Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Klim Samgin beschloß, sein Zimmer nicht zu verlassen, aber das Dienstmädchen sagte, als sie den Kaffee brachte, gleich würden die Dielenputzer kommen. Er nahm das Buch und ging zu seinem Bruder. Dmitri war fort. Am Fenster stand Turobojew im Studentenrock und trommelte gegen die Scheiben. Er sah träge zu, wie eine zottige Rauchwolke zum Himmel emporkroch.
»Feuer«, sagte er. Er drückte Klim matt und lässig wie stets die Hand.
Der unebenen Linie warm mit Schnee bekleideter Dächer entstiegen dünne, graue Rauchwölkchen. Über die dicke Schneeschicht krochen schwerfällig Leute mit Messingknöpfen, ebenso grau wie der Rauch.
Dieses Bild hatte für Klim etwas frappierend Tristes.
»Es will nicht brennen«, sagte Turobojew und entfernte sich vom Fenster. Hinter seinem Rücken hörte Klim einen leisen Ausruf:
»Ah, Maeterlinck!«
Klim gab einem Wunsch, diesen fatalen Menschen zu verletzen nach, und suchte in seinem Gedächtnis ein besonders giftiges Wort. Da er keins entdeckte, murmelte er:
»Geschwätz!«
Turobojew war nicht beleidigt. Er trat von neuem an Klims Seite und während er auf etwas horchte, begann er leise und gleichmütig zu sprechen:
»Nein, warum denn Geschwätz? Es ist mit großer Kunst geschrieben, wie eine Allegorie zur Belehrung von Kindern reiferen Alters. Die ›Blinden‹ sind die heutige Menschheit, den Führer kann man, je nachdem, als die Vernunft oder als den Glauben deuten. Übrigens habe ich das Zeug nicht zu Ende gelesen.«
Klim verließ das Fenster voll Verdruß über sich selbst. Wie konnte ihm der Sinn des Stückes entgehen? Turobojew setzte sich, zündete sich eine Zigarette an, stopfte sie aber sogleich nervös in den Aschenbecher.
»Die Nechajew klärt Sie auf? Sie versucht, auch meinen Verstand zu entwickeln«, sagte er, zerstreut in dem Buch blätternd, »Sie liebt spitze Sachen. Augenscheinlich hält sie ihr Gehirn für eine Art Nadelkissen, wissen Sie, Kissen, die mit Sand gefüllt sind.«
»Sie ist sehr belesen«, sagte Klim, um nur etwas zu sagen. Turobojew ergänzte leise seine Worte:
»Eine Herbstfliege.«
An der Decke wurde mit etwas Schwerem, wohl einem Stuhlbein, dreimal aufgeklopft. Turobojew stand auf, warf auf Klim einen Blick wie auf einen leeren Fleck und, ihn mit diesem Blick am Fenster festnagelnd, verließ er das Zimmer.
»Er geht zur Spiwak, sie ist es, die gepocht hat«, erriet Klim, der auf das Dach blickte, wo die Feuerwehrmänner den Schnee auseinandertraten und ihm immer dickere Wolken grauen Rauchs entlockten.
»Er selbst, Turobojew, ist eine Herbstfliege.«
Ohne anzuklopfen, als wäre es ihr eigenes Zimmer, trat Marina ein:
»Wünschen Sie Tee?«
»Nein, danke.«
Sie sah Klim ärgerlich ins Gesicht und fragte:
»Wo ist Ihr Bruder?«
»Ich weiß es nicht.«
Sie wandte sich zur Tür, öffnete sie, trat aber dann wieder einen Schritt zu Samgin hin.
»Er hat nicht zu Hause übernachtet.«
Klim lachte boshaft.
»Das pflegt bei jungen Leuten vorzukommen.«
Tief errötend fragte Marina:
»Sie reden da augenscheinlich Abgeschmacktheiten? Sie wissen doch, daß er sich mit den Arbeitern beschäftigt und daß dafür ...«
Sie unterbrach sich und ging hinaus, ehe Samgin, empört durch ihren Ton, ihr sagen konnte, daß er nicht Dmitris Erzieher sei.
»Kuh!« schimpfte er, auf und ab laufend. »Grobe Kuh!«
Er entsann sich, daß er einmal, als er ins Eßzimmer trat, gesehen hatte, wie Marina, die in ihrem Zimmer vor Kutusow stand, sich mit ihrer zur Faust geballten Rechten auf die linke, flache Hand schlug und dabei dem bärtigen Studenten ins Gesicht rief:
»Ich – ein Bauernweib! Ein Bauernweib?«
Zuerst schienen diese Ausrufe Klim nur Äußerungen des Staunens oder Gekränktseins, Sie wandte ihm den Rücken zu, er konnte ihr Gesicht nicht sehen. Aber in den nächsten Sekunden begriff er, daß es sich um einen Wutanfall handelte und daß sie im nächsten Augenblick vielleicht ohrenbetäubend brüllen und mit den Füßen trampeln würde.
»Verstehen Sie?« fragte sie, jedes Wort mit einem klatschenden Schlag der Faust auf die weiche Handfläche begleitend. »Er wird seinen eigenen Weg gehen. Er wird Gelehrter! Jawohl! Professor!«
»Brüllen Sie nicht so!« sagte Kutusow.
Er überragte Marina um einen halben Kopf, und es war zu sehen, daß seine grauen Augen das Gesicht des Mädchens neugierig musterten. Mit der einen Hand strich er sich über den Bart, in der anderen, die am Körper herabhing, rauchte eine Zigarette, Marinas Wutausbruch wurde heftiger und sichtbarer.
»Er ist gutherzig, ehrlich, aber ihm fehlt der Wille.«
»O weh, ich glaube, ich habe Ihnen Ihren Rock verbrannt!« rief Kutusow aus, wobei er von ihr wegrückte. Marina drehte sich um, bemerkte Klim und ging ins Eßzimmer hinüber, mit dem gleichen knallroten Gesicht, das er soeben an ihr beobachtet hatte.
Das Leben seines Bruders interessierte Klim nicht. Doch seit dieser Szene begann er, Dmitri in stärkerem Maße sein Augenmerk zuzuwenden. Er überzeugte sich bald, daß der Bruder, der vollkommen unter Kutusows Einfluß stand, die beinahe demütigende Rolle eines Werkzeugs seiner Interessen und Ziele spielte. Einmal gab Klim dies Dmitri so brüderlich und ernst, wie er konnte, zu verstehen. Aber Dmitri riß glotzend seine Schafsaugen auf und lachte:
»Du bist wohl verrückt geworden?«
Dann klapste er Klim aufs Knie und sagte:
»Auf jeden Fall danke ich dir! Das hast du gut gesagt, närrischer Kauz!«
Klim schwieg, da er sein Erstaunen, das Lachen und die Geste dumm fand. Einige Male entdeckte er auf dem Tisch des Bruders verbotene Broschüren. Die eine trug den Titel »Was muß der Arbeiter wissen und behalten?«, die andere »Über die Strafabzüge«. Beide waren schmutzig, zerknittert, und die Schrift stellenweise mit schwarzen Flecken verschmiert, die an polizeiliche Daumenabdrücke erinnerten.
»Es ist klar, er gibt sich mit den Arbeitern ab. Wenn man ihn verhaftet, kann auch ich mit hineingezogen werden. Wir sind Brüder und wohnen unter einem Dach ...«
Aufgeregt beschleunigte er sein Auf- und Abschreiten, so heftig, daß das Fenster in der Wand von rechts nach links zu schaukeln begann.
Unter allen Menschen, denen Klim begegnet war, rief allein der Sohn des Müllers in ihm den Eindruck des in seiner Abgeschlossenheit ganz Einzigartigen hervor. Samgin bemerkte an ihm nichts Überflüssiges, Erkünsteltes, was erlaubt hätte, anzunehmen, daß dieser Mensch anders sei, als er sich gab. Seine derbe Ausdrucksweise, die plumpen Gesten, sein gnädiges Lächeln in den Bart, die schöne Stimme – alles war fest zusammengefügt, alles gehörte zusammen wie Teile einer Maschine. Klim fiel sogar ein Vers aus dem Gedicht eines jungen, aber bereits sehr bekannten Dichters ein:
»Es liegt Schönheit in der Lokomotive ...«
Aber Kutusows Predigten wurden immer aufdringlicher und gröber. Klim fühlte, daß Kutusow imstande war, sich nicht nur den molluskenhaften Dmitri, sondern auch ihn selbst Untertan zu machen. Kutusow zu widersprechen war schwer: er sah einem gerade in die Augen, sein Blick war kalt, im Bart regte sich ein verletzendes Lächeln. Er sagte:
»Sie, Samgin, urteilen naiv. Sie haben Grütze im Kopf. Es ist unmöglich, daraus schlau zu werden, wer Sie sind. Ein Idealist? Nein. Em Skeptiker? Es scheint nicht so. Und wie sollten Sie, junger Mann, auch zur Skepsis kommen? Turobojews Skepsis ist rechtmäßig, sie ist die Weltanschauung eines Menschen, der sehr wohl fühlt, daß seine Klasse ihre Rolle ausgespielt hat und rasch auf der schiefen Ebene ins Nichts hinabgleitet.«