Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Ich sage doch aber: er scheint hinter den Arbeitern zu spionieren und das ist Ihre Sache.«
»So«, sagte der Gendarm und verlöschte die Zigarette am Gewehrlauf. Dann heftete er die zusammengekniffenen Augen wieder starr auf Jakows Gesicht und begann mit Nachdruck von etwas nicht ganz Verständlichem zu sprechen. Es ergab sich, daß Jakow ungesetzlich gehandelt hatte, da er den Raubversuch vor der Polizei verheimlichte, daß es jetzt aber schon zu spät war, eine diesbezügliche Anzeige zu machen.
»Wenn Sie ihn damals gleich auf die Polizeiwache geschleppt hätten, hätte sich die Sache aufgeklärt. Und vielleicht nicht einmal ganz. Wie wollen Sie aber jetzt beweisen, daß er Sie überfallen hat? Weil er verwundet ist ? Ach! Man kann auch vor Schreck auf einen Menschen schießen. Aus Zufall oder aus Unvorsichtigkeit ...«
Jakow fühlte, daß Nesterenko listig und konfus sprach, ihn sogar einzuschüchtern versuchte und ihn oder sich selbst aus dieser Affäre herausziehen wollte; als der Offizier die Möglichkeit eines Schreckschusses erwähnte, festigte sich Jakows Verdacht:
»Er lügt.«
»Jawohl, Väterchen. Dieser Kerl wird es natürlich büßen, daß er sich für einen Beobachter ausgibt. Wir werden ihn über das, was er weiß, verhören.« Dann legte der Offizier die Hand auf Jakows Schulter und sagte:
»Noch etwas: Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß das alles unter uns bleibt. Das ist in Ihrem Interesse, verstehen Sie? Also: Ihr Ehrenwort?«
»Gewiß. Bitte sehr.«
»Sie werden weder mit Ihrem Onkel, noch mit Miron Alexejewitsch darüber sprechen. Haben Sie ihnen tatsächlich noch nichts gesagt? Nun gut. Überlassen wir diese Angelegenheit ihrer eigenen inneren Logik. Und kein Wort darüber zu irgendwem! Nicht wahr? Der Jäger hat sich selbst verwundet, Sie haben damit nichts zu schaffen.«
Jakow lächelte: zu ihm sprach nun ein anderer Mensch, der lustig und gutmütig war.
»Auf Wiedersehen!« sagte er. »Vergessen Sie nicht: Ihr Ehrenwort!«
Jakow Artamonow kehrte etwas beruhigt nach Hause zurück. Des Abends schlug der Onkel ihm vor, er sollte in die Gouvernementsstadt fahren; er tat es mit Vergnügen, als er aber nach acht Tagen heimkehrte und beim Onkel am Mittagstisch saß, hörte er mit neuer Besorgnis Mirons Worten zu:
»Nesterenko ist nicht so nichtsnutzig, wie ich glaubte; er hat in der Stadt drei Personen gefaßt: den Lehrer Modestow und noch irgendwen.«
»Und bei uns ?« fragte Jakow.
»Bei uns: Sedow, Krikunow, Abramow und fünf jüngere Leute. Es sind zwei Gendarmen aus der Gouvernementsstadt bei der Verhaftung erschienen, aber sie ist natürlich Nesterenkos Werk; auf diese Weise ist die Krankheit seiner Frau für uns von sichtlichem Nutzen. Ja, er ist nicht dumm. Er fürchtet, daß man ihn kalt macht ...«
»Jetzt wird nicht mehr gemordet«, bemerkte Alexej.
»Na«, sagte Miron. »Ja! In der Stadt wurde noch dieser Jäger verhaftet ...«
»Noskow?« fragte Jakow leise und erschrocken.
»Ich weiß nicht. Er hat bei der Diakonsfrau gewohnt, und in ihrem Badehaus haben diese Revolutionäre ihre Kongresse abgehalten. In ihrem Hause und mit ihr hat sich aber auch, wie dir bekannt sein dürfte, dein Vater belustigt. Ein häßliches Zusammentreffen ...«
»Ja«, sagte Alexej, seinen kahlen Kopf schüttelnd. »Was soll man mit ihm anfangen?«
Jakow wurde es schwarz vor den Augen, und er war nicht mehr imstande, dem Gespräch zwischen dem Onkel und dem Vetter zu folgen. Er dachte: Noskow ist verhaftet; es ist klar, daß auch er ein Sozialist und kein Räuber ist, und daß er von den Arbeitern beauftragt wurde, den Prinzipal zu ermorden oder zu verprügeln; und zwar waren es diejenigen Arbeiter, die Jakow für die gesetztesten und ruhigsten gehalten hatte! Der stets sauber gekleidete und nicht mehr junge Sedow; der höfliche und lustige Schlosser Krikunow; der angenehme Sänger und für alles verwendbare Arbeiter Abramow. Konnte man denn annehmen, daß auch diese Menschen seine Feinde waren?
Es kam ihm so vor, als wäre es im Laufe dieser Tage im Hause des Onkels noch geräuschvoller und unruhiger geworden. Der Arzt Jakowlew, mit den goldenen Zähnen, der über nichts und über niemanden jemals ein gutes Wort sagte und alles aus der Ferne, lächelnd und mit den Augen eines Fremden, betrachtete, trat noch mehr in den Vordergrund und raschelte drohend mit den Zeitungen.
»Ja,« sagte er, mit den Zähnen funkelnd, »wir rühren uns, wir erwachen! Die Menschen erinnern an faul gewordene Dienstboten, die von der plötzlichen, von ihnen nicht erwarteten Rückkehr des Herrn erfahren, ihre Entlassung fürchten und, von Angst getrieben, fegen, putzen und das verwahrloste Haus in Ordnung bringen wollen.«
»Sie sprechen zweideutig, Doktor«, bemerkte Miron mit einer Grimasse. »Das ist Ihr Anarchismus und Ihre Skepsis.«
Aber der Arzt sprach immer lauter, seine Reden wurden länger und seine Worte flößten Jakow Bangigkeit ein. Es schien, als ob überhaupt alle sich vor etwas fürchteten, einander mit Unheil bedrohten, sich gegenseitig ihre Angst anfachten; es war auch anzunehmen, daß die Leute sich gerade davor fürchteten, was sie selbst taten, vor ihren eigenen Gedanken und Worten. Jakow erblickte darin das Anwachsen der allgemeinen Dummheit, er selbst aber lebte nicht in einer eingebildeten, sondern in einer rein körperlichen Angst; er fühlte mit der ganzen Haut eine ihm um den Hals gelegte Schlinge, die unsichtbar war, aber immer enger wurde und ihn einem großen und unabwendbaren Unheil entgegenführte.
Seine Angst stieg noch mehr nach zwei Monaten, als in der Stadt Noskow und in der Fabrik der glatt rasierte, gelbe, magere Abramow erschienen.
»Werden Sie mich alten Mann wieder aufnehmen?« fragte er lächelnd. Jakow wagte nicht, ihn abzuweisen.
»War es im Gefängnis schwer auszuhalten?« fragte er. Abramow antwortete mit dem gleichen Lächeln:
»Es ist dort sehr eng! Wenn der Typhus der Obrigkeit nicht helfen würde, ich weiß nicht, wo sie die Leute dann einsperren sollte!«
»Ja,« dachte Jakow, nachdem er den Weber abgefertigt hatte, »du lächelst, ich weiß aber, was du denkst ...«
An demselben Abend machte Miron ihm wegen Abramow eine beleidigende Szene, schrie ihn beinahe an und stampfte sogar mit dem Fuß auf, als hätte er es mit einem Dienstboten zu tun.
»Bist du verrückt?« schrie er, und seine Nase rötete sich vor Zorn. »Entlasse ihn noch morgen...«
Als er nach einigen Tagen in der Oka badete, traf er dort den Leutnant Mawrin und Nesterenko; sie saßen in einem Boot, das mit einer Menge von Angeln wie mit einem Bart bespickt war; der kaltblütige Leutnant begrüßte Jakow schweigend mit einem nachlässigen Kopfnicken und ruderte sogleich weiter, in die Mitte des Flusses, während Nesterenko sich auskleidete und leise sagte:
»Es war nicht recht, daß Sie Abramow nicht wieder aufgenommen haben, ich bedauere sehr, daß ich Sie nicht warnen konnte.«
»Das war Miron«, murmelte Jakow Artamonow und stellte fest, daß der Offizier beim Sprechen sehr nach Alkohol roch.
»So?« fragte Nesterenko. »Hing das nicht von Ihnen ab?«
»Nein.«
»Schade. Dieser Kerl wäre nützlich. Als Lockspeise. Als Köder.«
Der nackte, von der Sonne vergoldete Offizier, dessen Haut wie Karpfenschuppen glänzte, blickte Jakow mit den Augen eines Komplizen an und fragte weiter:
»Und haben Sie Ihren Freund gesehen – den Jäger?« Nesterenko lachte leise und selbstzufrieden.
»Wissen Sie, was ihn veranlaßt hat, Ihnen nachzustellen? Er wollte sich ein Gewehr kaufen, eines mit zwei Läufen. Das macht alles die Leidenschaft, Väterchen. Die Menschen lassen sich von den Leidenschaften leiten, jawohl! Der Jäger wird jetzt sehr nützlich sein, da ich ihn, dank seinem Irrtum in bezug auf Ihre Person, fest an der Kehle halte...«
»Welcher Irrtum? Da Sie doch sagen ...«
»Ein Irrtum, mein Herr, ein Irrtum!« wiederholte der Offizier beharrlich, spritzte im Wasser herum, bekreuzte sich die nackte Brust und schritt wie ein Pferd in den Fluß.