Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
Er war sogar selbst über seinen plötzlichen Zornesausbruch erschrocken.
... Als er jetzt in der Ecke saß und Olgas arglosen Bericht über den Aufruhr in der Stadt anhörte, fiel ihm jener Streit ein, und er bemühte sich zu verstehen, wer recht hatte, er oder jene Menschen.
Vor allem hatten ihn Olgas kindlich zornige Worte verwirrt. Jetzt sprach sie aber schon ruhig und sogar gerührt:
»Unsere Weber sind liebe Menschen! Wie schnell haben sie die Woroponowschen Leute und Lederarbeiter verjagt. Sie sind dort geblieben und bewachen das Haus.«
Natalia war aber sehr erschrocken und greinte zornig:
»Die Unruhen gehen von eurem Hause aus. Es geschieht euch schon recht! Alles ist durch euch entstanden.«
Miron erschien, schritt wie auf Sprungfedern, ohne zu grüßen, durchs Zimmer und drohte:
»Allen diesen Woroponows und Shitejkins wird es teuer zu stehen kommen, daß sie das Volk zum Aufruhr anstiften. Das wird für sie nicht ohne Folgen vorübergehen, es wird seine Sühne finden! Der Rebellionsunterricht von seiten der Freunde Ilja Petrowitsch Artamonows genügt vollkommen; wenn aber auch diese hier noch anfangen...«
Pjotr Artamonow schwieg dazu.
Nach dem durch Woroponows Telegramm hervorgerufenen Skandal war Miron ihm endgültig und restlos widerwärtig geworden; er sah jedoch, daß das Werk sich gänzlich in den Händen dieses Menschen befand, und daß Miron ein geschickter und sicherer Leiter war, dem die Arbeiter gehorchten, den sie aber fürchteten; sie benahmen sich jedenfalls ruhiger als die städtischen.
Der Wind legte sich und vergrub sich in den tiefen Schnee. Es schneite in schweren, geraden und dichten Flocken, die Fenster waren durch weiße Schneevorhänge verhüllt, man sah draußen nichts. Niemand sprach mit Pjotr Artamonow, und er fühlte, daß alle, außer seiner Frau, die ganze Schuld auf ihn schoben: den Aufruhr, das schlechte Wetter, das ungeschickte Benehmen des Zaren, alles hatte er verschuldet.
»Und wo ist denn Jascha?« fragte besorgt Natalia. »Wo Jascha ist, will ich wissen!«
Miron zog verächtlich die Nase kraus und sagte, ohne seine Tante anzusehen:
»Wahrscheinlich hat er sich in der Stadt in seinem Hühnerstall versteckt.«
»Was? Wo?« fragte ängstlich Natalia.
Pjotr Artamonow dachte:
»Das dumme Weib scheint nicht einmal zu wissen, daß Jakow eine Geliebte hat.«
Und plötzlich erklärte er sehr energisch:
»Also meinetwegen – lebt ihr alle, wie ihr wollt. Tut, was euch paßt. Jawohl! Ich verstehe wirklich nichts mehr. Ich bin eben zu alt. Aber hier ... hier treibt der Teufel sein Spiel! So lange lebe ich nun auf Erden – und verstehe nichts...«
Vierter Teil
Bis zu seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre hatte Jakow Artamonow brav und ruhig gelebt, ohne daß ihn unangenehme Ereignisse gestört hätten. Dann aber begann die Zeit, der alte Feind aller Menschen, die ein geruhiges Dasein lieben, mit Jakow ihr wirres, schändliches Spiel. Es fing an in einer Aprilnacht, drei Jahre nach den Aufständen, die das geduldige Volk wachgerüttelt hatten.
Jakow lag auf dem Sofa, rauchte und genoß das behagliche Gefühl der Sättigung, das jegliche Wünsche ausschließt. Dieses Gefühl schätzte er höher als alles andere: in ihm sah er den eigentlichen Sinn des Lebens. Er empfand es mit gleichem Genuß nach einer schmackhaften Mahlzeit wie nach der Umarmung einer Frau.
Eine rundliche und doch schlanke Frau stand mitten im Zimmer am Tisch und blickte nachdenklich in die zornige, lila Spiritusflamme unter der Kaffeemaschine; auf die nackten Arme und das kindliche Gesicht fiel das durch einen roten Schirm gedämpfte Lampenlicht und färbte sie appetitlich wie eine gebräunte Kuchenkruste. Das zerzauste, dunkle Haar fiel malerisch über Hals und Schultern. Polinas nackter Körper war in einen goldgelben bucharischen Schlafrock gehüllt, die Füße steckten in grünen Saffianpantoffeln. An ihr war etwas sehr Duftiges, das nicht russisch anmutete; sie hatte das liebe Gesichtchen eines halbwüchsigen Knaben: volle Lippen und kecke, wie Kirschen runde Augen; selbst jetzt, da Jakow sich an ihr gesättigt hatte, erschien sie ihm noch angenehm. Sie übertraf bei weitem alle Mädchen und Frauen, die er kannte, und wäre vollkommen gewesen, wenn sie nicht einen so dummen Charakter gehabt hätte.
»Ich will keinen Kaffee, Apfelsinchen«, sagte Jakow durch den dichten Schleier des Zigarettenrauches hindurch. Polina fragte ohne ihn anzublicken:
»Und ich?«
»Ich weiß nicht, was du willst«, antwortete Jakow, müde gähnend.
»Nein, du weißt es«, begann die Frau, seine Worte auffangend und den Kopf schüttelnd, mit brüchiger Stimme. Nachdem Jakow ein paar Minuten lang ihre an kratzende Krallen erinnernden Worte angehört hatte, setzte er sich, warf die Zigarette auf die Erde, zog die Schuhe an und sagte seufzend:
»Ich kann deine Gewohnheit, immer die gute Stimmung zu verderben, nicht verstehen! Du weißt ja: ich kann nicht heiraten, solange der Vater lebt...«
Jetzt überschüttete Polina ihn, wie immer, mit beleidigenden Worten:
»Natürlich, dir kommt es nur auf die gute Stimmung an, du Spinne! Ich weiß: du bist imstande, mich, um der guten Stimmung willen, irgendeinem Tataren oder einem Trödler zu verkaufen. Jawohl. Du bist ein ehrloser Mensch...«
Jakow mochte es vor allem nicht, wenn sie ihn Spinne nannte; in zärtlichen Augenblicken hatte sie für ihn eine andere drollige Benennung – »mein Salziger«. Und ihm schien, sie könnte doch wenigstens heute auf einen Streit verzichten: er hatte ihr zwei Stunden zuvor hundert Rubel geschenkt.
»Wenn du auch schreist! Damit erreichst du garnichts!« warnte er sie ruhig, setzte den Hut auf und streckte ihr die Hand hin. »Auf Wiedersehen!«
»Du Schwein! Da hast du wieder Zigarettenstummel auf den Fußboden geworfen...«
Auf der Straße raste ein feuchter Wind, Wolkenschatten krochen über die Erde, als wollten sie die Pfützen aufwischen, der Mond blickte für einen Augenblick hervor und ließ die mit dünnem Eis überzogenen Wasserlachen wie Messing erglänzen. In diesem Jahr wollte der Winter eigensinnig dem Frühling nicht weichen; noch gestern war dichter Schnee gefallen.
Jakow Artamonow hatte die Hände in die Taschen gesteckt, hielt den schweren Stock unter der Achsel, ging ohne Eile und dachte daran, wie unbegreiflich und seltsam dumm die Menschen wären. Was fehlte dem lieben Närrchen, der Polina, noch? Sie lebte ruhig, hatte keinerlei Sorgen, erhielt eine Menge Geschenke, kleidete sich schön, verbrauchte an die hundert Rubel im Monat; und überdies wußte und fühlte Jakow, daß er ihr gefiel. Nun, was fehlte ihr noch? Warum wollte sie durchaus heiraten?
»Dumm wie eine Maus in einem Glas Eingemachtem«, schloß er mit seinem Lieblingsspruch, den er sich selbst ausgedacht hatte. Das Leben schien ihm einfach zu sein und von dem Menschen nichts als das zu verlangen, was er ohnehin schon besaß. Im Grunde war es ja klar: alle Menschen strebten ein und dasselbe an: völlige Ruhe; das Getriebe des Tages war nur die wenig angenehme Einleitung zur Stille der Nacht, zu jenen Stunden, die man unter vier Augen mit einer Frau verbrachte, um, von ihren Liebkosungen ermüdet, ohne Träume zu schlafen. Darin war alles wirklich Wichtige und Echte enthalten. Die Menschen waren aber schon deshalb dumm, weil sie sich fast alle, im geheimen oder offen, für klüger als ihn hielten; sie erfanden sehr viel Überflüssiges; sie taten das möglicherweise auf Grund irgendeiner Blindheit, jeder wollte von allen anderen abstechen, da er sich sonst unter den Menschen zu verlieren und sich nicht mehr zu sehen fürchtete.
Ilja war dumm, da er sich noch im Gymnasium durch Bücher verwirren ließ und sich jetzt irgendwo unter den Sozialisten herumtrieb. Jakow hatte durch ihn viele Kränkungen erduldet und mußte vor kurzem Ilja irgendwohin nach Sibirien Geld schicken. Die Mutter war in einer unerträglichen, wenn auch drolligen Weise dumm; noch unerträglicher und bedrückender war die Dummheit des düsteren Vaters, des alten Bären, der nicht mit den Menschen zu leben verstand und betrunken und schmutzig war. Der geschäftig herumhüpfende Onkel Alexej war komisch; er wollte gern in die Reichsduma gewählt werden, und er stürzte sich deshalb gierig auf die Zeitungen, behandelte alle in der Stadt mit einer falschen Freundlichkeit und kokettierte wie ein altes, liederliches Weib mit den Fabrikarbeitern. In einer besonderen, deprimierenden und furchtbaren Art war aber der großnasige Specht, Miron, dumm, er hielt sich für den ausgezeichnetsten und klügsten Kopf Rußlands, schien in sich einen künftigen Minister zu sehen und verbarg schon jetzt nicht, daß nur er sich darüber klar wäre, was man tun müßte und wie alle Menschen zu denken hätten. Auch er war bemüht, die Gunst der Arbeiter zu gewinnen, arrangierte für sie verschiedene Unterhaltungen, gründete einen Fußballklub und richtete eine Bibliothek ein; er wollte den Wolf mit Rüben füttern.