleid von unbestimmter Farbe machte sie alt, ihre Bewegungen, die langsamer wurden und gezwungen erschienen, schwerfällig. Ihr unlängst gewaschenes Haar hatte sie in einem losen Knoten aufgesteckt, und dies vergrößerte in unschöner Weise ihren Kopf. Klim empfand auch heute leichte Stiche des Mitleids für dieses Mädchen, das sich in den dunklen Winkel möblierter, unsauberer Zimmer verkrochen hatte, wo sie es dennoch verstand, sich ein gemütliches Nest einzurichten.

Wie gestern sprach sie über das Mysterium von Leben und Tod, nur mit anderen Worten und ruhiger, auf etwas horchend und gleichsam Einwände erwartend. Ihre leisen Worte legten sich als feine Schicht auf Klims Gedächtnis, wie Stäubchen auf eine lackierte Fläche.

»Aber über die Liebe traut sie sich nicht zu reden. Sie möchte schon, aber sie wagt es nicht.«

Er selbst fühlte sich nicht getrieben, das Gespräch auf dieses Thema zu lenken. Der tief herabhängende Lampenschirm erfüllte das Zimmer mit orangefarbigem Nebel. Die dunkle Decke, von Rissen kreuz und quer überzogen, die mit Stoffen ausgeschlagenen Wände, der rötliche Teppich auf dem Fußboden, – all das flößte Klim das seltsame Gefühl ein, daß er in einem Sack saß. Es war sehr warm und unnatürlich still. Nur von Zeit zu Zeit drang ein dumpfes Brausen herein, dann bebte das ganze Zimmer und schien sich zu senken. Auf der Straße mußte wohl ein schwerbeladenes Fuhrwerk vorübergefahren sein.

Klim ließ unaufmerksam die kleine Stimme der Nechajew an sich vorbei und dachte:

»Das Leben ist mir nicht dazu gegeben, um zu entscheiden, wer recht hat, die Volkstümler oder die Marxisten.«

Er hatte nicht darauf geachtet, weshalb und wann die Nechajew begonnen hatte, von sich zu erzählen.

»Mein Vater war Professor, Physiologe. Er heiratete, als er bereits vierzig war. Ich bin sein erstes Kind. Mir ist, als hätte ich zwei Väter gehabt, bis zu meinem siebenten Lebensjahr den ersten – er hatte ein gutes, glattes Gesicht mit einem mächtigen Schnurrbart und lustige helle Augen, Er spielte sehr gut Cello. Später ließ er seinen grauen Bart verwildern, verwahrloste, wurde wütend, versteckte seine Augen hinter rauchfarbigen Gläsern und betrank sich häufig. Das kam daher, weil meine Mutter nach einer Fehlgeburt gestorben war. Ich sehe sie vor mir: weiß oder hellblau gekleidet, mit einem dicken kastanienbraunen Zopf auf der Brust oder im Nacken. Sie sah nicht aus wie eine Dame, sie blieb bis zu ihrem Tode ein junges Mädchen, voll und sehr lebendig. Sie starb im Sommer, als ich in der Sommerfrische auf dem Lande lebte. Ich hatte damals mein sechstes Lebensjahr vollendet. Ich weiß noch, wie seltsam das war: ich kam nach Hause, meine Mutter war fort und mein Vater ein anderer geworden ...«

Die Nechajew erzählte langsam, leise, doch ohne Trauer, und das war eigentümlich. Klim sah sie an: sie kniff häufig die Augen zu, und ihre untermalten Augenbrauen, zitterten. Die Lippen leckend, machte sie unnötige Pausen zwischen den Sätzen, noch weniger am Platze war das Lächeln, das über ihre Lippen glitt. Klim bemerkte zum ersten Male, daß sie einen schönen Mund hatte, und fragte sich mit der Neugier eines Jungen:

»Wie sie wohl nackt aussieht? Wahrscheinlich komisch.«

In der nächsten Sekunde verurteilte er ärgerlich seine Neugier und hörte stirnrunzelnd aufmerksamer zu.

»Auf meine kindlichen Fragen, woraus der Himmel gemacht sei, wozu die Menschen leben, wozu sie sterben, antwortete mein Vater: ›Das weiß niemand. Du, Fima, bist geboren, um es zu erfahren.‹ Er nahm mich auf den Schoß, hauchte mir Biergeruch ins Gesicht, und sein rauher Bart kratzte mir unangenehm Hals und Ohren. Bier trank er entsetzlich viel. Er schwemmte davon auf, seine Backen blähten sich, wurden blau, und seine Augen verschwammen in öligem Fett. Seine ganze Erscheinung war mir fatal. Er erregte in mir ein böses Gefühl, weil er mir keine einzige von meinen Fragen beantworten konnte – wollte, glaubte ich damals. Mir schien, er verberge vor mir absichtlich märchenhafte Geheimnisse, von ihm enträtselt, und lasse mich sie selbst lösen, wie er mich die Aufgaben aus dem Rechenbuch selbst lösen ließ. Er half mir niemals bei den Schularbeiten und verbot auch andern, mir zu helfen. Ich mußte alles allein machen. Aber besonders stieß mich von ihm ab, daß er beständig wiederholte: Das weiß man nicht. Versuch selbst, es herauszufinden.«

»Mein Vater beantwortete alle meine Fragen«, schob Klim plötzlich und unerwartet für sich selbst ein.

»Ja, beantwortete er sie?« fragte die Nechajew. »Aber ...«

Sie brach den Satz ab, schwieg sekundenlang, und von neuem säuselte ihre Stimme. Klim hörte sinnend zu und fühlte, daß er das Mädchen heute mit fremden Augen betrachtete. Nein, sie glich Lida in nichts, aber es bestand eine entfernte Ähnlichkeit zwischen ihr und ihm. Er war sich nicht klar darüber, ob ihm dies angenehm oder unangenehm war.

»Nachts spielte mein betrunkener Vater Cello. Die heulenden Laute weckten mich. Mir schien, mein Vater spielte nur auf den Baßsaiten und nicht mehr so gut wie früher. Es ist dunkel, still, und in der Dunkelheit die langen Streifen der Töne, noch dunkler als die Nacht. Mich ängstigte nicht dieses schwarze Geheul, aber es war so traurig, daß ich weinte. Der Vater starb, nachdem er nur vier Tage krank gewesen war. Wie widerwärtig sind Zahlen, Daten! Vier Tage lag er da, erstickend, blau, gedunsen, starrte durch die nassen Augenritzen zur Decke und schwieg. An seinem Sterbebett versuchte er – es war das einzige Mal – mir etwas zu sagen, sagte aber nur: »Siehst du, Klawdia, du selbst ...« Zuende sprechen konnte er nicht mehr, aber ich verstand natürlich, was er meinte. Ich betrauerte ihn nicht sehr, obwohl ich viel weinte, dies wahrscheinlich aus Furcht. Er war so schrecklich im Sarg, so riesengroß und – blind.«

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