Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Wenn Sie doch verstehen wollten, daß ich Ihre normalen Menschen nicht ertrage . . . daß ich die Heiteren nicht ertrage! Heitere Leute sind erschreckend dumm und platt.«
Ein anderes Mal sagte sie wütend:
»Nietzsche war ein Scharlatan, aber er mußte um jeden Preis tragische Rollen spielen, und darüber hat er den Verstand verloren.«
Wenn sie grollte, verschwanden die hektischen Flecke von ihren Wangen, ihr Gesicht wurde aschfahl und versteinte, und in den Augen lohten grüne Funken.
An einem strahlenden Wintertag schlenderte Samgin über den Newakai, beschäftigt, die tönendsten Phrasen aus der Vorlesung in seinem Gedächtnis zu verstauen. Schon von weitem bemerkte er die Nechajew. Das Mädchen trat aus dem Portal der Akademie der Künste, überquerte die Straße und blieb vor der Sphinx stehen, von wo sie auf den mit blendend weißem Schnee bedeckten Fluß schaute. Hier und dort war die Schneedecke vom Wind aufgerissen und entblößte bläuliche Eisflächen. Die Nechajew begrüßte Klim freundlich lächelnd und sagte mit ihrer schwachen Stimme:
»Ich komme von der Ausstellung. . Nichts als gemalte Anekdoten. Mörderische Unbegabtheit. Gehen Sie in die Stadt? Ich auch.«
In einer Pelzjacke von der grauen Farbe des Herbsthimmels und einem merkwürdigen Mützchen aus blauem Eichhorn, die Hände in einem Muff von dem gleichen Pelz vergraben, sah sie doppelt auffallend aus. Sie ging sprunghaft, es machte Mühe, mit ihr Schritt zu halten. Die blaue, funkelnde Luft kitzelte brennend ihre Nüstern, und sie versteckte ihre Nase in dem Muff.
»Wenn das Leben doch stehenbliebe wie dieser Fluß, um den Menschen Zeit zu geben, sich ruhig und tief auf sich selbst zu besinnen«, sprach sie kaum vernehmlich in ihren Muff hinein.
»Unter dem Eis fließt der Fluß trotzdem weiter«, wollte Klim sagen. Da er jedoch einen Blick in ihr Vogelgesicht warf, bemerkte er:
»Leontjew, der bekannte Konservative, fand, daß man Rußland gefrieren lassen müßte.«
»Warum nur Rußland? Die ganze Welt müßte für eine Weile gefrieren, ausruhen.«
Ihre Augen blinzelten unter dem stechenden Glanz der Schneefunken. Leise und trocken hüstelnd, sprach sie mit lange unterdrückter Gier, als hätte man sie soeben aus der Einzelhaft im Kerker entlassen. Klim antwortete ihr im Ton eines Menschen, der sicher ist, nichts Bemerkenswertes zu hören, folgte aber aufmerksam ihren Worten. Von einem Thema zum anderen springend, fragte sie:
»Was halten Sie von Turobojew?«
Und antwortete selbst:
»Er ist mir rätselhaft. Ein Nihilist, der zu spät auf die Welt gekommen ist, gleichgültig gegen sich und alles. Wie seltsam, daß diese kalte, enge Spiwak in ihn verliebt ist.«
»Wirklich?«
»O ja!«
Sie schwieg eine Minute, dann wollte sie wissen, wie Klim Marina gefalle, und wieder wartete sie die Antwort nicht ab, sondern sagte:
»Sie wird glücklich werden in dem bestimmten weiblichen Sinn des Begriffs Glück. Wird viel lieben, wird dann, müde geworden, Hunde und Kater lieben, mit jener Liebe, mit der sie mich liebt. Sie ist so satt, so russisch. Ich bin eine Petersburgerin. Moskau macht mich zur Larve. Überhaupt kenne und verstehe ich Rußland schlecht. Mir scheint, das ist ein Land von Menschen, die niemandem und am wenigsten sich selbst nötig sind. Die Franzosen, die Engländer sind der ganzen Welt nötig. Auch die Deutschen, obwohl ich die Deutschen nicht liebe.«
Sie sprach unermüdlich und verwirrte Klim durch die Eigenartigkeit ihrer Urteile. Aber hinter ihrer Vertrauensseligkeit fühlte Klim keine Harmlosigkeit und wurde noch vorsichtiger mit seinen Worten. Auf dem Newskiprospekt schlug sie vor, Kaffee zu trinken. Im Restaurant benahm sie sich für Klims Geschmack zu ungebunden für ein junges Mädchen.
»Ich lade Sie ein«, sagte sie, bestellte Kaffee, Likör, Biskuits und knöpfte ihre Pelzjacke auf. Klim hüllte der Geruch eines exotischen Parfüms ein. Sie saßen am Fenster. An den reifbeschlagenen Scheiben flutete der dunkle Menschenstrom vorbei. Die Nechajew knabberte mit ihren Mausezähnen an den Biskuits und sprach weiter:
»In Rußland spricht man nicht über das, was wichtig ist, liest man nicht die Bücher, die notwendig sind, tut man nicht das, was getan werden muß, und nichts für sich, sondern alles zum Schein.«
»Das ist wahr«, sagte Klim. »Es ist viel Erklügeltes darin, und alle examinieren einander.«
»Kutusow ist ein so gut wie fertiger Opernsänger, studiert aber politische Ökonomie. Ihr Bruder weiß unglaublich viel, und ist doch – Sie entschuldigen mich – ein Ignorant.«
»Auch das ist richtig«, gab Klim zu. Er hielt es für an der Zeit, ihr entgegenzutreten, aber die Nechajew war plötzlich müde geworden, auf ihren Wangen, die der Frost rot geschminkt hatte, waren nur noch die hektischen Flecke geblieben, die Augen erloschen. Träumerisch sprach sie davon, daß man nur in Paris ganz aus dem Innern leben könne, daß sie die Absicht gehabt habe, diesen Winter in der Schweiz zu verbringen, daß aber eine langweilige und unbedeutende Erbschaftssache sie in Petersburg zurückhielte. Sie verzehrte alle Biskuits, trank zwei Gläschen Likör, und als sie ihren Kaffee getrunken hatte, kreuzte sie mit einer raschen, unauffälligen Geste die Arme auf ihrer schmalen Brust.
»Wahrscheinlich reise ich in zwei oder drei Wochen.«
Sich auf die Lippen beißend, während sie ihren Handschuh überzog, seufzte sie:
»Vielleicht für immer.«
Auf der Straße fragte sie:
»Kennen Sie Maeterlinck? Oh, Sie müssen unbedingt den ›Tod des Tentagiles‹ und die ›Blinden‹ lesen. Das ist ein Genie. Er ist noch jung, aber erstaunlich tief.«
Plötzlich blieb sie auf dem Trottoir stehen, wie vor einer Mauer, und streckte ihm die Hand hin:
»Leben Sie wohl. Besuchen Sie mich.«
Sie nannte ihm ihre Adresse und stieg in einen Schlitten. Als das durchfrorene Pferd sich jäh in Trab setzte, gab es der Nechajew einen so heftigen Stoß, daß sie hintenüber flog und fast über die Schlittenlehne gestürzt wäre. Auch Klim nahm einen Schlitten. Während er hin und her gerüttelt wurde, dachte er über dieses Mädchen nach, das seinen übrigen Bekannten so wenig glich. Für eine Minute schien ihm, daß sie etwas Gemeinsames mit Lida hätte, aber unverzüglich wies er diese Ähnlichkeit ab, da er sie für sich nicht schmeichelhaft fand. Er erinnerte sich der übelgelaunten Bemerkung Warawkas:
»Wenn man nicht versteht, vermutet man und irrt sich.«
Dies hatte Warawka seiner Tochter gesagt.
Die Begegnung mit der Nechajew machte sie nicht angenehmer, doch hatte das Mädchen Klims Neugier besonders dadurch erregt, daß sie sich in dem Restaurant mit einer Ungebundenheit benahm, als wäre sie dort Stammgast.
An dem Tage, an dem Klim Samgin sie aufsuchte, fiel beklemmend dichter Schnee auf die mürrische Stadt. Er fiel rasch, ausdauernd, seine Flocken waren ungewöhnlich groß und raschelten wie Fetzen feuchten Papiers.
Die Nechajew wohnte möbliert. Es war die letzte Tür am Ende eines langen Ganges, der schwach von einem Schrank fast ganz verdeckten Fenster erhellt wurde. Das Fenster war gegen eine braune glatte Mauer gepreßt. Zwischen Fenster und Mauer fiel der Schnee, grau wie Asche.
»In was für einem schmutzigen Loch wohnt sie«, dachte Klim. Doch als er in dem kleinen, dürftig beleuchteten Flur abgelegt hatte und ihr Zimmer betrat, fühlte er sich märchenhaft weit entführt aus dieser Gegend unter einem unsichtbaren Himmel, der sich in Flocken zerkrümelte, aus dieser im Schnee verschütteten Stadt. Das Zimmer war vom warmen Schein einer stark brennenden, von einem orangegelben Schirm verhängten Lampe erhellt und mit orientalischen Stoffen in den blassen Tönen der erlöschenden Abendröte dekoriert. Auf Tisch und Ruhebett waren die gelben Bändchen französischer Bücher wie Blätter einer exotischen Pflanze verstreut. Die Nechajew, in einem goldfarbenen Kittel, umgürtet mit einer breiten grünlichen Schärpe, begrüßte ihn erschrocken: