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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Er nahm einen Kelch, der wie eine Blüte aussah, aus der alle Farbe herausgesogen war, preßte seinen schlanken Stiel zwischen seinen Fingern und seufzte:

»Es muß schwer sein für Sie, mit diesen Gedanken zu leben.«

»Aber doch auch für Sie? Für Sie?«

Sie sagte diese Worte so seltsam, als frage sie nicht, sondern bitte. Ihr entflammtes Gesicht verblaßte, schmolz, sie wurde gleichsam schöner.

Klim empfand den Wunsch, ihr etwas Zärtliches zu sagen, aber er zerbrach den Fuß des Glases.

»Haben Sie sich geschnitten?« rief das Mädchen aus, sprang auf und lief zu ihm hin.

»Ein wenig«, sagte er schuldbewußt und umwickelte den Finger mit seinem Taschentuch. Die Nechajew jedoch streichelte seine Hand mit der ihren, die unnatürlich heiß war, und sagte leise und dankbar:

»Wie tief Sie empfinden!«

Sie huschte im Zimmer umher, zerriß ein Taschentuch, träufelte etwas Brennendheißes in die Wunde, verband sie straff und lud dann ein:

»Nehmen Sie Wein.«

Nachdem sie sich Likör eingeschenkt hatte, nahm sie wieder am Tisch Platz.

Eine Minute schwiegen beide, ohne einander anzusehen. Klim fand ein längeres Schweigen peinlich und hoffte, die Nechajew würde weiter sprechen. Er fragte sie:

»Lieben Sie Schopenhauer?«

Seufzend schraubte sie die Lampe herab. Es wurde enger im Zimmer, Alle Gegenstände und die Nechajew selbst drängten dichter zu Klim heran. Sie nickte bejahend:

»Auch Maeterlinck ist die Ethik des Mitleids nicht fremd und vielleicht hat er sie bei Schopenhauer geschöpft. Aber was nützt Mitleid den zum Tode Verurteilten?«

Klim starrte über den Kopf des Mädchens hinweg in die orangefarbige Dunkelheit und fragte sich:

»Warum hat sie die Lampe kleiner geschraubt?«

Die Nechajew bückte sich, stieß mit dem Fuß die gelben Bücher unter dem Tisch hervor und redete hinunter:

»Wir leben in einer Atmosphäre der Grausamkeit. Das gibt uns das Recht, grausam in allem zu sein ... in der Liebe ... im Haß ...«

Ehe Samgin einfiel, ihr zu helfen, hatte sie eins der Bücher aufgehoben, es geöffnet und sagte strenge:

»Hören Sie zu!«

Halblaut und die Vokale dehnend, begann sie Verse vorzulesen. Sie las angestrengt, mit unvermittelten Pausen und dirigierte dabei mit dem bis zum Ellenbogen entblößten Arm. Die Verse waren sehr musikalisch, aber ihr Sinn rätselhaft. Sie handelten von Jungfrauen mit goldenen Binden um die Augen, von drei blinden Schwestern. Nur in den zwei Versen

Hab Erbarmen mit mir, weil ich zögre

An der Schwelle meines Begehrens ...

fing er so etwas wie einen Lockruf oder eine Anspielung auf. Fragend blickte er das Mädchen an, aber sie sah ins Buch. Ihre rechte Hand schweifte durch die Luft, mit dieser, in dem Dämmerlicht bläulich schimmernden astralen Hand berührte die Nechajew ihr Gesicht, ihre Brust und ihre Schultern, als bekreuzige sie sich, oder als wolle sie sich vergewissern, daß sie noch da sei.

Klim fühlte, wie der Wein, die Parfüms und die Gedichte ihn sonderbar berauschten. Allmählich ergab er sich einer nie gespürten Melancholie, die alles entfärbte und in ihm den Wunsch auslöste, sich nicht zu rühren, nichts zu hören, an nichts zu denken. Und er dachte auch nicht, sondern horchte nur, wie sich in ihm allmählich der niederdrückende Eindruck von den Worten des Mädchens verflüchtigte.

Als sie aufgehört hatte zu lesen, schleuderte sie das Buch auf das Ruhebett und schenkte sich mit zitternder Hand ein neues Glas Likör ein, Klim rieb sich die Stirn und blickte um sich wie jemand, der soeben erwacht. Mit Staunen fühlte er, daß er noch lange diesen wohllautenden, aber wenig verständlichen Versen in fremder Sprache hätte lauschen können.

»Verlaine! Verlaine!« seufzte zweimal die Nechajew. »Er gleicht einem gefallenen Engel!«

Sie schnellte ihren Körper vom Stuhl und legte sich mit ungewöhnlicher Leichtigkeit auf das Ruhebett.

»Sind Sie müde?« fragte Klim.

Er stand auf und sah in das Gesicht des Mädchens, das fahl war und auf den Schläfen rote Flecke zeigte.

»Ich danke Ihnen«, sagte er eilig. »Ein wundervoller Abend. Bitte, bleiben Sie liegen.«

»Kommen Sie bald«, bat sie, während sie seine Hand zwischen den heißen Knöchelchen ihrer Finger zusammenpreßte. »Ich verschwinde ja bald.«

Mit der anderen Hand reichte sie ihm ein Buch.

»Und lesen Sie dies!«

Auf der Straße fiel immer noch Schnee. Er fiel so dicht, daß es schwer war zu atmen. Die Stadt war völlig stumm geworden, verschwunden in dem weißen Flaum. Die Laternen, bedeckt mit dicken Kappen, standen in Lichtpyramiden. Klim klappte den Mantelkragen hoch, steckte die Hände in die Taschen und schlenderte, die Eindrücke des Abends abwägend, durch den lautlosen Schnee. Weiße Asche rieselte ihm ins Gesicht und schmolz sogleich, die Haut kühlend. Klim blies unmutig die Wassertröpfchen von Oberlippe und Nase. Er fühlte, daß er eine niederdrückende Last, ein furchtbares Traumgesicht, das er niemals vergessen würde, mitgenommen hatte. Vor ihm, im Schnee, zitterte das Gesicht der alten kleinen Zauberin. Als Klim die Augen schloß, um ihm zu entfliehen, wurde es noch deutlicher, und der dunkle Blick schien jetzt hartnäckig fordernd. Doch der Schnee und sein vorzüglich entwickelter Selbsterhaltungstrieb riefen schnell protestierende Gedanken in Klim wach. Zwischen der äußeren Erscheinung des Mädchens, ihren großen Worten und der Schönheit der Verse, die sie vorgelesen hatte, bestand etwas verdächtig Unvereinbares. Weiter vermerkte Klim, daß die Nechajew zu viel Likör trank und zu viel Konfekt mit Rumfüllung genoß.

»Ein kranker Mensch. Es ist ganz natürlich, daß ihr Denken und Reden ständig um den Tod kreist. Solcher Art Gedanken – über den Sinn des Daseins und so weiter – taugen nicht für sie, sie sind für die Gesunden bestimmt. Für Kutusow zum Beispiel. Für Tomilin.«

Als Klim die langweiligen Predigten Kutusows einfielen, mußte er lächeln.

»Kutusowismus – das ist gar nicht übel.«

Als Klim in die Nähe seines Hauses gelangt war, hatte er sich bereits Gewißheit darüber verschafft, daß das Experiment mit der Nechajew beendet war. Die Triebfeder, die in ihr wirkte, war die Krankheit, und es hatte keinen Sinn, ihre hysterischen Reden, die die Furcht vor dem Tode ihr auf die Lippen trieb, noch weiter anzuhören.

»Im Grunde ist alles sehr einfach ...«

Nachts las er Maeterlincks »Blinde«. Die eintönige Sprache dieses Dramas ohne Handlung hypnotisierte ihn, erfüllte ihn mit dunkler Traurigkeit, aber der Sinn des Stücks blieb Klim verschlossen. Unmutig warf er das Buch auf den Fußboden und versuchte, erfolglos einzuschlafen. Die Gedanken kehrten zu der Nechajew zurück. Aber sie wurden milder. Er erinnerte sich ihrer Bemerkung über das Recht der Menschen, grausam in der Liebe zu sein, und fragte sich:

»Was wollte sie damit sagen?«

Dann seufzte er mitleidig:

»Es wird sich schwerlich ein Mensch finden, der sie liebt.«

Seine müden Augen sahen in der Finsternis des Zimmers einen Haufen durchsichtiger grauer Schattengestalten und unter ihnen ein kleines Mädchen mit einem Vogelgesicht und einem glattgekämmten Kopf ohne Ohren.

»Vor Furcht erblindet!«

Die Schatten schwankten wie die kaum sichtbare Spiegelung herbstlicher Wolken im dunklen Wasser eines Flusses. Die Bewegung der Finsternis im Zimmer, die sich aus einer eingebildeten in eine wirkliche verwandelte, vertiefte seine Trauer. Die Einbildungskraft, die sowohl das Einschlafen wie das Denken vereitelte, erfüllte die Dunkelheit mit tristen Lauten, dem Echo eines entfernten Klanges oder den singenden Tönen einer von einer Gitarre übertönten Geige. Die schwarzen Fensterscheiben verblichen langsam und nahmen die Farbe des Zinns an.

Klim erwachte gegen Mittag in der Stimmung eines Menschen, der am Abend vorher etwas Wichtiges erlebt hat und nun zweifelt, ob er dabei gewonnen oder verloren habe. Der sonst so leichte Fluß seiner Selbstbetrachtung war aufgehalten, belastet. Er hörte seine Gedanken schlecht und diese Taubheit reizte ihn. Sein Gedächtnis war verschüttet durch ein Chaos seltsamer Worte, Verse, Klagen der »Blinden«, von einschmeichelndem Geflüster und zornigen Ausrufen der Nechajew. Als er sich ankleidete, nahm er wütend das Buch auf, las stehend eine Seite, warf das Buch auf das Bett und zuckte die Schultern. Vor dem Fenster fiel immer noch Schnee, aber er war bereits trockner und feiner.

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