Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
Pjotr Artamonow goß schweigend die buntfarbigen Schnäpse in sich hinein, kaute glitschige, saure Pilze und fühlte mit seinem ganzen trunkenen Körper, daß das Anmutigste, unheimlich Mächtigste und Echteste in dem schamlosen Weib auf der Messe verborgen war, das sich für Geld nackt zeigte und um das angesehene Menschen ihr Vermögen, ihr Gewissen und ihre Gesundheit verloren. Für ihn war aber von dem ganzen Leben nur diese schwarze Ziege übriggeblieben.
»Zieh dich aus!« brüllte er. »Tanze!«
»Wie soll es denn ohne Musik gehen?« sagte die Diakonsfrau, sich aufknöpfend. »Wir müßten den Jäger Noskow holen, er spielt gut Harmonika...«
Bei dieser Unterhaltung verging die Zeit unmerklich. Manchmal aber tauchte aus dem Strom trüber Tage etwas gänzlich Unfaßbares auf: im Winter verbreiteten sich Gerüchte, die Arbeiter in Petersburg hätten den Palast zerstören und den Zaren ermorden wollen. Tichon Wialow brummte:
»Sie werden noch die Kirchen zu Staub machen. Wie sollte es auch anders sein? Das Volk ist nicht aus Eisen.«
Im Sommer sprach man davon, daß über die russischen Meere ein russisches Schiff fahre und aus Kanonen auf die Städte schieße. Tichon sagte:
»Ja, wie sollte es anders sein? Man hat sich an den Krieg gewöhnt.«
Man zog wieder mit Heiligenbildern durch die Stadt. Woroponow, in einem fuchsroten Rock, trug das Porträt des Zaren und betete: »Herr, errette deine Knechte–e–e!«
Diesmal schrie er noch lauter und sogar zorniger, und doch klang in seinem –e–e! ein besorgter Hilferuf.
Der betrunkene Shitejkin ging ohne Mütze, mit glänzender, blauroter Glatze, ein zweiläufiges Gewehr in den Händen, an der Spitze seiner Lederarbeiter und brüllte und randalierte wie toll.
»Kinder! Wir werden doch Rußland nicht den Juden ausliefern! Wem gehört Rußland? Uns!«
»Uns gehört es«, schrien ebenfalls die nicht ganz nüchternen Lederarbeiter und fingen bei der Begegnung mit ihren Feinden, den Webern, Raufhändel an. Sie schlugen den Arzt Jakowlew mit einem Stock und warfen den alten Apotheker in die Oka. Shitejkin verfolgte lange dessen Sohn in der Stadt, verschoß zweimal seine Gewehrladung in der Richtung seiner Spur, traf ihn aber nicht, sondern verwundete nur mit Schrot den Rücken des Schneiders Bruskow.
Das Werk stellte die Arbeit ein, die Jugend stürzte mit aufgekrempelten Hemdärmeln in die Stadt, ohne auf das Zureden Mirons und anderer vernünftiger Menschen zu hören und ohne das Schreien und Weinen der Frauen zu beachten.
Das Werk stand leer und seelenlos da und schien in dem Wind zusammenzuschrumpfen, der sich ebenfalls empörte, heulte und pfiff, mit eisigem Regen netzte und auf den Schornstein klebrigen Schnee türmte, den er später wieder wegblies und wegwusch.
Pjotr Artamonow saß am Fenster und sah stumpf zu, wie aus der Stadt und in die Stadt kleine, dunkle Männer- und Frauengestalten wie Ameisen liefen. Man hörte durch die Fensterscheiben schreien, und die Menschen schienen fröhlich zu sein. Am Tor kreischte die Harmonika, und der lahme Heizer Waska Krotow sang in einem Arbeiterhaufen:
»Die Erde ist für uns zu klein,
Drum raufen wir mit den Japanern!
Sie schlagen uns den Schädel ein,
Wir kämpfen mit heiligen Bannern!«
Der Wind trug ein Brummen aus der Stadt herüber, als kochte dort ein ungeheurer, mit einem ganzen See gefüllter Samowar. Alexejs Fuhrwerk erschien auf dem Hof, auf dem Wagenbock saß der einäugige Bader Morosow; Olga, in einen Schal gewickelt, sprang heraus, Artamonow erschrak, er vergaß die schmerzenden Beine, erhob sich eilig und ging ihr entgegen.
»Was ist geschehen?«
Sie schüttelte sich wie ein Huhn und sagte:
»Die Lederarbeiter haben bei uns die Fenster eingeschlagen...«
Artamonow ließ sie vorangehen und brummte schmunzelnd:
»Nun, da habt ihr's... Das kommt von dem Geschwätz! Man hat mich angeschrien... jetzt steht es so! Nein, der Zar...«
Und plötzlich vernahm er von Olga eine ungewöhnlich laute, zornige Antwort:
»Laß das! Dein Zar ist kein ehrenwerter Mensch!«
»Was verstehst du vom Zaren?« sagte er, verlegen nach seinem Ohr greifend.
Ihn überraschte der Zorn der stets stillen und niemand verurteilenden kleinen alten Frau mit der Brille; in ihren Worten klang etwas verblüffend Aufrichtiges, wenn auch Überflüssiges und Klägliches, wie das Piepen einer Maus, der ein Ochs, ohne es zu sehen und zu wollen, auf den Schwanz getreten hat.
Er hatte Olga lange Zeit, schon seit einigen Wochen, nicht gesehen; er vermied es, ihrem Sohn zu begegnen, mit dem er sich verzankt hatte. Noch Ende des Sommers, als Pjotr Artamonow mit geschwollenen Füßen zu Bett lag, war bei ihm feierlich der in Schweiß gebadete Woroponow erschienen und hatte ihm, mit den schweren, blauen Lippen schmatzend, vorgeschlagen, ein Telegramm an den Zaren zu unterschreiben, – eine Bitte, der Zar sollte seine Macht niemandem abtreten. Artamonow war durch das freche Vorhaben des Bürgermeisters sehr erstaunt, er unterschrieb jedoch das Papier, da er überzeugt war, daß es Alexej und Miron unangenehm sein würde, und daß Woroponow überdies aus Petersburg einen entsprechenden Verweis erhalten würde: »Steck' deine Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen, großmäuliger Dummkopf, überhebe dich nicht zu sehr!«
Woroponow steckte das Papier in die Rocktasche, knöpfte sich sorgfältig zu und begann über Alexej, Miron, den Arzt und über alle diejenigen zu klagen, die, von den Juden aufgehetzt, sich teils blindlings, teils aus Eigennutz gegen den Zaren wandten; Pjotr Artamonow hörte seine Klagen fast mit Vergnügen an und stimmte ihm zu, und nur, als Woroponows blaue Lippen boshaft von Wera Popowa zu sprechen begannen, sagte er streng:
»Wera Nikolajewna hat damit nichts zu tun.«
»Wieso hätte sie denn damit nichts zu tun? Uns ist bekannt...«
»Dir ist nichts bekannt...«
»Ihr werdet so lange herumspielen, bis das Unglück da ist«, sagte der Bürgermeister und ging.
Des Abends aber fielen der Neffe und die Tochter wie Hunde über Artamonow her, sie stürzten sich auf ihn und bellten, ohne sein Alter zu schonen.
»Was tun Sie, Papa?« schrie Tatjana, und in ihrem häßlichen Gesicht bewegten sich die Augen einer Wahnsinnigen. Jakow stand am Fenster und trommelte mit den Fingern an den Scheiben; es schien Artamonow, als wäre auch der Sohn gegen ihn; Miron aber fragte giftig:
»Haben Sie gelesen, was in diesem Telegramm geschrieben stand?«
»Ich habe es nicht gelesen!« sagte Artamonow. »Ich habe es nicht gelesen, ich weiß es aber: es steht darin, daß man junge Hunde an der Leine halten soll!«
Es war ihm angenehm zu sehen, wie böse Miron und Tatjana wurden, Jakows Schweigen verwirrte ihn jedoch, er glaubte an die Geschäftstüchtigkeit seines Sohnes und erriet, daß er gegen seine Interessen gehandelt hatte; seine Eitelkeit erlaubte ihm aber nicht, Jakow in diesen Streit zu verwickeln und ihn zu fragen, wie er darüber dachte. Er lag da, gab bissige Antworten und knurrte, während Miron ihm, mit der Nase wackelnd, einschärfte:
»Begreifen Sie doch: der Zar ist von einer Spitzbubenbande umringt, die durch ehrliche Menschen ersetzt werden müßte...«
Artamonow wußte, daß Miron danach strebte, zu diesen ehrlichen Menschen zu gehören, und daß sein Vater sich in Moskau darum bemühte, man sollte Miron dort als Kandidaten für die Zarenduma vorschlagen. Es war lächerlich und gefährlich, sich den storchähnlichen Neffen in der Nähe des Zaren vorzustellen. Plötzlich lief Alexej zerzaust und mit aufgeknöpften Kleidern herein, hüpfte herum und schnatterte:
»Was machst du denn, du verrückter Mensch?«
Er schrie ihn wie einen Angestellten an.
»Zum Teufel«, brüllte Artamonow. »Ihr wollt mich, Pjotr belehren? Schert euch alle zum Teufel! Hinaus!«