Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Entschuldigen Sie, ich bin im Negligé.«
»Es ist schön bei Ihnen«, sagte Klim.
»Gefällt es Ihnen?«
Sie zündete eilig einen Spirituskocher an, stellte einen wunderlich geformten kupfernen Teekessel auf und sagte dabei:
»Ich kann Samoware nicht leiden.«
Sie stieß mit ihrem Fuß, der in einem grünen Saffianpantöffelchen steckte, die Bücher, die vom Tisch herabgefallen waren, erbarmungslos unter den Tisch und schob alle Gegenstände an seinem Rand zusammen, zum mit einem dunklen Stoff verhängten Fenster hin, all das sehr eilig, Klim ließ sich auf dem Ruhebett nieder und blickte sich um. Die Ecken des Raums waren durch Draperien ausgeglättet, ein Drittel des Zimmers von einem chinesischen Schirm abgeteilt. Hinter dem Schirm sah der Zipfel eines Bettes hervor. Die Fensterbank war mit einem schweren Teppich von stumpfroter Farbe verkleidet, ein ebensolcher Teppich bedeckte den Boden. Die warme Luft des Zimmers war stark mit Parfüms getränkt.
»Ich liebe schreiende Farben, laute Musik und gerade Linien nicht. Das alles ist zu wirklich und darum verlogen«, hörte Klim.
Die eckigen Bewegungen des Mädchens ließen die Ärmel ihres Kittels sich aufspannen wie Flügel, ihre irrenden Hände erinnerten ihn an die blinden Hände Tomilins, und sie sprach in dem verzogenen Ton Lidas, als die noch ein Backfisch von dreizehn oder vierzehn Jahren war. Klim hatte den Eindruck, daß das Mädchen sich in einer Verwirrung befand und sich verhielt, wie ein Mensch, den man überrumpelt hat. Sie vergaß, sich umzuziehen. Der Kittel glitt ihr von den Schultern und entblößte das Schlüsselbein und die vom Lampenlicht unnatürlich gefärbte Haut der Brust.
Während des Tees erfuhr Klim, daß das Wahre und Ewige in den Tiefen der Seele eingeschlossen sei, alles Äußere aber, die ganze Welt eine verworrene Kette von Fehlschlägen, Irrtümern, verkrüppelter Impotenz und kläglichen Versuchen, die ideale Schönheit jener Welt, die im Geist erlesener Menschen eingefriedigt ist, zum Ausdruck zu bringen.
»Oh, ich vergaß!« rief sie plötzlich vom Ruhebett aufflatternd, holte aus einem Schränkchen eine Flasche Wein, Likör, eine Schachtel Schokolade und Biskuits, verstreute alles über den Tisch und fragte dann, während sie die Ellenbogen aufstützte und dabei ihre dünnen Arme entblößte:
»Verstehen Sie es, über die Sinnlosigkeit des Daseins nachzudenken?«
Klim hatte Lust zu lächeln, doch er beherrschte sich und antwortete gesetzt: »Manchmal regt einen das sehr auf.«
Und weil er bemerkte, daß die Augen der Nechajew aufflammten, fügte er hinzu:
»Es gibt Tage, wo man morgens aufwacht und das Gefühl hat, zwecklos erwacht zu sein.«
Die Nechajew nickte:
»Ja, natürlich, gerade Sie müssen so empfinden. Ich erkannte es an Ihrer Zurückhaltung, an Ihrem immer ernsten Lächeln, daran, wie schön Sie zu schweigen verstehen, während alle schreien. Und worüber?«
Sie kreuzte die Arme auf der Brust, legte die Hände auf ihre spitzen Schultern und fuhr mit Unwillen fort:
»Volk! Arbeiterklasse! Sozialismus! Bebel! Ich habe seine ›Frau‹ gelesen, mein Gott, wie ist das öde! In Paris und Genf begegnete ich Sozialisten. Es sind Menschen, die sich bewußt begrenzen. Sie haben etwas Verwandtes mit den Mönchen, sie sind ebensowenig frei von Heuchelei wie diese. Sie alle ähneln mehr oder weniger Kutusow, doch ohne seine lächerliche, bäurische Herablassung für Menschen, die er nicht verstehen kann oder will. Kutusow selbst ist nicht dumm und glaubt anscheinend ehrlich an alles, was er sagt, aber der Kutusowismus, all diese nebelhaften Begriffe: Volk, Masse, Führer – wie ist das alles zum Sterben öde!«
Sie schrak sogar zusammen, ihre Hände glitten leblos von den Schultern. Sie hob einen kleinen, an eine langstielige Blüte erinnernden Kelch gegen das Licht der Lampe, erfreute sich an der giftgrünen Farbe des Likörs, trank ihn aus und hustete, am ganzen Körper zuckend, in ihr Tüchlein.
»Es schadet Ihnen«, sagte Klim und schnippte mit dem Nagel an sein Glas. Die Nechajew, immer noch hustend, schüttelte verneinend den Kopf. Später erzählte sie schwer atmend und mit Pausen zwischen jedem Satz von Verlaine und daß ihn der Absynth, die »grüne Fee«, zugrunde gerichtet habe.
»Liebe und Tod«, vernahm Klim nach einigen Augenblicken, »in diesen beiden Mysterien ist der ganze furchtbare Sinn unseres Daseins verborgen. Alles andere – auch der Kutusowismus – sind nur erfolglose und feige Versuche, sich mit Nichtigkeiten zu betrügen.«
Klim fragte: »Und die Humanität, gehört sie auch zu den Nichtigkeiten?« und paßte auf, denn er erwartete, sie nun von der Liebe sprechen zu hören, und es wäre ergötzlich gewesen zu hören, was dieses körperlose Mädchen über die Liebe zu sagen hatte. Doch die Nechajew fertigte die Humanität als »kleinbürgerlichen Traum allgemeiner Sattheit«, den schon Malthus widerlegt habe, ab und sprach dann über den Tod. Anfangs beobachtete Klim in ihrem Tonfall etwas Kirchliches. Sie trug sogar einige Verse aus den Liturgien für die Seelen der Abgeschiedenen vor, aber diese düsteren Verse klangen matt. Klim rieb sorgfältig mit einem Stück Ledersamt seine Brillengläser blank und dachte für sich, daß die Nechajew wie ein altes Mütterchen sprach. Er senkte den Kopf und vermied es, das Mädchen anzusehen, damit sie nicht entdeckte, daß er sich langweilte. Doch sie schien es schon erraten zu haben oder müde zu sein, ihre Worte klangen immer leiser. Klim hob den Kopf, wollte seine Brille aufsetzen, kam aber nicht dazu. Seine Hände sanken langsam auf die Tischkante herab.
»Nein, stellen Sie sich nur vor«, sagte, fast flüsternd, zu ihm geneigt, die Nechajew. Ihre zitternde Hand mit den dünnen Knöchelchen der Finger schwebte in der Luft. Ihre Augen waren unnatürlich geweitet, das Gesicht schärfer als sonst. Er lehnte sich zurück, während er dem einschmeichelnden Geflüster lauschte.
»Eine geheimnisvolle Macht schleudert den Menschen hilflos, ohne Verstand und Sprache, in die Welt. Dann, in der Jugend, reißt sie seine Seele vom Fleisch los und macht sie zur ohnmächtigen Zuschauerin der qualvollen Leidenschaften des Körpers. Dann schlägt dieser Dämon den Menschen mit schmerzhaften Lastern, zermartert ihn, hält ihn lange in der Schande des Alters, ohne ihn endlich von der Liebesgier zu erlösen, ohne ihm die Erinnerung an die Vergangenheit, an die Funken Glücks zu nehmen, die trügerisch vor ihm aufblitzen und ihn mit Neid für die Freuden der Jungen foltern. Endlich, sich gleichsam am Menschen dafür rächend, daß er gewagt hat zu leben, entseelt ihn die erbarmungslose Macht! Wo ist hier ein Sinn? Wohin verschwindet jene geheimnisvolle Wesenheit, die wir Seele nennen?«
Sie flüsterte nicht mehr, Ihre Stimme klang ziemlich laut und war mit leidenschaftlichem Zorn gesättigt. Ihr Gesicht verzerrte sich grausam und erinnerte Klim an die Zauberin in Andersens Märchen. Der trockene Glanz ihrer Augen kitzelte heiß sein Gesicht, ihm schien, in ihrem Blick brenne ein arges und rachsüchtiges Gefühl. Er senkte den Kopf und erwartete, daß dieses seltsame Wesen im nächsten Augenblick in den verzweiflungsvollen Schrei der Doktorsfrau Somow: »Nein! Nein! Nein!« ausbrechen würde.
Wenn Klim Bücher und Gedichte über die Liebe und den Tod las, erregten sie ihn nicht. Jetzt aber, da die Gedanken über Tod und Liebe im Kleid der zornigen Worte des kleinen, beinahe verwachsenen Mädchens erschienen, fühlte Klim mit einemmal, daß diese Gedanken ihn brutal ins Herz und in den Kopf trafen. Alles vermischte und wölkte sich in ihm gleich Rauch. Er hörte nicht mehr die erregte Nechajew, er sah sie an und dachte, weshalb gerade dieses häßliche, an der Krankheit hinsiechende Mädchen mit der flachen Brust verdammt war, sich mit so unheimlichen Gedanken zu tragen. Darin lag etwas beispiellos Ungerechtes. Er empfand Mitleid mit diesem, mit einem kranken Leib und einer kranken Seele gestraften Menschen. Zum erstenmal verspürte er die Regung des Mitleids mit solcher Schärfe, es war ihm in solcher Heftigkeit bisher fremd geblieben.